AfD/Lübcke

„(…) Was können Sie also tun, wenn wieder mal kein Schwein guckt und Sie und Ihre Anliegen nicht zur Kenntnis genommen werden?

Dem Missstand lässt sich relativ einfach abhelfen. Es gibt eine unfehlbare, zu 100 Prozent erfolgreiche Methode, die Aufmerksamkeit auch des verächtlichsten Kommunikations- oder ignorantesten Kontaktverweigerers zu erhalten: Fügen Sie ihm Schmerz zu, einen Schaden. Nutzen Sie ihre Möglichkeit zur Aggression. Das heißt nicht unbedingt, dass Sie Gewalt anwenden müssen, obwohl dies letztlich die ultimative Form ist, Aufmerksamkeit zu erhalten. In früheren Zeiten haben Eltern ihre Kinder verprügelt, wenn sie ihnen nicht gehorchten, nicht auf sie hörten (man achte auf die Begriffe »gehorchen« und »auf jemanden hören«, die nicht zufällig auf sinnliche Wahrnehmung bzw. die verweigerte Kommunikation verweisen). Wenn Sie jemandem, der Sie ignoriert, vor das Schienbein treten, wird er Sie wahrnehmen. Wenn Sie die körperliche und seelische Gesundheit oder gar die Existenz eines Menschen – physisch oder ökonomisch – bedrohen, dann muss er in die Kommunikation einsteigen und kann Sie nicht ignorieren.

Dies ist eine Kommunikationsstrategie, die seit Jahrhunderten sehr erfolgreich von Terroristen aller Art praktiziert wird. Aber Sie wollen ja wahrscheinlich nicht zum Terroristen gestempelt werden. Das sollte Sie aber nicht von der strategischen Nutzung ihres aggressiven Potenzials – der deutlich demonstrierten Wut – abhalten. Sie sind schließlich in einem Kampf um Geltung und Wirkmächtigkeit. Da Sie den Rahmen zivilisierten Verhaltens nicht dauerhaft verlassen dürfen, wenn Sie eine breite Gefolgschaft auch in bürgerlichen Kreisen finden wollen, dürfen Sie sich nicht selbst an Gewalttätigkeiten beteiligen. Es reicht in der Regel, wenn Sie eine aggressive Sprache wählen und öffentlich Aussagen tätigen, die als wütend erlebt werden. Sie können und dürfen sich auch ungeniert zu Gewaltphantasien bekennen oder hypothetisch kriegerische Szenarien durchspielen. Solange Sie die nicht in die Tat umsetzen, sind Sie auf der sicheren Seite: Man kann Ihnen nicht strafrechtlich an die Karre fahren, da Sie nichts Verbotenes getan haben. Aber gleichzeitig ernten Sie die unerhörte Aufmerksamkeit der Presse und Ihrer Gegner. Die können Sie dann beide wiederum nach Herzenslust angreifen und beschimpfen oder abwerten. So bleiben Sie im Gespräch.

(…)

Wenn es im zeitlichen Zusammenhang mit einer Ihrer Reden oder einem Interview zu Gewalttaten kommt (wenn, zum Beispiel, Fluchtlingsheime abgefackelt, dunkelhäutige Menschen durch die Straßen gejagt, afghanischen Restaurants die Scheiben eingeworfen werden usw.), so rudern Sie auf keinen Fall zurück, sondern behaupten Sie ungeniert, dass Sie missverstanden worden wären. Denn es stimmt ja, dass immer der Empfänger die Hoheit über die Deutung Ihrer Worte hat. Sie wissen ja genau, dass Sie das nie und nimmer so gemeint haben, wie diese eigentlich ja guten Patrioten es falsch verstanden haben.

(…)

Irgendwann können Sie dann auch direkt zur Gewalt aufrufen, und der Aufschrei derer, die sich moralisch empören (»Gutmenschen«), wird niemanden mehr hinter dem Ofen hervorholen können.“

Aus: F.B. Simon: Anleitung zum Populismus oder: Ergreifen Sie die Macht! (S.26/27 und 29/30)