Der „ganze Mensch“

Eine Diskussion im Formen-Blog veranlasst mich, wieder einmal auf das Thema „ganzheitliches Denken“ zurück zu kommen („Alle Jahre wieder…“).

Die Idee in Ganzheiten zu denken, ist eng mit dem systemischen Denken verbunden und hatte ihren Höhepunkt in den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhundert, auch wenn sie schon in den 20er-Jahren entwickelt wurde (Smuts). Der wesentliche Aspekt war, sich vom Reduktionismus zu lösen, dessen stillschweigende (manchmal auch explizite) Prämisse war, dass man das Verhalten eines Systems (=Ganzheit) durch die Analyse seiner Teile (=Unterscheidung Teil/Ganzes) erklären könne.

So weit, so gut. Das war zweifellos ein Fortschritt.

Das Problem ist aber, dass sich so zwangsläufig die Frage stellt: Welche „Ganzheit“ sollen wir betrachten? Denn als Beobachter bzw. als um Erkenntnis und Wissen (wie immer lückenhaft und unvollständig das sein mag) ringender Mensch, kommt man nicht umhin, zu unterscheiden (das macht man schon aufgrund der Struktur seiner Sinnesorgane). Wann immer eine „Ganzheit“ vom Beobachter definiert (=“markiert“, abgegrenzt) wird, wird von ihm – ob er/sie will oder nicht – eine Umwelt, die aus der Ganzheit ausgeschlossen ist, definiert (=der „unmarkierte“ Raum, Zustand oder Inhalt).

Bezogen auf den Menschen stellt sich die Frage: Sollte er die Ganzheit sein, die untersucht wird, wie der Begriff Individuum (wörtl. „ungeteilt“) nahe legt?

Wir systemische Therapeuten und Berater der 70er und 80er Jahre definierten – das war der damals revolutionär erscheinende Schritt – nicht das Individuum als die zu beratende/therapierende Ganzheit, sondern ein soziales System, z.B. die Familie, ein Team. Der Schritt zum ganzheitlichen Denken bestand darin, die Spielregeln der Familie/des Teams nicht – reduktionistisch – als Ergebnis der Psychodynamik der Mitglieder zu interpretieren. Man kann ein Spiel und seine Regeln verstehen, ohne die Spieler verstehen zu müssen – solange sie sich an die Spielregeln halten. Und der therapeutische/beraterische Ansatz bestand darin, die Spielregeln zu beeinflussen, in der Hoffnung (später: aufgrund der Erfahrung), dass sich auch bei den Telnehmern etwas verändert (z.B. deren Verhaltensschemata, ihre Weltsicht, die Interpretation des eigenen und frenden Verhaltens usw.).

Der „ganze Mensch“ war für diese Form der Intervention nicht relevant, da die Ganzheit, die es zu verädern galt, das soziale System war.

Natürlich war es für die meisten Leute sehr schwer zu akzeptieren, die Aufmerksamkeit auf die Interaktions- und Kommunikationsmuster zu legen, und sich nicht primär (oder überhaupt) um die Psychodynamik und den Organismus der Beteiligten zu kümmern. Hätte man das gemacht, so wäre für jeden Berater oder außenstehenden Beobachter die Komplexität explodiert. Ein soziales System ist schon hoch komplex, wenn nun noch die Komplexität mehrerer Organismen und psychischer Systeme und ihre gegenseitige Interdependenz hinzugekommen wäre, dann wäre kein handlungsleitendes Modell, das dieser potenzierten Komplexität gerecht wird, zu finden gewesen. Aber das braucht man auch gar nicht: Man kann (z.B.) die Verkehrsregeln in einem Land ändern und darauf vertrauen, dass die Verkehrsteilnehmer sich an die neuen Erwartungen anpassen bzw. mit ihnen arrangieren.

Solange man nur mit Teams, Familien oder Paaren arbeitet, mag man mit solch einem Höchstkomplexitätsmodell noch arbeiten können (bei personenorientierten Systemen wie Paaren und Familien funktioniert das sogar noch recht gut). Aber dass man die Spielregeln des sozialen Systems nicht durch die an ihm beteiligten Personen erklären kann, wird spätestens deutlich, wenn man mit Organisationen arbeitet. Wer wollte die Spielregeln von BMW (z.B) durch die Psychodynamik seiner Mitarbeiter erklären?

Nun zum „ganzen Menschen“, der in dem skizzierten Modell lediglich in seiner Eigenschaft als „Mitspieler“ interessiert. Mit solch einem Modell haben erfahrungsgemäß Psychologen große Schwierigkeiten, da sie glauben, die Psyche studiert zu haben. Und noch größere Probleme haben manche Philosophen und -innen (siehe Formen-Blog), die meinen, ganz ohne ein Konzept der Psyche auskommen zu können.

