Gestalter und Bedenkenträger

Gestern verbrachte ich einen Tag mit jungen Unternehmern, die sich mit dem Thema Sex&Partnerschaft auseinandersetzen wollten. Die Moderatorin eröffnete den Tag mit dem Zitat „Wer ficken will, muss freundlich sein“, was mit großen Hallo lachend begrüßt wurde. Sex war willkommen in der Welt der herausforderungsfreudigen Gestalter. Was folgte, war ein hochenergetischer erfrischender Tag.

Kontrasterlebnis: Vor kurzem gab es in einer Therapie-Fortbildung eine Diskussion über die angemessene Sprache in der Sexualtherapie. Es wurde auch argumentiert, dass das Wort „ficken“ von KlientInnen als übergriffig erlebt werden könnte und man doch lieber andere Worte verwenden solle. Die Aufmerksamkeit für mögliche sprachliche Grenzen bestimmte die Diskussion, getragen von einer Energie ernster Nachdenklichkeit

Obwohl ich bekennender ernsthafter Nachdenker bin, hatte gestern irgendwie das Gefühl, mir um die Zukunft der Wirtschaft weniger Sorgen machen zu müssen als um die der Therapie.

39 Gedanken zu “Gestalter und Bedenkenträger

  1. Wer argumentierte denn (eher die Therapeuten oder die Therapeutinnen), daß Frauen das Wort „ficken“ als übergriffig erleben könnten? Meinen persönlichen Geschmack trifft „ficken“ auf jeden Fall. Und noch eines meiner Lieblingswörter: knattern

  2. In „Intimität und Verlangen“ von David Schnarch gibt es ein gesondertes Kapitel, ja ein Loblied und eine Aufforderung zum Ficken (in Abgrenzung zu sanfteren Spielarten) – seit der Lektüre verwende ich den Begriff mit Intention. Und auch abseits der Sprache gibt es Auswirkungen auf mein Verhalten.

  3. Die Stadtverwaltung in Stuttgart gibt Freiern zu bedenken, dass auch beim „Ficken“ die Würde des Menschen unantastbar sei. Hier wird diese Bezeichnung für Sexualverkehr eingesetzt, weil die Verwaltung meint, dass sei die Sprache derjenigen, die eben die Würde des Menschen antasten. So empfinde ich das auch und vermeide dieses Wort, wenn ich beabsichtige, intim zu werden.

  4. In einer etablierten – sozusagen eingevögelten – Beziehung, kann man diesen Begriff durchaus als Spielart einsetzen, wenn es beiden gefällt und das Spiel befördert.

    Der Schuss aber auch ordentlich nach hinten losgehen … gerade am Anfang einer Beziehungsentwicklung. Wird der Begriff einseitig verwendet, so darf man das auch als eine Aggression desjenigen verstehen, der dadurch versucht, auf seinem Weg zum Ziel Hürden und Schamgrenzen zu überwinden.

    Wie so oft, muss man halt schauen, mit wem man es zu tun hat. Und wie so oft, gilt auch hier, die richtige Wahl der richtigen Mittel zur richtigen Zeit. Diese Empfehlung darf man auch jungen Unternehmern, die ja doch noch Grünspan hinter den Ohren haben und alles „geil“ finden, schon auf ihren Weg mitgeben.

  5. Das Wort „ficken“ gehört heute zum allgemein gebräuchlichen Sprachschatz und ein Therapeut muss die Sprache wählen, die sein Patient versteht. Das Wort „ficken“ ist mir jedoch viel zu klein für den Ausdruck sexueller Lust. Es hört sich an wie eine fünf-Sekunden-Angelegenheit – kalt, unpersönlich, und emotional ziemlich eingeschränkt.

  6. Was war das schön: Ende der 60er Jahre noch zu erröten, wenn nur das Wort „geil“ fiel. Brüste so lustvoll-verschämt anzusehen, weil sie so etwas „heiliges“ „intimes“ „nicht zeigbares“ waren……Später in der etablierten Beziehung mehr und mehr dirty talking unter Einbezug von Pornos zu lernen und gemeinsam immer mehr Tabus zu überwinden und das völlig ungehemmte, tierische Stoßen/Einsaugen/Auswringen/Entäußern in freien geäußerten Phantasien und keuchendem Atem und umklammernden, umfassenden Haut- und „Seelen“kontakt zu verwirklichen.

