Emotionen

Sind sie angeboren, unsere emotionalen Muster? Die Antwort scheint ziemlich eindeutig und wenig umstritten: Ja. Ich habe einige geschätzte Kollegen, die seit Jahrzehnten versuchen herauszufinden, welches denn die „Grundgefühle“ sind, über die jeder Menschen – ob in Berlin, Venedig, auf Kamtschatka oder am Amazonas lebend – verfügt bzw. denen er ausgeliefert ist.

Mir selbst war das immer zu konkret, da ich denke, dass wir als Menschen zwar mit einigen Reflexmustern geboren werden, die unsere unmittelbaren Verhaltensweisen in der Interaktion mit versorgenden Personen bestimmen bzw. die Wahrscheinlichkeit des Überlebens des Neugeborenen erhöhen (z.B. Saugreflex), aber dass die Zuschreibung von Gefühlen, die denen des Erwachsenen entsprechen, unangemessen ist. Lust vs. Unlust, das scheint mir die erste und  wahrscheinlich generell beobachtbare emotionale Unterscheidung zu sein, die vollzogen wird. Erst mit der Zeit und mit dem Erleben der Teilnahme an Kommunikation – wozu die Zuschreibung von Gefühlen zu gezeigtem Verhalten durch die Mitmenschen gehört („Ja, da bist Du froh, dass Mamma wieder da ist!“ usw.) – wird das Erleben differenziert in unterschiedliche, von der (Familien-) Kultur bestimmte Gefühle.

Im nachfolgenden  Artikel wird sehr zu meiner Freude die These der kulturunabhängigen Gefühle in Frage gestellt:

Quelle: Omotions are cultural – not built in at birth | Lisa Feldman Barrett | Life and style | The Guardian

80 Gedanken zu “Emotionen”

  1. Hochinteressant. Persönlich hat mich immer erstaunt, wie schnell der Saugreflex durch die sogenannte „Saugverwirrung“ von der „natürlichen“ Mutterbrust auf eine Flasche umgelockt werden kann und der Säugling dann auch nicht mehr an der Mutterbrust saugen will – einfach weil es aus der Flasche schneller geht und weniger Kraft erfordert.

    Mütter, die ein paar Tage nach der Geburt „neben“ dem Stillen auch das „Fläschchen“ geben, stillen damit ab – denn die Brust wird für den Säugling immer uninteressanter.
    Der Säugling „weiß“ meines Erachtens auch nicht, dass es die „Mutterbrust“ ist, es könnte auch die Brust von Frau Oberhuber sein – das ist dem Säugling egal. Zentral ist in den ersten Tagen, Wochen und Monaten nur, dass irgendwoher etwas „Süßes“ kommt … und „jemand“ (Mama, Papa, Oma, Opa, Frau Oberhuber, …) umsorgt, nährt und pflegt -. Der Säugling ist auch nicht „verwirrt“, nur weil er/sie nicht die „Stimme“ hört, die er/sie schon im „Mutterleib“ gehört hat… – und auch nicht traumatisiert, wenn die Person anders spricht – das Ungeborene weiß ja nichts von der „Mutter“ – die Mutter wird in Interaktion mit dem Kind überhaupt erst zur Mutter und vice versa –
    Wenn die Mutter nach der Geburt aufgrund von Geburtskomplikationen/postn. Depression etc. etc. für Wochen ausfällt oder sich aus welchen Gründen auch immer um das Kind nicht kümmern darf, ist deshalb nicht automatisch das Kind traumatisiert und die Bindung nachhaltig ruiniert … es mag zwar dann die „frühkindliche“ Prägung auch auf die „Vaterstimme“ oder wen auch immer erfolgen, aber der Mensch ist so wandelbar und so anpassungsfähig, dass sich das m.E. jedenfalls nicht nachhaltig negativ auswirken MUSS…

