Neuigkeiten

Den Esel am Schwanz ziehen

Über die heilsame Wirkung gezielter Provokation - ein Gespräch mit E. Noni Höfner und Charlotte Cordes

Interview: Winfried Kretschmer

Provokation heißt Brüskierung, Herausforderung, Konfrontation. Und will meist verletzen. Aber es gibt auch eine andere Form des Provozierens: die Provokation als Augenöffner, als Anstoß zur Veränderung, als wohlmeinender Tritt in den Hintern. Um diese empathische Form geht es in unserem Gespräch. Und nicht zuletzt auch darum, warum Appelle an die Einsicht meist für die Katz sind: Weil nur eine emotionale Umorientierung zu neuem Verhalten, neuem Denken, neuem Fühlen führt. Provokation, darum geht es in unserem Interview. Aber nicht nur. Das Gespräch gelangt schließlich an einen interessanten Punkt: die Grenzen unserer Sprache, wenn es um das Verhältnis von Rationalität und Emotionalität geht. Eine Entscheidung treffen, das klingt sehr rational. Etwas spüren wiederum ist emotional belegt. Rational oder emotional aber gibt es nicht in Reinform. Bei beidem spielt stets das jeweils andere mit hinein. Das gilt es zu berücksichtigen, wenn Veränderung angestrebt wird. Lange Zeit suchte man, Veränderung über Einsicht zu erreichen. Über die rationale Seite. Weil aber Entscheidungen immer emotional unterfüttert sind, bringt der Appell an die Vernunft nur wenig. "Erst eine emotionale Umorientierung führt zu neuem Verhalten, neuem Denken, neuem Fühlen", sagen unsere Interviewpartnerinnen. Und damit ist das Gespräch wieder bei seinem Thema: Die Provokation spricht beides an, die rationale und die emotionale Ebene. E. Noni Höfner und Charlotte Cordes, Mutter und Tochter und beide promoviert, leiten gemeinsam das Deutsche Institut für Provokative Therapie (DIP) in München. Die Provokative Therapie wurde vom US-amerikanischen Psychotherapeuten Frank Farrelly (1931-2013) entwickelt. E. Noni Höfner und ihr Team haben dem Provokativen Ansatz im deutschsprachigen Raum zu einer weiten Verbreitung verholfen und wollen provokative Werkzeuge in unterschiedlichen Bereichen anwendbar machen.

Frau Höfner, Frau Cordes, Ihre Einstiegsfrage in einer Sitzung lautet: "Worum geht es?" Wollen wir mit dieser Frage beginnen?

Höfner: Beim Provokativen Ansatz geht es um eine Lebenshaltung. Es ist keine Technik, keine Masche, sondern eine Grundeinstellung dem Klienten gegenüber. Und die breitet sich auf das ganze Leben aus.

Was zeichnet diese Haltung aus?

Höfner: Die Grundhaltung ist, dass man sich und seine eigenen Stolpersteine, seine fixen Ideen und Spinnereien - die wir ja alle haben, auch wenn wir meinen, davor gefeit zu sein - nicht so gnadenlos ernst nimmt. Sondern sich über sich selber amüsieren kann, wenn man irgendwo feststeckt. Das ist sehr heilsam, auch für das eigene Leben als Berater oder Therapeut.

Cordes: Wir haben ein Kürzel dafür, das heißt: "LKW", das "Liebevolle Karikieren des Weltbildes" der Klienten. Wir steigen ein in ihr Weltbild, und zwar dort, wo die Klienten sich selbst ein Bein stellen. Die Klienten kommen mit einem Problem. Man merkt, sie stecken fest. Wir versuchen dann, sie so weit zu bringen, dass sie darüber lachen können. Wir karikieren also diese selbstschädigenden Verhaltensweisen, machen sie riesengroß, entwerfen die idiotischsten Bilder dazu und versuchen so, die Klienten zum Lachen zu bringen. Die wichtigste Grundlage für provokative Interventionen ist das "L", das Liebevolle. Wir trauen jedem Klienten zu, dass er selbst wieder aus seiner Problemlage herauskommt. Wenn wir das nicht können, dann sollten wir nicht provokativ werden. Denn dann wird es zynisch, ironisch, vorführend, verletzend.

Dieser Glaube an das Potenzial zur Veränderung ist das Entscheidende?

