Agorazein

In dem 1983 erschienen Buch von Luciano De Crescenzo „Geschichte der griechischen Philosophie“ steht, dass es im Griechischen ein Wort gäbe, dass nicht einfach in andere Sprachen zu übersetzen sei, das aber das Wesen des Griechentums – von der die europäische Kultur prägenden Antike bis heute – am besten illustriert: agorazein.

Es „bedeutet: ‚auf den Markt gehen und hören, was es Neues gibt‘ – also reden, kaufen, verkaufen und seine Freunde treffen; es bedeutet aber auch, ohne genaue Vorstellungen aus dem Haus zu gehen, sich in der Sonne herumzutreiben, bis es Zeit ist zum Mittagessen, oder so lange zu trödeln, bis man Teil eines menschlichen Magmas aus Gesten, Blicken und Geräuschen geworden ist. Agorazonta, das Partizip dieses Verbs, bezeichnet die Fortbewegungsart dessen, der sich dem agorazein hingibt. Er schlendert, die Hände auf dem Rücken, ziellos dahin, wobei er fast nie eine gerade Strecke verfolgt. […] Nun, dieser Gewohnheit des Umherwandelns in südlichen Gefilden verdankt die griechische Philosophie sehr viel.“

Der Autor fährt dann später fort: „Tatsache ist, dass diese Athener nichts Produktives machten: sie gingen spazieren, schwatzten über Gott und die Welt, aber dass sie einmal einen Finger gerührt und etwas Praktisches zum Verkaufen oder Gebrauchen gergestellt hätte, keine Rede davon! Aber vergessen wir nicht, dass Athen damals 20.000 Bürger hatte, auf die die stolze Zahl von 200.000 Individuen zweiter Klasse, nämlich Sklaven und Metöken, kamen. Genug Leute also, die die Arbeit machten und das Ganze in Gang hielten.“ (S. 10/11)

Dieses Agorazein ist m.E. die einzig angemessene Lebensweise für einen kultivierten Menschen. Dass jetzt alle auf den Griechen herumhacken, ist ein Beleg dafür, dass die Sklaven ihre Lebensweise zur Norm erheben. Anders als bei den bisherigen Revolutionen versuchen nicht die Individuen zweiter Klasse den Lebensstandard der Menschen der ersten Klasse zu übernehmen, sondern es wird gefordert, dass alle wie die Sklaven leben…

8 Gedanken zu “Agorazein”

  1. Zudem eine urchristliche Forderung:
    ἐμβλέψατε εἰς τὰ πετεινὰ τοῦ οὐρανοῦ ὅτι οὐ σπείρουσιν οὐδὲ θερίζουσιν οὐδὲ συνάγουσιν εἰς ἀποθήκας καὶ ὁ πατὴρ ὑμῶν ὁ οὐράνιος τρέφει αὐτά· οὐχ ὑμεῖς μᾶλλον διαφέρετε αὐτῶν

  2. @1. Ich „spreche“ einmal für die kleine Minderheit, die des (Alt-)Griechischen nicht mächtig ist, die Bitte an „es“ aus, den Beweis der Gelehrsamkeit auf den Punkt zu bringen und die urchristliche Forderung in einer deutschen Übersetzung folgen zu lassen. Schließlich soll der Blog der Kommunikation und nicht allein der Demonstration dienen. Ich ziehe schon mal meinen Hut. So viel Ehre muss sein!

  3. Trifft einen Teil des modernen Kongressbuchhandels – der allerdings für seine sklavischen (sprich: einfach körperarbeitlichen) Selbst-Anteile auch sorgen muss. Die beiden Anteile und alle anderen stehen aber in gegenseitigem Dienstleistungsverhältnis. Guter Effekt: Erfahrung vieler Markt-Anteile an eigenem Leib und Geist. Gelebte Forschung.

  4. Ein allzu bekannter ostdeutscher NLP-trainer gab mal zum Besten;
    Er war bei einem Schamanen auf Madagaskar.
    Der Medizinmann stellte ihn den jungen Männern im Stamm ob seiner vielen Persönlichkeitszustände als Beispiel hin.
    Im internen Dialog kam es zur Frage, ob denn eine solcher differenzierte Persönlichkeit wirklich etwas Gutes sei, subjektivem Erleben nach habe er ziemlich viel Trouble.
    Nein, so eine vielgliederige Persönlichkeit sei nicht unbedingt etwas Gutes.
    Weshalb der Schamane ihn denn dann den jungen Männern als beispielhaft vorgestellt habe?
    Sie, die jungen Männer haben zu wenig Persönlichkeitsanteile, er hingegen habe zu viele.
    Letztlich ist es wohl wie in einer Firma, man sollte nicht mehr Leute einstellen, als man schon integrieren kann.

  5. Es könnte einem glatt Nietzsche einfallen:
    „Die Geburt der Tragoedie“ Kapitel 15: Fast jede Zeit und Bildungsstufe hat einmal sich mit tiefem Missmuthe von den Griechen zu befreien gesucht, weil Angesichts derselben alles Selbstgeleistete, scheinbar völlig Originelle, und recht aufrichtig Bewunderte plötzlich Farbe und Leben zu verlieren schien und zur misslungenen Copie, ja zur Caricatur zusammenschrumpfte. Und so bricht immer von Neuem einmal der herzliche Ingrimm gegen jenes anmaassliche Völkchen hervor das sich erkühnte, alles Nichteinheimische für alle Zeiten als „barbarisch“ zu bezeichnen: wer sind jene, fragt man sich, die, obschon sie nur einen ephemeren historischen Glanz, nur lächerlich engbegrenzte Institutionen, nur eine zweifelhafte Tüchtigkeit der Sitte aufzuweisen haben und sogar mit hässlichen Lastern gekennzeichnet sind, doch die Würde und Sonderstellung unter den Völkern in Anspruch nehmen, die dem Genius unter der Masse zukommt? Leider war man nicht so glücklich den Schierlingsbecher zu finden, mit dem ein solches Wesen einfach abgethan werden konnte: denn alles Gift, das Neid, Verläumdung und Ingrimm in sich erzeugten, reichte nicht hin, jene selbstgenugsame Herrlichkeit zu vernichten. Und so schämt und fürchtet man sich vor den Griechen; es sei denn, dass Einer die Wahrheit über alles achte und so sich auch diese Wahrheit einzugestehn wage, dass die Griechen unsere und jegliche Cultur als Wagenlenker in den Händen haben, dass aber fase immer Wagen und Pferde von zu geringem Stoffe und der Glorie ihrer Führer unangemessen sind, die dann es für einen Scherz erachten, ein solches Gespann in den Abgrund zu jagen: über den sie selbst, mit dem Sprunge des Achilles, hinwegsetzen.

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