  2. Man denke nur an Frühchen, die wochenlang ständig PIEPS PIEPS hören und mitunter über Sonden ernährt werden…auch aus diesen Frühchen werden robuste Erwachsene. Der Mensch ist ja kein Küken (Konrad Lorenz in Ehren…) und nicht auf Reflexe reduzierbar. Einen Reflex muss man auch als solchen erkennen und beschreiben. Das ist dem Säugling alles egal. Hierzu einen Musiktipp und ein schönes Restwochenende…

    egal von (dunkelbunt)

  3. @ The Guardian: „We find that emotions are not universal but vary from culture to culture. They are not triggered; you create them. They emerge as a combination of the physical properties of your body, a flexible brain that wires itself to whatever environment it develops in, and your culture and upbringing.“

    Nicht „entweder, oder“, sondern „sowohl, als auch“: Die Emotionen sind zwar angeboren (in den Genen angelegt), doch werden sie epigenetisch und vor allem kulturell modifiziert und den jeweilen sozialen Gegebenheiten angepasst. Das kann bis zu „verrückten“ Modifikationen führen, die dann „behandelt“ werden müssen – beispielsweise von Psychiatern, die eigentlich die offenste Einsicht in die Vielfalt und Veränderbarkeit von Gefühlen haben sollten.

  4. Verehrter Fritz,

    so kurz vor Ostern wiederhole ich gerne das von Dir häufig verwendete Bild, dass Du (und auch die in dem Artikel besprochene Lisa Feldmann Barrett) wohl vor allem die Eier findest, die Du selber versteckt hast.

    Bevor ich das besprochene Buch kaufe (kostet in der Kindle-Version ca. 10 EUR, somit noch verschmerzbar) und vor allem lese (würde ich nur tun, wenn Du es als lohnenswert empfiehlst, der verlinkte Artikel alleine ist m.E. zu dünn), wüßte ich gerne, welche schlagkräftigen Argumente, Studien, Thesen Dich für Frau Feldmann Barrett einnehmen, um dazu zu tendieren, dass Gefühle quasi „erlernt“ werden und es keine oder kaum emotionale Grundausstattung gäbe (so fasse ich mal Dein Statement zusammen). An renommierten „Gegenspielern“ mangelt es – wie Du ja auch selber schreibst – nämlich nicht, hier eine kleine Auswahl (Reihenfolge zufällig):
    1. Darwin, der z.B. darstellte, dass blinde Babys die gleiche (positive) Mimik bei gewissen Reizen (z.B. Bestreichen der Lippen mit zuckerhaltiger Lösung) zeigen wie sehende Altersgenossen.
    2. Ekman, der m.E. einen mir am sympathischsten „Sowohl-als-auch“-Ansatz vertritt, nämlich genetische Prädisposition einerseits, aber spezifisch gelernte Darstellungsregeln andererseits (sog. „Display Rules“).
    3. LeDoux, der sehr umfangreich darstellt, wie die Amygdala Wahrnehmung derart beeinflusst und „färbt“, dass unser kortikales „Denken“ leider doch weniger rational und „objektiv“ verläuft als wir das oftmals gerne hätten oder für uns in Anspruch nehmen.
    4. Wahrscheinlich alle aktuell bekannten Neurowissenschaftler (ok, steile These, ich kenne nur wenige sehr oberflächlich).

    Nach den mir vorliegenden Erkenntnissen und Definitionen von Neurowissenschaftlern beschreiben diese Emotionen als „Reaktionen, welche durch spezifische Reize ausgelöst werden. Diese Reize können real wahrgenommen werden (z.B. eine Spinne, ein Angreifer) oder auch aus dem Gedächtnis abgerufen worden sein (sog. Flashback). Emotionen sind also Reiz-Reaktionsmuster inkl. des dabei entstehenden Gefühls.“ (Quelle: neurowissenschaftliches Lehrmaterial)

    Die meisten Experten gehen davon aus, dass es eine Art emotionalen „Grundwortschatz“ bei allen Menschen gibt, der mehr oder weniger aus den Emotionen Angst, Ärger, Ekel, Trauer, Freude und Überraschung besteht. „Angeboren“ sind dabei die meisten, selbst der laut Ekman nur erlernte Ekel ist m.E. bei jedem Säugling erkennbar, wenn man ihm nämlich eine Medizin verabreicht, die Bitterstoffe enthält: Reiz: Bitterstoff->Wahrnehmung: bitter->Empfindung:“bäh“->Emotion:Ekel->Reaktion:Gesicht verziehen/ablehnendes Geschrei/Gespucke.