Höfner: Ich bin felsenfest überzeugt davon, dass jeder sich ändern kann, bis er oder sie ins Grab fährt. Wenn jemand feststeckt, dann ist ihm meist der Humor total abhandengekommen. Wenn es nun gelingt, dem Klienten die Absurdität seiner Einseitigkeit aufzuzeigen, und er beginnt, darüber zu lachen, dann kann er nicht mehr in derselben Weise einseitig reagieren. Es eröffnen sich Verhaltens-, Denk- und Gefühlsmöglichkeiten, die bisher nicht da oder verschüttet waren. Epiktet, der alte Grieche, hat schon gewusst: Wenn sich die Verhältnisse nicht ändern lassen, muss man seine Einstellung dazu ändern. Das beginnt damit, dass man lernt, sich selbst zu relativieren.

Sie trennen zwischen der verbalen und nonverbalen Ebene. Indem Sie nonverbal empathisch sind, können Sie verbal provokativ werden?

Cordes: Ja, genau. Nonverbal sind wir zutrauend, wohlwollend und empathisch. Verbal machen wir das genaue Gegenteil. Wir sind unverschämt, wir sagen dem Klienten: Nein, du bist zu alt, zu jung oder zu blond oder zu doof oder zu klein oder zu dick, um dich noch zu ändern. Das tun wir, um Widerstand gegen die selbstschädigenden Verhaltensweisen zu provozieren.

Höfner: Je radikaler man die eine Seite übertreibt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Klient zu widersprechen beginnt. Wir schießen in den Busch und schauen, ob ein Hase herausspringt. Wir behaupten Dinge und sehen an der Reaktion, ob wir damit richtigliegen. Liegen wir richtig, machen wir weiter und übertreiben heftig. Das Übertreiben ist wichtig, weil der Klient sonst glauben könnte, wir meinen wirklich, was wir da sagen. So versuchen wir, herauszukitzeln, was die Klienten denken und fühlen und warum sie sich selbstschädigend verhalten.

Cordes: Wir holen also die finstersten Gedanken hervor, von denen wir glauben, dass der Klient sie über sich selber denkt oder schon einmal gedacht haben könnte.

Erzählen Sie uns ein Beispiel?

Cordes: Nehmen wir ein Coaching, in dem es um einen für den Coachingklienten nervigen Mitarbeiter geht. In der Regel denkt so ein Klient nicht höflich: "Dieser Mitarbeiter ist aber nicht so nett." Stattdessen denkt er politisch inkorrekt und global, zum Beispiel "Ich finde den total scheiße!" Oder: "Er ist ein solcher Kotzbrocken!" Oder: "So ein Riesenidiot!!!!!" Diese Gedanken, von denen wir glauben, dass der Klient sie denkt, greifen wir auf. Wir sagen dann etwa: "Sie haben vollkommen recht. Dieser Kollege ist das Allerletzte. Er ist unmöglich. An ihm lassen sich überhaupt keine positiven Seiten finden!" Nach ausreichender Übertreibung entsteht ein Widerstand gegen unsere Pauschalbehauptungen, die wir natürlich nicht so meinen (wir kennen den besagten Mitarbeiter ja nicht). Die Provokation lenkt quasi automatisch die Aufmerksamkeit in eine andere Richtung, und der Klient beginnt - vielleicht zum ersten Mal seit Langem -, die Stärken und Fähigkeiten des für ihn so nervigen Mitarbeiters aufzuzählen. Er sagt dann vielleicht: "Moment mal, so schlimm ist er gar nicht. Er kann das und das und das …!" Das funktioniert oft wie Magie und begeistert uns immer wieder. Wenn ein Klient trotz Provokationen einen solchen Mitarbeiter immer noch durch und durch nervig findet, haben wir entweder noch nicht genug übertrieben oder der Klient merkt, dass er diesen Mitarbeiter tatsächlich nicht mehr aushält. Auf jeden Fall hilft es dem Klienten bei der Entscheidungsfindung, was er selbst eigentlich denkt, fühlt und will.

Höfner: Der Widerstand des Klienten gegen die weisen Einsichten des Therapeuten gilt in allen Therapieformen als Problem. Wir versuchen, gezielt Widerstand hervorzurufen - aber nicht gegen den Therapeuten, Berater oder Coach, sondern gegen die eigenen Selbstschädigungen und Stolpersteine.

Sie provozieren so lange, bis sich beim Klienten Widerspruch regt und er in der Lage ist, das Positive zu identifizieren?

