Beziehungsabbrüche

Vor ein paar Tagen war ich mal wieder als Teilnehmer bei einer Fernsehtalkshow (letzten Freitag: Nachtcafé in SWR3).

Gäste waren u.a. auch zwei Damen, die über Beziehungsabbrüche in ihrer Familie berichteten. Die eine erzählte, dass sie die Kommunikation mit ihrer Mutter abgebrochen habe, da ihr die Mutter bzw. der Umgang mit ihr nicht bekommen sei und sie letztlich in die Psychiatrie gebracht habe.

Die andere berichtete, dass sie von ihren Geschwistern aus der Geschäftsführung des Familienunternehmens gedrängt worden sei und dass, was für sie schlimmer sei, auch der Kontakt zur Familie von den Geschwistern gekappt worden sei.

Das sind ja auf den ersten Blick zwei unterschiedliche Szenarien des Beziehungsabbruchs. Doch bei näherer Betrachtung zeigt sich ein gemeinsames Muster: Der Kommunikationsabbruch ist immer Symptom und Eingeständnis einer eigenen Schwäche und Inkompetenz des Abbrechers; im ersten Fall der Unfähigkeit, sich abzugrenzen und den eigenen Selbstwert aufrechtzuerhalten, obwohl andere (hier: die Mutter) signalisieren, man sei nicht ok (etc.); im zweiten Fall dürfte es Ausdruck des schlechten Gewissens sein, weil man die Schwester ihrer Rechte beraubt.

Wenn man sich jemand anderem gegenüber beschissen verhalten hat, so verzeiht man das dem in der Regel nicht – auf jeden Fall will man durch seinen Anblick oder den Kontakt mit ihm nicht immer wieder an die eigenen Miesheit erinnert werden.

Zu solch einer Beurteilung komme ich natürlich nur, weil ich nur eine Seite gehört habe. Aber, wenn die Kommunikation abgebrochen wird, führt das eben immer auch dazu, dass nur noch eine Seite ihre Sichtweise präsentieren kann und gehört wird – und das dürfte letztlich auch der tiefere Sinn des Beziehungsabbruchs sein…

14 Gedanken zu “Beziehungsabbrüche”

  1. SWR3 hat just zwei Tage vor dieser Sendung, (von mit aus gesehen), seinen Sendplatz an einen unbekannten Ort verlegt, keine Ahnung wie ich ihn wieder finden könnte. Die Sendung hätte ich gern gesehen, allein wegen Ihnen bzw.Ihrem Beitrag; aber jetzt nach Lektüre Ihres Kommentars erst recht, weil ich, über Jahre hinweg, mit der sich wiederholenden Abbruch-Thematik konfrontiert bin. Ich habe seit 9 Jahren Gelegenheit, darüber nachzudenken, was der eigentliche, tiefste Grund für diesen Konflikt ist. Unter anderem habe ich vor Jahren Ihr Buch dazu konsultiert und schließlich das für mich einzig mögliche Erkennen daraus gezogen: Konflikte sind immer konstruktiv, gleich-gültig, ob sie nun tatsächlich destruktiv oder konstruktiv sind.

    Für die unmittelbar Beteiligten sind sie vielmehr sogar persönlich überaus produktiv, wenn diese den tieferen Sinn verstehen können. (Unter anderem die von Ihnen unten aufgezählten Gründe in Erwägung zu ziehen)
    Ich habe individuell erlebt, dass der Konflikt, nicht an den anderen abschiebbar ist, dass ich klar Verantwortung für den Konflikt übernehmen muss. Also quasi zunächst mir selbst eingestehen musste, dass ich ihn selbst herbeigeführt habe. Warum? Weil ich ihn WILL. Also musste ich mich auch in redlicher systemischer Technik fragen, was der persönliche Gewinn des Konfliktes ist. Der Gewinn war ein Verlust, nämlich der Verlust eines an mich gerichteten Begehrens, (mich für schlechte Gefühle verantwortlich zufühlen) dem ich nicht nachkommen wollte, noch konnte. Auf den näheren Inhalt will ich hier nicht eingehen.

    Ich habe im Verlauf der diversen Beziehungsabbrüche schließlich an mir beobachtet, dass nur ICH hier etwas zu lernen habe, nämlich nicht doublebind artig den Konflikt zwar eigentlich (s.o.) zu wollen, aber dennoch ständig von neuem zu behaupten ihn „lösen“ zu wollen. Er ist unlösbar, solange ich irgendeine Energie hineingebe. Erst, wenn es mir gleich-gültig ist, ob ein Konflikt besteht oder nicht, ist er vermutlich weg vom Fenster.

