Mädchenbier

Es ist heiß. Wir hängen bei einem Freund ab, der fragt, was ich trinken will. Ich zögere, weil ich noch Auto fahren muss und sehe neben dem „richtigen“ Bier ein „WeizenMix Kaktus Feige“, also eine Bier/Limonade-Mischung mit der halben Menge Alkohol. Das will ich. Der Freund sagt: „Also ein Mädchenbier!“.

Ein anderer Freund (ca 60 Jahre alt), leicht skeptisch : „Ziemlich vorfeministischer Begriff!“. Eine Freundin (auch ca 60), etwas indigniert: „Ich bin eine Frau und trinke kein Mädchenbier.“ Die Tochter des Gastgebers und ihre gleichaltrige Freundin (27) kichern: „Mädchenbier….lustig!“

Mal angenommen (erstens), die Kommentare seien generationentypisch: Kann es sein, dass die politische Korrektheit von Begriffen eine Halbwertzeit hat, in der sie ihr Entrüstungspotential verlieren?

Weiter angenommen (zweitens), den Begriff (dann nicht für WeizenMix, sondern für etwas äquivalentes, „Radler“)hätte es schon in der vorfeministischen Generation der heute 90-jährigen gegeben und wäre damals ironiefrei verwendet worden: Sind die 27-jährigen unkritisch geworden (Rückfall) oder sind sie emanzipiert, indem sie die  Bewertungen ihrer Eltern belächeln?

Erstens vs zweitens: Haben sich die Begriffe geändert oder die Menschen, die sie benutzen?

23 Gedanken zu “Mädchenbier

  1. Revision: Ich ziehe die letzte Frage zurück. Natürlich ändern sich Begriffe nicht selbst, sondern nur durch ihre Benutzer. Aber die anderen beiden Fragen sind schon Fragen

  2. Bleiben also die beiden Fragen: „Kann es sein, dass die politische Korrektheit von Begriffen eine Halbwertzeit hat, in der sie ihr Entrüstungspotenzial verlieren?“ und „Sind die 27-Jährigen unkritisch geworden (Rückfall) oder sind sie emanzipiert, indem sie die Bewertungen ihrer Eltern belächeln?“
    Die Benutzer ändern sich, die Ansichten über politische Korrektheit ändert sich und das Entrüstungspotenzial ändert sich. Die 27-Jährigen sind nicht unkritisch, sondern lockerer geworden. Heute bzw. von Jüngeren werden keine Dichotomien aufgestellt, da es Ambivalenzen sind, die man aushalten kann. Die abwertende Bedeutung des Begriffs „Mädchen“ oder auch „Mädels“ wäre aktuell mit „Pussy“ auszudrücken. Ohne abwertende Bedeutung werden die Begriffe „Mädchen“ und „Mädels“ als Selbstbezeichnung derzeit auch von „reiferen“ Mädels verwandt.

  3. Wer mit ü60 abhängt (lt. Duden Jugendsprache), darf bestimmt auch Mädchenbier sagen.
    Eine andere Frage, so unter Ex-Mädchen: Mit solchen Mischungen spült man sich vielleicht die Haare, kann man die auch trinken?

  4. Hopfen ist eher in Shampoo für Jungs (so auch Koffein und Guarana). In Shampoo für Mädels sind oft Silikone. Die Marketing-Strategen zielen bewusst auf vermeintliche Gender-Differenzen, damit sich die Konsumenten in ihrer Haut wohl fühlen.

  5. Eine Werbeagentur in 71554 Weissach im Tal vertreibt ein rosafarbenes „Mädchenbier“: http://www.maedchenbier.de/start.htm und dazu passend einen rosafarbenen Bikini, rosafarbene Flip-Flops und ein rosafarbenes Top. Ob das Angebot genutzt wird und von wem, kann bei der Werbeagentur erfragt werden. Ich würde es als demütigend empfinden, solche Sachen zu tragen und ein solches Bier zu trinken (ich gehöre auch nicht zur Zielgruppe). Doch es zeigt die Strategie zur Vermarktung gendergeprägter Produkte (fehlen bloß noch „Mädels-Partys“). Deren Reiz funktioniert manchmal bis zur Pubertät der Kunden, die bei einigen freilich lebenslang dauert.

  6. Was wir hier machen, ist auf Dauer nicht viel befriedigender als Onanie. Wie wäre es, reale Fälle zu lösen? Etwa diesen: Eine Drei-Generationen-Familie wohnt zusammen und spielt das Eltern-Kind-Spiel (die Eltern kommandieren, die Tochter trotzt), wobei die Tochter über 30 und Mutter eines Kindergartenkinds ist. Wie kommen sie aus dieser Falle raus?

  7. @6: Warum meinst Du, dass ein „Spiel“ eine „Falle“ sei? Und: Warum traust Du der Familie nicht zu, dieses Spiel beenden zu können, wenn sie es denn beenden möchte?

