Britische Umgangsformen

Was in Gross-Britannien auffällt, ist der häufige Gebrauch der Worte please und sorry. Man entschuldigt sich, auch wenn man nicht wirklich etwas Schlimmes getan hat (eigentlich eher, so scheint es, dafür andere durch seine Existenz belästigt zu haben), und man bittet, auch wenn das, worum man bittet, eigentlich selbverständlich erscheint. Und nie würde man seinen Ärger über einen anderen lauthals äussern. Konventionen regeln die Interaktion.

Ich habe mich gefragt, was die Funktion solch eines Verhaltens sein mag. Zum einen schafft es eine hohe Erwartungssicherheit bei allen, d.h. soziale Strukturen dürften dadurch ziemlich gut stabilisiert werden. Wichtiger scheint mir aber, dass durch solch ritualisierte Höflichkeit, die Bedeutung individuellen Verhaltens des Beziehungsaspekts entkleidet wird. Wenn A sich höflich gegenüber B zeigt, so hat das nichts mit den Gefühlen von A für B zu tun, sondern er befolgt nur Regeln und tut, was zu erwarten ist. Die Distanz zwischen den Teilnehmern an der Interaktion bleibt bestehen, ihr Verhältnis ist neutral und entpersönlicht.

Wer Abstand zu seinen Mitmenschen halten will, kann dies tun, indem er sich „gut“ benimmt.

Wenn man den Umkehrschluss akzeptiert, dann dürfte das schlechte Benehmen, das z.B. in Internetforen (wie früher in der Kehrwoche) gezeigt wird, ein Indiz dafür sein, dass die betreffenden Personen an persönlichen Beziehungen interessiert sind  (im Fall der Kehrwoche: zu mir bzw. den jeweils angepöbelten anderen Kommentatoren/innen…). Und wenn diese Art der Bekanntschaftsanzeige nicht „angemessen“ (d.h. auf der persönlichen Ebene) beantwortet wird, wird eskaliert.