    Wenn nun beide Seiten zum gleichen Schluss kommen könnten, würde das den Konflikt schlagartig beenden und ein RESET herbeiführen. Müsste man nicht beginnen Konflikte wirklich durchgängig auf der paradoxen Ebene anzugehen? Nicht nur mit der spontanen kreativen Eingebung einer paradoxen Intervention, sondern grundsätzlich?

    Wenni/täti/hätti – im tiefsten eigentlichsten Grund habe ich an eben dieser Thematik zu erkennen geglaubt, dass unser nicht freier Wille unser Leben bestimmt. Denn obige Geschichte hätte ich mir niemals jemals träumen lassen oder gar als Idealzustand zunächst zur Kenntnis nehmen können…

  2. @ Hallo, Frau Taraba! Bitte betätigen Sie an Ihrer Fernbedienung den Sendersuchlauf. Näheres verrät die Bedienungsanleitung. Hängen Sie am Kabel? Dann können Sie sich auch vertrauensvoll an den Betreiber wenden. Sie werden jedenfalls SWR3 so oder so irgendwo wieder finden. Ich wünsche es Ihnen von Herzen!

  3. @1 Geben Sie „Nachtcafé“ mit Wieland Backes ein, dann können Sie sich die Sendung auf PC oder Laptop anschauen. Interessante Sendung…

  4. @1: Dennoch scheinen sich auch bei Angehen auf paradoxer Ebene,
    nur noch weitere Paradoxien zu eröffnen, die lediglich größere Kreise ziehen.

    Der Trugschluß von „Beziehungsabbrechern“ besteht doch darin:
    Mit einem Beziehungsabbruch ist die ursprüngliche Beziehung niemals aus der Welt geschafft. Sie liegt dann lediglich in Negativform vor. Schließlich existiert immer eine gemeinsame Geschichte.
    Da niemand nicht nicht kommunzieren kann, verlagert sich
    ein derartiger kalter Krieg zwangsläufig auch konflikterzeugend auf die bisherige bzw. noch gemeinsame Umgebung und bleibt als Konflikt auch auf dem ursprünglichen Terrain, z.B. innerhalb der Familie als Spannungsbogen, auch ausgeblendet und verdrängt, immer erhalten.
    Eine never ending story, die u.U. auch transgenerational weiter gegeben wird, auch wenn sie vorgeblich beendet wurde. Die Weltliteratur ist voll von diesen Geschichten.

    @FBS:
    Kommunikationsabbruch = „Eingeständnis der eigenen Schwäche und Inkompetenz des Abbrechenden“. Einverstanden!
    Aber weiter, kann ich Ihren Ausführungen so ganz nicht folgen, Herr Simon.
    Macht es nicht einen Unterschied gerade in asymmetrischen Macht-Konstellationen von welcher Seite der Beziehungsabbruch erfolgt?
    Aus der Schwäche zum Selbstschutz heraus, wie im ersten Fall?
    Dieser erscheint doch sehr verständlich, bei einem offensichtlich chronifizierten Mutter-Tochter-Konflikt. Könnte ja u.a. auch Traumatisierungen bei Mißbrauchsfällen betreffen. Erscheint es dann nicht durchaus legitim und geübte Praxis den Beziehungsabbruch auf dieser Basis zunächst beizubehalten? Die individuelle Traumatherapie steht auf einem anderen Blatt.

    Im Beziehungsabbruch der zweiten Variante, findet sich doch eher das klassische Muster von Mobbingprozessen, wo es sich eher darum dreht, im Kollektiv Terrain zu gewinnen, dabei eine -u.U. zu starke- Person unfair ins Abseits abzudrängen und successive ihrer Rechte zu berauben, wenn sie den Akteuren (und Mitläufern) sozusagen als wandelnde Anklage die eigenen Unfähigkeiten vor Augen führt. Diese soziale Exklusion
    bietet auch wiederum die klassische Basis zum Aufbau von Sündenbock-Legenden. Wobei sich deren Subtext oft auch so liest: „Das Gute mißfällt uns, wenn wir ihm nicht gewachsen sind“ (Nietzsche)

    Nun verlangen Konstellationen der zweiten Variante – neben ggf. juristischen Schritten – u.U. durchaus auch therapeutische Interventionen. Was wären dann die Konsequenzen für paradoxe systemische Interventionen?

