OMGYes und die Scham

In einem Sexualtherapie-Kurs diskutierten wir über das Portal Omgyes (www.omgyes.com). Es soll dabei helfen, Frauen bei der Entdeckung ihrer sexuellen Leidenschaft zu unterstützen. In VideoClips berichten verschiedene Frauen über ihren Masturbationsstil und demonstrieren ihn. Eine Besonderheit ist, dass man über das Touchpad eine Vulva digital berühren und stimulieren kann und diese darauf auch reagiert. Technisch ziemlich ausgetüftelt.

Eine interessante Diskussion entstand: Für alle Teilnehmer/innen wurde die Demonstration nicht als erregend erlebt, sondern als ästhetisch, aber kühl. Es sei zu positiv, zu eindeutig. Es fehle die Scham, die Hemmung. Würde man den Frauen anmerken, dass sie etwas verlegen sind, sich überwinden müssen, würde das mehr faszinieren. Die „Gegenseite“, die nicht einfach Ja zum Sex sagt, mache das doch erst reizvoll.

Jack Morin’s erotische Gleichung (Erregung = Anziehung + Hindernis) wurde in unserer Diskussion die plausible Erklärung, warum das gradlinige „Mach es dir richtig“ als steril erlebt wurde. Eine sexuelle Dramature braucht eben doch ein (mindestens kleines) Hindernis, das zu überwinden erst reizvoll ist.

5 Gedanken zu “OMGYes und die Scham

  1. Na ja, in einer Gruppe kann Frau sich ja ev. auch sozusagen „ausgebremst“ fühlen. Vielleicht waren die Themen „Scham und Hemmung“ nicht ganz zufällig so präsent (in der Gruppe)? Ich stelle mir vor, wenn ich das alleine anschaue, verbinde ich (je nach Laune) freimütiger sexuelle Fantasien und habe einfach insgesamt weniger Distanz und dann……verbinde ich das mit Experimentierfreude.
    Fazit: das „Gruppenhindernis“ muss weg. Zumindest wahrscheinlich bei mir.

  2. Muss ein solches Portal denn reizvoll sein? Ich verstehe OMGyes sozusagen als pädagogisches Angebot – wenn reizvoll, schön. Wenn nicht, halb so wild. Ästhetisch und lehrreich ist doch auch schon ziemlich gut.
    Technisches Wissen darüber zu vermitteln, wie sich Frau Lust verschaffen kann, finde ich toll – in diesem Fall auch originell – immer noch mutig und bedient den meiner Meinung nach verbreiteten Wunsch nach besserem Verständnis des eigenen Körpers oder eben auch handwerklichem Können. (Ein kleines Hindernis ist hier ist meiner Meinung nach schon da – die zu entrichtende Benutzungsgebühr.)

    Handwerk und Technik ist ist aber nur eine Seite! Viel mehr interessiert mich die, wo Frau lernt, hinzuspüren, die Erregung „willkommen zu heissen“, ihr zu folgen, emotional wie auch wo sie sich im Körper ihren Weg sucht. Bei den eigenen Empfindungen bleiben, nicht auf die (vermeindlichen) Bedürfnisse des Partners zu fokussieren oder in Fantasien abzugleiten, sondern sich trauen, beim (über)mächtigen(den) Erleben zu bleiben und das zu geniessen…welchen Kurs kann man da buchen?

    Dreierlei fällt mir dazu ein:
    – Wie sich eine Freundin aufmacht, erstmals ihre Weiblichkeit und Sexualität zu erforschen und dabei – für sie selbst überraschend – bei einem Tantra-Masseur landet. Danach ist sie so begeistert von der neu erfahrenen Erlebnisdimension, dass ich grün werde vor Neid. 🙂 (Und denke: Das will ich auch!)
    – Gespannt bin ich auf die Zukunft des Sexocorporel-Modells, das nach meinem momentanen Verständnis die Körperwahrnehmung schult. Dass dieser erlebnisorientierte Zugang tatsächlich fester Bestandteil von Sexologie-Ausbildungen geworden ist (z.B. in der Schweiz), finde ich immer wieder überraschend, weil ich doch viel wortwörtliche Berührungsängste und Körperfeindlichkeit wahrzunehmen glaube. Vielleicht tun sich auch durch dieses, ein bisschen ungenau gesagt „pädagogische Konzept“ neue Lernmöglichkeiten auf?
    – Im Zusammenhang mit „Sexualität lernen“ fällt mir immer wieder Siddhartha von Hermann Hesse ein. Der verbringt viel Zeit bei seiner Lehrerin Kamala – zuerst muss er sich aber selber schön machen, Geld verdienen um ihr Geschenke zu bringen etc. Sie lehrt ihn von Grund auf, sich nicht „blindlings und unersättlich in die Lust zu stürzen, sondern dass man Lust nicht nehmen kann, ohne Lust zu geben“…

