Neuerscheinung: „Chillen unterm Sorgenbaum – Chronische Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen. Ein verhaltens- und hypnotherapeutisches Behandlungsmanual“
Andrea Kaindl fasst ihre langjährige Praxiserfahrung als Psychologin und Hypnotherapeutin zu einem hoch innovativen Methodenansatz zur Behandlung chronisch schmerzkranker Kinder zusammen
27.06.2017

Andrea Kaindl über ihr neues Buch „Chillen unterm Sorgenbaum"

Die Psychologin und Hypnotherapeutin Andrea Kaindl ist seit langem in der Schmerztherapie von Kindern und Jugendlichen erfolgreich tätig. Sie hat ihre innovative therapeutische Methode jetzt in einem Buch zusammengefasst. „Chillen unterm Sorgenbaum – Chronische Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen. Ein verhaltens- und hypnotherapeutisches Behandlungsmanual“ erscheint im September 2017. Lesen Sie hier, was uns die Autorin über ihr Buch und ihre Arbeit mit chronisch schmerzkranken Kindern und Jugendlichen berichtet:

Carl-Auer:
Kopf- und Bauchschmerzen gehören zu den häufigsten Schmerzformen, unter denen Kinder und Jugendliche leiden. Mitunter können sie trotz einer differenzierten somatischen Diagnostik nicht erklärt werden. Was hat Sie auf die Idee gebracht, hypnotherapeutische Interventionen für diese Patientengruppe zu entwickeln? Ab welcher Altersgruppe empfehlen Sie die Arbeit mit Hypnotherapie?

Andrea Kaindl: Die Hypnotherapie ist eine wunderbare Methode, Zugang zu oft unbewussten Bedürfnissen zu erhalten, die sich über körperliche Symptome äußern. So können Ressourcen aktiviert und hilfreiche Veränderungen initiiert werden, die weit über eine bloße „Stressbewältigung“ hinausgehen. Zudem gibt es gute wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit hypnotherapeutischer Techniken bei der Behandlung chronischer Schmerzen. Dies und meine persönliche Begeisterung für die Hypnotherapie haben schließlich zur Formulierung meines Konzepts geführt. Hypnotherapie kann schon bei Kindergartenkindern erfolgreich eingesetzt werden, am besten ab dem Grundschulalter.

Carl-Auer: Bei durch Schmerzen verursachtem Vermeidungs- und Rückzugsverhalten handelt es sich häufig um psychisch-mentale Prozesse. Sie sprechen von dysfunktionaler Kognition. Welche hypnotischen Interventionen setzen Sie in der Schmerztherapie mit Kindern und Jugendlichen ein, um diesen Tendenzen entgegenzuwirken? Was kommt in Frage: Dissoziation, Assoziation oder symbolische Techniken wie Reframing?

Andrea Kaindl: Die angesprochenen dysfunktionalen Kognitionen bei chronischen Schmerzen haben meist mit einer geringen Selbstwirksamkeit im Umgang mit Anforderungen, Belastungen und auch den Schmerzen zu tun. Durch den hypnosystemischen Ansatz und die genannten hypnotherapeutischen Interventionen wird das Vertrauen in den Körper und die eigenen Fähigkeiten gestärkt. Die Kinder und Jugendlichen lernen, wie sie selbst gut für sich und ihren Körper sorgen können. Damit werden sie fitter in der Bewältigung von Stress, was wiederum ihren Selbstwert und das Gefühl der Selbstwirksamkeit fördert.

Carl-Auer: Sie unterscheiden klar zwischen symptomorientierten und problemorientierten Techniken. Können Sie diesen Unterschied an einem Beispiel erläutern?

Andrea Kaindl: Eine 13-jährige Schülerin bekommt regelmäßig am Morgen vor Prüfungen Spannungskopfschmerzen. Symptomorientierte Techniken helfen ihr, den Schmerz zu lindern oder so zu kontrollieren, dass sie die Prüfung konzentriert mitschreiben kann. Mit Hilfe problemorientierter Techniken lernt sie einen gedeihlicheren Umgang mit den Leistungsanforderungen, die an sie von der Schule, von der Familie oder von ihr selbst gestellt werden.