    Die Konflikte werden i.d.R. dann doch noch individualisiert – wie man auch allenthalben anhand früherer Blogbeiträge erkennen kann. Systemische Interventionen und Mediationen scheinen aufgrund der gespaltenen Lager mit Beziehungsabbrüchen auf dieser Ebene jedenfalls nicht darstellbar. Freiwilligkeit aller Beteiligten ist Voraussetzung.

    Was ja durchaus auch besagt, dass alleine durch einseitige Beziehungsabbrüche einer Partei gleichzeitig auch systemische
    Interventionen zur konstruktiven Konfliktlösung verunmöglicht werden?

    Herr Simon, was ist das denn für eine therapeutische Aporie?
    Tja, es gibt jede Menge Idioten und Bösewichte auf der Welt, die sich „beschissen benehmen“, aber da kann man nichts machen?

    Das glaube ich nicht, Herr Simon, dass da Nichts mehr geht, außer Jammertal und Resignation.
    Wenn paradoxe Interventionen der jeweiligen sozialen Matrix successive Anlaß zum Umdenken gäben, was dann?
    Oder kann es bei der Fülle an völlig absurden Konflikten mit ein- bis beidseitig kommunikationsunfähigen Lagern auf Dauer angehen, dass die Systemtheorie nicht paradoxe Interventionen auf Lager hat, die an der sozialen Umgebungsmatrix ansetzen, anstatt nur im gerade beobachteten System zu intervenieren?

    Gemeint sind z.B. Lösungen unter Mobilisierung und Nutzung des Imaginären, wie auch „Boostern“ des sozialen Immunsystems?
    Nimmt man’s nämlich dialektisch, dann folgt daraus
    Beziehungsabbrüche folgen zweiwertiger Logik und können allenfalls als Zwischenstationen dienen.
    Als Endlosschleifen führen sie niemals zu intelligenten Lösungen.

  5. @6: Ich denke, dass Beziehungsabbrüche wie von der jungen Frau in der Talkshow, die sich offenbar nicht gegen ihre Mutter wehren kann, legitim sind. Was soll sie sonst tun, wenn sie sich der Mutter nicht gewachsen fühlt?

    Trotzdem ist es m.E. keine gute Lösung, denn sie schleppt diese ungelöste und unversöhnte Beziehung den Rest ihres Lebens mit sich rum und will (z.B.) keine eigenen Kinder (um nicht so zu werden wie die eigene Mutter…). Nicht, dass sie Kinder haben müsste. Aber erst, wenn sie sich der Mutter gewachsen fühlt statt den Kontakt zu meiden, wird sie die Freiheit gewinnen, das Verhalten der Mutter nicht wiederholen zu müssen (wie sie befürchtet). Aber, wer bin ich, dass ich ihr sage, was sie zu tun hat.

    Was den Beziehungsabbruch derer angeht, die Dreck am Stecken haben, so ist dies ja letztlich nicht mehr als die Inszenierung und Externalisierung dessen, was wir alle meistens tun, wenn wir uns in einer Weise verhalten, die mit unserem bewußten Wertekodex nicht übereinstimmt: Wir wehren ab … (das Bewußtsein, die Selbstbeobachtung, die Selbstverurteilung etc.).

    Ich glaube nicht, dass man – wenn eine Seite die Trennung/den Kontaktabbruch will – mit Hilfe irgendwelcher paradoxer Interventionen da etwas bewirken kann. Lediglich die Einführung einer höheren Macht – und die sehe ich in „erwachsenen“ Geschwisterbeziehungen ohne mächtige Eltern nicht – könnte hier den Zwang zur Auseinandersetzung (und im besten Fall zur Bereinigung des Konfliktes in einer für beide Seiten akzeptablen Weise) liefern.

