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Ein Nachruf auf Bert Hellinger von Gunthard Weber

Von drei KollegInnen wurde ich 1973 in der Psychiatrischen Universitätsklinik in Heidelberg unabhängig voneinander gefragt: Warst Du schon einmal bei Bert Hellinger? Er war damals ein Geheimtipp in der Psychotherapieszene, und ich hatte noch nichts von ihm gehört. Ich besuchte daraufhin 1975 und 1977 mit Gewinn in Ainring zwei Wochenseminare bei ihm. 1978 kam er zu einem Multiple Family Therapy Workshop, den ich in Schriesheim veranstaltete.

In seiner Arbeit war er damals an der Gruppendynamik orientiert, die er in den sechziger Jahren im Zululand in Südafrika kennengelernt hatte, an der Skriptanalyse der TA nach Eric Berne und an der Primärtherapie von Arthur Janov. Anfang der achtziger Jahre begann er, angeregt durch die Arbeit von Thea Schönfelder, mit Familienskulpturen sein Familienstellen zu experimentieren. Es war ein Privileg, das miterleben zu dürfen.

Da sich Bert Hellinger intensiv mit vielen Psychotherapiemethoden befasst hatte, gingen ganz unterschiedliche Elemente und Einsichten in diese innovative szenische Arbeit mit ein, und er wandte sie bald neben der Psychotherapie, Beratung und Selbsterfahrung in vielen anderen Bereichen an, wie z.B. in der Pädagogik, der Medizin, der Psychiatrie oder in der Unternehmensberatung.

Durch die Veröffentlichung des Buchs Zweierlei Glück. Das Familienstellen Bert Hellingers im Carl-Auer Verlag (1993, damals noch mit dem Untertitel Die systemische Psychotherapie Bert Hellingers), erfuhr der Ansatz in erstaunlich kurzer Zeit eine enorme Verbreitung und wird heute auf allen Kontinenten gelehrt und angewendet. Das Buch wurde in 22 Sprachen übersetzt.

Es gab es auch Jahre, in denen Bert Hellingers Arbeit besonders in Deutschland auf der einen Seite emphatisch begrüßt, aber auf der anderen auch heftig angegriffen und abgewertet wurde. Der Carl-Auer Verlag hat viele seiner erfolgreichen Bücher und seiner Videos herausgegeben und verdankt ihm dadurch auch Entwicklungsimpulse, und er trug, besonders durch die vielen englischsprachigen Bücher von Bert Hellinger, die er veröffentlicht hat, viel zu dessen internationalen Rezeption bei. Die Bücher seines Spätwerks, das er zusammen mit seiner zweiten Frau Sophie Hellinger entwickelte und das sie Lebenshilfe und Neues Familienstellen nannten, erlebe ich zu weiten Teilen eher als eine Art Heilerarbeit. Auch diese Ausprägung hat ihren festen Platz in der Welt gefunden. Die Bücher dazu haben sie überwiegend im Eigenverlag herausgegeben.

Am 19. September 2019 ist Bert Hellinger nun sanft entschlafen. Ich fühle eine tiefe Dankbarkeit ihm gegenüber. Wir haben viele Jahre vertrauensvoll und freundschaftlich zusammengearbeitet und er hat meine berufliche Arbeit und auch meine privaten Beziehungen sehr bereichert. Das klassische Familienstellen ist in den letzten 20 Jahren der zentrale Ansatz geworden, mit dem ich so gerne und intensiv gearbeitet habe, und das ist und bleibt ein großes Geschenk.

Gunthard Weber