24 Jahre Carl-Auer Verlag – 113 Jahre Carl Auer
Carl Auer, Namensgeber des Carl-Auer Verlags und Lebemann mit zweifelhaftem Ruf, feierte vor kurzem (wahrscheinlich) seinen 109. Geburtstag. Vor einigen Jahren hat sich das – nach eigener Einschätzung – letzte Genie der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts in London niedergelassen. Der Schweizer Journalist Tom Kummer hat Carl Auer in seinem Altersdomizil besucht.
„Mein Charakter gleicht manchmal einer ganz miesen Gegend …“
Tom Kummer im Gespräch mit Carl Auer
Seine Londoner Souterrainwohnung ist durch Scherengitter vor den Fenstern gesichert. Er öffnet die zwölf Schlösser und Riegel der Haustür, nachdem er sich durch eines der Gitter von der Identität des Besuchers hat überzeugen lassen.
Sein Gesicht erzählt von durchwachten Nächten. Vier tiefe Falten beherrschen die Stirn — man würde nur drei erwarten. Besuch erduldet er mit abseitigem Humor und einem sein Alter kontrastierenden kindischen Kichern. Er raucht Kette, und während er spricht, schwenkt er hingebungsvoll das Eis im Whiskeyglas. Immer noch „Jim Beam“, das nennt er Treue.
Wer ist dieser Mann? Das verkannteste Genie der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts? Ein Großmaul, ein Frauenheld? Ein Vamp oder eine Frau auf der Suche nach sich selbst?
Herr Auer, wovor fürchten Sie sich eigentlich?
Vor Idioten. Im vergangenen Jahr habe ich sieben Eindringlinge aus meiner Wohnung schaffen und die Fenster vergittern müssen.
Sie sind also Ihr eigener Sheriff?
Ich weiß, wie man mit Idioten umgeht.
Sie haben die Angewohnheit, brennende Zigaretten in Ihrer Hand auszudrücken. Warum tun Sie das?
Ich bin Existentialist, manchmal langweilt mich das Leben.
Wenn Sie von Langeweile sprechen, meinen Sie dann die „heilige Langeweile des genuinen Künstlers“?
Sie haben es erfasst. Langeweile fördert meine Schaffenskraft. Es gibt nach meiner Erkenntnis drei Arten von Langeweile: die überdrüssige Langeweile des Erwerbsspießers, die an nichts verzweifelt, die existentielle Langeweile, die am Nichts verzweifelt, und die schöpferische Langeweile, die manchmal aus dem Nichts, manchmal aber auch aus nichts Kunst entstehen lässt. Den beiden Letzteren fühle ich mich verbunden wie mit sonst nichts.
Ihre Attitüden erinnern aber weiterhin an Zeiten, als ein richtiger Mann noch saufen, rauchen und sich prügeln musste. Sie trinken immer noch Unmengen „Jim Beam“, bis Sie öffentlich in Bierflaschen pinkeln, weil Sie den Weg zur Toilette nicht mehr schaffen. Verstehen Sie dieses Benehmen weiterhin als Rebellion oder haben Sie ganz einfach den Anschluss an die Gegenwart verloren?
Ich bin überzeugt, dass die beste Zeit des letzten Jahrhunderts die fünfziger Jahre waren. Aus ihnen ziehe ich meine Kraft, meine Inspiration. Die meisten systemischen Denkansätze stammen aus dieser Zeit. Die Zeit hat wohl eher den Anschluss an mich verloren.
Sie meinen die Macy-Konferenzen?
Zum Beispiel. Diese Stimmung zwischen Todessehnsucht und Verachtung für jede Orthodoxie, vor allem der einzelnen Fachidiotien. Das gibt es heute nicht mehr. Das Paradox war, dass man die Todessehnsucht brauchte, um ohne Angst vor sozialer Vernichtung lebendig, das heißt frei, sein zu können, und gegen die toten Wahrheiten der Mehrheit denken und kreativ sein zu können.
Herr Auer, eigentlich verkörpern Sie den materialisierten Zeitgeist fast perfekt: Die Wirklichkeit verliert sich — auch und gerade durch Ihr Werk beflügelt — in der Simulation und der Körperkult ist die konsequente Reaktion darauf. Haben Sie darin den Sinn des Lebens gefunden?
Ich habe zwar keine Ahnung, wovon Sie sprechen, aber eines weiß ich: Ich muss nicht unbedingt nach einem Sinn des Lebens suchen, um glücklich zu sein. Mit meinen bald 110 Jahren bin natürlich so etwas wie ein Symbol dafür geworden, dass man mit zunehmendem Alter nicht unbedingt verblöden muss. Entscheidend für mein Wohlbefinden sind aktives Entspannen und mentales Training. Shiatsu und Yoga. Akupressur löst Verspannungen und Schmerzen und stärkt die körpereigenen Abwehrstoffe. In den letzten Monaten habe ich in meinem Körper unzählige Energiepunkte entdeckt. Das ist wunderbar. Werden diese Punkte gedrückt oder erwärmt, dann stimuliere ich die dazugehörigen Organe. Beim Yoga habe ich eine gezielte Atemtechnik entwickelt, damit Seele und Körper miteinander harmonisieren. Man muss sich nur selbst finden, dann fühlt man sich fit.
