Die Spaltung der Gesellschaft

„Systemtheoretische Analysen haben das Ziel, die Funktionsgesetze der untersuchten Systeme zu beschreiben und Erklärungen zu konstruieren, die der Komplexität vielfach vernetzter und rückbezüglicher Prozesse gerecht werden. Mit solchen Analysen ist der Anspruch der Moralfreiheit verbunden. Das heißt nicht, dass sie unmoralisch sein sollten, sondern dass ihr Ergebnis davon unabhängig sein muss, ob die jeweils beobachteten Spiele und Spielregeln dem Beobachter gefallen oder seinen Wertvorstellungen entsprechen. Eine solche, (im Idealfall) neutrale Position verhindert, dem eigenen Wunschdenken aufzusitzen, und eröffnet die Möglichkeit, sich den eigenen Wertvorstellungen gemäß einzumischen und zu versuchen, die Welt mitzugestalten.

Dieses Ziel hat auch für die hier vorliegende Darstellung der Wirtschaftstheorie. Versucht wurde zu skizzieren, welche Funktionsprinzipien wirtschaftlichen Prozessen zugrunde liegen. Um sich auf dieser Grundlage politisch besser einmischen zu können, sollen zum Schluss zusammenfassend einige Prinzipien hervorgehoben werden, da sie weit reichende Konsequenzen für unser gesellschaftliches Zusammenleben haben:

(1) Wirtschaft beruht auf einer, allgemein akzeptierten Wirklichkeitskonstruktion: der Idee des Eigentums. Von ihr leitet sich die Erfindung und das Vertrauen in Geld als Kommunikationsmedium ab. Ohne Eigentum gäbe es keinen Kredit, keine Gläubiger-Schuldner-Beziehung, keine Unternehmen, keine Investitionen und keine ökonomische Entwicklung über die Subsistenzwirtschaft hinaus. Mit dem Eigentum ist aber auch das Konstrukt des Eigentümers verbunden, der frei über sein Eigentum verfügen und seinen Möglichkeitssinn und seine Abenteuerlust nutzen kann.

(2) Ohne ein Rechtssystem und staatliche Gewalt, die Eigentum (als Rechtskonstrukt) definieren und garantieren, dass Ansprüche, die sich aus Eigentum ableiten, durchgesetzt werden, hätte sich unser Wirtschaftssystem nicht entwickeln können. Dasselbe gilt für andere Funktionen wie Infrastrukturen, Bildungssystem etc., die vom Staat gewährleistet werden und Voraussetzung des Wirtschaftens sind. Wirtschaft ist daher unverzichtbar auf die Funktionen anderer gesellschaftlicher Subsysteme angewiesen (Staat, Recht, Erziehung, Gesundheit etc.). Wirtschaft kann nur funktionieren als Subsystem einer heterarchisch organisierten Gesellschaft, in der die unterschiedlichen Subsysteme Funktionen füreinander übernehmen und sich gegenseitig Spielräume eröffnen und begrenzen, ohne dass es zu dauerhaften oder prinzipiellen Über- oder Unterordnungsverhältnissen zwischen ihnen kommt.

(3) Geld als Kommunikationsmittel entwickelt eine spezifische Dynamik. Es entsteht als Symbol für eine Beziehung zwischen einem Akteur, der gibt (Gläubiger), und einem, der nimmt (Schuldner). Diese Beziehung wird objektiviert, wodurch von den konkreten Akteuren und dem, was ihre Beziehung über die Asymmetrie der Schuld(en) hinaus ausmacht, abstrahiert ist. Da für den Gebrauch von Geld die Abstraktion von sozialen und historischen Aspekten essentiell ist, verändert Geldkommunikation die Strukturen der Kommunikation bzw. der gegebenen sozialen Strukturen radikal. Es zentriert sie auf einen einzigen Aspekt: die Tauschmöglichkeit, die durch eine erhaltene Zahlung eröffnet bzw. durch eine zu leistende Zahlung verschlossen wird.