    Und wenn ich mich an Dr. Grzimek und seine wild lebenden Säugetiere erinnere, dann sah ich auch bei denen Emotionen, die ich bei unseren Haustieren und bei uns Menschen wiedererkenne. Wie aber sollen die Tiere in der Serengeti das von uns Menschen gelernt haben?

    Warum sollte man nicht anerkennen, dass es eine emotionale Grunddisposition des Menschen gibt, die man nicht ungestraft ausser Acht lassen darf?

  5. Beobachtbar am Phänomen der Scham als emotionale Reaktion von achtmonatigen Kindern („Fremdeln“), obwohl ich den Eindruck habe, dass die heutige Generation ihre Schamgefühle immer früher ablegt (vgl. Redtube, Trump, einschlägige Blogkommentare etc.).

  6. Die genannten Emotionen existieren nicht an sich, vielmehr ist das was wir Emotion nennen kulturell gefärbt. So verstehe ich den Artikel und so sehe ich es auch persönlich. Mir fallen viele Studien dazu ein … Und Säuglinge kann man bekanntlich nicht fragen … woher wollen Sie also die Gewissheit nehmen, dass der Säugling so und nicht anders empfindet … weiß man es selber immer so genau?

  7. @8: Die Benennungen für Gefühle erwirbt man als letzte im Rahmen des individuellen Spracherwerbs. Es wird einem gesagt, wie man das nennt, von dem die anderen Leute denken, dass man es fühlt…

  8. Emotionen sind auf vielfältige Weise kommunikativ vermittelt. Dabei reichen die Erwerbsreihenfolgen lexikalisch-emotionaler Kategorien, die Kinder im Alter zwischen 18 und 36 Monaten durchlaufen, von zunächst körpergebundenen Kategorien wie innerem Unwohlsein oder physiologischem Missempfinden, über Wollen, Affekte und Können bis schließlich zu moralischen Urteilen. Betrachtet man die kindliche Kommunikationsentwicklung unter dem Aspekt des Zeichens, so zeigt sich, dass man von einem Sprach-Kontinuum ausgehen muss, welches Körpersprache, ästhetische Sprache und Verbalsprache in einem engen, kohärenten Zusammenhang sieht und keine kategoriale Abspaltung und damit Eigenständigkeit der Laut- und Schriftsprache vollzieht. In diesem Sprachkontinuum lässt sich ein grundsätzlicher Entwicklungsverlauf von einer primären emotionalen Regulation im Säuglingsalter zu einer primär kognitiven Kontrolle im Schulalter konstatieren, die aus zwei Teilprozessen besteht: einerseits einer Abnahme der intermodalen Verwobenheit von Körper-, Formen- und Verbalsprache mit ihrer archaischen, universell kommunizierbaren Emotionalität und einer Zunahme der modalitätsspezifischen Fokussierung auf die hoch sozial-normativ konventionalisierte, kognitiv vermittelte Lautsprache; andererseits eine zunehmende Abstraktion des Zeichencharakters innerhalb der unterschiedlichen körper-, formen- und verbalsprachlichen Zeichenmodalitäten und damit ein Verlust der emotional durchdrungenen Ikonizität der Zeichen und ein immer komplexerer Aufbau willkürlicher Symbolizität.