    Über 35 Jahre Beziehung: kein winziges Bißchen weniger Lust – im Gegenteil, viel bewussteres
    Spüren (in sich hinein und in den Partner) zusammen mit tierischer Geilheit.

    Zusammenfassend: ein wesentlicher hilfreicher Faktor war das langsame Überwinden von Tabus und Hemmungen in Sprache und phantastischen Bildern …….
    Kann ich nur jedem wünschen. ………

    Ist es also langfristig gesehen lustfördernd, zunächst Tabus zu haben?
    (Dann wären manche Heutigen zu bedauern……Aber wahrscheinlich ist das bei jedem Menschen wieder etwas anders………?)

    Jedenfalls m.E. der völlig falsche Weg: (aus dem letzten Blog) „………wo „wir“ (Männer) doch nun sagen können, wir geben unsere Initiative endgültig ab … “
    Quatsch!! Das hilft und will (fast?) niemand. Und nicht nur brav auf die Partnerin achten. Blödsinn!
    Sex ist doch keine „politisch korrekte“ Veranstaltung!!!! Wann wäre das in der Evolution und im Tierreich, zu dem wir gehören, jemals so gewesen…..?!!! MENSCH!!

  7. wenn ich das richtig verstanden habe, geht es doch darum, ob in der Sexualtherapie das Wort „ficken“ verwendet werden kann oder dann die Klientin dies als übergriffig erlebt. und nicht ob sie dies bei einer beginnenden oder sonstwie bestehenden Partnerschaft so sieht. Da würde mich wirklich interessieren, liebe Frauen hier im Blog, wie ihr das seht.

  8. @6 Ihrem ersten Satz stimme ich vollkommen zu. Zu den anderen beiden Sätzen: manchmal macht auch fünf Sekunden-Sex viel Spaß und warum sollte der unpersönlich und emotional eingeschränkt sein? Mich würde noch interessieren, welches Wort Sie denn nutzen?

  9. @9 Sehr geehrte Frau Backes, bitte auf die Unterschiede achten. Ich habe mich in meinem Kommentar nicht zur Qualität bei der Durchführung von fünf-Sekunden-Sex geäußert, sondern zu erklären versucht, wie das Wort „ficken“ ganz individuell für mich besetzt ist. Niemand braucht diese Aufteilung zu teilen.

  10. @9 Korrektur: Niemand braucht diese Auffassung (nicht Aufteilung) zu teilen.
    Im Übrigen ist damit auch Ihre gestellte Frage an die Frauen im Blog beantwortet.

  11. Wir leben in einer Welt des globalisierten Kapitalismus. Die strukturellen Probleme, die dieses System hervorbringt, führen dazu, dass die 64 reichsten Menschen so viel besitzen, wie die ärmere Hälfte der Menschheit. Auch in den europäischen Gesellschaften öffnet sich die Schere zwischen arm und reich aufgrund der Einkommen, die zunehmend auseinanderklaffen, immer mehr.

    Der Kern unternehmerischer Mentalität, der Ungleichgewichte dieser Größenordnung hervorbring ist eine bestimmte Haltung, die sich folgendermaßen artikulieren könnte: „Mein Vorteil ist mir wichtiger als alles andere. Ich kann über jede Grenzen gehen, stehe über jeder Moral.“ In der Logik dieses Modells wird man wohlhabend, in dem man es gut heißt, andere auszubeuten und indem man das dadurch erzeugte Leid anderer toleriert und seine Überlegenheit durch eben diesen Unterschied bestätigt und bedingt sieht. Emblematische Verkörperungen dieser Haltung finden wir in Gestalten wie Donald Trump, Berlusconi oder Frank Underwood aus der Serie „House of Cards“.

