Grapschen

In der aktuellen Diskussion um die Reform des Sexualstrafrechts taucht wiederholt der Begriff des Grapschens (wahlweise auch Grabschen) auf. Ich habe keine gute Definition gefunden, was das genau ist. Es geht mir auch nicht um eine akademische Wortklauberei. Aber wenn man Grapschen unter Strafe stellen möchte, müsste schon klar sein, was das ist. Unklar ist mir, ob es Grapschen ist,

– wenn jemand es arglos meint und ohne „böse“ Absicht das Gegenüber betätschelt

– wenn jemand einen Körperteil begrapscht, den er selber als nicht intim versteht, der von der begrapschten Person aber so erlebt wird (z.B. Oberarme, Unterschenkel)

– wenn es um Grapschen in einer festen oder jedenfalls sexuell bejahten Beziehung geht, die begrapschte Person aber in einer spezifischen Situation nicht angefasst werden möchte (analog „Vergewaltigung in der Ehe“)

– wenn die begrapschte Person zunächst die Berührung zulässt und bejaht, dann nicht weiterführen möchte (erstmal Ja, dann Nein)

–  wenn die grapschende Person zunächst ungefragt eine Zustimmung vermutet, aber erst ablässt, wenn die begrapschte Person es verbal missbilligt

– wenn die grapschende Person eine Frau ist und der Begrapschte ein Mann

– wenn die begrapschte Person zwiespältig ist und sich ihr Nein nicht klar ausdrückt

– wenn grapschende Person und begrapschte Person aus einander fremden Kulturen kommen, in denen die Körpergrenzen (Grapschgrenzen) sehr unterschiedlich bewertet werden.

Eine zentrale Frage scheint mir zu sein, ob man die Absicht der grapschenden Person oder die Bewertung der begrapschten Person als Massstab nimmt. Und es ist damit zu rechnen, dass gerade in den juristisch heiklen Situationen beide Perspektiven divergieren. Die Richter sind nicht zu beneiden.

11 Gedanken zu „Grapschen

  1. Ich verstehe den Versuch der praktischen (handlungsbezogenen) Umschreibung/Definition des Grabschens nicht. – da gibt es doch unendlich viele Möglichkeiten …und ab welcher Berührung (Berührungsfolge) erfolgt dann eine Strafe?

    Ich kenne nicht das Deutsche Recht mit seinen Definitionen.
    In den Niederlanden gibt es im Strafgeseztbuch den rechtlichen Begriff „aanranding“ = Angriff auf die Sexuelle Ehre eines Menschen. (wörtlich übersetzt Google „eerbaarheid“ als ‚Bescheidenheit‘, was hier nicht ganz passt; siehe NL Text unten). Frei übersetzt: Es muß ein Einbruch/Übergriff auf die sexuelle Unverletzlichkeit sein, ohne eine gültige Zustimmung des Opfers. Darüber hinaus muß eine physische Berührung stattgefunden haben.
    Im alltäglichen Sprachgebrauch wird z.B.: eine versuchte Vergewaltigung und alle Handlungen in diese Richtung, als „(poging tot) aanranding“ (versuchter) Übergriff beschrieben.

    Meine Meinung: Im Zweifel: Finger weg vom Anderen und erst kurz nachfragen ob die geplante Annäherung/Berührung erwünscht ist, auch so verstanden wird wie man sie beabsichtigt. = Das sind doch ganz normale und alt bekannte (ungeschriebene) Umgangsformen für Deutschland, oder?
    z.B.: In NL und Frankreich küsst man sich schneller auf die Wange bei einer Begrüßung, einem Glückwunsch, in Deutschland gibt man sich die Hand.

    De wetgever heeft geen definitie voorzien van „aanranding van de eerbaarheid“ in het strafwetboek. Aangenomen wordt dat sprake moet zijn van een inbreuk op de seksuele onaantastbaarheid en dat er geen geldige toestemming is bij het slachtoffer. Bovendien is een fysieke aantasting vereist.
    Aanranding – Wikipedia https://nl.wikipedia.org/wiki/Aanranding

  2. Wenn „Grapschen“ unter Strafe gestellt werden soll, reicht meines Erachtens die Definition „intim betasten“. Dabei machen Geschlecht, Alter, Herkunft, Religion usw. keinen Unterschied. Mir scheint dieses „Grapschen“ importiert worden zu sein, und zwar aus Ländern, die südlich von Deutschland liegen. Vor fast 50 Jahren habe ich mal beobachtet, wie auf der Rialto-Brücke in Venedig eine junge blonde Frau im Vorbeilaufen von einem südländisch aussehenden älteren Mann begrapscht wurde. Die Frau ist dann einfach schneller gelaufen, um den Mann abzuschütteln. Rechtlich und gesellschaftspolitisch sehe ich das in Deutschland neuartige Phänomen des „Grapschens“ im Zusammenhang mit der Sensibilisierung gegenüber Phänomenen wie „Stalking“ (Belästigung) und „familiäre Kinderpornografie“ (z.B. Schwimmbadfotos der eigenen nackten Kinder, die früher als harmlos, heute aber als Skandal betrachtet werden). Beides und auch das „Mobbing“ wird seit ein paar Jahren viel schärfer geahndet. Wir sind da (völlig zu Recht) viel abwehrender geworden, doch manchmal auch fast schon ein wenig hysterisch. Selbst spontane Gefühlsäußerungen können schnell äußerst unangenehme Folgen haben.

