29. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Willst du dich von neuem sehen, brauchst du nur fünf Schritte gehen.

Für die Soziale Arbeit sollte elementar sein, dass wir uns als Fachkräfte auf die Gegebenheiten und Möglichkeiten vorbereiten, mit denen wir im professionellen Alltag konfrontiert werden könnten. Das dafür wertvollste und weitreichendste Instrument ist das absichtsvolle und zweckgebundene Unterscheiden.

Jede Unterscheidung kann einen Unterschied machen, der einen Unterschied macht, kann also Neues – Erkenntnisse („Kopf“), Emotionen („Herz“) und Handlungen („Hand“) – herausfordern und kreieren helfen. Das Unterscheiden ist daher kein Selbstzweck. Beraterisch gute Unterscheidungen zerlegen die negativ erlebte Wirklichkeit in verschiedene Seiten, Aspekte und Perspektiven und setzen sie auf positiv erfahrene Weise neu zusammen.

Wir können diese Unterscheidungen aus mindestens fünf Perspektiven entwickeln. Zwei Perspektiven stellen sich durch die Unterscheidung von Identität/Differenz (hier Fachkraft/Nutzer/in) her. Wiederum zwei Perspektiven produzieren die Anwendung der Unterscheidung von Wirklichkeit/Möglichkeit. Zum Abschluss stellen wir uns in eine systemexterne Position. In jede Perspektive drängt – wie üblich in der professionellen Sozialen Arbeit – eine weitere Unterscheidung hinein: die von Rolle und Person.

Die fünf Beobachtungsperspektiven sollten wir stets aufs Neue einüben – gerade im Hinblick auf Krisen und Konflikte. Theoretisch lässt sich so jede beraterische Situation vorbereiten und zumindest stets vorstrukturieren, weil unser Wahrnehmen praktische Auswirkungen hat (wenn auch nicht von vornherein klar ist, welche).

1. Perspektive: Die Fachkraft schaut auf sich selbst als Person in ihrer gegenwärtigen Rolle: Wer bin ich in meiner Rolle als Sozialarbeiter/in?

Was macht mich in dieser Rolle aus? Wer und was hat mich mit den Kompetenzen ausgestattet, um diese Rolle in passender Weise auszufüllen? Was tue ich besonders gern und was eher nicht? Was fasziniert mich an meiner Arbeit am meisten? Welches Verhalten verunsichert oder ängstigt mich? Über welche persönlichen Stärken und Ressourcen verfüge ich, die mir bei der Ausgestaltung meiner Rolle nützlich sind? Was sind – bezogen auf meinen Job – meine größten Schwächen und blinden Flecken? Wer oder was könnte mir helfen, diese Schwächen auszugleichen und die blinden Flecken sichtbar zu machen?

2. Perspektive:  Die Fachkraft schaut auf sich selbst als Person in ihrer hier relevanten professionellen Rolle: Wer möchte ich in dieser Rolle sein?

Wenn ich eines Morgens aufwache und die/der geworden bin, die/der ich in meiner Rolle immer schon sein wollte, wer bin ich dann geworden? Was hat sich dann verändert, im Denken, Fühlen und Handeln? Woran merken die anderen, die Nutzer/innen meiner Arbeit und meine Kollegen diese Veränderung(en)?

Wenn ich an bestimmte Wünsche meiner Entwicklung denke, wie sehe ich in diesen Entwürfen aus, welche Stimmen höre ich, welche Gerüche verbinde ich damit und wie schmeckt das Leben? Welche Gefühle gehen damit einher? Wie inszeniere ich mich? Welchen Eindruck sollen die Menschen bekommen? Wofür sollten sie mich loben und anerkennen? Was dürfen sie nicht tun, um es sich für die Zukunft nicht mit mir zu verderben? Welche Ziele habe ich mir gesteckt und sind es wirklich die meinigen? Wenn ich dann mein Leben gelebt habe, auf was möchte ich zurückschauen?

3. Perspektive: Die Fachkraft schlüpft in die Position ihrer Nutzer/in und schaut aus deren Perspektive auf sich als professionelle/r Sozialarbeiter/in, also auf die aktuell relevanten Rollen(aspekte): Wer sind Sie?

Woran kann ich Sie als mein/e Helfer/in und mein/e Förderer/in erkennen? Kann ich Ihnen vertrauen? Wie werden Sie sich verhalten, wenn es mir nicht gut geht, ich wie häufig in der Krise stecke? Was wird mit mir passieren, wenn ich Sie offen kritisiere oder, weil mir ja gerade dieser riesige Mut fehlt, gegen Sie intrigiere oder Sie kränke oder anders klein mache? Wie kann ich mir helfen lassen von Leuten wie Ihnen, die, Hand aufs Herz, nie so tief gefallen sind und offenkundig gut zuhören, aber dennoch nicht verstehen, was so ein Leben als Nutzer/in Sozialer Arbeit bedeutet?

