Praxis der Systemaufstellung 2/15
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Praxis der Systemaufstellung 2/15

18,00 € Bestell-Nr. 2130 Thema: Systemaufstellungen EditorialLiebe Leserinnen und Leser,Bert Hellinger wird im Dezember 2015 neunzig Jahre alt. Seit sich Mitte der 80er- Jahre die systemorientierte Skriptanalyse à la Hellinger in... Weiterlesen

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

Bert Hellinger wird im Dezember 2015 neunzig Jahre alt. Seit sich Mitte der 80er- Jahre die systemorientierte Skriptanalyse à la Hellinger in die „Familienaufstellungen nach Bert Hellinger“ wandelte, sind jetzt etwa 30 Jahre vergangen. In dieser Zeit entwickelte Hellinger seine spezielle Mehrgenerationenperspektive inklusive Methode und theoretische Fragmente. Die von ihm geleiteten Aufstellungen gingen über in die „Bewegungen der Seele“, die wiederum bei ihm vom „geistigen Familienstellen“ abgelöst wurden. So jedenfalls könnte man seinen Weg radikal konzentriert darstellen.

In diesen drei Jahrzehnten hat sich Bert Hellinger wie kein anderer Therapeut in die Karten schauen lassen. Mussten sich Lernende in den Anfangsjahren mit persönlichen Notizen oder Abschriften seiner Vorträge begnügen, begann nach der Veröffentlichung von „Zweierlei Glück“ ein regelrechter Boom. Die dann praktizierten Großveranstaltungen wurden per Video professionell dokumentiert, und etliche Transkripte von Seminaren oder Interviews erschienen als Bücher. Ebenso die Aphorismen, philosophischen Texte, Fallbeispiele, Vorträge und Geschichten Hellingers.

Die Methode, falls man heute überhaupt noch von einer Methode sprechen darf, und ihre theoretischen Überlegungen, meist durch Hellinger selbst als Einsichten in die Welt gebracht, sind auch heute noch in der Diskussion. Bert Hellinger hat in seiner Arbeit mit provokanten Interventionen und Thesen viele Menschen angeregt und aufgeregt, sodass eine gelassene Diskussion seines Werkes noch nicht in Sicht ist. Dazu kommt sein rigoroser persönlicher Lebensweg, der auch Freunde und andere „Freundliche“ manchmal verschreckt oder gar verletzt hat. Auch die größtenteils polemischen Artikel in Zeitschriften oder Sendungen im Fernsehen haben eine nachhaltige Stimmungsmache erzeugt, die eine neutrale Betrachtung der Entwicklung anscheinend noch nicht erlaubt. Das ungeprüft Bewunderte oder Abgelehnte beherrscht noch größtenteils die Szene. Glühende Anhänger auf der einen Seite und auf der anderen Seite Gegner, die sogar zu Rufmord bereit sind, stören erheblich den unbefangenen Umgang mit Bert Hellingers Tun und Denken. Vielleicht sind sein Leben und sein Werk typisch für viele Pioniere in verschiedensten Bereichen.

Wird es uns hier in dieser Ausgabe unserer Zeitschrift gelingen, das Phänomen Hellinger von unterschiedlichen Seiten zu betrachten? Eine persönliche, fachliche und gesellschaftliche Einordnung zu beginnen? Fair, wertschätzend und doch an wichtigen Stellen kritisch? Welche Spuren hat Bert Hellinger hinterlassen, welche Entwicklungen entscheidend mit angestoßen in den unterschiedlichsten Bereichen der psychosozialen, pädagogischen, psychotherapeutischen und psychiatrischen Welt? Was von seinem Tun und Denken ist mittlerweile im alltäglichen Lebensvollzug zu beobachten? War er in wichtigen Überlegungen nicht nur originell, sondern zukunftsweisend? Oder hat er nur zu einer Renaissance der schon bestehenden szenischen Verfahren beigetragen und vieles lediglich übernommen? Und wie wird heute „Aufstellung“ definiert (siehe „Was ist eine Aufstellung?“ S. 107) und weitergedacht: Welche Kriterien sind uns heute für Aus- und Weiterbildung bedeutsam (siehe „Über die handwerklichen Grundlagen - Gedanken zum Curriculum der Weiterbildungen“ S. 124).