    Wir mischen in Deutschland im Waffenexportgeschäft ganz vorne mit, was auch bedeutet, dass wir fett in die Kriege dieser Welt verstrickt sind. Und die neoliberale Haltung tut sich kund in Aussagen folgender Art: „Durch Harz 4 haben wir fast Vollbeschäftigung in Deutschland, das ist eine Erfolgsgeschichte!“ Ja! Und Armutsgrenzen kann man ja einfach neu definieren.

    Ich glaube, dass wir uns im Bereich des Unternehmertums, das unsere Welt dominiert, in einem raubtiertriebgesteuerten Feld des Machtrauschs, der Ausbeutung (auch sexuellen Ausbeutung), der moralischen Entgrenzung und der analen Entwertung befinden. Wären Unternehmer stabiler in ihrem Selbstwert, müssten sie nicht ständig der Kohle hinterherlaufen, um sich des Gefühls zu versichern, alles und jeden kaufen zu können.

    Vor diesem Hintergrund könnte man das lauthalse Lachen der Gestalter bzw. die umständliche Reflektion über den korrekten Sprachgebrauch der Bedenkenträger auch anders deuten oder darstellen:

    Auf der einen Seite haben wir die Psychotherapeutenszene, hinter deren eventueller Überintegrität, Humorlosigkeit, Biederkeit, Moralisierung und Schwierigkeit, einen Zugang zum Thema Sex zu finden, Angst zu spüren ist. Natürlich kann ein Therapeut das Wort ficken verwenden, wenn das auch der Sprachgebrauch des Patienten ist!

    Auf der anderen Seite haben wir das potente Unternehmertum, hinter dessen scheinbarer Vitalität und Lebendigkeit, seiner Eroberungs-, Kampf-, Konkurrenz-, Leistungs- und Entwertungslogik genau dieselbe Angst und Unsicherheit (vor der eigenen inneren Hilflosigkeit?) durchzublitzen scheint.

    Bitte keine Selbstabwertung und gleichzeitige Selbstaufwertung über das Modell der Entwerter.
    Nein, wir müssen uns wirklich keine Sorgen machen hinsichtlich der deutschen Wirtschaft!

  12. @10 Danke für Ihre Erklärung, wie das Wort „ficken“ für Sie besetzt ist. Es würde mich darüber hinaus aber wirklich interessieren, welches Wort Sie nutzen.

  13. Liebe Frau Backes, mir fällt zu Kommentar 8 Dreierlei ein:

    (1) Sind Worte nicht die Arbeitskleidung eines Therapeuten, die er sich für seine professionelle Rolle überstreift und an die ein Klient auch eine bestimmte Erwartung hat? Beispiel: Mein Bruder und ich sprechen in getrennten Sitzungen mit demselbem Psychotherapeuten. Ihm gegenüber lässt der Therapeut in einem Nebensatz „Jeder braucht Sex, möchte ficken“ fallen (was er in einer Sitzung mit mir ganz bestimmt nicht täte). Mein selber eher derb sprechenden Bruder ist über diese Wortwahl zwar belustigt, aber vor allem irritiert, weil er sie vom Therapeuten nicht erwartet hat.

    (2) Ich finde es spannend herauszufinden, welche Wörter wir als anstössig empfinden. Wenn ich zum Thema Aufklärung mit meiner Schulklasse Wörter für „Sex haben“ (neutral) im Mindmap bewerte, ordnen wir „vögeln“ als vulgärer ein als „bumsen“ (umgangssprachlich, lautmalerisch, irgendwie noch lustig) und grenzen es deutlich ab zu „ficken“ (derb).
    Mir ist schon häufig aufgefallen, wie mich bereits der Begriff „vögeln“ irritiert, wenn ihn Herr Professor Clement in z.B. einem Interview verwendet. Ich denke dabei beinflussen mich vor allem Kontext und Erwartungen: Professor = akademische Sprache. Ganz bestimmt wählt Herr Clement genau dieses in seiner Rolle auffallende „Kleidungsstück“ sehr bewusst – interessieren würde mich seine Absicht (mehr Nähe zum Gegenüber? Touch base?).