Höfner: Ja. Und das funktioniert auch in Eheberatungen. Wenn zum Beispiel eine Frau kommt und über ihren Mann nur noch schimpft. Dann geben wir der Klientin mehr recht, als ihr lieb ist: "Der muss ja grauenvoll sein! Wo um Himmels Willen haben Sie diesen Unmenschen gefunden? Warum haben Sie den bloß geheiratet?" Manchmal muss man wirklich sehr übertreiben. Dann aber fängt die Klientin an, Positives über ihn zu sagen. Und das verändert ihre Haltung viel drastischer, als wenn wir betonen würden, was der für ein toller Typ ist.

Cordes: Wir werden pauschal und global, um den Klienten dazu zu bringen, zu differenzieren und nicht nur eine Seite - die negative - zu sehen. Wenn wir als Berater versuchen, zu differenzieren - "Überleg doch mal, der hat doch auch positive Seiten, es ist doch nicht alles so schlecht!" -, dann werden die Klienten immer pauschaler und negativer, weil sie denken, wir hätten sie noch nicht richtig verstanden. Aber wenn wir es umdrehen und das Gegenteil von dem sagen, was wir denken - das ist wichtig, und das können wir nicht oft genug wiederholen -, wenn wir den Klienten also mehr recht geben, als ihnen lieb ist, und dabei noch globaler werden als die Klienten - "Er ist völlig unmöglich! Er ist das Allerletzte! Das ist wirklich die schlimmste Sorte, die Sie da erwischt haben!" -, dann fangen sie an, zu sortieren. Dann lachen sie, dann grübeln sie, dann sind sie manchmal kurz in Trance, also irgendwo in ihren inneren Suchvorgängen, und wenn sie aus denen wieder auftauchen, sind sie viel stärker emotional beteiligt, als wenn wir ihnen wie einem lahmen Gaul gut zureden würden.

Und Angst zu verletzen haben Sie nicht?

Cordes: Nein. Wenn das "L" stimmt, wenn man diese nonverbal wohlwollende Haltung einnimmt, dann passiert das nicht.

Höfner: Den meisten Coaches, auch ausgebufften Profis, ist gar nicht bewusst, wie sehr sie dem Klienten gegenüber eine Schonhaltung einnehmen. Frank Farrelly hat die Provokative Therapie in den 1960er-Jahren in einer psychiatrischen Klinik bei der Arbeit mit chronisch Schizophrenen und Manisch-Depressiven entwickelt. In diesem Umfeld ist die Schonhaltung noch ausgeprägter. Farrelly ist klar geworden, dass diese Schonhaltung den Klienten überhaupt nicht hilft. Wenn wir den Klienten nichts zutrauen, werden sie immer ängstlicher. Trauen wir ihnen aber etwas zu, dann weckt das schlummernde Kräfte. Dass diese Kräfte vorhanden sind, ist die Grundüberzeugung beim Provokativen. Das ist das "L" in LKW: "Ich weiß, du kannst das. Du schaffst das. Du bist mündig. Du bist stark. Du kannst das ändern, wenn du willst. Du kannst aufhören mit diesem Wahnsinn." Das ist die Haltung, die dahintersteckt. Sagen tun wir was anderes.

Als ich die Protokolle im Buch gelesen habe, dachte ich: Oh je, hoffentlich geht da nicht mal jemand aus der Sitzung raus und springt von der Brücke.

Höfner: Es ist nicht verletzend, wenn ich diese liebevolle Grundhaltung habe. Deswegen muss ich mich ständig immer wieder selbst kontrollieren: Mag ich den Klienten noch und traue ich ihm etwas zu? Bei uns ist übrigens noch niemand von der Brücke gesprungen. Es ist auch eine ziemliche Überschätzung der Macht des Beraters, wenn man glaubt, dass man einem Klienten mit ein paar prägnanten Äußerungen etwas derart Drastisches einreden könnte, wenn es nicht vorher schon da war.

Gibt es Probleme, für die sich das Provokative nicht eignet?