Mit diesen Fragen und Intentionen sind Eva Madelung und ich ans Werk gegangen, und wir konnten eine Reihe von namhaften Autoren nicht nur aus der Welt der Aufsteller gewinnen, einen Beitrag zu schreiben. Dabei herausgekommen ist ein buntes Puzzle unterschiedlichster Standpunkte. Die vorliegenden Beiträge, das war unsere Absicht und Hoffnung, sollten einen neuen, aktuelleren Blick auf Bert Hellinger und den Wert der Aufstellungsarbeit ermöglichen. Gleichwohl schiebt sich noch oft der Filter der persönlichen Kritik vor die sachliche und fachliche Würdigung. 

Offensichtlich werfen Gründer, Pioniere und Entdecker lange Schatten in viele Richtungen. Müssen wir Praktiker und interessierten Laien uns wieder und wieder von diesen Schatten beeindrucken lassen, oder lassen sich Wege finden, wie wir persönliches Verhalten, methodisches Vorgehen, theoretische Fragmente, Projektionen und Übertragungsphänomene voneinander trennen, das Wesentliche extrahieren und Weiterführendes nutzen können?

In der Öffentlichkeit hat der Begriff „Familienaufstellung“ Fuß gefasst, selbst in der ZEIT (Nr. 39/2015) durfte einer der neuen Geschäftsführer einer bekannten Firma auf die Frage, wie er denn das vorgefundene Chaos in der Firma in den Griff bekommen hätte, unzensiert antworten: „Die erste Phase war die Familienaufstellung. Die zweite die Restrukturierung und Verschlankung“. Gleichwohl sind die Fachleute im Bereich Beratung und Psychotherapie noch immer sehr vorsichtig damit, sich auf den Gründer und Wegbereiter der Aufstellungsarbeit zu berufen, ihn als Quelle anzugeben, seine wertvolle Arbeit zu bestätigen. Die Angst vor Sanktionen, die Furcht davor, Prestige zu verlieren, scheint noch immer vorhanden zu sein. Selbst bei Personen, die anerkennen, durch ihn und seine Arbeit persönlich große Fortschritte gemacht zu haben, lässt sich beobachten, wie schnell eine Minderung angehängt wird. Doch Hand aufs Herz: Kann man sich die Verbreitung von Aufstellungsarbeit ohne Bert Hellinger vorstellen?

Dieser Geburtstag von Bert Hellinger ist selbstverständlich Anlass genug, um auf das methodisch und theoretisch Neue hinzuweisen, was viele Menschen auf der ganzen Welt als beeindruckend, überraschend, tief greifend und nachhaltig wirkend erfahren durften. Beispielsweise: In welcher Tiefe und Radikalität Kinder mit ihren Eltern, ihrer Familie verbunden sind, dass sie sogar Lebensentwürfe von ausgeschlossenen und vergessenen Personen übernehmen, dass tote Kinder für Geschwister und Eltern wichtig sind, dass verschwiegene frühere Liebesbeziehungen der Eltern für Kinder Folgen haben können. Auch hat Bert Hellinger die Schicksalsverbundenheit von Tätern und Opfern unmissverständlich ins Licht gestellt und daher einen neuen Blick auf kollektives Leid und die Beziehungen zwischen Völkern ermöglicht.

Vorausschauend sind wir uns sicher, dass der Wert der Aufstellungsarbeit nicht auf individuelle, system- und familientherapeutische Diagnostik und Therapie begrenzt bleibt. Doch wie die ursprüngliche Flamme, die aus der ersten Begeisterung entstanden ist, auf Dauer weitergegeben werden kann, ist fraglich, und möglicherweise ist diese Frage unnötig: Etwas Großes, das Leben fördert, das sich im Alltag bewährt, braucht keine Fackel, kein Denkmal, keine Kirche, keine Standarte.

Lieber Bert, herzliche Glückwünsche zum 90sten Geburtstag!

Wilfried De Philippfür die Schriftleitung

DGfS; die „Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen“ ist ein berufsübergreifender Fachverband von Psychotherapeuten, Beratern in psychosozialen Bereichen und Organisationen, Ärzten, Heilpraktikern, Pädagogen und anderen Berufsgruppen, die mit Familienaufstellungen oder allgemeiner mit Systemaufstellungen arbeiten.

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