    (3) Was ich mich frage und vielleicht können hier der Blogschreiber und die Bloggestaltenden weiterhelfen: Was genau macht eigentlich den empfundenen Übergriff aus? Gerade gestern Abend führte ich eine emotional aufgeladene Diskussion mit meinem Partner zum Satz: „Manchmal will der Mann einfach drüberrutschen“ (aus einem Interview zitiert, geht er weiter mit „…, während die Frau…“).
    Für mich als Frau ist dieser Ausdruck massiv übergriffig, mein Partner hat damit gar keine Berührungsängste und findet: Als Mann ist das manchmal einfach so.
    Das könnte man ja inhaltlich einfach als unterschiedlich gelebte Sexualität der Geschlechter mit unterschiedlichen Begrifflichkeiten stehen lassen. Und doch macht mir das Mühe und ich habe noch nicht verstanden, was genau die Grenzüberschreitung ausmacht. Klar, „drüberrutschen“ impliziert eine Abwertung, Degradierung zum Sexobjekt und damit Asymmetrie, mit Gewalttönen unterlegt. Zweitens ist es ist total unpersönlich und berührt damit ja die Grundfrage der Frau (Herr Clement) „Bin ich gmeint?“
    Nur: Wenn ich das alles weiss und auch, dass die Bedürfnisse des Mannes sind wie sie sind, ich also „drüberrutschen“ nicht persönlich nehmen sollte – warum kann ich dann einen solchen Ausdruck nicht aus einer distanzierteren Perspektive sehen?

  14. @7: Doch, finde ich schon: Über eine Verschärfung des Sexualstrafrechts wird ja Sex „politisch korrigiert“ … und damit soll sie auch immer mehr zu einer „politsch korrekten Veranstaltung“ werden.
    Der Trend geht ja auch offensichtlich so weiter: So wird z.B. über ein Einschränkung freizügiger Werbung nachgedacht, um den ‚Transport falscher Vorstellungen über Sex in die Köpfe der Menschen‘ medial besser zu kontrollieren und auch zu korrigieren.

    Das wäre doch auch mal eine interessante Diskussion: Wie könnte ‚politisch korrekter Sex‘ aussehen???

  15. @15: „Wie könnte ‚politisch korrekter Sex‘ aussehen???“ 🙂 Herrlich!! 🙂

    Also zunächst gilt juristisch selbstverständlich das Zug-um-Zug-Prinzip. Ein gemurmeltes
    NEINJAVIELLEICHT reicht da keinesfalls…..
    Doppelseitiger Sex-Vollzugsbogen in zwei- ggf. mehrfacher Ausfertigung. Die Reihenfolge
    der Berührung der Geschlechtsorgane sollte man schon vorgeben, um justiziable Ordnung
    hineinzubringen. Da die Frau mehr investiert und riskiert, kann nur sie den nächsten Schritt
    durch Vorverhandlungen einleiten. Sprachregelungen müssen im Detail vorher durch zähes
    Feilschen (ggf. mit Mediator/in) gefunden und dann auch strikt eingehalten werden.
    („Sie dürfen Ficken sagen, wenn sie meine Vulva „Orchidee“ nennen.)
    Wenn man sich nicht einigen kann,muss man die Worte strikt ganz weglassen …….

    Nachdem dann auch die Verhütung rechtssicher geklärt ist (………………….Nichtzutreffendes
    bitte streichen …….)
    Nachdem dann die Unterschriften (alle! einschließlich Mediator/in – in Grenzsituationen auch
    Notar) geht man dann gemeinsam noch kurz erschöpft einen Trinken ……

    (und befriedigt sich der Einfachheit halber später selbst mithilfe lustvoller Internetfilme mit
    gut bezahlten geilen Schlampen und prachtvollen Hengsten …….)