  3. @1: Ja genau, vorher kurz nachfragen, ob die geplante Annäherung erwünscht ist: „Entschuldigen Sie, gnädige Frau, aber wäre es in Ordnung, wenn ich Sie jetzt ein bisschen ficke??“

  4. @3 jeanloup: so einfach ist es aus meiner Sicht nicht, zwischen ficken und grapschen besteht meiner Meinung nach ein Unterschied

  5. Meines Erachtens : grapschen = sexuell sich stimulierender Aktionist (also eine(r) mit eindeutiger Motivation) trifft auf „Unbedarften“ (also ein(e)n) nicht sexuell Interessierte(n)). Grenzüberschreitung erfolgt in Verbindung mit massivem Eigenbedarf/Bedürftigkeit ohne Respekt! vor dem Gegenüber
    (= ohne Bedarf und signalisiert das auch). Fazit: Nicht „ja“ heißt auch „nein“. Auch nonverbal.

  6. Blog: „Eine zentrale Frage scheint mir zu sein, ob man die Absicht der grapschenden Person oder die Bewertung der begrapschten Person als Massstab nimmt.“

    @5 bringt es auf den Nenner: Danach wäre die Bewertung der begrapschten Person als Maßstab zugrunde zu legen. Das sehe ich auch so. Ein nicht „ja“, heißt also auch „nein“, und keine Antwort ist auch eine Antwort und heißt in diesem Fall und im Zweifel immer NEIN! Es wäre durchaus möglich, eine solche Regel auch im Strafrecht zu formulieren.

    Weil es ja fast nur Männer sind, die Grapschen (und Vergewaltigen), zeigt die Diskussion um die Verschärfung des Sexualstrafrechts aber auch, wie die „kultivierte“ (weil strafrechtlich korrigierte) Norm einer „sexuellen Annäherung“ künftig aussehen soll: Die Initiative für eine Annäherung zwischen den Geschlechtern soll künftig von der Frau ausgehen … und ebenso soll die Steuerung des Annäherungsprozesses (angefangen von der ersten Begegnung bis hinunter zum unmittelbaren reproduktiven Geschehen) immer in Händen der Frau bleiben.
    Eine solche Regel würde sich auch mit der Annäherungshypothese Karl Grammers decken: In einer Beziehungsentwicklung steuert primär derjenige den Annäherungsprozess, der einerseits das biologisch geringere Interesse (an der Verpaarung) hat und andererseits das biologisch höhere Investment in den Nachwuchs trägt. Dies ist in beiden Fällen zumeist die Frau …

  7. @6: Der Sexualtrieb ist (zum Glück) nicht rechtlich regulierbar! Ein solches Gesetz würde zur Kriminalisierung der halben Menschheit führen.

