Michael E. Harrer ist u. a. Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin. Er hat Ausbildungen in Katathym imaginativer Psychotherapie, Hypnosepsychotherapie und Hakomi durchlaufen.
„Hypnose und Achtsamkeit – Zwei Schwestern auf dem Tandem“ ist im Mai 2018 erschienen!
Mit der Katathym imaginativen Psychotherapie beschäftigt sich eingehend Harald Ullmann in „Einführung in die Katathym Imaginative Psychotherapie (KIP)“
15.05.2018

Sieben Fragen an Michael E. Harrer

Von Michael E. Harrer ist soeben „Hypnose und Achtsamkeit – Zwei Schwestern auf dem Tandem“ erschienen. Wir haben den Autor nach seinem Verständnis von Achtsamkeit und der ungewöhnlichen Kombination von Achtsamkeit und Hypnose gefragt, die er in seinem Buch als therapeutisches Konzept vorstellt. 

Herr Harrer, beginnen wir doch mit einer einfachen Frage: „So geht Achtsamkeit!“ titelte neulich das Manager Magazin. Können Sie uns sagen, wie Achtsamkeit geht?

Achtsamkeit ist etwas Einfaches, wobei es oft gar nicht einfach ist, achtsam zu sein. Im Grunde geht es darum, all das beiseite zu lassen, was uns daran hindert, die Welt in jedem Moment so wahrzunehmen und zu akzeptieren, wie sie ist. Oft verhindern Bilder, die wir uns machen, den unmittelbaren Kontakt auch mit uns selbst. Oft sind wir außer uns, arbeiten nur mehr Todo-Listen ab und sind im Kampf- oder Fluchtmodus.

Der andere Stichwortgeber Ihres neuen Buches ist die Hypnose und das Phänomen, mit dem sie arbeitet: die Trance. Was ist eine therapeutische Trance? 

Trancen sind jedem Menschen bekannt: Wenn wir ein Buch lesen oder fernsehen ist unserer Aufmerksamkeit so absorbiert, dass wir alles rundherum vergessen. In Problemtrancen hypnotisieren wir uns selbst, indem wir uns von angstmachenden oder depressionsauslösenden inneren Bildern oder Gedanken beherrschen lassen. In therapeutischen Trancen stellen wir uns vor, wie wir uns fühlen, wenn Probleme gelöst sind und welche Schritte wir dorthin gehen. Oder wir gewinnen Abstand von unheilsamen Erinnerungen, indem wir sie aus sicherer Entfernung auf einem inneren Bildschirm betrachten.

Wie sind Sie auf die eigentümliche „Dialektik“ von Trance und Achtsamkeit gestoßen, und wie würden Sie das Zusammenwirken dieser ebenso antagonistischen wie verwandten Bewusstseinszustände beschreiben? 

Ich kam über die Körperpsychotherapie und die Hakomi-Methode zur Achtsamkeit. Auf den Punkt gebracht hilft uns die Hypnose, unsere Problemtrancen durch Lösungstrancen zu ersetzen, neue Verhaltensmöglichkeiten zu erarbeiten und zu automatisieren. Die Achtsamkeit wirkt als De-Hypnose, indem sie uns hilft, unwillkürliche Muster zu unterbrechen, aus Problemtrancen „aufzuwachen“, einfach zu sein und angemessen zu handeln.

Wenn Sie vom „inneren Beobachter“ sprechen, was meinen Sie mit dieser Metapher? 

Der „innere Beobachter“ meint jenen Zustand, aus dem heraus man innere Vorgänge wie Gefühle und Gedanken sehr wohl differenziert wahrnimmt, sie zugleich aber wohlwollend beobachtet, ohne sich mit ihnen zu identifizieren und sich von ihnen beherrschen zu lassen.

Bei welchen Störungsbildern entfaltet das Zusammenspiel von Achtsamkeit und Trancen besondere Wirksamkeit?

Bei allen Störungsbildern, bei denen man in der Therapie darauf abzielt, zu verändern, was wir verändern können und Gelassenheit gegenüber all jenem zu kultivieren, was wir nicht verändern können. Das sind stressbedingte Störungsbilder oder Krankheiten, die Stress verursachen – wie Burnout und Depression, Angst, Schlafstörungen, Sucht, Schmerz, Traumafolgen und chronische körperliche Erkrankungen. 

Ein Kapitel ihres Buches beschäftigt sich mit den Grenzen dieses therapeutischen Ansatzes. Wo ziehen Sie die Linie?

Hypnose benötigt Vertrauen in den Therapeuten und das eigene Unbewusste. Voraussetzungen für Achtsamkeit sind ein Interesse für sich selbst und die Welt, Wachheit, Offenheit, die Bereitschaft, zu üben und Ausdauer.

Sie haben vorhin gut therapierbare Störungsbilder benannt, welche therapeutischen Methoden oder Schulen eigen sich für die Integration Ihres Ansatzes besonders gut? 

Das Konzept bereichert die moderne Verhaltenstherapie, die schon einzelne Elemente der Achtsamkeit integriert hat, ebenso wie humanistische Verfahren. Die Komponente der Selbsterforschung ergänzt jedes einsichtsorientierte Vorgehen. Auch bei vielen Formen der Teilearbeit bietet sich das achtsame und nicht identifizierte Beobachten von Persönlichkeitsanteilen im Alltag an. 

Carl-Auer.Literaturtipps:
Michael E. Harrer:  „Hypnose und Achtsamkeit – Zwei Schwestern auf dem Tandem“ 
Harald Ullmann: „Einführung in die Katathym Imaginative Psychotherapie (KIP)“