  16. Interessant, dass hier lediglich der Infinitiv zur Verwendung und Verfragung kommt. Dabei geht es doch um Äußerungen wie “ !“ oder “ ?“ oder “ !?“ und um deren nicht immer erniedrigende und beleidigende, sondern eben lustigende Wirkung bzw. entsprechenden Einsatz. Die lustigende ist, meiner Erfahrung gemäß, sehr verwendbar.

  17. @15: Die Weiber sind da sehr janusköpfig: Wenn die erst mal auf gleiche Geister treffen, sind sie kaum zu bremsen …
    @17: Gute Idee! Dazu sollten wir unbedingt Großmeister Clement hinzuziehen!

  18. @14 ich finde Ihren Beitrag spannend, besonders Ihren Satz “ Ich finde es spannend herauszufinden, welche Wörter wir als anstössig empfinden“. Ich gehe davon aus, das ist von Person zu Person unterschiedlich. Für mich z.B. ist ficken kein Wort, das ich als anstößig oder derb empfinde. Ficken umschreibt für mich eher die Lust am Sex.
    @15 Michael, da irren Sie sich gewaltig. Sie können sich vielleicht nicht vorstellen, über was Frauen alles reden, wenn es um Sex geht…Warum glauben Sie, dass das Wort ficken für Männer reizvoller ist, als für Frauen?
    @16 „Politisch korrekter Sex“ – das klingt für mich lustlos, un-sexy und klinisch sauber.

  19. @14: „Was genau macht eigentlich den empfundenen Übergriff aus?“ Oder anders gefragt: Was lässt eine Botschaft für mich als Empfänger oder Adressaten übergriffig erscheinen oder empfinden?
    Ich denke, dadurch dass …
    1. ich die Botschaft zunächst doch auf mich beziehe (und damit „persönlich“ nehme), insbesondere dann, wenn ich der einzige Empfänger dieser Botschaf bin und nicht etwa in einer Runde sitze, an die die Botschaft insgesamt gerichtet ist, und …
    2. die Botschaft etwas Bedrohliches für mich enthält.

    zu (3): Machen Sie doch mal einen kleinen Feldversuch mit Ihrem Partner: Sagen Sie ihm doch mal, dass Sie „wieder mal so richtig geil durchgefickt werden möchten“ … und dann schauen Sie mal, wie es um seine Berührungsängste steht …

  20. Ich tippe, daß die ernsthaft nachdenkende fortbildungsorientierte Therapeutengruppe intransitive Verben bevorzugt, die sprachlich Konsens unterstellen. Ficken ist dagegen ein transitives Verb, auf ein Objekt zielend, das in der passiven Satzbildung zum Subjekt wird (sprachlich ausgezeichnet belegt in Kommentar 21).
    „Vögeln“ ist beides und damit sprachlich flexibler. Ich merke mir die wunderbare Wortschöpfung „eingevögelt“ (fast so gut, wie „aneinander vorbei vögeln“).

  21. @20 Petra, das Wort „ficken“ ist konnotiert mit verbal und mental ungebildeten Schichten – nicht moralisch verwerflichen – (z.B. „Dumm fickt gut“, „Ficken, fressen, fernsehen“) und beinhaltet für mich einen einseitig-rücksichtslosen Akt der Triebabfuhr. Man kann mit diesem Wort spielen und ihm in gewissen Situation eine Art von Lust abgewinnen, aber beim Sex geht es mir (im reiferen Alter) um subtilere und tiefere Empfindungen, die weder mit tierischem Verhalten noch mit Clownereien zu erreichen sind. Einmal hatte ich eine Freundin, die nach dem Sex so be- oder vielleicht entgeistert war, dass sie auf der Straße laut „ficken, ficken, ficken“ rief. Das war lustig, weil keiner der neben uns Stehenden das erwartet hatte, aber wohlgemerkt erst nach dem Sex.

