30. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Postmodern zu arbeiten bedeutet: renitent zu bleiben gegenüber vereinfachenden Komplexitätsreduktionen.

Postmodern zu handeln bedeutet, Widersprüche anzuerkennen, Vielfalt zu achten und den Dialog zu pflegen. Renitenz, also eine Form von Widerspenstigkeit empfiehlt sich insbesondere gegenüber Vereinfachungen, Steuerungsansprüchen, Vereinseitigungen und Kategorisierungen.

  • Vereinfachung (Trivialisierung) bezeichnet die Vorstellung im Umgang mit psychischen und sozialen Systemen, dass die Umformung von Input in Output durch eine starre Regel im System vorgegeben und insofern vorhersagbar sei, wie im Beispiel einfacher Reiz-Reaktions-Ketten. Psychische und soziale Systeme lassen sich aber nicht als „Trivialmaschinen“ (Heinz von Foerster) beschreiben und erklären. Ihre Reaktionen auf Anregungen aus der Umwelt werden im internen Selbstbezug realisiert, das heißt: sie befragen sich selbst, was von einem Input zu halten ist, und können auf den gleichen Input das eine Mal so, das andere Mal anders reagieren.
  • Postmodernes Arbeiten steht Steuerungsansprüchen und Interventionsabsichten hinsichtlich selbstbezüglich agierender Systeme wie Psychen und Sozialsysteme (etwa Teams und Organisationen) grundsätzlich skeptisch gegenüber. Je komplexer ein System ist, je mehr Zustände es also selbstbestimmt annehmen oder auch ablehnen kann, desto unwahrscheinlicher wird die Möglichkeit, dieses System von außen zielgerichtet zu steuern.
  • Zwischen Gesellschaft und Individuum zu vermitteln, das bleibt zentraler Fokus der Sozialen Arbeit, so dass weder die einseitige Parteilichkeit mit dem Individuum noch die einseitige Position auf Seiten gesellschaftlicher Systeme wie Politik oder Recht angemessen ist. Übersolidarisierung oder Überanpassung sind jeweils vereinseitigende Verhaltenstendenzen, die diese Vermittlerfunktion schwächen oder sogar außer Kraft setzen können. Renitenz bedeutet auf der Seite der Gesellschaft konstruktiven Protest aufzubauen, wie bei allen (etwa staatlichen) Versuchen, die Individualität des Einzelnen, seine Rechte wie Pflichten zu negieren. Auf der Seite des Individuums kann Renitenz heißen, kritische Distanz zu halten gegenüber allen Formen destruktiver Lebensführung hinsichtlich der eigenen Person und bezogen auf andere Personen.
  • Kategorisierungen, wie Klassifizierungen, Stereotype und Vorurteile sind zentrale Bedingungen für destruktive Spaltungen in der Gesellschaft, für Exklusionsvorgänge und Prozesse der Diskriminierung und Isolation. So sehr etwa die sozialpädagogische/-arbeiterische Analyse auf unverzichtbaren Unterscheidungen aufbaut, so sehr muss sie die soziale Wirkung dieser Unterscheidungen mitberücksichtigen und spaltende Unterscheidungen, etwa stigmatisierende Diagnosen und pathologisierende Zuschreibungen aufzulösen helfen.

Es lassen sich weitere Anlässe für kritische Renitenz und Widerstand finden. Viele sind Ableitungen der oben genannten Feststellungen. Mit diesem Leitsatz im Rücken wird es für uns vielleicht einfacher, Renitenz zu zeigen gegenüber Strategien im Denken, Fühlen und Handeln, die keinen Platz lassen für Alternativen. Dem stellen wir die Demut vor dem Unbekannten und Unentschiedenen gegenüber.

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