  6. @ 2,3,4,5,6 – und – hallo Herr Kasper -, danke dafür, mir in meiner notorischen elektronischen Ungeschicktheit Hilfe leisten zu wollen – ich werde in einer ruhigen Stunde versuchen den Sender zu finden… Danke für die Links – ich habe mir die Sendung angesehen. Bei Ihnen Herr Simon gefiel mir, ganz abgesehen von Ihrem obigen Nachtrag, dass Sie Ihr Mitgefühl offen zum Ausdruck brachten, ohne sich von der einzeln vorgetragenen Tragik systemisch korrumpieren zu lassen, sogar einzufügen wagten, das Kinder Macht haben und diese ausspielen, Motive nicht immer durchschaubar wären, dass „Selbstschutz“ irgendwie notwendig und zugleich irgendwie ein Machtmittel ist, und vor Kommunikation geht, wenn man nicht kommunizieren kann und den anderen bestrafen möchte. Schließlich, quasi, um Verantwortung für das eigenen Leben zu übernehmen und den anderen so sein zu lassen wie er ist, haben Sie wärmstens empfohlen, die Erwartungen zu reduzieren, – und – wie gesagt sich selbst abzugrenzen. Aber, und das sagten Sie damit indirekt auch, man muss, darf und man kann die Beziehung halten, ob adoptierte oder eigene, ob Pubertierende oder Erwachsene, indem man sie los lässt, die Kommunikation, komme was da wolle, NICHT abbricht, stets auf sich selbst ACHT gibt, dabei den anderen respektiert, d.h, nicht vergisst NEIN zu sagen, wenn es angebracht ist und den WIDERSPRUCH zu üben, wenn man sich selbst treu bleiben möchte. Das alles führt solange zu weiteren Beziehungsabbrüchen, bis man die absolut notwendige DISTANZ hergestellt hat. Deswegen können einem dann Freunde näher stehen, als Familienangehörige.

    @ 6 Paradox erscheint einem in Familienbeziehungen oft auch zu sein, dass man sich abgrenzen muss, dass man Nein sagen muss, dass man widersprechen muss, dass man Distanz halten muss…

  7. @7: Stimme Ihnen zu, Herr Simon. Ein Konflikt wird durch einen Beziehungsabbruch nicht gelöst, die Bindung bleibt als Verstrickung in negativer Form dennoch erhalten und verhindert die Freiheit eigener Lebensgestaltung, um auch die Opferposition verlassen zu können.

    Paradoxe Interventionen direkt in diesem System können nichts bewirken. Nur offenbaren gerade die Inszenierungen und Externalisierungen, den Mangel an Übereinstimmung mit dem zur Schau getragenen Wertekodex und gleichzeitig auch die Zwänge, die Paradoxien der Umgebung gegenüber verdecken zu müssen. Über kurz oder lang erweist sich eine derartige Dramaturgie ohnehin als Schmierentheater. Den Fokus der Umgebung auf die Widersprüche zu lenken, um die Glaubwürdigkeit zu testen und zu eruieren, wo reden und handeln auseinander klaffen, das ist der einzige Weg, die Umgebung zu impfen, die dann selbst entscheiden kann, wie sie mit „Beziehungsabbrechern“ umgehen will. Wenn das Umfeld an Claqueuren schrumpft, wird es irgendwann eng für Selbstbeobachtungsverweigerer. Das eigene schlechte Gewissen kann auch spät noch ganz schön zubeißen und so mancher kann dann auch noch unter mea culpa, mea maxima culpa vom Saulus zum Paulus mutieren, oder?

    Die Umfeldschrumpfung zu beschleunigen, das könnte u.U. Ansatz ein Feld für paradoxe Interventionen sein.

  8. @7: Stimme Ihnen zu, Herr Simon. Ein Konflikt wird durch einen Beziehungsabbruch nicht gelöst, die Bindung bleibt als Verstrickung in negativer Form dennoch erhalten und verhindert die Freiheit eigener Lebensgestaltung, um auch die Opferposition verlassen zu können.

    Paradoxe Interventionen direkt in diesem System können nichts bewirken. Nur offenbaren gerade die Inszenierungen und Externalisierungen, den Mangel an Übereinstimmung mit dem zur Schau getragenen Wertekodex und gleichzeitig auch die Zwänge, die Paradoxien der Umgebung gegenüber verdecken zu müssen. Über kurz oder lang erweist sich eine derartige Dramaturgie ohnehin als miserables Schmierentheater. Offenlegen und den Fokus der Umgebung auf die Ungereimtheiten zu lenken, um die Glaubwürdigkeit zu testen und zu eruieren, wo reden und handeln auseinander klaffen, das scheint der einzige Weg, die Umgebung zu impfen, die dann selbst entscheiden kann, wie sie mit derartigen „Beziehungsabbrechern“ umgehen will. Sobald das Umfeld an Claqueuren schrumpft, wird es irgendwann eng für Selbstbeobachtungsverweigerer. Das eigene schlechte Gewissen kann auch spät noch ganz schön zubeißen und so mancher vermag dann bei Änderung der Umgebungsbedingungen unter „mea culpa, mea maxima culpa“ vom Saulus zum Paulus mutieren? Opportunistische Wendehälse, die ihrem bisherigen Glauben abschwören, allerdings allzu oft mit eingeschlossen.