  8. Breites Ja zu Nein heißt Nein
    Bei einer öffentlichen Anhörung des Rechtsausschusses über drei Gesetzentwürfe zur Reform des Sexualstrafrechts hat sich eine breite Zustimmung zu einer Lösung gezeigt, die sexuelle Handlungen gegen den erkennbaren Willen einer Person generell unter Strafe stellt. Die beiden im vergangenen Jahr eingebrachten Gesetzentwürfe der Fraktionen Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke sind, wenn auch in unterschiedlicher Ausgestaltung, solche „Nein-heißt-Nein“-Lösungen. Dagegen geht der zuletzt von der Bundesregierung eingebrachte Entwurf einen anderen Weg. Er fügt den bestehenden Tatbestandsmerkmalen, die zur Strafbarkeit eines sexuellen Übergriffs führen, weitere Merkmale hinzu, um Schutzlücken zu schließen. Allerdings wird dieser Weg auch von den Koalitionsfraktionen nicht weiterverfolgt.
    Bei der Anhörung am Mittwoch, dem 1.6.2016, der auch zahlreiche Abgeordnete anderer Ausschüsse beiwohnten, wies von den sieben Sachverständigen einzig der Tübinger Strafrechtler Jörg Eisele auf Vorzüge auch des Regierungsentwurfs für ein „Gesetz zur Verbesserung des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung“ hin. Angesichts der Schwierigkeiten insbesondere bei Beziehungstaten, dem Beschuldigten eine Straftat nachzuweisen, sei es für die Justiz hilfreich, Kriterien im Gesetz vorzufinden. Eisele schlug deshalb vor, die auch von ihm befürwortete Nein-heißt-Nein-Lösung durch einige konkrete, „vertypisierte“ Tatmerkmale zu ergänzen.
    Die Berliner Rechtsanwältin Christina Clemm ging auf den Einwand gegen eine Nein-heißt-Nein-Regelung ein, dadurch werde Falschbeschuldigungen der Boden geebnet. Diese Sorge, sagte Clemm, sei seinerzeit auch gegen die Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe geäußert worden. Sie habe sich aber nicht bestätigt. Die Fallzahlen unterschieden sich hier nicht vor denen bei anderen Delikten.
    Unterschiedlich wurden die verschiedenen Lösungsvorschläge für die in der Justizpraxis häufig auftretenden Fälle bewertet, in denen das Opfer eines sexuellen Übergriffs nicht zu einem klaren Nein in der Lage ist, sei es aus Angst in einer Gewaltbeziehung, sei es aufgrund einer Behinderung oder Krankheit oder aus anderen Gründen. So plädierte die Berliner Strafrechtlerin Tatjana Hörnle einerseits nachdrücklich für die Formulierung „Ausnutzung von Arg- und Wehrlosigkeit“ im Gesetzentwurf der Grünen, fand aber andererseits die Fälle, die sich in einem Klima der Angst ereignen, einzig im Regierungsentwurf gut gelöst.
    Schon vor Sitzungsbeginn fanden die Parlamentarier und Sachverständigen ein Eckpunktepapier von acht SPD- und CDU-Abgeordneten als Tischvorlage vor. Ebenso wie die Gesetzentwürfe der Linken „zur Änderung des Sexualstrafrechts“ und der Grünen „zur Verbesserung des Schutzes vor sexueller Misshandlung und Vergewaltigung“ plädiert auch dieses Papier für eine „Reform des Sexualstrafrechts mit dem Grundsatz Nein heißt Nein“. Wesentlichster Unterschied zu den Gesetzentwürfen der Oppositionsfraktionen sind neue Strafbestimmungen gegen „Grapschen“ sowie gegen Übergriffe aus einer Gruppe heraus. Sie sind eine Reaktion auf die neuartigen sexualisierten Taten, wie sie in der Silvesternacht in Köln in Erscheinung getreten waren. Damals waren die Reformvorschläge der Opposition bereits in die parlamentarische Beratung eingebracht. Diese Eckpunkte waren zwar nicht offiziell Gegenstand der Anhörung, doch mit Einwilligung der Ausschussvorsitzenden Renate Künast (Grüne) nahmen die Sachverständigen auch dazu Stellung.
    Mehrheitlich befürworteten die Sachverständigen den Vorschlag, das „Grapschen“, also das Befummeln im Schritt und am Busen, als eigenen Straftatbestand einzuführen. Bisher bleibt dies häufig straflos, wenn es oberhalb der Kleidung erfolgt. Nach den Vorfällen in Köln seien die Menschen darüber überrascht gewesen, stellte Dagmar Freudenberg vom Deutschen Juristinnenbund fest, und forderte eine Anpassung der Rechtslage an das Rechtsempfinden der Bürger. Umstritten war allerdings, ob dafür ein neuer Straftatbestand der „tätlichen sexuellen Belästigung“, wie ihn das Eckpunktepapier vorsieht, hilfreich und wie genau er abzugrenzen wäre. Heike Rabe vom Deutschen Institut für Menschenrechte verwies hier auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), in dem der Begriff der sexuellen Belästigung eingeführt und genau geregelt sei. Roswitha Müller-Piepenkötter, Bundesvorsitzende der Opferhilfeorganisation Weisser Ring, störte sich an dem Begriff der „Tätlichkeit“. Dieser werde in der Rechtssprache als Vorstufe zur Körperverletzung benutzt und setze eine Beeinträchtigung des körperlichen Wohlbefindens voraus. Da dies beim Grapschen oft nicht erfüllt sei, plädierte Müller-Piepenkötter dafür, stattdessen von sexueller Belästigung „durch eine körperliche Berührung“ zu schreiben. Ein geteiltes Echo fand der Vorschlag, die bloße Teilnahme an einer Gruppentat strafbar zu machen, weil hier oft schwer bestimmte Handlungen konkreten Personen zuzuordnen sind. Während beispielsweise der Bamberger Leitende Oberstaatsanwalt Erik Ohlenschlager nachdrücklich dafür plädierte, wies Rabe auf Abgrenzungsprobleme hin, wenn jemand nur unbeteiligt dabeistehe.

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