  9. Die Entdeckung der Spiegelneuronen (Rizzolatti et al. 1996) führte neben den ursprünglichen Hinweisen auf die Spiegelung von Handlungen als Ursprung der phylo- und ontogenetischen Sprachentwicklung zur Annahme, dass die intersubjektive Spiegelung von Emotionen den wesentlichen Organisator der kommunikativ-sprachlichen Entwicklung des Kindes darstellt. Umgekehrt wirkt der kommunikative Umgang mit Emotionen auf diese selbst zurück. Die Fähigkeit von Neugeborenen, relationale Emotionen zu spiegeln bzw. intentional zu kommunizieren, führt der Psychobiologe und Neurowissenschaftler Colwyn Trevarthen auf die angeborene neurobiologische Bereitschaft der IMF (Intrinsic Motive Formation) und des EMS (Emotional Motor System) zurück. Dadurch sei die kindliche Antizipation eines emotional antwortenden Anderen pränatal psychophysiologisch angelegt. Vgl. Colwyn Trevarthen (2012): Intersubjektivität und Kommunikation. In: Otto Braun und Ulrike Lüdtke (Hrsg.): Sprache und Kommunikation. – Behinderung, Bildung und Partizipation. Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik, Bd. 8 (82-157). Stuttgart.

  10. Colwyn Trevarthen versteht die psychobiologische Dyade von Mutter und Kind als reziproke Psychobiologie spezifischer neurochemischer Parameter. Der hierdurch psychophysiologisch zwischen Mutter und Kind entstehende gemeinsame Raum ist nach Trevarthen jedoch kein primär auf Schutz und emotionale Sicherheit ausgerichteter Bindungsraum im klassischen Sinne von John Bowlby (The nature of the child’s tie to his mother, 1958), sondern ein Entwicklungsraum, in dem die durch „brain-brain-conversation“ etablierte Intersubjektivität dem kulturellen Lernen und damit vor allem auch dem Erlernen der verbalen Sprache dient – und zwar mittels emotionaler Kommunikation bzw. kommunizierter Emotionen.

  11. @Michael S. was hat das für Sie für einen Sinn, hier Ihren Abschied anzukündigen und dann munter unter anderen Pseudonymen weiterzublogen. Ich kapiere es einfach nicht. Mir würde eine sinnstiftende Erklärung von Ihnen helfen, Sie besser zu verstehen.

  12. @ 13: Mir liegt an einer sachlichen Diskussion. Persönliche Bemerkungen halte ich für abträglich.

  13. „Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallet! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.“ Evangelium nach Matthäus, Kapitel 26, Vers 41
    Doch Spaß zu haben, ist nicht sinnlos. Warum sollte er mir nicht vergönnt sein?

  14. @14 Michael S. – sorry, aber auch diese Erklärung kann ich nicht nachvollziehen. Was meinen Sie mit persönlichen Bemerkungen? Wenn wer hier etwas postet, sagt das häufig auch was über ihn persönlich aus. Und natürlich gebe ich hier meine „persönlichen Bemerkungen“ ab – in der Hoffnung, dass es zu einer sachlichen Diskussion kommt bzw. dabei bleibt.

  15. @ 16: Bevor ich gleich die allerhöchste Instanz anrufe (FBS), hier zwei Aussagen, denen ich mich anschließe, in der von mir geteilten Hoffnung, dass es bei sachlichen Diskussionen bleibt.

    Papst Franziskus hat vor den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro zu einem friedlichen Miteinander aufgerufen: „In einer Welt, die nach Frieden, Toleranz und Versöhnung dürstet, hoffe ich, dass der Geist der Olympischen Spiele alle erfassen wird, die Zuschauer und die Teilnehmer“.

    Johann Wolfgang von Goethe schrieb: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein. Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

  16. @ 16
    M.S. hat ja seinen Abschied (einschließlich dem sämtlicher nur denkbarer Pseudonyme) für irgendein Datum im April versprochen (welches genau, habe ich nicht mehr im Kopf). Noch haben wir März, es besteht noch Hoffnung, dass dieser sehr einseitige Spaß bald ein Ende hat.