Cordes: An den Problemen liegt es nicht. Es liegt allein beim Anwender, beim Coach oder Therapeuten, ob man es machen kann oder nicht. Wenn ich selbst eine Beißhemmung habe, also Angst davor, den Klienten zu verletzen, dann bin ich zu vorsichtig. Wenn ich das gleiche Problem habe wie mein Gegenüber, dann wird mir nichts einfallen, weil ich an derselben Stelle feststecke und nicht relativieren kann. Wenn das Thema zu weit weg ist, ich also überhaupt nicht verstehe, wovon dieser Klient spricht, dann geht es auch nicht, weil ich dann in sein Weltbild nicht einsteigen kann. Und wenn das "L" fehlt, also das Liebevolle, Wohlwollende, dann funktioniert es auch nicht, weil der Klient die Austernschale zumacht. Das sind die einzigen vier Kontraindikationen, bei denen es nicht funktioniert.

Höfner: … und ich kann nur noch mal betonen: Sie liegen alle im Anwender, nicht im Problem. Es gibt kein Problem, das man nicht provokativ angehen kann, solange die eben aufgeführten Kontraindikationen nicht zutreffen.

Lässt sich der Provokative Ansatz über die Therapie hinaus in anderen Kontexten anwenden, in Meetings, in Arbeitssituationen, für die Veränderung von Organisationen?

Cordes: Durchaus. Wir machen viele Trainings und Coachings mit Führungskräften, mit Mediatoren oder bei Team-Supervisionen. Aber es sollte in jedem Fall zielfrei sein. Wenn ein Chef möchte, dass sein Mitarbeiter anders wird, dann funktioniert der Provokative Ansatz nicht, denn der Mitarbeiter durchschaut sehr schnell, was der Chef da macht, und wehrt sich gegen die Manipulation. Die Haltung muss sein: Ich will ihn oder sie befähigen, aus einer Sackgasse zu kommen - was er oder sie damit macht, ob er oder sie sich befreit oder lieber in der Sackgasse bleibt, ist seine oder ihre Entscheidung.

Höfner: Leider verstehen manche das Provokative nur als Konfrontation, als aggressives Rangehen. Das ist es überhaupt nicht.

Cordes: Es soll schon zur Sache gehen, aber eben ohne jemanden auszulachen und zu verletzen. Wir geben den Klienten einen liebevollen Tritt in den Hintern, um sie in Bewegung zu setzen. Wir lachen nichts weg. Wir nehmen jedes Problem ernst. Wir setzen nur da an, wo die Klienten ihre Probleme als Entschuldigung nehmen, um bestimmte Sachen nicht mehr machen zu können. Dann, wenn sie ihr Problem instrumentalisieren, um kein zufriedenes und glückliches Leben mehr führen zu können.

Konfrontativ, das ist das herkömmliche Verständnis von Provokation: Brüskierung, Herausforderung, Reizung.

Höfner: Ja. Uns ist ganz, ganz wichtig, dass bei uns Provokation nicht Aggression bedeutet, sondern eine Herausforderung, sich weiterzuentwickeln. Und zwar auf die wertschätzendste Weise, die vorstellbar ist! Wir trauen den Klienten viel zu. Sie haben viel mehr Ressourcen, als sie selbst wissen. Und daran glauben wir und versuchen, sie wieder dorthin zu führen. Für Führungskräfte ist aber die Versuchung groß, ihre Mitarbeiter durch Provokationen zu manipulieren.

Cordes: Wir sagen immer: Wenn ihr ein Ziel habt, zu dem ihr den Mitarbeiter hin entwickeln wollt, dann funktioniert es nicht. Ihr könnt niemand anderen ändern, wenn der nicht will. Ihr könnt nur an eurer eigenen Haltung arbeiten. Findet ihr noch ein "L", also das Liebevolle beim anderen? Wenn nicht, werdet bitte nicht provokativ!

Der Provokative Ansatz ist nicht konfrontativ, nicht zielorientiert und er ist keine Technik?

Höfner: So stimmt das nicht. Der Provokative Ansatz konfrontiert den Klienten sehr wohl auf humorvolle und wertschätzende Weise mit seinen selbst gemachten Stolpersteinen, er ist ziel- und lösungsorientiert, wobei Ziel und Lösung und nicht vorgegeben werden und ausschließlich Sache des Klienten sind. Cordes: Aber es ist kein Zehn-Punkte-Plan, keine instrumentelle Anleitung. Wir haben versucht, diesen hochkomplexen Ansatz in Tools aufzuspalten, aber in der Anwendung fließen die alle ineinander.