(4) Preise sind Abstraktionen vom sozialen und zeitlichen Kontext, in dem Güter (seien sie materieller oder ideeller Art, Objekte oder Dienstleistungen) tatsächlich gehandelt oder gebraucht werden. Sie ergeben sich aus der Beurteilung der jeweiligen Austauschbarkeit des Gutes bzw. des Verkäufers für den Käufer und, umgekehrt, der Austauschbarkeit des Käufers für den Verkäufer. Dabei wird von beiden Parteien „der Markt“ als hypothetischer Dritter bzw. alternativer Transaktionspartner (Käufer/Verkäufer) in die Beobachtung und Bewertung einbezogen. Nur so kann überhaupt erst größere oder geringere Austauschbarkeit – und damit Knappheit – vom Beobachter konstruiert werden.

(5) Durch die Abstraktion vom sozialen Kontext werden in der Geldkommunikation dem Individuum Handlungsspielräume eröffnet, wie sie in traditionellen Gesellschaftsformen nicht mit dem Überleben vereinbar gewesen wären. Dieser Erweiterung individueller Freiheiten steht die Auflösung und In-Frage-Stellung kulturell vorgegebener Werte und Bindungen gegenüber. Geld als Kommunikationsmedium hat daher das „Vermögen“, dem Konservativismus und Anpassungsdruck tradierter sozialer Strukturen entgegen zu wirken. In dieser individualisierenden und sozial desintegrierenden Funktion liegen Chancen und Risiken der Geldwirtschaft. Wer über Geld verfügt, kann den sozialen Kontext wechseln und damit seine Überlebenschancen steigern und seine Unsicherheit im Blick auf die Zukunft absorbieren. Eine Gesellschaft, die Geld als Steuerungsmedium verwendet, erhöht ihre Kreativität, die soziale Durchlässigkeit, sie löst aber auch soziale Bindungen und tradierte Strukturen auf.

(6) Da Kredit die Grundlage des Wirtschaftens ist und Eigentum die Voraussetzung des Kredits, folgt die Wirtschaft den selbstverstärkenden Mechanismen positiver Rückkopplung. Wer über Eigentum verfügt, erhält Kredit, kann investieren, profitieren, investieren, profitieren … usw. Es ist die Logik des „Matthäus-Prinzips“: Denen, die haben, wird noch gegeben werden, und denen, die nicht haben, wird noch genommen werden. Was Kredit zum Treiber der wirtschaftlichen Entwicklung macht, ist die Möglichkeit, in der Gegenwart aufgrund einer vermuteten Zukunft hin zu entscheiden. Geld entlastet die Gesellschaft von den Lasten der Vergangenheit (da es unabhängig davon, wie es erworben wurde, verwendet werden kann) und schafft Zukunftsorientierung (da heute investiert werden muss, um morgen Einnahmen zu haben).

(7) Nicht irgendeine (wie immer definierte) „Gerechtigkeit“ oder „Leistung“ regelt wirtschaftliche Prozesse (den Markt). Die Logik ihrer Selbstorganisation führt – unabhängig von den guten oder bösen Absichten der Beteiligten – dazu, dass sich ökonomische Unterschiede verstärken. Eine Marktwirtschaft, die sich selbst überlassen bleibt, führt aufgrund ihrer Funktionsmechanismen zwangsläufig zur Spaltung der Gesellschaft in arm und reich. Wenn man solch eine schlichte soziale Differenzierung nicht will, muss man das Spielfeld, in dem wirtschaftliche Gesetze gelten, begrenzen. Das ist Aufgabe staatlicher Reglementierungen und Interventionen, die sich an politischen Zielsetzungen und Werten orientieren.