  17. @ 19
    lieber Michael S., ich habe überhaupt nichts gegen Ihre Beiträge. Aber in dieser Massivität finde ich sie einfach nervtötend. Das ist wie in einem Wald, wenn eine ganz bestimmte Pflanze sich immer mehr ausbreitet und allen anderen das Sonnenlicht nimmt; die Vielfalt geht zurück und letztlich nimmt der ganze Wald Schaden.
    Wenn ich auf meinem PC in den RSS schaue und lese: „Kommentar zu… von Michael S., …von Michael S., … von Michael S., ….von Michael S. …. — dann schaue ich erst gar nicht in den Blog. Und ich vermute mal, das geht Vielen so. Das meine ich mit „einseitigem Spaß“.

  18. @ 21: Auf diese Weise entgehen Ihnen viele schöne Blüten.
    Ich hätte nichts dagegen, wenn Sie sich wieder öfter ins Sonnenlicht wagten.

  19. @ 23: Danke! Mehr Zuwendung hatte ich selten. Noch dazu aus berufenem Mund.
    Sie machen mir meinen Abschied fast unmöglich…

  20. @21ff: Ich lese die Kommentare von Michael S. eigentlich recht gern, lieber Franz. Ich finde es nur irritierend, wenn ich den Verdacht hege, dass das jetzt aus derselben Quelle unter anderem Namen kommt, da ich mich auf jeden Neuen versuche komplett neu einzustellen. Da hat Dein, Michael, ständiger Namenswechsel natürlich den Vorteil, dass man seine eigenen Vorurteile einmal überprüfen muss, aber wenn das so häufig kommt und die Personen dann auch noch miteinander kommunizieren, fängt bei mir dann auch die Verwirrung an und ich halte mich lieber zurück.
    Wenn sich allerdings in diesem Blog jemand verabschiedet, nehme ich das eh nicht ernst.
    Liebe Petra, Du hattest mal ein schönes Video von israelischen und palästinensischen Frauen geteilt, die gemeinsam marschierten und sangen. Ich finde den Thread nicht mehr, magst Du es mir noch einmal heraussuchen? Es hat einen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen, dummerweise nicht nachhaltig genug, um mir Namen und Thread zu merken.

  21. @alle: Vielleicht geht die Frage zum Thema auch anders herum? :
    Wenn ich sie willentlich und methodisch verändern und gar abstellen kann, wie wahrscheinlich ist dann noch, dass sie genetisch bedingt sind, bzw. wie unterscheidet und wo unterscheidet man (ab welchem Punkt) Anlage von Ausbau?

  22. @ 28: Beispiel Angst.
    Angst ist ein Gefühl, das sich in Situationen, die als bedrohlich empfundenen werden, als unlustbetonte Erregung äußert. Die Emotion Angst wird meist situationsbezogen empfunden und ist zu unterscheiden von der relativ stabilen Persönlichkeitseigenschaft Ängstlichkeit. Angst dient dem Schutz vor Gefahren und löst unterschiedliche Reaktionen aus: Kampf, Flucht, Lähmung.
    Diese Emotion und die reflexartig ausgelösten Reaktionen sind zwar relativ stabil, können aber willentlich verändert und sogar völlig abgestellt werden (vgl. Siggis Indianer). Doch Reste der Emotion bleiben weiterhin vorhanden – nur die Reaktionen fallen weniger reflexhaft aus. Jeder Mensch bringt eine für ihn typische Angstdisposition von Geburt an mit, die sich aber schon ab dem Kleinkindalter und noch lebenslang durch entsprechende Lernprozesse erheblich verändern lässt. Jede Art von Angst kann gelernt, aber auch verlernt werden. Angst ist die gelernte Verbindung von spezifischen Hinweisreizen in Ereignissen und deren schädlichen Konsequenzen. Ängste können auf verschiedene Weisen gelernt werden, etwa durch eigene Erfahrung (Konditionierung), durch Beobachtung fremden Verhaltens (Lernen am Modell) oder durch Instruktion (zum Beispiel Warnhinweise).