Höfner: Die Tools sind eigentlich Vorschläge für die praktische Arbeit. Zum Beispiel Zukunftsszenarien: Beschreib den Klienten, wie er sein wird, wenn er doppelt so alt ist und seine Verhaltensmuster beibehalten hat, und übertreibe das dann. Oder: Gib dem Klienten mehr recht, als ihm lieb ist. Das sind zwei Tools.

Welche Tools gibt es noch, die Sie anwenden?

Cordes: Ein Basis-Tool, das wir meist ganz am Anfang in Seminaren vermitteln, ist: "Begeistere dich für das Symptom" - oder: "Zieh den Esel am Schwanz." Dazu gibt es eine schöne Geschichte. Milton H. Erickson, der bekannte amerikanische Psychologe und Hypnotherapeut, hat als Kind angeblich beobachtet, wie sein Vater versucht hat, einen Esel am Halfter in den Stall zu ziehen. Der Esel aber hat sich mit allen vier Füßen dagegengestemmt und wollte nicht hinein. Der kleine Milton hat das gesehen - und hat den Esel am Schwanz gezogen. Und der ist schnurstracks in den Stall gesprungen. Genau das machen wir, wenn wir provokativ werden. Wir sagen zum Klienten: "Das ist toll, mach weiter so!" Und zählen alle Vorteile auf, die es hat, wenn der Klient sein Verhalten aufrechterhält.

Höfner: Das ist der sogenannte sekundäre Krankheitsgewinn, den fast alle Klienten haben. Das bedeutet, dass es immer irgendeinen Vorteil gibt, den die Klienten von ihrem selbstschädigenden Verhalten haben, auch wenn es meistens nur der Trostpreis ist. Wir übertreiben diese Vorteile des sekundären Krankheitsgewinns. Anschließend nennen wir die Nachteile, spielen sie aber herunter: "Das spielt doch keine Rolle; die Vorteile sind so viel gewaltiger als alle Nachteile! Also mach weiter so!" Das erzeugt Widerstand raus aus der Sackgasse.

Cordes: Ein anderes Tool ist: Wir geben idiotische Lösungen vor. Also keine geradlinigen Ratschläge, sondern nur bekloppte. Auch das, um die eigene Lösungsfindung des Klienten anzuregen. Und wir arbeiten ganz viel mit Bildern. Höfner: … Bilder können sowohl Tiere sein als auch ganze Storys. Bilder bleiben haften. Wir arbeiten auch viel mit Metaphern. Bloß sind unsere Metaphern nicht geradlinig, sondern mit vielen absurden Schlenkern und Schnörkeln ausgestattet.

Gibt es noch was? Ohne die Technik überbetonen zu wollen?

Cordes: Offensichtliches ansprechen. Etwas behaupten, statt zu fragen. Global werden …

Höfner: … Stereotype verwenden. Oder Pingpong: Wenn ein Klient vor einem Entscheidungsproblem steht, vertritt man ganz vehement die eine Seite. Und plädiert zwei Minuten später ebenso vehement für genau die gegenteilige Alternative. So springt man ständig hin und her und spielt Pingpong. Erstaunlicherweise weiß der Klient manchmal schon nach zehn Minuten plötzlich, was er will. Aber in der konkreten Arbeit fließt das alles ineinander: Wir spielen Pingpong, malen Bilder, verwenden Zukunftsszenarien, ziehen den Esel am Schwanz und spielen den Klienten oft ganze Szenen vor.

Passiert das vorausgeplant oder spontan?

Cordes: Ich spiele seit über 20 Jahren Improvisationstheater. Wenn man da plant, verliert man den Mitspieler aus den Augen. Wir spielen die ganze Zeit mit den Angeboten, die vom Gegenüber kommen, und machen daraus etwas. Genau so ist es beim Provokativen Ansatz.

Höfner: Voraussetzung dafür ist zum einen die genannte positive Grundhaltung. Und zum anderen eine extrem wache Wahrnehmung dafür, was der Klient einem anbietet, und zwar verbal und nonverbal. Man achtet auf jedes Zucken im Gesicht und reagiert sofort: "Aha, was ich gerade gesagt habe, finden Sie richtig daneben." Man greift alles auf, jongliert damit und hangelt sich an der Reaktion des Klienten wieder weiter. Meistens endet man ganz woanders, als man am Anfang war. Deswegen gibt es auch keine Zielvorgabe am Anfang.

Ist das vielleicht eine Erklärung für die Wirkung: dass der Klient das Gefühl hat, da hört jemand wirklich zu? Der Coach ist absolut präsent und nimmt alles auf, was ich sage?