  22. @22: … oder auch nicht: Er sähe sich diesmal in einer Bringschuld, nämlich eine ‚gute Performance abliefern‘ zu müssen … als einfach nur ‚drüberzurutschen‘ … 😉

  23. @23 Unter genderspezifischem Aspekt kommt der Verwendung transitiver Verben zur Bezeichnung des Geschlechtsverkehrs in der Umgangssprache eine besondere Rolle zu. Sie machen Frauen häufig auch zum grammatischen Objekt männlicher Lust (z. B. ficken, bumsen). Dazu ein Satz aus Heirich Bölls Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“: „Beizmenne soll die aufreizend gelassen an ihrer Anrichte lehnende Katharina gefragt haben: »Hat er dich denn gefickt«, woraufhin Katharina sowohl rot geworden sein wie in stolzem Triumph gesagt haben soll: »Nein, ich würde es nicht so nennen.«“

  24. @24 ist es aus Ihrer Sicht nicht so, dass der Empfänger der Botschaft die Bedeutung gibt? Meint, was mache ich aus dem, was ich höre. Ich z.B. verbinde ficken nicht mit „ungebildeten Schichten“. Zumal ich mit dem Begriff „ungebildete Schichten“ eh wenig anfangen kann.

  25. @27 Eine wohlwollende Empfängerin des Wortes „ficken“ verfügt meines Erachtens über ein restringiertes Differenzierungsvermögen in Bezug auf Bedeutungsunterschiede, sprachliche Feinheiten und sexuelles Zartgefühl.

  26. @24: Warum fällt es uns Menschen so schwer, die Lust einfach als Lust anzunehmen? Warum sie abwerten (dann ist sie „tierisch“, oder eine „Clowenerei“)? Dabei ist doch das größte Geschenk der Natur an uns, dass wir Lust empfinden können (das Über-Ich allerdings ist anderer Meinung: „Pfui, böse Lust, vulgäre Tiefabfuhr! Verlust von Qi oder Knochenmarkschwund! Selbstentwürdigung!“ usw. usf.). Nach meiner Auffassung besteht „Reife“ darin, verschiedenen Spielarten der Lust und Sexualität entsprechend der vielfältigen eigenen Bedürfnisse zulassen und für sich zu nutzen. Die verschiedenen Varianten würde ich gleichwertig nebeneinander stehen lassen. Wir können Sexualität im Sinne einer entgrenzenden, spirituellen und gleichzeitig tief verbindenden Erfahrung erleben. Das ist wunderbar und eine Bereicherung. Aber manchmal fehlt mir dafür die „Gestimmtheit“. Manchmal ist mein Kopf gar nicht frei dafür und ich will einfach nur „ficken“ und dadurch gerade meinen Kopf frei kriegen. Dieses Bedürfnis habe ich auch. Warum sollte ich diese verschiedenen Möglichkeiten und Bedeutungen gegeneinander ausspielen, das eine ab-, das andere aufwerten?

    @17: Dieses Szenario wäre dann die Enterotisierung von allem! Spätestens dann wären Sexroboter unentbehrlich.

  27. @29 Michael, bei allem Wohlwollen für Ihre Bedeutungsgebung bzgl. wohlwollender Empfängerinnen des Wortes „ficken“, kann ich Ihrer Bewertung, die Sie hier vornehmen, nicht zustimmen. Mich würde aber interessieren, welches Wort Sie selbst denn für angebracht halten?

  28. Ergänzung: oder was wäre denn für Sie das Wort für Sex, das eine sprachliche Feinheit aus Ihrer Sicht beinhaltet und gleichzeitig sexuelles Zartgefühl ausdrückt?

  29. @30: Ja. (auch @31-32)
    „…..besteht „Reife“ darin, verschiedenen Spielarten der Lust und Sexualität entsprechend der vielfältigen eigenen Bedürfnisse zulassen und für sich („UND DEN PARTNER“ würde ich ergänzen) zu nutzen….“ GENAU.

    „Tierisch“ ist für meine Ohren keine Abwertung.
    (Wir sind evolutionär eine Tierart namens Mensch. Richtig geiler Sex hat für mich selbstverständlich eine enorm starke animalische Komponente. Erst dann geht so richtig die Post ab……)

    Auch das „Überich“ („pfui, Triebabfuhr“) erlebe ich nach anfänglicher kurzer Störung durch meine katholisch geprägte Jugend nicht mehr.