    Möglicherweise besteht auch bei anderen Emotionen diese Verbindung von Disposition (Potenzial) und Lernprozessen (Aktualisierung).

  23. Wenn man Maturana folgen will, dann „emotionieren“ alle Lebewesen, auch solche ohne Nervensystem: Emotionieren ist nichts anderes als in einem bestimmten Handlungsbereich (z.B. Kämpfen / Fliehen / Kooperieren / Spielen / Lieben) bzw. von einem Handlungsbereich zum anderen zu „fließen“; man könnte auch von „in-Resonanz-Sein“ sprechen oder von Mimesis. Emotionen sind dann körperliche Dispositionen oder physiologische Bereitstellungen, die festlegen, was ein Organismus in jedem Moment ausführen kann.
    Die Grundausstattung an Emotionen teilen wir Menschen selbstverständlich mit allen Lebewesen auf diesem Planeten.
    Menschen emotionieren aber im Strömen ihres — Sinn benutzenden und erzeugenden — Sprachhandelns.
    Colwyn Trevarthen (danke, anna, für den Hinweis) vergleicht dieses Strömen mit einer musikalischen Partitur mit präzise aufeinander abgestimmten Einsätzen und Tonfarben. Jede Kultur entwickelt (so meine These) in ihren Sprach-Spielen ihre je eigene „Partitur“ an Gefühlen, sozusagen ihren unverwechselbaren (aber auch sich laufend verändernden) „Fingerabdruck“.

    Das ist ähnlich wie bei der Diskussion um Chomskys hölzern-mechanistische und überflüssigen These von der angeblich universellen, vererbten Grammatik. Das gemeinsame, mimetische (= wechselseitiges Vor- und Nachahmen) Strömen-in-Sprache genügt für die Erklärung von Grammatik ebenso wie von Gefühlen; es intensiviert Irritationen und Irritationsverarbeitung (vgl. auch Luhmann, dGdG S. 214) — Resultat sindeine kohärente Taktung (Grammatik) ebenso wie kohärente Gefühlsfarben.

  24. Ich finde die aufgeworfene Frage „angeboren oder erlernt“ höchst spannend, ähnlich so wie weitere grundlegende Fragen wie „Henne oder Ei“, „Teilchen oder Welle“ etc. Eine Schwierigkeit liegt leider aber schon wieder in der – zumindest mir – nur unzureichenden Fähigkeit, beobachtete Phänomene präzise (was immer das auch ist), aber auch verständlich zu beschreiben.

    Ganz grundlegend scheint es mir hilfreich, die Unterschiede zwischen den Begriffen
    – Emotion
    – Empfindung
    – Gefühl
    – Emotionale Muster
    zu beschreiben.

    Ausserdem bliebe zu klären, was eigentlich unter „angeboren“ zu verstehen ist. Im folgenden mal ein extremer (vielleicht auch sehr gewagter) Versuch des Vergleiches mit der kalten Maschinenwelt: Wenn unser Organismus eine Herdplatte wäre, dann wären unsere Gefühle die verschiedenen Hitzestufen, z.B. 1-9. Alle Menschen teilen in jedem Fall die Eigenschaft, verschiedene Temperaturen annehmen zu können (abhängig von der Herkunft, also z.B. Unterscheidung nach Nord- und Südeuropäer).

    Fügen wir diesem System nun Lernfähigkeit z.B. in Form Künstlicher Intelligenz bei (die Herdplatte würde mit einer Kamera ausgestattet, das System als Internet of Things mit dem Internet verbunden), dann würde die Herdplatte z.B. entscheiden, sehr schnell sehr heiß zu werden, wenn auf ihr ein Topf voll Wasser gestellt würde.