Cordes: Wir sind komplett beim Klienten. Wir trauen ihm zu, aus seiner Problemsituation herauszukommen. Und gleichzeitig kommen wir ganz schnell nah heran an die Emotionen. Das ist keine kopfgesteuerte Geschichte, bei der man meint, man habe verstanden, sich dann aber doch nichts ändert. Durch diese absurden Bilder werden die Emotionen ganz unmittelbar angesprochen. Und dann passiert etwas. Und das meist sehr schnell.

Höfner: Wir wissen inzwischen aus der Forschung, dass wirklich wichtige Entscheidungen primär emotional getroffen werden. Nur schminken wir dann eine rationale Erklärung darüber, weil wir Menschen uns so viel einbilden auf unser Großhirn. Wenn beim Klienten eine emotionale Umentscheidung stattfindet, dann ist die ungeheuer nachhaltig. Manchmal schon nach einer einzigen Beratungsstunde.

Cordes: Wenn man die Klienten nach einer Sitzung fragt, wie es ihnen geht und was sie damit machen, dann sagen die meisten: "Boah, ich bin jetzt gerade total verwirrt." Das festgefahrene System ist also in Verwirrung geraten, und das ist gut! Vier oder fünf Wochen später kommt dann oft eine Mail (manchmal auch erst nach ein paar Monaten): "Das hat so nachgewirkt. Ich habe das und das geändert. Vielen Dank!"

Höfner: Ich habe im Studium in den 1960er-Jahren noch gelernt, man müsse Einsicht produzieren. Aber Einsicht bringt überhaupt nichts, wenn nicht die Emotion dabei ist. Wenn wir davon sprechen, es müsse eine Entscheidung getroffen werden, dann klingt das ungeheuer rational. Aber erst eine emotionale Umorientierung führt zu neuem Verhalten, neuem Denken, neuem Fühlen und so weiter.

Sie schreiben, Sie möchten den Klienten an den Schultern packen, um ihm den Blick in eine andere Richtung zu ermöglichen.

Höfner: Wenn jemand feststeckt, ist es so, als würde er in einem Zimmer stehen, den Blick in die Ecke gerichtet. Er denkt: "Hier geht es nicht weiter." Da geben wir ihm recht, sagen aber: "Das ist super, jetzt weißt du wenigstens, wo du bist. Hier wartet keine Überraschung. Du musst keine Risiken eingehen, du musst nichts Neues machen. Starr weiter an die Wand! Dreh dich ja nicht um, es ist gefährlich, es ist anstrengend!" Der Effekt: Der Klient linst erst mal kurz über die Schulter, dreht sich dann vielleicht um und merkt: "Hoppla, da sind ja Türen!" Fixierung, Feigheit und Faulheit sind Wachstumsbremsen. Fixierung bedeutet, festzustecken in einem bestimmten Selbstbild. Ich bin eine Depression, ich bin eine Panikattacke auf zwei Beinen …

Cordes: …und deswegen kann ich das und das nicht machen …

Höfner: …und dann wird alles, was dieser Person passiert, unter diesem Label eingeordnet, und alles vermieden, was dieses Selbstverständnis, diese Identität stört. So sind viele Klienten. Nicht nur psychisch Kranke, sondern auch Führungskräfte oder Menschen mit "normalen" Alltagsproblemen. Unsere Wachstumsbremsen hindern uns. Die Feigheit: Jede Art von Veränderung ist ein Risiko, und deswegen tut man es lieber nicht. Und die Faulheit: Es kostet Kraft, man muss Energie investieren. Das muss ich nicht, wenn ich weiterhin in die Ecke starre.

Cordes: Manche Klienten kommen und sagen: "Hier ist mein Problem, repariere das, aber ich will mich nicht verändern." Das funktioniert leider nicht. Höfner: Der Provokative Ansatz ist ein Musterbruch. Nicht nur für den Klienten, sondern auch für den Therapeuten, Coach, Mediator, für die Führungskraft, für den Lehrer. Alle sind gezwungen, über den Tellerrand zu gucken.

Das scheint überhaupt ein zentraler Punkt zu sein: Neue Perspektiven zu gewinnen, neue Blickrichtungen, neue Sichtachsen legen.

