Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession. 5. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit.

Wahrheit bleibt immer Wahrheit des so beobachtenden Systems.

Ein Nutzer sagt im Erstgespräch zu uns, dass sein Leben ein Jammertal sei. Diese Wahrheit des beobachtenden Systems sollte zuerst anerkannt werden. Wahrheit begreifen wir berufspraktisch als Orientierung und Bindung an vorläufig geltende Tatsachen.

Die Anerkennung zeigen wir durch einfühlsames Zuhören, durch das Annehmen der Wahrheit unseres Nutzers. Zu diesem Zeitpunkt können Perspektivenwechsel oder gar Umdeutungen kontraproduktiv sein. Im Aufbau einer vertrauensvollen und aufmerksamen Arbeitsbeziehung wachsen die Chancen, an diese Wahrheit mit unserer Wahrheit als reflektierende Akteure anzuschließen. Diese Wahrheit speist sich aus wissenschaftlichem Wissen und praktischem Können, mit Situationen wie diesen aufmerksam und offen für Zweifel und Vermutungen umgehen zu können. Dass etwa Alkoholkonsum in der frühen Schwangerschaft schädlich ist, ist eine wissenschaftliche Wahrheit, die als solche kommuniziert werden muss, um den gesetzlichen Schutzauftrag zu erfüllen. Diese Information sollte vorsichtig, kritisch und zugleich konstruktiv geformt sein.

In der dialogischen Verbindung dieser Einzelwahrheiten entsteht eine gemeinsame Wahrheit. Dies ist die stets nur vorläufige Wahrheit des Hilfesystems, das sich praktisch als Arbeitsbündnis realisiert. Vorläufig ist diese Wahrheit, weil ihre Konstruktion von zu vielen Bedingungen abhängig bleibt, die sich jederzeit ändern könnten. Diese Wahrheit ist dennoch die für die Hilfe wichtigste, weil sie das Arbeitsbündnis auf regelgeleiteter Nachvollziehbarkeit und konstruktiver Kritik statt auf Beliebigkeit fundiert.

In der gemeinsamen Auseinandersetzung mit einer problematischen Wirklichkeit formt sich eine soziale Wahrheit, mit der wir versuchen können,  neue Möglichkeiten zur Entfaltung zu bringen. Sie stützt sich auf Sprache und Texte, um sich auf Dauer zu stellen. Die Wahrheit des Hilfesystems bleibt jedoch relativ. Sie könnte immer auch anders sein, ohne dass sie deswegen beliebig wird. Im Andersmöglichen entstehen Denk- und Handlungsmöglichkeiten, aus denen ausgewählt werden kann, Alternativen und Optionen sichtbar werden. Die Aufrechterhaltung und Vermehrung dieser Möglichkeiten von Handeln und Erleben sichern die Grenzen des Hilfesystems und riskieren zugleich seinen Niedergang. Das Umgehenkönnen mit Diskrepanzen wie diesen ist in der Sozialen Arbeit elementar.

6 Kommentare zu „Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession. 5. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit.

  1. „Wahrheit bleibt immer Wahrheit des so beobachtenden Systems.“

    Der Nutzer hat gar nicht behauptet, eine Wahrheit zu sagen, sondern lediglich sein momentanes subjektives Empfinden geäußert, dass sein Leben ein Jammertal sei.

    Subjektive Wahrheit kann durchaus objektive Lüge sein. Allerdings steht es dem Berater nicht zu, am subjektiven Wahrheitsgehalt der Äußerungen seines Klienten zu zweifeln.

    Wichtig ist freilich die Anerkennung der Äußerungen als momentane subjektive „Wahrheit“, als „Glaubenssatz“, als „Selbstbild“. Selbst wenn es sich möglicherweise um eine „Fassade“ oder gar ein „Täuschunsmanöver“ handelt – ob absichtlichlich oder unabsichtlich.

    Warum sollte jemand, der vom Sozialarbeiter/Berater/Therapeuten/Arzt eine Dienst- oder Geldleistung haben möchte, seine Lage nicht in den allerdunkelsten Farben skizzieren?

  2. „Warum sollte jemand, der vom Sozialarbeiter/Berater/Therapeuten/Arzt eine Dienst- oder Geldleistung haben möchte, seine Lage nicht in den allerdunkelsten Farben skizzieren?“

    Eine fachlich ordentliche Falleinschätzung wird herausfinden, was der Nutzer für die „dunkelsten Farben“ in seinem Daseins-Haus hält und ob zum Zwecke der Teilrenovierung Hilfeansprüche oder sonstige Hilfemöglichkeiten bestehen bzw. übersehen wurden.

    Viele Grüße, JVW

  3. Andreas Broszio hatte via facebook angemerkt, dass der Unterschied zwischen Wahrheit und Wirklichkeit unklar ist oder angedeutet, dass dieser verschwände.

    Danke für das Feedback!

    Wenn wir Wirklichkeit als „erlebt“ beobachten und davon Wahrheit als „erfahren“ unterscheiden, könnten wir dann die wissenschaftliche Wahrheit (z.B. der Profession) und die genauso wichtige Wahrheit (der Nutzer) wieder einfangen?

    BG

  4. Und wenn die nutzerInnen genug von der Wahrheit der helferInnen wissen, formulieren sie ihre Wirklichkeit so dass sie zur gemeinsamen Wahrheit beraten werden können!
    Werner Mayer

  5. Oft formulieren die Nutzer die leidvolle Erfahrung, dass sie schon „alle“ Therapien, Maßnahmen und Interventionen durchgemacht hätten, ohne dass sich irgendetwas verändert hätte. „Leiden ist leichter als lindern“ lautet der erste Energieerhaltungssatz der Psychodynamik.

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