    Mein Vorschlag zum Thema wäre, ab sofort in höheren Schulklassen obligatorisch, weltweit das neue Fach „Lust lernen“ einzuführen.
    Könnte scheitern.
    An Raum-, Personal- und Geldmangel.

    • Gute Idee. Und nicht nur für die höheren Klassen. Warum nicht so früh wie möglich ein Unterrichtsfach installieren, das sich mit Bedürfnissen beschäftigt: Lernen, das eigene Brauchen, Wollen, Wünschen zu spüren, ernst zu nehmen, Worte dafür zu finden und es im Kontakt mit anderen Menschen deutlich machen können. Von der ersten bis zur letzten Klasse altersangemessen ins Spiralcurriculum einbauen. Gut gemachter Religionsunterricht/Werte&Normen leistet einen Beitrag zu Liebe-Freundschaft-Sexualität, aber das ist ein Tropfen auf dem heißen Stein. Ich würde das Fach dann LLL nennen: Lebenslust lernen, am liebsten lebenslang. Könnte gelingen.

  3. @ “ Lernen, das eigene Brauchen, Wollen, Wünschen zu spüren, ernst zu nehmen,…..“

    Oh, genau das Gegenteil geschieht. Seit 2 Jahren müssen in unserer Schule schon 5. und 6. Klässer 8 Stunden sitzen. Keine Rhythmisierung, keine Bewegung, keine Sportstunde dazwischen, keine Ruhe- oder Rückzugsphase…..
    Danach haben manche noch 2 weitere Stunden Hausaufgaben ……..

    „Beruftätige Mütter brauchen Gefängnisse für ihre Kinder“ Esther Vilar

    Alles wird den ökonomischen und damit Konkurrenz- und Konsumzwängen untergeordnet.
    Nach den Bedürfnissen fragt außer mir niemand…….

    Auf der anderen Seite bin ich nicht der Ansicht, dass zu Liebe/Freundschaft/Sexualität (ich unterrichte dies……) SO viel Versprachlichung und Einmischung sinnvoll ist.
    Die Menschheit hat 7 Mio ohne einen solchen Unterricht evolutionär überlebt. Alles, das Spüren, was dazu hilfreich ist oder nicht, ist in uns nichtsprachlich angelegt.

    Lasst doch mal einen Lebensbereich, bei dem es aufs Erleben, aufs Tun, auf Erfahrung ankommt, „UNPÄDAGOGISIERT“. (Nicht, dass es nicht Beratungsstellen für den, der dies aktiv sucht, geben sollte)

    Lasst doch die Kinder und Jugendliche ein wenig in Ruhe. Wenn die blöden Flipcharts und PP-Prästentationen endlich weg sind, SPÜREN sie und machen Erfahrungen.
    GANZ SELBSTÄNDIG!!

  4. @:“Die „Gegenseite“, die nicht einfach Ja zum Sex sagt, mache das doch erst reizvoll.“

    Also was jetzt!!?? Ich dachte, Nein heißt Nein?? Meint ‚Nein‘ vielleicht doch a bisserl ‚Ja‘ ??

    Fazit: Macht man’s richtig, isses falsch, und macht man’s falsch, isses auch nich richtig. Und: Sex bleibt bis auf Weiteres nach wie vor ein Stochern mit der Gurke im Nebel … nur gelegentlich trifft man ins Schwarze … 😉

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