Höfner: Ja, aber das sind alles Worte, die bei uns mit Rationalem belegt sind. Doch es geht um die Emotionen. Die emotionale Energie, die ein Klient aufwendet, um seine Symptomatik oder seine Stolpersteine aufrechtzuerhalten, wird umgelenkt in einen emotionalen Willen zur Veränderung.

Cordes: Und dann kann rational was passieren.

Höfner: Und auch wenn Klienten nicht rational damit umgehen, wenn sie nicht rational erklären können, warum sie sich geändert haben, geschieht etwas: Indem sie etwas anders machen, haben sie neue Erlebnisse und fühlen sich damit wohler.

Cordes: Wenn man in etwas drinsteckt und nicht weiterkommt, und kann dann auf einmal die eigene Situation als eine Art absurdes Theater von außen betrachten, gewinnt man ein Stück Freiheit. Das kann manchmal sauschwer sein, aber es lohnt sich.

Höfner: Wenn jemand einen großen Leidensdruck verspürt, weil er sich selbst immer wieder in für ihn ausweglose Situationen manövriert, dann kann man ihm helfen, eben nicht in der Ecke zu stehen und an die Wand zu starren, sondern aktiv zu werden. Etwas Neues auszuprobieren.

Was ist eine gute Provokation?

Cordes: Es ist eine, die sitzt. Die etwas Emotionales auslöst.

Höfner: Wenn der Klient …

Cordes: … dabei bleibt.

Höfner: Wenn er positiv reagiert. Und nicht schreiend den Raum verlässt.

Cordes: Wenn er nicht verletzt ist dadurch.

Höfner: Wenn ich das "L" berücksichtigt habe. Wenn ich merke, dass der Klient verwirrt ist. Das ist ein Ziel. Eine gute Provokation ist eine, bei der der Klient wirklich in seinen Stolpersteinen und seinen fixen Ideen erschüttert wird. Dann habe ich was getroffen.

Cordes: Überrasch ihn oder sie … Höfner: … und versuche, dabei Ressourcen emotional anzusprechen und auszulösen, die bisher geschlummert haben.

Das Emotionale ist entscheidend? Ein Perspektivwechsel funktioniert nur, wenn er mit einer emotionalen Komponente verbunden ist?

Höfner: Genau. Es geht darum, dass der Klient spüren kann: Ich habe bisher emotional vom Bauch raus reagiert mit "Ach du Scheiße", und jetzt reagiere ich mit "Ui!". Also zu merken: Das klingt spannend, da fühle ich mich wohler. Wie beim Münzwurf …

Cordes: … wenn man eine Münze wirft, um sich die Entscheidung abnehmen zu lassen, und dann merkt, dass man über das Ergebnis enttäuscht ist oder sich freut. Dann weiß man schon besser, was man will. Höfner: Das Sortieren findet emotional statt. Unsere Sprache ist so rational, dass wir die Worte, die wir dafür emotional brauchen würden, gar nicht haben. Spüren alleine ist es auch nicht, sondern da ist durchaus auch der Verstand mit eingeschaltet. Aber die emotionale Unterfütterung ist eben das Entscheidende dabei.

Und diese emotionale Unterfütterung gilt es hervorzuholen?

Höfner: Genau. Ich versuche, die emotionale Beteiligung, die emotionale Energie, mit der der Klient bisher seine Symptomatik füttert, umzulenken in den emotional geladenen Willen zur Veränderung.

Cordes: Ich hatte letztens einen Schüler. So 16 Jahre alt und ein bisschen schüchtern. Die Mutter brachte ihn zur "Reparatur". Das passiert sehr häufig. Ich fragte: "Um was geht es denn?" Da sagte er: "Ich bin jetzt schon beim fünften Therapeuten. Aber ich will auch mal was alleine entscheiden. Ich habe keine Lust mehr!" Dann habe ich gesagt: "Aber deine Mutter ist besorgt um dich! Du kannst nicht gegen deine Mutter aufbegehren! Du musst immer machen, was Mutti sagt!" Da fing er an zu weinen und sagte: "Doch, ich kann das auch alleine!" Ich habe ihn weiter provoziert, als klein und schwach dargestellt. Und er wurde immer energetischer im Lauf der Stunde.

Höfner: Wir wecken Energien, könnte man sagen. Eine gelungene provokative Sitzung ist, wenn emotionale Energien in eine weniger selbstschädigende Richtung gelenkt werden. Das ist vielleicht eine passende Definition.