  8. @7: Vielen Dank, Herr Würzig.
    Das quälende und vergangenheitsorientierte Eltern-Kind-Spiel ist deshalb eine Falle, weil sich beide Seiten nicht daraus befreien können.
    Das Spiel könnte durch den Auszug der jüngeren Mutter aus der gemeinsamen Wohnung beendet werden, doch das ginge aus finanziellen und organisatorischen Gründen solange nicht, bis ein neuer Ehemann für die jüngere Mutter auftauchen würde, der die ältere Mutter ersetzen könnte.
    Das Spiel könnte auch so beendet werden: Die ältere Mutter müsste ihre Ansprüche an Ordnung und Sauberkeit aufgeben und in das zurückgezogene, anspruchslose „Lotterleben“ ihrer Tochter einsteigen (was sie partout nicht möchte); oder die jüngere Mutter müsste aus ihren Verfolgungsängsten, Allmachtsfantasien, ihrer Kommunikationsverweigerung und aus ihrem Messi-Verhalten aussteigen und in ein „normales“, geregeltes Arbeits- und Familienleben einsteigen, was sie selbst auch möchte, aber leider nicht kann.
    Der Wille, das Spiel zu beenden, ist zwar vorhanden, aber es fehlt die letzte Eskalationsstufe.
    Die bisherigen Folgen des Spiels: Die ältere Mutter leidet seit einem Jahr unter schmerzhaften Lähmungserscheinungen des Bewegungsapparats, nachdem die jüngere Mutter ein Jahr zuvor Symptome einer schizoiden Persönlichkeitsstörung entwickelt hatte und ihr Studium aufgeben musste. Die jüngere Mutter traut sich nicht mehr aus dem Haus und klammert sich an ihr Kind (das ebenso trotzt wie ihre Mutter) und an ihre ältere Mutter, die sich selbst für ihre Schmerzen schuldig fühlt, weil sie ihr Kind (die jüngere Mutter) falsch erzogen habe, so wie diese auch ihr Kind falsch erziehe.
    Als letzte Eskalationsstufen wären denkbar:
    Die Eltern/Großeltern werfen ihr Kind/Enkelkind aus der Wohnung.
    Die jüngere Mutter wird komplett verrückt und kommt in eine geschlossene Anstalt.
    Was schlagen Sie jetzt vor, Herr Würzig?

  9. @8: Bitte verstehen Sie diese fiktive Fallkonstruktion als zugegebenermaßen amateurhaftes Beispiel für eine „familiäre Verstrickung“. Mit scheint, dass die objektiv-rationale Dekonstruktion allein die subjektiv-emotionale Konfusion nicht löst. Nötig wäre eine systemsprengende Irritation dieser überaus stabilen Konstellation. Vielleicht könnten die weltweit berühmten Familientherapeuten der „Heidelberger Schule“ mal aus ihrem Werkzeugkasten plaudern…

  10. Warum sollte ich denn etwas vorschlagen?
    Ich bin fasziniert und voller Bewunderung. Ziehe respektvoll meinen Hut vor so viel Nibelungentreue zum System.
    Intervenieren? Als was? Missionar, Robin Hood, Polizei oder Therapeut ohne Auftrag?
    Es scheint doch o.k. zu sein so wie es ist.
    Jede Leistung, die hier erbracht wird (der Staffellauf der Symptome usw.) ist eine Systemerhaltungsleistung. Da gibt sich doch jeder im System richtig Mühe. Das muss man anerkennen und wertschätzen. Diese Leidensbereitschaft!
    Und wir draußen sind voller Respekt vor so viel Mut, vor so wenig Angst davor, keinen Alternativweg einzuschlagen. Krankheit und Leiden scheint für diese Familie systemerhaltend zu sein: das ist der Kitt, der ein starkes Wirgefühl schafft. Auch eine Mesalliance ist dennoch eine Alliance.
    Grundsätzlich lauern Lösungen für Probleme auf Schritt und Tritt. Viele sind auch hier denkbar. Aber auch Sie scheinen in die immanente Logik des Systems einzusteigen und finden, dass der Alltag mal wieder dagegen ist, etwas zu verändern (und melden deshalb finanzielle oder organisatorische Bedenken an, oder meinen, ein Mann als Retter müsste her für die jüngere Frau usw.).
    O.k., wenn nichts zu machen ist, ist nichts zu machen. Aber bewundern kann man das schon!

  11. Ich dachte, es gilt: Leiden ist leichter als lösen. D.h.: Wenn lösen nicht so schwierig wäre, würde niemand leiden. Aber Sie schreiben erstens: „Grundsätzlich lauern Lösungen für Probleme auf Schritt und Tritt.“ Das ähnelt Münchhausens Kunststück, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Und Sie schreiben zweitens: „O.k., wenn nichts zu machen ist, ist nichts zu machen.“ Das ist eine zynische Selbst-Schuld-Haltung („volle Bewunderung für eine Systemerhaltungsleistung“). Beide Ansätze überzeugen mich nicht davon, dass die systemische Familientherapie wirkungsvolle Interventionen anbieten könnte.
    Was ich eher erwartet hatte: Alle Beteiligten sollten miteinander über ihre Gefühle, Einstellungen, Meinungen und Absichten reden und falls sie Probleme sehen, über Lösungsmöglichkeiten nachdenken. „So in diese Richtung etwa…“