    Umfeldschrumpfungen zu beschleunigen, könnte das nicht Ansatz und Feld für paradoxe systemische Interventionen sein?

  9. Sorry und Hilfe @ admin!

    Kommentare gleich im Doppelpack müssen wirklich nicht sein. Wie peinlich, ausgerechnet bei dem Text. Das sollten keine Indoktrinationsübungen sein.
    Mea culpa an technischem Unverstand!

    Kann jemand @ 9 wieder entfernen?? Und am besten diesen Kommentar gleich mit?
    Danke!

  10. @8 zu @6: Gepflegte Streitkulturen mit flexiblen Rollenverteilungen und ausbalancierenden munteren Nähe-Distanz-Verhältnissen mit freundlich vertrauten Frotzeleien scheinen in der Mehrzahl an Familien doch eine Seltenheit zu sein.
    Stattdessen finden sich wohl eher Zustände, wie bei Hempel’s unterm Sofa.
    Es traut sich nur keiner genau hinzuschauen, bis es gewaltig kracht.

  11. Mediation erscheint einmal mehr als eine der zentralen Funktionen von Führung. Verabschieden sich die Eltern, eskalieren die Konflikte – sei es nun anläßlich des materiellen Erbes oder weshalb auch immer.
    Aus eigener Erfahrung darf ich sagen, dass das ohnehin unerfreuliche Szenario an Dramatik gewinnt, wenn die Geschwister unausgesprochene Vorbehalte gegenüber den Eltern hatten -> das Geschwister, welches aus Gott weiß was für Gründen als den Eltern näher stehend erlebt wurde, „erbt“ diesen Frust gleich mit.
    Von der Metapher des zerfallenden Königreiches zur Metapher des Körpers … Körpersymptomaufstellungen weisen ja auf die engen strukturellen Entsprechungen zwischen Körper und Sozialkörpers hin, in der Arbeit mit Perönlichkeitsanteilen wird offenbar, dass das Unbewußte, / das Tier im Menschen den Verlust von Körperteilen analog dazu wahrnimmt, wie wenn Eltern, Geschwistern „vor ihrer Zeit“ gehen (Spielarten struktureller Entsprechungen durchzudenken kann sensu Wagenschein ein erweitertes Verständnis eröffnen.):
    2. Kinder, die ohne bestimmte Körperteile auf die Welt kommen, scheinen eine Art stoische Haltung gegenüber ihrem sozial auffälligen Status zu entwickeln. In der Talkshow glaube ich eine Entsprechung dazu wahrgenommen zu haben.
    3. Dann gibt es Menschen, die Organe infolge Unfall und dgl. verloren haben. Hier gibt es u.a. das Phänomen des „Phantomschmerzes“…
    4. Weiters haben wir das Phänomen des Schlaganfalls. Bspw. der Arm, Organe einer Körperseite sind „taub“, aber sichtlich noch da, lassen sich nur nicht dergestalt verwenden, wie es der sozialen Erwartungen entspräche. Aufgrund dessen nicht nur eine Organisation, das Universum mit seinen einander ergänzenden Welten sondern auch der Organismus eine Art transaktionales Gedächtnis IST, können anhand der Erinnerung der anderen Organe bzgl. der normalerweise von dem ausgefallenem Organ zu erwartenden Beiträge – inkl. der damit korrespondierenden nervösen Erregungsmuster – Funktionen rekonstruiert und durch freie Kapazitäten anderer „Abteilungen“ übernommen werden.
    1. Inspiriert durch den – vermutlich – besten Film der Welt; http://archive.org/details/freaks1932 könnte man sich fragen, ob es ohne Schmerz ginge, wenn ein Vergleich fehlte, wenn es – wie bspw. unter den reichen Bürgern des alten Rom, oder in einer Enklave in ähnlicher Weise Behinderter – als sozial normal gälte, keine Eltern bzw. keine näher Verwandten zu haben. Wieder von der Aufstellungsarbeit her zeigen die Schilderungen registrierter Abtreibungen von Zwillingsgeschwistern, dass wir schon im Mutterleib Gedächtnis entwickeln für eine bestimmte Form von in der Welt sein und werden sowie die, sehr besondere Identitätsbildungen nach sich ziehenden Abweichungen davon. Wird in einem Waisenhaus ein Kind mit ihm bekannten Eltern als behindert gesehen bzw. behindert…?

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