Die Bettuniversität

Sabine Mehne

Die Gründung der Bettuniversität, abgekürzt BU, erfolgte durch mich im Frühjahr 1996. Ich lag nach einer überstanden Knochenmarktransplantation, die nötig war um meine Chancen für die Heilung meiner Krebserkrankung zu verdoppeln, endlich wieder im eigenen Bett und starrte zu den Wolken. Körperliche Anstrengungen waren noch unmöglich, doch mein Gehirn drehte sich unentwegt und produzierte auf den zuvor eingerichteten Metaebenen die unglaublichsten Gedanken. Im Krankenhaus hatte ich mir schon mit Watzlawick und anderen Autoren der Autobahnuniversität über die Runden geholfen und hatte den Spruch „Jeder Stau bringt sie ein Stückchen vorwärts“ im Ohr. Ich saß zwar nicht im Auto, aber im Bett zu liegen fühlte sich ähnlich bedrückend an, wenn das Ziel in weiter Ferne liegt. Mein Gedankenstau mündete in einer einfachen Handbewegung: Ich klappte meinen Laptop auf und verfasste als erstes einen Bericht über meine Erfahrungen mit moderner Hochleistungsmedizin und meinen Bemühungen das systemische Denken und Handeln für mich und meine Gesundheit einzusetzen. Mir ging es besser, weil ich zufriedener dadurch war, endlich etwas Sinnvolles tun zu können, als nur abzuwarten. Wenig später stapelten sich dann systemische Schriften in meinem Bett und ich trainierte meine miese Konzentrationsfähigkeit und verfasste mein erstes Fachbuch zur Systemischen Physiotherapie.

In diesem Frühling feierte ich das zehnjährige Bestehen der BU und ich bin mittlerweile technisch auf dem neusten Stand. Ein Beintablett verhindert die Erhitzung des Laptops und passt sich, dank kleiner Kügelchen an der Unterseite, der Oberschenkelform an. Das schnurlose Telefon ermöglicht verbale Kontakte zur Außenwelt und WLAN vernetzt mich mit anderen BU-Studenten, Freunden und Interessierten. Mit dem neuen Duden auf dem Nachttisch lerne ich sogar im Schlaf. Mein Körper erholt sich nach Anstrengungen am besten in dieser Haltung und mein Geist erlebt Höhenflüge, wenn es draußen regnet und er sich in der Stille des Tages austoben darf.

Mein Slogan “Statt schlaflos im Bett, lieber mit Laptop im Bett“ hat schon zu mancher Genesung erfolgreich beigetragen.
Man muss nicht Krebs haben, um in der BU studieren zu können. Mit einem gebrochenen Bein, einer Venenoperation, in der Rekonvaleszenszeit nach einer Grippe, im Wochenbett, bei Unwohlsein, Unlust oder wenn die Heizung ausfällt lässt sich das erste Semester beginnen und eigene Erfahrung mit diesem Bildungsangebot testen. Als Grundausstattung empfiehlt sich, neben dem Laptop, eine gute Polsterung und Stütze für den Rücken, eine ausreichende Lichtquelle und das Beintablett, alternativ ein dickes, großes Buch. Bei jedem Studium sollte man die Pausen nicht vergessen und seinem Körper entsprechende Lagewechsel anbieten. Vom Gang zur Toilette, bis Treppensteigen, physiotherapeutische Übungen, Spaziergang, sportliche Aktivitäten bis hin zum unter die Bettdecke abtauchen und flach liegen ist alles möglich und erlaubt. Für Studierende, die noch Schwierigkeiten mit der passenden Zeiteinteilung haben, empfehle ich einen Kurzzeitwecker. Er hilft die Konzentrationsphasen zu verlängern und klingelt, ähnlich nett wie in der Schule, die Pausen ein.

Ich weiß, dass Schlafforscher den Laptop im Bett verbieten, kann aber zwei gute Gründe anführen, die dagegen sprechen. Etwas Verbotenes zu tun, hatte schon immer einen besonderen Reiz und kann als Motivationskraft, wahlweise als paradoxe Intervention eingesetzt werden und Ausnahmen bestätigten schon immer die Regel. Auch aus familientherapeutischer Sicht wurden mir Bedenken gegen das neue Familienmitglied namens Laptop vorgetragen. Neue Mitglieder werden häufig mit einer übergroßen Aufmerksamkeit verwöhnt, was bei den schon vorhandenen Familienangehörigen zu Eifersucht, Zorn und Wutausbrüchen führen kann, im schlimmsten Fall ganze Familien zerstört. Bei Ehepartner kann der Laptop im Bett auch als Feind empfunden werden und das Studium in der BU mit Fremdgehen verwechselt werden. Aus diesem Grund habe ich an der BU eine systemische Beratungsstelle eingerichtet, in der eine Online-Supervision genutzt werden kann.
Diplomarbeiten oder andere Ergebnisse können bei mir jederzeit zur Zertifizierung eingereicht werden. Verhandlungen über Bachelor- und Masterabschlüsse an der BU sind noch im Gange.

Mein persönlicher Masterabschluss in der BU ist der Roman Winterfell, der letztes Jahr auf der Buchmesse ein Buch unter den 100.000 Neuerscheinungen war.

3 Gedanken zu “Die Bettuniversität”

  1. Liebe Frau Mehne,

    da ich an der Kreation des Spruches „Jeder Stau bringt Sie weiter“ nicht ganz unbeteiligt war, freut es mich natürlich, dass er noch erinnert wird. Wie könnte ein analoger Slogan für die Bett-Universität heissen? Wir sollten einen Wettbewerb ausrufen…

    Ich habe, als ich mal ein paar Wochen wegen Krankheit im Bett verbringen musste, ähnliche Erfahrungen wie sie gemacht (d.h. konkret: Ich habe alle Hellinger-Videos angesehen – was einge bösartige Kollegen zu dem Kommentar veranlaßte, man müsste schon sehr krank sein… ) und dabei wieder einmal gemerkt, dass Betten vielfältig nutzbare Orte sind, wenn man nicht zu verschlafen ist.

    Für Ihren Roman wünsche ich Ihnen viel Erfolg! Und natürlich auch eine gute Gesundheit. Man muss ja nicht krank sein, um längere Zeit im Bett verbringen zu können.

    Beste Grüsse, FBS

  2. Lieber Herr Simon,

    Ich finde den Slogan mit dem Stau so klasse, den kann man kaum toppen. Aber wer weiß, was ein Wettbewerb in Bewegung bringen könnte…
    Ich schlage eine Fusion der Autobahn- und Bettuniversität vor, mit einer Stauumleitung nach Berlin ins Bundesministerium für Bildung und Forschung. Dort zünden gerade Ideen im „Land der Ideen“ zum weltweiten Innovationswettbewerb. Wir sichern so 1,5 Millionen Arbeitsplätze und vielleicht schaffen ja Deutschlands Kids dann beim nächsten PISA-Test den Sprung nach vorne.

    Vielen Dank für alle guten Wünsche.
    Herzlichst
    Sabine Mehne

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