  12. Denkbar wären auch „zirkuläre Fragen“ von einem erfahrenen Berater. An die jüngere Mutter z.B.: „Was wird wohl deine Mutter denken, wenn die Küche wieder nicht aufgeräumt ist und die Kleidung überall auf dem Boden verstreut liegt?“ An die ältere Mutter z.B.: „Wie fühlt sich eigentlich deine Tochter, wenn du sie wie ein unartiges Kleinkind zurechtweist?“ Besser vielleicht weniger suggestiv, aber so ungefähr in diese Richtung…

  13. Hey, die paradoxe Intervention funktioniert doch!
    Plötzlich generierne Sie Lösungen, während Sie davor noch meinten, dass nichts zu machen sei (finanziell, organistorisch, die Mutter zu rigide) bzw. die große „Heidelberger Schule“ um Rat und Tat anriefen.
    Natürlich gibt es an jeder Ecke Lösungen.
    Veränderungen beginnen mit kleinen Entscheidungen, die man allerdings selber treffen muss und die einem niemand abnehmen kann. Z.B. die Entscheidung, einen Auftrag zu formulieren oder sich Hilfe zu suchen.
    Wenn das aber nicht passiert, dann müssten Sie wie Bonifatius als Missionar zu den Heiden gehen. Und riskieren dann, wie er von diesen erschlagen zu werden.

  14. Mal so, mal so. Kommt m.E. immer auf die Motivation des Aussagenden/Kommentators drauf an. Entrüstung(spotential) pass sich ggflls. an. Tipp: Mit über 50 ist das „Mädelsbier“ für „reifere Damen“ aber eindeutig besser verträglich! Rosa Bier wäre aber damals in den 70gern garantiert im Ausguss gelandet….welche will das? Die unkritischen Lillifees? Die soll es ja geben……..

  15. @Siegfried Würzig: Nochmals besten Dank für Ihre Beratungen. Mein Fazit: Der systemische Ansatz stellt einen verhaltenstherapeutischen mit provokativen Methoden dar. Provokationen und Irritationen führen über Selbstreflexionen zu Verhaltenskorrekturen. Das geht im Erfolgsfall schneller als langwierige Lernprogramme, die hauptsächlich auf kognitiv-rationalen Einsichten und Umlernprogrammen beruhen.

  16. @16 Wenn ich unsere Interation richtig verstehe, hat meine „Internventionsunwilligkeit“ bei Ihnen Ärger hervorgekitzelt. Und dieser Ärger hat bei Ihnen zu dem Impuls geführt darauf zu beharren, dass es Lösungswege gibt, z.B. zirkuläres Fragen oder „sozialkompetentes“ Reden miteinander über Gefühle, Bedürfnisse usw. Ja, im Prinzip sind das mögliche, einfache Lösungswege.

    Während Gefühle wie Trauer und Angst eher das Bindungssystem in uns aktivieren, stärken Gefühle wie Genervtheit und Ärger das Selbstbehauptungssystem. Empfinde ich Trauer und Angst, kann ich z.B. als Bewältigungsreaktion des inneren Konflikts auf der Verhaltensebene weinen. Dieses Weinen wird mein Gegenüber (z.B. meinen Partner) höchst wahrscheinlich aktivieren nach dem Motto: „Was, dein Cheff hat dich heute dumm angemacht? Warte nur, den knöpfe ich mir mal vor, dem zeig ich´s!“ Also: Aktivierung des Bindungssystems.

    Das Problem nur: er macht es ja FÜR mich! D.h. ich kann in meiner Unterordnungsorientierheit in Beziehungen verharren (hübsch für den Partner: er kann sich dann mal wieder groß fühlen). Andersrum: wenn jemand auf mein Weinen reagiert nach dem Motto: „Ich bewundere dich dafür, dass Du das ertragen kannst, das könnte ich nicht. Du bist echt stark!“ Dann wird bei mir wohl eher der Impuls aufkommen: „Verdammt, das will ich aber nicht mehr!“ (Aktivierung der Selbstbehauptung.)

    Also: „Runter vom Kreuz, das Holz wird noch gebraucht!“

  17. @18: Wie hält es der „Berater“ aus, immer nur Ärger zu provozieren? Geht das nicht konträr zu seinem „professionellen“ Helferimpuls? Und laufen ihm dann nicht die Klienten weg?

  18. „Ab und zu“ (wenn der Kontext dafür passt), nicht „immer nur“.
    Professionell ist, impulshaftes Verhalten (also eine automatisierte Bewältigungsreaktion) zu vermeiden.

  19. @19: Erstens gibt allein Ulrich Clement die zu behandelnden Themen vor, zweitens geht es hier ausschließlich um „Verkehrsnachrichten“. Sehen Sie daher die Gefahr der Zweckentfremdung oder gar des Missbrauchs? Dann lasse ich davon ab!

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