21. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Das Leben wird leichter, wenn wir dessen Komplexität akzeptieren.

Wer aber will das beurteilen, ob es leichter wird? Sicher, die letzte Instanz für die stets subjektiv und sozial geprägte Bewertung einer gelingenden Lebensführung sind die Nutzerinnen und Nutzer selbst. Insofern wir nicht durch einen Schutzauftrag legitimiert handeln sollen, entscheiden diese in allen Hinsichten selbst über die Kriterien eines für sie lebenswerten Lebens. Lebensführung in der heutigen Gesellschaft dürfte allerdings mehr gelingen, wenn sie durch Bildung und Erziehung befördert wird. Dann erst können sich vielerlei Einsichten ergeben, wie sie durch bereits mehr oder weniger weit in den Alltag eingesickerte Theorien angeliefert werden. Für systemische Theorie trifft das allerdings so noch nicht zu.

Dieser Leitsatz weist ergänzend darauf hin, dass wir es – ob wir wollen oder nicht – sehr häufig mit dem Phänomen der Komplexität zu tun haben. Das wird empirisch dann wahrnehmbar, wenn wir nicht wissen oder nicht wissen können, wie Themen, Personen, Orte und Zeiten miteinander zusammenhängen. Und das passiert viel häufiger als wir es bemerken. Wir schalten dann die uns vertrauten Instrumente ein, um dieses Nicht-Überblicken, Nicht-Wissen, Nicht-Erinnern und Nicht-Nachvollziehen zu reduzieren. Wegsehen, Ausblenden, Ignorieren, Aushalten und all die gewohnten Zuschreibungen des Erlebens und Handelns sind hierfür unverzichtbar. Immerhin bewältigen wir so ja unser tägliches Leben. Und es ist gerade die Funktion des Alltags, die vielen Möglichkeiten, auch anders handeln zu können, soweit es geht zu ignorieren, um überhaupt handeln zu können.

Es geht hier nicht um Anpassung oder Widerstand, sondern vielmehr um die Frage, inwieweit wir Vertrautes und Neues in unser Leben hineinlassen, und wie wir beides arrangieren. Für jede Lebensführung gilt, dass sie an ihre Grenzen stößt, wenn sie mit Komplexität nicht sinnvoll umgehen gelernt hat. Der andauernde Rückzug in das heimelige Selbst, aber auch die bloße Überflutung mit Neuem und Unbekannten sind hier Pole in einem facettenreichen Raum an Möglichkeiten zu handeln und zu erleben. Auch die immer enger werdende Fokussierung der eigenen Aufmerksamkeit auf spezielle Themen in einem Meer an Themen und daran ankoppelnde, sich laufend wiederholende Verhaltensweisen sind oft ein Anzeichen für einen problematisch werdenden Umgang mit Komplexität.

Im praktischen Sinne bedeutet Komplexität für uns zu akzeptieren, dass wir Nichtwissen, Widersprüche, Paradoxien und Überraschungen akzeptieren als etwas, das zum postmodernen Leben in Vielfalt und Unterschiedlichkeit dazu gehört. Diese auf das eigene Handeln bezogene Erkenntnis ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite der Medaille ist das auf das eigene Erleben der Anderen bezogene Zugeständnis, dass diese ebenfalls mit Komplexität umgehen und hierfür jeweils ganz unterschiedliche Verhaltensmuster ausprobieren und erlernen.

Unsere Antwort darauf lautet, gemeinsam viel intensiver als bisher darauf zu achten, wie wir in Situationen der Unübersichtlichkeit, des Nichtwahrnehmens, des Nichtwissens und des Nichtverstehens miteinander umgehen. Dazu gehört – trotz Nichtwissen -, den Respekt voreinander zu bewahren sowie gemeinsam und achtsam den Raum an Möglichkeiten (wieder) aufzuschließen und zu erkunden. Es bedeutet schließlich, die alle und alles verbindende Brücke der Kommunikation, den Dialog, erst recht aufrechtzuerhalten, wenn uns die Worte und Mittel zu reagieren zu schwinden beginnen.

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