    Ein solches System – bzw. solche Systeme (es gibt ja Milliarden Herdplatten) – dahingehend zu erforschen, welche unterschiedlichen Temperaturen und Temperaturstufen (=typische emotionale Muster) typische Herdplatten annehmen können und in welchen typischen Situationen scheint mir sehr nützlich. Die Fähigkeit aber, unterschiedliche Temperaturen annehmen zu können, ist „angeboren“. Sprachlich wird es jetzt halt schwierig, Bezeichnungen für die Temperaturstufen zu finden. Dass es aber solche Temperaturstufen überhaupt gibt, das scheint für die meisten Experten (und auch für Nicht-Experten wie mich) unstrittig.

  25. @2: Eine sehr schöne Botschaft von Dunkelbunt, im Sinn von mit seinem Selbst bei „seiner“ Sache sein und bleiben.
    Vermutlich weiß auch der Interpret, dass das nicht immer so einfach gelingt weil Ereignisverkettungen Kombinationsspeilräume einerseits eröffnen oder andererseits auch schließen können. Manchmal bleiben nur sehr spezifische (eingeschränkte) Verkettungsangebote, z. B. suboptimale Bedingungen im frühkindlichen Zeitfenster die einer Gehirnentwicklung nicht förderlich sind und trotzdem werden daraus „robuste Erwachsene“.

    Da Kognition und Emotion funktionell zusammenhängen und die Frage nach der Kausalattribution von Emotion als primär erworben oder doch eher angeboren vielleicht auch insofern interessiert als sie uns eröffnen könnte mehr positve Selektionsverstärkung zu generieren für Entwicklungsverläufe
    und unter Umständen vielleicht mehr Licht ins Dunkel der Resilienzforschung bringt.

    @7: Dachte bislang Scham setzt ein Individualitätsbewußtsein voraus und falls das so ist beginnt dann dessen Entwicklung bereits mit 8 Monaten.

    @12: Kann man unter „brain-brain-conversation etablierter Intersubjektivität“ eine neuronale Resonanz verstehen, die aber keine „Schutzfunktion“ beinhaltet, sondern nur einen Raum im jeweils sprachlichen Kontext ermöglicht, oder was genau kann man sich vorstellen?

  26. @ 33
    Zu 7: Sie haben recht. Der Freud-Schüler Erik H. Erikson situiert in seinem Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung Scham und Zweifel als Effekte einer misslingenden Lernerfahrung von „Autonomie“ des zwei- bis dreijährigen Kindes in der „analen Phase“ (Stufe II seines Modells, vgl. Erik H. Erikson: Wachstum und Krisen der gesunden Persönlichkeit. In: Ders., Identität und Lebenszyklus, Frankfurt am Main. 2008). Scham tritt hier in Gegensatz zum Stolz über gemeisterte Entwicklungsschritte. Erikson deutet Scham als sekundär gegen das Ich gerichteten Zorn: „Der Schamerfüllte möchte […] die Welt zwingen, ihn nicht anzusehen […]. Er würde am liebsten die Augen aller anderen zerstören. Stattdessen muss er seine eigene Unsichtbarkeit wünschen.“ (Erik H. Erikson: Kindheit und Gesellschaft, Stuttgart 1999, S. 243 ff). Scham wird nicht zu den Primäraffekten, sondern zu den strukturellen Affekten gerechnet.
    Zu 12: „Colwyn Trevarthen: Making Sense of Infants Making Sense
    Research on natural and spontaneous communication with infants and toddlers – on the ways young humans act and interact to share experiences, feelings and intentions with other known persons before they can use language – proves the existence of talents for intersubjective sympathy for which the science of psychology has no ready explanation. The coordination from birth of information-seeking and object-using movements of head, body and limbs in one mind-time and one body-related space requires a new way of conceiving the formation and sequencing of intentions and conceptions of the world in the brain. The intimate sharing of intrinsic rhythms and expressions of emotion by vocalisation, gesture, facial expression and touch that comes so naturally between parent and infant; the ‘narrative musicality’ of the earliest protoconversations and interaction games; the transformation of these by joint and mutual attention into collaborative performance of tasks; elaboration of conventions and meanings in companionship — all these lay the foundations for learning how to speak about what is already consciously shared. We see that human sense of things, with all its potential for cultural elaboration, is somehow born in us, seeking affirmation in human company. Its complex emotional regulations have an unexpected moral complexity from infancy.“ http://intellectica.org/SiteArchives/archives/n34/34_8_Trevarthen.pdf

  27. @36 ui, vielen Dank, liebe Petra, das ist klasse – und diesmal ist der Link auch abgespeichert.

