Die feinen Unterschiede beim Töten

Seit Jamal Kashoggi, saudi-arabischeer Journalist im Exil und Kritiker der eigenen Regierung, im saudischen Konsulat in Istanbul getötet wurde – offenbar als Auftagsmord, veranlasst durch oberste Kreise der Regierung – steht das die Menschenrechte verachtende Herrschaftssystem in Saudi-Arabien im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Sogar die ansonsten gar nicht so zimperliche deutsche Regierung verlangt Aufklärung, bevor weiter Waffen aus Deutschland nach Saudi-Arabien geliefert werden können/sollen.

Sicher ist es schlimm, wenn so kaltblütig ein Mensch ermordet wird, noch dazu auf Veranlassung seiner Regierung. Aber wenig verständlich ist aus meiner Sicht, warum sich so wenige Leute bislang dafür interessieren, dass die saudische Regierung seit Jahren Tausende von Zivilisten im Jemen durch ihre Bombardierungen ins Jenseits befördert. Offenbar ist Massenmord leichter zu ertragen (vielleicht, weil die Opfer anonym sind und man ihre Gesichter nicht kennt; vielleicht, weil man die Massenschlächterei als Krieg definiert und da andere Regeln gelten…?), als die Tötung eines Individuums, dessen Foto man im Fernsehen in Großaufnahme sehen kann.

Es muss etwas mit er praktizierten kognitiven Ordnung, d.h. der unterschiedlichen Kategorisierung des Tötens, zu tun haben; anders ist mir der Unterschied des Empörungslevels nicht erklärbar…
a) Wo gehobelt wird, fallen Späne, da braucht man sich nicht für den einzelnen Span zu interessieren, denn er war ja gar nicht gemeint, hatte einfach Pech, war zur falschen Zeit am falschen Ort.
vs.
b) Ein Individuum, das sich in ein vermeintlich sicheres Gebäude begibt, eine Amtsstube noch dazu, und dort hinterrücks von den Beamten überfallen und geschlachtet wird… (dass er wahrscheinlich nach allen Regeln der Metzgerkunst zerlegt wurde, gibt dem ganz natürlich noch eine besonders pikante Note).

Dass die Türken sich erregen, ist nachvollziehbar, denn das Ganze geschah zwar auf formal exterritorialem Gebiet, aber doch geographisch auf ihrem Territorium. Dass ihre Aufregung durch die Fürsorge für regierungskritische Journalisten ausgelöst wurde, darf allerdings angesichts der -zig regierungskritischen türkischen Journalisten im Knast bezweifelt werden.