    Ficken ist für uns beide das richtige Wort. (Wir kamen früh darauf und blieben dabei.)
    Seitdem „arbeiten“ wir beide uns fickend an- und miteinander ab…….

    Die Bedenken, Finessen und einseitigen Interpretationen mancher Blogteilnehmer weiter oben teile(n) ich/wir nicht.
    Wieso sollte bei gutem Sex „nur“ der eine den anderen ficken. Der/die fickt doch im besten Fall genauso begeistert „zurück“ …… 🙂

  30. Hab gerade noch etwas für mich Lustiges gefunden: (ich bin aus der Pfalz)

    Wiki: „Auf die Hin- und Herbewegung bezieht sich auch der Begriff Fickmühle (Zwickmühle) und der im pfälzischen Raum vorkommende Familienname Fickeisen (eigentl. für Bügeleisen).“

    Ja, so sagten wir als (kath.) Kinder beim Mühlespiel: Fickmühle (in der Schweiz: Figgi 🙂 )
    Und es gab einen Fickeisen im Dorf. ………..

    (und wir sind nicht rot geworden……….wir wußten nicht ………)

    „Figgi“ – könnte man auch verwenden …….(schmunz) …….klingt doch lieb, oder?
    „Komm, wir machen einen Figgi…..“

  31. @32 und @34 Das Verb „ficken“ ist ein Intensivum zu „fegen“ im Sinne einer raschen Hin- und Herbewegung. Da die „Ficke“ eine Rute oder Peitsche bezeichnet, kann „ficken“ auch „schikanieren“ und „drillen“ bedeuten. „Fickrig“ ist jemand, der „unruhig“, „hastig“, „nervös“ und „aufgeregt“ handelt. „Fickrigkeit“ lässt sich aqusdrücken als „Hast“, „nervöse Unruhe“.
    In diesem Sinne charakterisiert das Wort „ficken“ gut die Gefühlslage einiger Angreifer in der Kölner Silvesternacht, die auch bei mir durchaus schon öfter vorkam. Doch die Chance, mit einer Offensivstrategie zur ersehnten Entladung zu kommen, ist ohne Gewalt (auch monetärer) äußerst gering. Bewährt hat sich dagegen die sanfte Tour: Süßholz raspeln, um die Stimmung anzuheizen, schrittweise körperliche Annäherung, langsames Steigern und schließlich „vögeln“. Das wäre das Wort für Sex, das aus meiner Sicht eine sprachliche Feinheit beinhaltet und gleichzeitig sexuelles Zartgefühl ausdrückt. „Vögeln“ fußt auf dem mittelhochdeutschen Wort „vogelen = begatten“, anfangs auf Tiere begrenzt, vor allem auf Hahn und Enterich, spätestens seit 1300 auf den Menschen übertragen. Das Triebhaft-Animalische der bezeichneten Handlung kommt meines Erachtens im Wort „vögeln“ ohne die mechanische Hektik des Worts „ficken“ zur Geltung.

  32. @35 „Das Triebhaft-Animalische der bezeichneten Handlung kommt meines Erachtens im Wort „vögeln“ ohne die mechanische Hektik des Worts „ficken“ zur Geltung.“

    Die Überschrift des Blogthemas lautet ja „Gestalter und Bedenkenträger“ … auf den „Sex als Kommunikationsprozess“ bezogen würde ich deshalb sagen:

    Das subjektive „Orgasmus-Erleben“ mag bei Männern und Frauen so unterschiedlich sein, wie der zwischen einem üppigen fünf-Gänge-Menü eines Michelin-Kochs (vögeln als „höchstes Gipfelglück“) und eines Fast-Food-Menüs (ficken als Triebabfuhr).

    Auszuhandeln gilt demnach allein, wonach jedem grad die Lust steht und in welcher Rang- und Reihenfoge wer wem dazu verhilft. Z.B. Zuerst Mac-Donald und dann 4-Sterne-Küche. Dumm nur, wenn hier die Kommunikation „klemmt“. D.h. jemand vom Gestaltungswilligen zum Bedenkenträger wird.