(8) Unternehmen sind Organisationen, die jenseits ihrer Fähigkeit, ökonomisch zu überleben, keinerlei sachlichen Existenzgrundes oder Zwecks bedürfen, um zu überleben (was nicht heißt, dass sie solche Ziele nicht verfolgen könnten oder dürften). Unternehmen überleben, weil/wenn sie in der Lage sind, Profite zu erwirtschaften (oder hinreichend Kredit bekommen). Das ist der prinzipielle Unterschied zu Organisationen anderer gesellschaftlicher Subsysteme, die ihre Identität und damit ihren Existenzgrund aus spezifischen Sachaufgaben beziehen. Auch sie müssen ökonomisch überleben, aber sie müssen ihr Budget nicht selbst erwirtschaften. Die Erwirtschaftung eines Gewinns und die Sachaufgaben von Organisationen anderer Funktionssysteme stehen oft im Widerspruch. Wenn in solchen Fällen die Organisationsform „Unternehmen“ gewählt wird, so wird damit aller Wahrscheinlichkeit nach ein Selektionsprinzip von Entscheidungen vorgegeben, das wirtschaftliche Erwägungen über Sacherwägungen stellt. Wenn z.B. Gerichte als Unternehmen betrieben werden, dann kann man Urteile kaufen, und sie verlieren ihre gesellschaftliche Funktion. Das gilt aber auch für Organisationen, die z.B. Infrastrukturen sichern, Wissen produzieren, erziehen sollen etc.

(9) Der Staat als Akteur hat mehrere Aufgaben und Möglichkeiten, sich um das ökonomische Wohlergehen seiner Bürger bzw. der Volkswirtschaft zu kümmern. Dabei hat er eine doppelte Funktion und Identität: als Regelgeber und als Mitspieler. Seine erste Aufgabe ist es, als Grundlage jeden Wirtschaftens für Rechtssicherheit und die Garantie des Eigentums zu sorgen. Er muss dazu einen gesetzlichen Rahmen schaffen, der einen hinreichend großen Freiraum für individuelle (unternehmerische) Aktivitäten und Initiativen garantiert, zum anderen aber die unreglementierte Entwicklung eines Wild-West-Kapitalismus verhindert (Stichwort: „Marktfundamentalismus“). Da Interventionen, die einem positiv definierten Ziel dienen, in der Regel nicht-beabsichtigte Nebenwirkungen zeigen, empfiehlt es sich, gesetzliche Regelungen an negativ definierten Zielen zu orientieren („Was soll vermieden werden?“). Als derjenige, der die Währungshoheit hat (Zentralbank), kann er in das System intervenieren, indem er die Menge des zirkulierenden Geldes verändert und Zinsen erhöht/erniedrigt. Er kann aber auch als Gesetzgeber Steuern erhöhen oder erniedrigen, um selbst in die Lage versetzt zu werden, in Infrastrukturen zu investieren (z.B. antizyklisch), oder die allgemeine Kaufkraft zu steigern oder zu senken. Als Akteur (= Mitspieler) des Wirtschaftssystems kann er entweder als konsumierender Haushalt oder investierend als Eigentümer von Unternehmen tätig werden, falls dies mit seinen Zielen (bzw. der Volkswirtschaft) als ökonomischer Überlebenseinheit kompatibel ist oder geboten erscheint.

(10) Wenn die Wirtschaft anderen Funktionssystemen (z.B. der Politik) hierarchisch übergeordnet wird, verändert sich die Gesellschaft in einer Weise, die den Mechanismen der Wirtschaft (= Märkten) jenseits aller inhaltliche Wertfragen die Steuerungsfunktion überlässt. Es ist ein Mechanismus, der zwangsläufig zur Spaltung der Gesellschaft in Reiche und Arme, Herrschende und Unterworfene führt (und deren politische Folgen weder vorhersehbar sind, noch attraktiv erscheinen ).
Geld ist ein phantastisches Kommunikationsmittel. Wie andere Medien auch, verändert es die Kommunikation und steuert sie. Ohne Geld gäbe es unsere heute Wirtschaft nicht und die (Welt-) Gesellschaft sähe anders aus. Welche Bedeutung der Wirtschaft gegeben wird, zeigt sich darin, welche Wichtigkeit dem Geld gegeben wird. Aber durch Geld werden immer nur Möglichkeiten eröffnet. Möglichkeiten, für die man manchmal einen hohen Preis zahlt.

Daher als moralisierende Mahnung zum Schluss die bekannte Volksweisheit: »Auch für Geld sollte man nicht jeden Preis bezahlen!«“

Aus: F.B. Simon (2009): Einführung in die systemische Wirtschaftstheorie. Heidelberg (Carl-Auer-Verlag) S. 117 – 121.