18. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Das Eine zugleich für das Andere halten zu können, ist eine besondere Fähigkeit von postmodernen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern.

Das Eine als das Eine zu erkennen und nicht für das Andere zu halten, ist wichtig. Nehmen wir das Beispiel der eigenen Profession. Die Profession Soziale Arbeit gilt es zu unterscheiden von Psychologie, Kriminalistik oder Juristerei. Ihre Funktion, ihre Möglichkeiten, ihre Grenzen kann sie allerdings nicht aus sich selbst heraus erzeugen.  Sie gewinnt ihre Identität und Anschlussfähigkeit erst im Kontakt, in der Unterscheidung und im gleichzeitigen Verweis auf ihre Adressatengruppen, benachbarte Professionen, soziale Systeme und ihre gesellschaftliche Umwelt. Soziale Arbeit erhält ihre Einheit aus Unterscheidungen. Wenn wir diese Einsicht auf ihren Kern herunterbrechen, könnten wir sagen: Alles gewinnt seine Einheit aus der Anwesenheit einer Zweiheit.  Denn das Eine, das mit sich selbst Identische, ist immer auch mit dem Anderen verbunden, von dem es unterschieden wird, indem es sich auf das Andere bezieht.

Was aber ist das, der, die Andere? Das Andere hat unendlich viele Facetten und Formen. Es können andere, uns bis jetzt eben noch unbekannte Formen der Wahrnehmung, der Beschreibung, der Erklärung oder der Bewertung sein. Das Andere kann auch genau das sein, was durch das Eine von Beobachtungen ausgeschlossen, geradezu gelöscht wird. Können Probleme zugleich Lösungen sein? Können Defizite zugleich Stärken sein? Können schlechte Verhaltensweisen gute Absichten haben? Können Nutzer/innen zugleich Expert/innen sein? Alle diese Fragen beantworten wir als postmoderne Ermöglichungsprofession mit „Ja“ und behaupten, dass diese Deutungskompetenz eine besondere Fähigkeit heutiger erfolgreicher Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sein könnte.

Das Andere kann also schlicht eine andere Beschreibung sein. Die Soziale Arbeit der heutigen Gesellschaft etwa kann auf sehr unterschiedliche Weise beschrieben werden, z. B. als Hilfe oder Kontrolle. Soziale Arbeit agiert bekanntlich stets zwischen Hilfe zur Lebensführung und Kontrolle der Lebensführung ihrer Nutzerinnen und Nutzer. Wenn wir das vertiefter durchdenken, wird dieser scheinbare Gegensatz besser verständlich. Würden wir in unserer beruflichen Praxis einseitig nur helfen, ohne zu kontrollieren, würden wir unsere Mittel womöglich für schlechte Zielsetzungen einsetzen. Würden wir in unserer beruflichen Praxis einseitig nur kontrollieren, ohne zu helfen, würden wir unsere Mittel womöglich eher zurückhalten. Die Kontrolle kann dennoch eine Hilfe sein, wie auch die Hilfe zugleich kontrollierend sein kann. Denn geholfen werden kann nur denen, die sich von uns Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern auch helfen lassen wollen.

Was aber heißt eigentlich: von uns? Vielleicht sollten wir dazu vorher folgende Fragen diskutieren: Wer sind wir, und wer sind wir nicht? Jede Antwort, die eindeutig sein soll, unterdrückt zugleich jedoch anders mögliche Antworten. Daher lautet unsere postmoderne Antwort: Wir sind weder nur das Eine noch das Andere.

Genau so entstehen Deutungsspielräume, Handlungsmöglichkeiten und neue Existenzformen, sprich Vielfalt. Für diese Vielfalt aber kann dauerhaft nur eintreten, wer sie zum festen Bestandteil der eigenen dabei flüssig bleibenden beruflichen-persönlichen Identität gemacht hat.

 

3 Gedanken zu “18. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

  1. Als Sachwalterin in Österreich (bei keinem Sachwalterverein tätig) werde ich in meinem persönlichen Umfeld oft gefragt, was genau meine Aufgaben sind. Und gerade mit dieser Frage beginnt mein Dilemma einer nachvollziehbaren und für Laien verständlichen Erklärung, weil meine Arbeit als Sachwalterin – (un)abhängig vom Gerichtsbeschluss – so vielfältig und so breit gefächert ist, dass es mir mit wenigen Sätzen meist nicht gelingt, das gesamte Spektrum meiner Arbeit nachvollziehbar zu erklären. Meine Aufgaben umfassen alle rechtlichen und sozialrechtlichen Sparten, medizinische Angelegenheiten, finanzielle und vermögensrechtliche Belange, Schuldenregulierung und vor allem auch die persönliche Betreuung und Förderung meiner Klient/innen. Daher ist auch die Berufsbezeichnung als Sachwalterin schlecht gewählt, denn ich verwalte keine Sachen, sondern sehe mich vielmehr als Lebensmanagerin meiner Klient/innen. Die jeweilige persönliche Situation meiner Klient/innen definiert meine Aufgaben, jedoch immer mit Ziel, mich mit der Zeit unentbehrlich zu machen. Dabei scheue ich auch nicht davor zurück, unkonventionelle Wege zu beschreiten, wenn es erforderlich ist. Meine Aufgaben als Sachwalterin konfrontieren mich natürlich immer auch mit Jurist/innen oder Mediziner/innen, wenn es um wichtige Entscheidungen für meine Klient/innen geht. Dann verweise ich zuerst auf meine Profession als Sozialarbeiterin, bringe dann aber meine Kenntnisse und Erfahrungen ins Spiel (das Eine und das Andere) und erfahre meist, von den anderen Professionen sehr ernst genommen zu werden. Und genau das macht meine Handlungsmöglichkeiten in der Sozialarbeit aus. Die Vielfalt meines Berufes hat meine beruflich – persönliche Indentität letztendlich geformt.

  2. Eine Postmoderne Soziale Arbeit zeichnet sich ab. In der Zeitschrift „Karriere“
    vom Deutschen Handelsblatt 2/2017 unter Great Place To Work, Deutschlands Beste Arbeitgeber 2017, findet sich bei 501 bis 2.000 Mitarbeiter, auf Platz 21 der Caritasverband Olpe als einziges Sozialunternehmen. Aber immerhin, ein Anfang ist gemacht. Herzlichen Glückwunsch!

  3. „Dabei scheue ich auch nicht davor zurück, unkonventionelle Wege zu beschreiten, wenn es erforderlich ist“

    Liebe Frau Bieringer,

    das klingt interessant. Hätten Sie kurz Zeit einen solchen Weg zu schildern oder lässt sich das aufgrund der Komplexität nicht machen (was ich verstände)?

    Dank. Viele Grüße!

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