    „Oh(!)rgasmen“ als kommunikatives Balz-Vorspiel wirken hier „enthemmend“ und könnten eine Einigung ermöglichen. Letztlich gibt es wohl nicht die eine Bedeutung eines Wortes „an sich“, als die Entstehung der Bedeutung im jeweiligen Prozess innerhalb des Kontextes und auf welche Art und Weise es angewandt und verwendet wird. Materie folgt dem Geist. Gilt wohl für Männer, wie für Frauen. Nur eben unterschiedlich schnell und unterschiedlich resonanzempfänglich, aufgrund des gegenwärtig, unterschiedlichen subjektiven Lust/Hungergefühls.

  33. Ich erinnere mich an ein Fernsehinterview mit Senta Berger, in dem sie sich über die Abfälligkeit des Wortes „vögeln“ empörte. Die Diskussion über die Worte „ficken“ und „vögeln“ zeigt, dass das psychotherapeutische Vorsichteln der Bedenkenträger ja einen gewissen Sinn macht, weil das unbedacht gewählte Wort beim Gegenüber eine Menge auslösen kann. Allerdings sollte das den Therapeuten nicht ängstlich machen, weil diese Reaktion ist ja o.k., sie lässt sich aufgreifen und es kann anhand von ihr viel geklärt werden.

    Die semantische und etymologische Ableitungen hinsichtlich der Wortes „ficken“ und „vögeln“ ist ein wissenschaftlicher, politisch korrekter Diskurs: interessant, aber fade, nicht weiter erotisch oder lebendig. In dem Moment, wo jedoch die Genese des subjektiven Verständnisses und der individuellen Lust dargestellt wird (z.B. @7 oder @35), wird die Darstellung brünstig, prickelnd, animierend, verführerisch…. Das induziert eine erotische Spannung, die die Definition eines Wortes nicht beinhaltet. Die individuellen Erfahrungen und Empfindungen eines Sprechers „wohnen“ in den Synonymen und der subjektiven, kontextgebundenen, Verwendung des jeweiligen Wortes.

  34. Zum Thema „wissenschaftlich korrekt, interessant, aber fade vs. subjektive Darstellung der Lust, brünstig, prickelnd, lebendig“ fällt mir eine Textstelle von Lukas Bärfuss‘ ein (aus Hundert Tage), die der Erzähler als „Höllenfick“ bezeichnet. In ihrer Wucht haut sie mich immer wieder um.

    „Zwei, drei Mal begleitete ich Agathe auf Parteiveranstaltungen, nur, um ein bisschen Zeit mit ihr verbringen zu können. Brodelnde, wütende Massen, aufgestachelt von hetzerischen Reden aus klirrenden Lautsprechern, betrunken, schwitzend, zornig, in einem fremden Idiom Sprechchöre skandierend, die ich nicht verstand, aber die ganz gewiss nicht zum Frieden aufriefen. (…) Sie schauten mich an, misstrauisch, verschlagen, ich wusste: nur ein falsches Wort, und man wäre des Todes, ich wäre des Todes, ein Höllenspektakel, ein brodelnder Kessel aus Angst, Wut und Alkohol.
    Wer es nicht erlebt hat, kann sich nicht vorstellen, wie tief die Lust reicht, wie erlösend der Sex ist nach einer solchen Veranstaltung, wie wunderbar heilend, besänftigend, tröstend, wie gross die Kraft eines Orgasmus ist, alle Widersprüche und Zweifel während einiger Sekunden aufzuheben. (…)
    Niemals war der Sex besser, verdorbener, ausschweifender, niemals schweinischer gewesen als in jener Nacht nach dieser Veranstaltung, und das lag nicht an Agathe, sondern allein an mir. (…) Ich hatte keine Ahnung, was in der Nacht zuvor in mich gefahren, woher meine plötzliche Raserei gekommen war. (…) Ich ahnte, dass ihre Einstellung und der Höllenfick irgendwie zusammenhingen, und ich fragte mich, ob ich ein Perverser sei…“

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