Carl-Auer: Typisch für die Hypnotherapie ist die Arbeit mit Narrationen und Metaphern. Für Ihre Patientengruppe haben Sie ein sehr plastisches Bild entwickelt: Das Schmerztor. Was symbolisiert es und wie legt die Arbeit mit dieser Metapher den verschütteten Weg zu den eigenen Ressourcen wieder frei?

Andrea Kaindl: Das Schmerztor ist ein Modell für die komplexen Prozesse der Schmerzentstehung und –aufrechterhaltung im Zentralnervensystem. Mit Hilfe dieses Modells können sehr einfach die psychologischen Einflüsse auf den Schmerz und deren Rolle bei der Chronifizierung erklärt werden. Damit wird den betroffenen Kindern und ihren Eltern eine Distanzierung vom Schmerzproblem ermöglicht und erste hilfreiche Maßnahmen können schon während der Psycho-Edukation entwickelt werden.

Carl-Auer: Ein Ziel Ihrer Arbeit ist es, Kinder und Jugendliche zum „Freundschaft-Schließen mit dem eigenen Körper“ zu ermutigen. Wie können Eltern und Angehörige diesen Prozess unterstützen?

Andrea Kaindl: Viele schmerzgeplagte Kinder und Jugendliche erleben ihren Körper aufgrund der Schmerzen und der daraus resultierenden Beeinträchtigungen als feindlich. Sie lernen, wieder Vertrauen in die Signale des Körpers zu haben und auf diese achtsam zu hören. Eltern und Angehörige sollten den Betroffenen dann auch genügend Raum und Zeit zur Verfügung stellen für den aktiven Stressausgleich,  zum „Chillen“ sowie für andere wohltuende Erfahrungen.

Carl-Auer: „Chillen unterm Sorgenbaum“ ist ein  verhaltens- und hypnotherapeutisches Fachbuch. Enthält es auch Tipps und Informationen für Eltern und Angehörige und würden Sie auch dieser Lesergruppe Ihr Buch empfehlen?

Andrea Kaindl: „Chillen unter dem Sorgenbaum“ ist zwar ein Fachbuch, Eltern und Lehrer können aber auch und besonders vom ersten Teil des Buches profitieren, in dem ich die bio-psycho-sozialen Zusammenhänge der häufigsten kindlichen Schmerzstörungen darstelle. Auch die Formulierung des hypnosystemischen Ansatzes, einige Techniken und die Literaturtipps am Ende des Buches können hilfreich sein. Zur Zeit arbeite ich an einem Elternratgeber zum Manual, der dann in der Form eines Arbeitsbuches eine echte Unterstützung für betroffene Familien bilden wird, ohne Fachkenntnisse voraus zu setzen.

Carl-Auer: In der Schmerztherapie, etwa in der Zahnmedizin oder in der Geburtshilfe, sind  hypnotherapeutische Methoden schon etabliert. Worin sehen Sie Potenziale für die Hypnotherapie in der Pädiatrie? Sind Kinder nach Ihrer Erfahrung besonders empfänglich für hyponotherapeutische Interventionen?

Andrea Kaindl: Beim Spielen, Malen oder Geschichten hören gehen Kinder in ihrem Alltag immer wieder spontan in Trance. Dieser Zustand ist ihnen also vertraut und kann gut therapeutisch genutzt werden. In den letzten zehn Jahren sind mehrere Aufsätze erschienen, die den hilfreichen Einsatz von Hypnotherapie in der Pädiatrie belegen (u.a. bei ängstigenden oder schmerzenden Eingriffen oder zur Kontrolle von Nebenwirkungen in der Onkologie). 

Danke für das ausführliche Gespräch.

Jetzt vorbestellen:
Andrea Kaindl: „Chillen unterm Sorgenbaum – Chronische Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen. Ein verhaltens- und hypnotherapeutisches Behandlungsmanual“