Im Widerspruch zu diesem Körperbewusstsein steht Ihr Whiskeykonsum. Und als Sie vor Jahren mittellos in New York auftauchten, haben Ihnen Heidelberger Kollegen einen Job an einem familientherapeutischen Institut verschafft. Man hat aber aus dieser Zeit nichts über Ihre Arbeit erfahren. Außer Kalender- und ab und an gar nicht so blöden Postkartensprüchen haben Sie aber kreativ nicht viel Neues vorzuweisen.
Soll ich deswegen auf die Knie fallen? Und was haben Sie gegen coole Postkartensprüche? Mit dem Alter kommt die Fähigkeit zur Prägnanz, und außerdem ist manch Großmaul in meinem Alter schon geraume Zeit tot.
Was bedeutet für Sie „cool“?
„Cool“ war und ist die Kunst der Widersprüche.
Es kann bedeuten, alt, erfolgreich und gleichzeitig rebellisch zu sein. Es kann bedeuten, dass man sich selbst für extrem künstlich und konstruiert hält und diese Fiktionalität gnadenlos auf die Außenwelt projiziert. Dabei ist man ständig erregt und gleichzeitig respektlos unterkühlt; diszipliniert und chaotisch, hellwach und zehntausend Lichtjahre entfernt. Man verschleudert extreme Mengen an Energie. Aber Coolness fordert ihren Preis. Cool bedeutet einen stummen und gleichzeitig entfesselten Sinn fürs Dramatische. Es steht für gnadenlose Aggressivität und einen Charme, der Katzen zum Jaulen bringt.
Waren Sie vor Ihrem Abtauchen beleidigt, dass man Ihnen keinen größeren Respekt für Ihre Leistungen entgegenbrachte?
Ach was! Ich steckte in einer Krise, wie die ganze westliche Welt in dieser Zeit, die vollgestopft ist mit Außenseitern, mit Ignoranz, Hass und Ressentiments. Ich habe mich in meinem Glamour, meinem akuten Narzissmus und im amerikanischen Traum verrannt. Statt zu entspannen, habe ich mich öffentlich für tot erklärt und bin untergetaucht. Es gab da eine innere Stimme, die mir sagte, dass es nichts Schlimmeres auf der Welt gibt, als nicht der zu sein, der man ist. Unter diese Position mischte sich dann noch eine gute Portion Egoismus, das streite ich gar nicht ab.
Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der mit Hunden so leidenschaftlich spielt wie Sie. Was flüstern Sie Ihren Hunden immer wieder zart ins Ohr?
Das hat mir meine Mutter beigebracht. Du musst deinen Hunden erzählen, worum es geht.
Sie erzählen Ihren Hunden Geschichten? Um was geht’s denn da?
Nicht nur Hunden. Der Inhalt ist nicht wichtig.
Dann ist also alles, was Sie mit Ihrer Stimme verbreiten, bloß Dichtung?
Was denn sonst?! Mich interessiert nicht die Wahrheit, ich inszeniere meine Wahrheit.
Was bewunderten Sie an Ihrer Mutter?
Alles. Meine Mutter wusste alles über Treue, Ehrlichkeit und Respekt. Als junger Typ hatte ich mal eine Schusswunde, und meine Mutter hat mich gepflegt. Sie verbrannte die alten Verbände und sagte: „Das Feuer ist eine reinigende Macht.“ Meine Mutter hatte für alle Schicksalsschläge die passende Wahrheit parat.
Welche Kindheitserlebnisse haben Sie am stärksten geprägt?
Schwierige Frage, aber interessant. Als junges Mädchen in Wien war der Kontakt mit der Freud-Familie wohl entscheidend. Da saß ich und habe gelauscht. Aber das hat mein Sohn Edgar ja ausführlich in der Öffentlichkeit breit getreten. Ich will darüber nicht weiter sprechen. Und wenn Ihnen das nicht passt, dann können Sie mich mal.
Können Sie uns erklären, was Ihre wahre Qualität ist?
Beim Rauchen kann ich mindestens sieben Ringe blasen, das schafft selbst Lucky Luke nicht.
Was ist Ihre größte Leistung?
Was ich sage, hat Bedeutung, und die muss man sich erschnüffeln.
Ihre wahre Biographie zu erkennen ist für Außenstehende ziemlich unmöglich. Das Mysteriöse gehört zu Ihnen wie dieses nach Lavendel riechende Rasierwasser, das Sie heute tragen ...
Hat mir ein Freund aus Äthiopien mitgebracht. Vertreibt die Fliegen.
Hier sind keine Fliegen.
Es wirkt.
Was ängstigt Carl Auer?
Mein Charakter gleicht manchmal einer ganz miesen Gegend in Los Angeles. Und die Vernunft sagt mir dann, ich solle dort nicht allein hingehen.
Mehr über Carl Auer erfahren Sie hier!
Oder in den Auszügen zur Festschrift zu Ehren Carl Auers: Geist or Ghost