31. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Die Grenzen unserer Begriffe sind die Grenzen unseres Begreifens.

Im Tractatus logico-philosophicus schreibt Ludwig Wittgenstein: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Die Welt sei das Universum, und die Sprache sei die Art und Weise, das Instrument, wie dieses Welt-Universum mittels begrifflichen Unterscheidungen erzeugt wird.

Für uns steckt hier die Einsicht, dass wir die Welt nur beschreiben, erklären und bewerten können mit Hilfe von Begriffen. Wovon wir keinen Begriff haben, darüber können wir nicht sprechen. Erst die Sprache befähigt uns zu verbaler Interaktion. Mit ihr organisieren wir unser gemeinsames Handeln. Wir beeinflussen mit ihr unser Verhalten, sind in der Lage, unsere eigenen Haltungen und Absichten im Hinblick auf mögliche Folgen zu überdenken. Unsere Teilhabe an der sozialen Geschichte (etwa in der Familie und der Organisation) stattet uns mit einer Sprache als Werkzeug aus, mit der wir unsere jeweilige Welt überhaupt erst konstruieren können. Die benutzte Sprache steckt den Rahmen ab für das, was gedacht, besprochen und geplant werden kann.

Mit diesen Einsichten ausgestattet lässt sich in unserem Team produktiv fragen: Wie machen wir das hier derzeit im Team oder im gesamten Träger? Welche Welt ist es, die wir konstruieren? Mit welchen Unterscheidungen, Kategorien und Begriffen arbeiten wir? Was für Leute gibt es in dieser Welt? Welche Eigenschaften, Absichten, Motivationen, Verantwortungen rechnen wir ihnen zu? Wie ziehen wir Grenzlinien in unseren Arbeitszusammenhängen?

Unsere dabei zutage tretenden Konstruktionen über unsere geteilte Wirklichkeit entfalten ihre größte Bedeutsamkeit erst, wenn wir sie in unseren Beziehungen zu anderen benutzen. Diese Konstruktionen sind auf gemeinsame Begriffe angewiesen. Daher können wir sagen: Die Grenzen unserer Begriffe sind die Grenzen unseres Begreifens. Die Grenzen des Sagbaren markieren die Grenzen dessen, was im System (Team, Hilfesystem) konstruiert und zugerechnet werden kann.

Wittgenstein hat Abstand von dem Versuch genommen, mit Hilfe der Sprache eine gegebene Wirklichkeit eindeutig beschreiben zu können und stattdessen die Bedeutung des Sprachspiels betont. Im Sprachspiel sind Sprache und Tätigkeit miteinander verflochten. Sprachspiele verweisen darauf, dass sich Sprache nicht isoliert von den Tätigkeiten und Handlungen verstehen lässt, auf die sie sich bezieht und mit ihnen entsteht.

Hiernach ginge es uns nicht nur um das passende Verwenden von Sprache, sondern um das Verstehen der Tätigkeiten und Handlungen, auf die sich die Sprache bezieht. Innerhalb dieses Rahmens aufeinander bezogener Tätigkeiten und Handlungen lassen sich beschreibbaren Tatsachen verschiedene Deutungen geben. Jedes Sprachspiel etabliert jedoch einen eigenen Bezugsrahmen, der sich nicht auf ein anderes Sprachspiel übertragen lässt.

Diese Thesen bringen für uns Fachkräfte zwei Instrumente hervor, die Wirklichkeit zu interpretieren:

(1) Wirklichkeit zu interpretieren bedeutet einerseits, dass jemand etwas in bestimmter Weise sieht – und ein anderer eben anders.

Zum Beispiel: Das Kind wird in Obhut genommen, um die Mutter oder den Vater und das Kind zu schützen. Die Eltern sehen denselben Vorgang nicht als hilfreichen Schutz, sondern als unberechtigten Eingriff in ihre Rechte als Eltern. Hier gibt es zwar unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten, aber das professionelle Sprachspiel bleibt ein – wenn auch pädagogisch begründetes – Eingreifen.

2) Wirklichkeit zu interpretieren bedeutet schließlich andererseits, verschiedene Bezugssysteme anzuerkennen, die sich nicht aufeinander reduzieren lassen.

Das Sprachspiel der Profession ist ein anderes als das Sprachspiel der Lebenswelt (etwa der oben erwähnten Eltern). Die Kenntnisnahme dieses Unterschiedes und die damit entstehende Vielfalt an Sprachspielen wie auch Bezugsrahmen ist uns eine wichtige Grundlage für postmodernes Arbeiten. Die Erwartungen sind jeweils andere, die Probleme sind jeweils andere und die Lösungen sind jeweils andere. Das professionelle Helfen orientiert sich bestenfalls an ethisch wertvollen Aufträge, konstruktiven Dialogen und lösungsorientierter Kooperation.

Die Grenzen des Sprachspiels des Helfens markieren insofern nicht die Grenzen unserer Welt, denn als professionelle Fachkräfte müssen wir verschiedene Sprachspiele spielen können. Aber sie grenzen den Raum dessen ein, womit andere zu rechnen haben, wenn sie unserer Hilfe bedürfen.

