Besinnungslosigkeit

Nach einem Zwischenstopp auf der Rückfahrt, endlich zu Hause. Anruf: Ein guter Bekannter ist in der Stadt, will vorbeikommen und von seinen Forschungen in Arunachal Pradesh (Heilrituale) erzählen. Er kommt und erzählt…

Telefongespräch mit meiner Mutter: „Das Problem ist, dass ich einfach zu lange lebe!“ „So ein Quatsch, wenn das der Fall wäre, hätten wir dich schon längst töten lassen!“ Das beruhigt sie – zumindest lacht sie…

Jetzt sitze ich endlich vor dem Fernseher und stelle fest, dass die Olympischen Spiele begonnen haben. Ich war so in Aktion, dass ich sie (inklusive zweier Goldmedaillen) verpasst habe. Überhaupt: das ist nicht mein Lebensrhythmus… Obwohl ich es auch immer mal wieder genießen kann, wenn es nicht zu oft passiert.

Die Kehrwoche hat sich ja in all den Monaten zu einem Ort entwickelt, an dem Reflexion stattfindet. Und das ist es, was ich eigentlich auch tun wollte. Aber offensichtlich kann man nicht herumwirbeln, agieren, der Macher sein, und gleichzeitig reflektieren. Entweder/oder. Ich kann es jedenfalls nicht. Deswegen hat es auch nur zum Witze erzählen gereicht (obwohl ich finde, die Sammlung der Selbstbezüglichkeitsstorys sollte fortgesetzt werden). Entweder ich bin Akteur, begebe mich auf das Spielfeld und versuche mitzuspielen, Tore zu schießen usw., oder ich bleibe in der Außenperspektive dessen, der reflektiert. Beides gleichzeitig ist nicht zu bewältigen (wenigstens nicht von mir). Was bleibt ist die Oszillation. In den letzten Tagen gab es einige Punkte, wo ich dachte: Das ist ein interessantes Thema, darüber sollte ich nachdenken. Aber bevor ich mir auch nur ein Knoten in das imaginäre Taschentuch machen konnte, war ich schon weiter, und jetzt habe ich nicht mal mehr eine Ahnung, worum es dabei ging.

Es scheint ein Paradox zu sein, dass diese Art des In-action-Seins offensichtlich mit Bewusstlosigkeit verbunden ist. Das Bewusstsein ist nur ereignishaft an der Aktion beteiligt, und wenn der Moment vorbei ist, ist alles vergessen.

Wahrscheinlich wäre der Begriff Besinnungslosigkeit noch passender. Man besinnt sich nicht… Die deutsche Sprache ist doch wunderbar: Sie ist in der Lage, den Kern der Sache präzise auf den Punkt zu bringen.

Bewusstlosigkeit und Besinnungslosigkeit nicht als Zeichen der Ohnmacht, sondern – so zumindest mein böser Verdacht, angesichts der Tatsache, dass viele Mächtige stolz darauf sind, „Macher“ zu sein – ganz im Gegenteil. Als Frage formuliert: Haben all die wichtigen Leute, die mit den 16 Std. Jobs, genug Zeit zu reflektieren und sich die Frage zu stellen: Was mache ich da eigentlich?

Sollten wir nicht eine Mußepflicht ins Grundgesetz schreiben? Wahrscheinlich ist das ja der Sinn des Sonntags. Und vielleicht ist es ja doch keine so gute Idee, den einen arbeitsfreien Tag der Woche – die Sonntagsruhe, die Heiligung des Feiertags – abzuschaffen.

Morgen habe ich Zeit, und ich brauche nicht einmal meine kehrwöchentlichen Pflichten zu erfüllen…

6 Gedanken zu “Besinnungslosigkeit”

  1. Hallo Herr Simon,
    ja, ein schöner Gedanke, die Mußepflicht ins Grundgesetz schreiben. Vielleicht brauchen wir Deutschen das, bis wir es uns erlauben dürfen dem Müßiggang nachzugehen. Auch ich brauchte erst wieder einen grippalen Infekt um mich in fiebrigen Stunden zu fragen, warum ich mir keine andere Auszeit gönnen kann. Kann „Muße-Gestaltung“ kein Studienfach werden ? Für mich jedenfalls übt das Thema eine Faszination aus. Und es gab ja auch schon ganz berühmte Menschen, die von der Muße geküsst wurden. 🙂
    Gruss Christian M.

  2. Mit fällt ein, dass ich irgendwo mal gelesen habe, dass Thomas Jefferson, der 3. Präsident der USA, sich täglich mehrere Stunden zurückgezogen habe, um nachzudenken. Da ich nicht mehr wusste, wo ich das gefunden hatte, bin ich schnell in Wikipedia. Dort steht, dass einige Jefferson Biographen vermuten, dass er an einer besonderen Form des Autismus (sic!) gelitten habe. Vielleicht verknüpfe ich unzulässig – mir gefällt die Nachdenk-Version.
    Schönen Abend und Zeit zum Besinnen wünscht Dorothea Jung

  3. Lieber Fritz,

    ich würde das Witze-Erzählen nicht gegen das Reflektieren setzen. Beides hat für mich seinen Sättigungspunkt, an dem sich leicht Überdruss einstellt. Und Deine Wende zum Witzesammeln hat bei mir eine gewisse Blog-Sättigung aufgelöst und wieder etwas Leichteres (und Kürzeres!) hineingebracht, das ich als wohltuend erlebe. Schließlich muss man das alles noch lesen können.

    Herzliche Grüße

    Tom

  4. Lieber Fritz Simon,

    die Grundgesetzänderung finde ich auch wichtig, wobei ja Gesetze strafbewehrt sein müssen – da würde sich Nachsitzen anbieten, oder Rumsitzen ging auch noch.

    Übrigens freue ich mich immer, wenn ich von Ihnen Sachen lesen kann wie: „…den Kern der Sache präzise auf den Punkt zu bringen“ – ich mein das so: Wenn man aufmerksam wahrnimmt, ist man kein Alien und trifft auch keine sondern erfährt Berührungspunkte, zumindest im Denken.

    Die 16-Stunden-Tage-Geschichte beschäftigt mich. Nach eigener Erfahrung finde ich, dass mit einer extremen Konzentration auf eine Aufgabe die Welt einfach wird und auch ich selbst mich zwar angestrengt aber einfach ( selbst zu handhaben) erlebe. Keine kreiselnden Gedanken und Wahrnehmungen irritieren. Da kann man sich dran gewöhnen. Mit diesem Gedanken wächst mein Verständnis und sinkt meine Ehrfurcht vor dieser bestimmten Art des Machertums. Ich bin hartnäckig der Auffassung, dass das Workoholic-Dasein auf Dauer weder persönlich noch unternehmerisch effektiv ist, es ist wie ein Leben im Tunnel, und wenn man rauskommt ist alles anders als man dachte und hoffte. Wenn man im Tunnel stirbt, erspart man sich den Schreck, aber sonst nicht.

    Viel Freude beim Innehalten und auch sonst
    Peter Schlötter

  5. Lieber Herr Schlötter,

    rumsitzen finde ich besser. Oder rumlümmeln, rumgammeln, rumtrödeln… auf jeden Fall was mit Rum!

    Beste Grüsse, FBS

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