Mir hingegen – und vielen anderen auch – erscheint es sinnvoll, wenn wir uns nicht mit dem Studium sozialer Systeme zufrieden geben wollen – und als gelernter Arzt interessiert mich das -, sowohl den Körper als auch das Bewußtsein bzw. die Psyche in die Überlegungen mit einzubeziehen. Zum einen, um erklären zu können, wie die Veränderung sozialer Spielregeln auf beides einwirkt (im positiven wie im negativen Sinn), zum anderen, um aus den so entwickelten Erkenntnissen oder Hypothesen innovative Interventionsstrategien ableiten bzw. besser: erfinden zu können.

Wenn wir den „ganzen Menschen“ anschauen, so sehen wir sowieso nur sein Äußeres. Er selbst kann auch noch seine Erleben, sein Denken, sein Fühlen usw. beobachten. Das ist jedem anderen Beobachter verschlossen, er kann höchstens aufgrund seiner Empathie oder durch Analogiebildung zum eigenen Erleben oder durch Beobachtung äußeren Verhaltens oder dem Sprechen über das jeweilige Erleben usw. folgern, was in der Psyche (oder wie immer man es nennen mag – Bewußtsein scheint mir der beste Begriff) eines anderen Menschen abläuft. Damit haben wir aber den „ganzen Menschen“ schon zerteilt: in einen Bereich, der seinem Bewußtsein zugänglich ist bzw. das Bewußtsein und den Organismus. Der eine Teil kann als sinnprozessierend charakterisiert werden, der andere kann als ein Bereich, in dem biochemische Prozesse ablaufen, dagegen abgegrenzt werden. Nach aller Erfahrung sind beide Bereiche nicht vollkommen unabhängig von einander, aber sie sind offenbar auch nicht im Sinne geradliniger Kausalität miteinander gekoppelt. Dass Bewußtseinsprozesse ein biologisches Korrelat haben, heißt nicht, dass sie kausal darauf reduziert werden könnten.

Das Konzept der neueren Systemtheorie betrachtet beide Bereich aufgrund der unterschiedliche Materialität der sie konstituierenden Prozesse als eigenständige autonome Systeme, die miteinander fest gekoppelt sind, d.h. füreinander Umwelten darstellen und eine Ko-Evolution durchlaufen (wie Paare das oft machen, was dazu führt, dass alte Ehepaare sich manchmal auch äußerlich zu gleichen scheinen – Achtung! Das war eine Metapher!).

Für mich persönlich (und ich habe das selbstverständlich nicht erfunden und bin beruhigenderweise auch nicht der einzige, der das so sieht) heißt das, dass der „ganze Mensch“ nicht durch irgendeinen Beobachter in seiner Ganzheit erfaßt werden kann; daher muss diese Ganzheit immer rekonstruiert werden; das beste Modell dazu scheint mir, die Kopplungen der drei Systemtypen Organismus, Psyche, soziale Syseme zu untersuchen (siehe meinen Versuch dazu: „Formen. Zur Kopplung von Organismus, Psyche und sozialen Systemen“, Carl-Auer Verlag, 2018).

Klar, das sind alles Schemata der Beobachtung. Es geht nicht um ontologische Fragestellungen. Die sind aus konstruktivistier Sicht völlig überflüssig. Es geht um Nützlichkeit – das ist es, was den Praktiker an theoretischen Modellen interessiert – nicht um Wahrheit. Es geht darum eine Sprache zu finden und zu verwenden, die nicht (!) aufgrund der verwendeten Begrifflichkeit zu Fehlschlüssen verführt, die in der Praxis im besten Fall zum Scheitern dessen, der sie verwendet, im schlimmsten Fall zu Katastrophen führen können.

Um mit einem gastronomischen Beispiel zu enden: Wer vom „ganzen Menschen“ spricht und in entsprechenden Kategorien denkt, verhält sich wie ein Koch oder eine Köchin, die von Gulasch reden. Das mag hilfreich sein, um eine Speisekarte zu erstellen („Gulasch mit Salzkartoffeln und grünem Salat“), aber nicht für’s Kochen. Denn dort kann und muss zwischen dem Fleisch und der Soße unterschieden werden, auch wenn das eine das andere braucht: Weder ist das Fleisch ohne Soße, noch die Soße ohne Fleisch ein Gulasch; aber es ist nützlich beide getrennt zu denken, um die „Kopplung“ bzw. die gegenseitige Beeinflussung in den Blick zu bekommen, d.h. wie die Ingredienzen der Soße kombiniert werden müssen und welches Fleisch wie lange und mit welcher Temperatur in diesem Gemisch gekocht weden muss, damit am Schluss die „emergente“ neue Ganzheit Gulasch herauskommt.

Guten Appetit!