 

14 Gedanken zu “31. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

  1. gut zusammengefasster artikel, interessant die begriffe des „sprachspiels“ die die unterschiedlichkeiten und deutungsmöglichkeiten der wirklichkeiten der verschiedenen lebenswelten darstellen sollen, hier wird es aber etwas dürftig, was umsetzung der handhabung dieser sprachspiele angeht. wenn es heißt“ wir professionellen müssen verschiedene sprachspiele spielen können…“ hier wird der unbedingt notwendige schritt „unterschlagen“, wie zum beispiel : in die lebenswelt von menschen „einzutauchen“ zu versuchen, um sie und ihr handeln zu verstehen oder richtig zu deuten…, daß das nur mit beziehungsarbeit geht und großes maß an einfühlungsvermögen benötigt und und und…

  2. Ich lese Ihre einzelnen Abschnitte immer mit großer Begeisterung und würde am liebsten immer „ja, genau, ja genau“ rufen. Als Leitung bin ich allerdings mit Menschen mit Ausbildungsberufen konfrontiert, die über eine solche Art des Denkens und Reflektierens noch nie gehört haben. Dies zu implementieren ist wirklich nicht so einfach – aber nicht unmöglich. 🙂

  3. Liebe Frau Backes, ganz vielen Dank für Ihre Rückmeldungen, die mich sehr freuen. Ja, wir haben den Anspruch, systemisches/postmodernes Wissen praxisanregend zu servieren, und zwar so, dass das (vielleicht sogar neues) Denken, Fühlen und Handeln angestossen werden. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die Implementierung des Neuen in der Praxis hoch voraussetzungsvoll ist. Daher wünsche ich Ihnen sehr viel Erfolg dabei.

  4. „Menschen mit Ausbildungsberufen konfrontiert, die über eine solche Art des Denkens und Reflektierens noch nie gehört haben“

    Um so wichtiger! Wie ginge es etwa so:

    Erläuterung: Ein Sprachspiel ist eine sprachliche Interaktion mit bestimmten Regeln. Die Bedeutungen der hierbei verwendeten Worte verweisen eben nicht auf eine objektive Wirklichkeit ( die erkennbar wäre), sondern auf ihren Gebrauch innerhalb zugelassener grammatischer Regeln (der nützlich ist).

    Fragen: Beherrschen die Leute überhaupt verschiedene Sprachspiele und wenn ja welche?

    Nur einige oder viele von der Art :(: Befehlen, Fürsorgen, Eingreifen, Richten, Aushandeln, Beschönigen, Anklagen, Beschämen, Erziehen, Belehren, Eingreifen, Ermitteln, Aufdecken, Kolportieren, Nachtrauern….?

    Nur einige oder viele von der Art :): Zuwenden, Fürsorgen, Würdigen, Lindern, Unterstützen, Begleiten, Stärken, Lieben, Teilen, Schenken,Lernen, Heilen, Kooperieren, Lösen…?

    BG JVW

  5. Vielleicht wäre es an der Zeit, Künstler in die systemische soziale Arbeit zu integrieren. Die können unter Umständen Befindlichkeiten vermitteln oder deren Ausdruck lehren, für die es keine Worte gibt.
    „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ ist ein furchtbarer, unwahrer Satz, es sei denn, Wittgenstein bezog ihn nur auf sich selbst. Er schrieb ja: „meiner Welt.“

  6. @3 ja genau; meine Erfahrung: die Heranführung an diese Art des Draufschauens (auf das eigene Handeln, die eigenen Werte und Muster) ist langwierig und bedarf des Übens, Übens, Übens. Interessanterweise (oder logischerweise) finden meine Mitarbeiter es spannend, wenn wir dazu Klausuren, Teamtage ect. anbieten. Ihre Neugier ist auf jeden Fall bereits geweckt, auch wenn die Umsetzung noch schwer fällt.

  7. Noch ein Nachtrag: wenn bereits der „Heilerziehungspfleger“ als Berufsbezeichnung so benannt wird, dann liegen Begriffe wie erziehen, belehren, eingreifen sehr nahe. Da störe ich mich seit Jahren und finde, es braucht andere Begrifflichkeiten für diese Berufssparte

  8. @6 „Befindlichkeiten vermitteln oder deren Ausdruck lehren“

    Illusorisch, auch wenn ich ja verstehe, was Sie meinen. Wir können leider keine komplexe Hilfe gegen Armut, Diskriminierung, Behinderung, Gewalt und Ungerechtigkeit durch Tanzen, Malen oder Visualizieren oder sonstige nonverbalen Medien leisten. Vielleicht wird die Welt friedlicher durch Tanzen, vielleicht werden Leute angeregt durch Bilder und Ausstellungen, vielleicht kommen sie sogar besser in Kontakt, aber schon da bin ich schon unsicher, vor allem aber löst Kunst nicht das Problem, wie wir uns mit vielen Leuten – sachgerecht und zeitangemessen, wir sind schließlich endliche Wesen – zu vielfältigen Themen austauschen können.

    Ansonsten finde ich Ihren Vorschlag sehr anregend.

  9. Langsam, sehr langsam wird die Soziale Arbeit als Wissenschaft in der Bevölkerung wahrgenommen. Zuletzt las ich bei DocChec Blog eine Stellungnahme dazu, diese jedoch eher zynisch und herabsetzend. Es war
    anzumerken, dass die Soziale Arbeit als Wissenschaft dort als Konkurrenz wahrgenommen wird. Eher so, die wollen jetzt auch noch therapieren…dabei sind schon so viele da, alle wollen therapieren…Nun, das Ganze basierte nicht auf echten Kenntnissen, aber: Soziale Arbeit wird, langsam, im öffentlichen sozialen Raum wahr genommen.

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