4. Perspektive: Die Fachkraft bleibt in der Position ihrer Nutzer/in und schaut aus deren Perspektive auf sich als professionelle/r Sozialarbeiter/in, und zwar auf besonders wünschbare Rollen(aspekte): Wer möchten Sie sein?

Welches Sprachspiel würden Sie am liebsten betreiben: Helfer/in, Kumpel/ine, Lehrer/in, Verwalter/in, Elternteil, Richter/in, Kämpfer/in, Vollstrecker/in, Therapeut/in oder gar heroische/er Held/in des Alltags? Wenn ich Ihnen vertraue und Sie in mein Leben lasse, wie werden Sie damit umgehen? Werden Sie meine Abhängigkeit von Ihnen und Ihrer Unterstützung ausnutzen? Welche Vorstellungen vom glücklichen Leben und von der zukünftigen Gesellschaft bringen Sie ein? Und wenn ich ganz andere habe, was macht das mit Ihnen? Wie wollen Sie Ihre Visionen erreichen? Wie sähe das praktisch für mich/uns aus, wenn wir diesen Visionen schrittweise näherkommen? Was wird mit mir und mit uns passieren, wenn Sie schneller als Sie gedacht haben die Grenzen Ihres Wirkens erreichen und Sie sich Ihre eigene Ohnmacht eingestehen müssten, weil ich mich nicht so ändern will, wie Sie es vielleicht gerne wollen?

5. Perspektive: Die Fachkraft schaut – allparteilich – von außen auf das Interaktionssystem von Sozialarbeiter/in und Nutzer/in: Der professionelle Blick aufs „Ganze“.

Was ist das Problem für wen? Welche Aufträge wurden erklärt oder sind stellvertretend wahrzunehmen? Welche Ambivalenzen gehen damit einher und sind produktiv offen zu legen? Wie laufen die Kommunikationen und Interaktionen ab? Welche Regeln, Werte und Rollen werden sichtbar? Wie werden Beziehungsqualitäten reguliert? Wie werden Nähe und Distanz gehandhabt und sind diese veränderbar? Wie beschreiben sich die Personen und das soziale System? Was ist zu tun und was hat Vorrang/Nachrang? Welche biologischen, psychischen, sozialen und örtlichen/räumlichen Ressourcen werden deutlich? Welche gemeinsamen Perspektiven und Ziele lassen sich unter den Beteiligten finden und verbindlich machen? Woran erkennt wer, dass sich die Anstrengungen lohnen und gelohnt haben? Wie haben sich konkrete Verhalten und Verhältnisse gewandelt? Wenn wir die Organisation und Durchführung der Hilfe/n und sämtliche damit verbundenen Interaktionen im Rückblick Revue passieren lassen, was ist für die Zukunft als wertvoll, bereichernd und wichtig mitzunehmen und fachlich weiterzutragen?

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Probieren Sie es aus und werten Sie Ihre Erfahrungen gemeinsam aus: So erst wird die theoretische Unterscheidung von Theorie und Praxis auch praktisch hilfreich. Mit anderen Worten: Unterscheidungen wie diese erlauben die Unterscheidung von weniger und mehr komplexitätsgerechter Praxis Sozialer Arbeit.

2 Gedanken zu “29. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

  1. Sehr geehrter Herr Kleve,

    ein, in meinen Augen, sehr praktischer und aufgrund der vielen konkreten Fragen auch leicht ausprobierbarer Leitsatz in Form eines Schüttelreims, was „neue“ Selbsterfahrung (= sich selbst unterscheidbarer und damit flexibler wahr zu nehmen) spielerisch vermittelt. Das gefällt mir.

    Dazu fällt mir ein:
    Die fünf Perspektiven zur Selbsterfahrung könnten in einer Gruppe hilfreich mit entsprechenden Repräsentanten aufgestellt und entsprechend der Beobachtungen zu Kopf, Herz und Hand abgefragt werden. Oder auch als Einzelarbeit bzw. im Einzelcoaching mit entsprechenden Bodenankern erfolgen.

  2. Verdammt viel Arbeit, unter der die Ideen sprudeln dürften … ;
    was ja durchaus gewollt und auch schon gang und gäbe ist.
    Und was nun, im Sinne von …
    Wer nun sorgt für den Cut?

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