  28. @9 et al:
    SIC! Es steckt also drin (genetisch) und kann -je nach Angebot und Nachfrage- aktiviert werden.

    vgl. Zit. @9 an @8: Die Benennungen für Gefühle erwirbt man als letzte im Rahmen des individuellen Spracherwerbs. Es wird einem gesagt, wie man das nennt, von dem die anderen Leute denken, dass man es fühlt…

    Einrede.
    Das ist natürlich der/ein (Vorschlag) – Hammer, den keineswegs Alle zu mögen pflegen;
    Ein Hammer wäre zwar das Allerletzte, nahezu;
    aber wenn schon, denn schon:
    endlich mal ein Ding von Format,
    mit dessen Qualitäten auseinander zu setzen sich lohnt.

    Ohne sich in Details zu verzetteln,
    bleibt es vom Prinzip her beim sozialen Lernen
    und diese wäre somit auch eine Frage der Kommunikation.
    MIT allen Sinnen
    ..und Geschmacksachen,
    je nach Vermögen, Anlage und Milljoe.

    Inwieweit Kommunikation zufriedenstellend gelingt (oder auch nicht),
    (cave: durch „zufriedenstellend“ und „gelingen“ entfalten sich bereits
    Drohgebährden kulturabhängiger Wertung) bleibt offen.
    Dies erscheint anschließend im (non)-verbalen Ausdruck
    als Folge des bisherigen Angebots,
    das im jeweiligen Rudel Bedeutsamkeit erlangt hat.

    Respektive der Nachfrage, die so lange außen vorbleibt,
    bis Bedarf / Mangel besteht, um Anlaß zur Suche zu bieten.

  29. @32 Theobald Tiger

    „Sprachlich wird es jetzt halt schwierig, Bezeichnungen für die Temperaturstufen zu finden. Dass es aber solche Temperaturstufen überhaupt gibt, das scheint für die meisten Experten (und auch für Nicht-Experten wie mich) unstrittig.“

    für Herdplatten (und ähnlich mechanistisches Gerät)
    mag das interessant sein, so erforscht zu werden.

    …nur gibt es keine Stufen in der Natur, es sei denn man benennt die Unterschiede in und durch Metamamorphosen als solche

  30. @40: Das dachte ich mir bei T.T. Kommentar auch. Wo sollen sie denn sein, die „Stufen“…? Eher denke man meines Erachtens an ein Kontinuum ohne Linie …

    Und m.E. ist der Kommentar von FBS kein Hammer, vielmehr ist er logisch konsistent. Und warum soll man nicht logisch konsistent argumentieren? Mich stören die Widersprüche eines Maturana nicht sonderlich – zumindest reicht mein „sich daran stören“ nicht aus, um mich hinzusetzen, und aktiv dagegen an zu argumentieren. Es soll doch jeder in diesem großen Garten denken und glauben, wonach ihm der Sinn steht. Ob es logisch schlüssig und letztendlich auch brauchbar ist, sei dahingestellt. Aber auch hier muss man die Kraft aufbringen, um gegen Dogmen, und seien sie auch noch so unlogisch, anzudenken. Es gibt eine Form der Logik, die sich letztlich selber aushebelt … Nur so viel möchte ich zu denken geben: Ich denke nicht, dass dieser „Biologismus“ eines Maturana logisch kongruent ist – denn wie kann er denn einerseits den Beobachter in die Betrachtung hinein holen, andererseits aber das Nervensystem (und viele weitere biologische „Voraussetzungen“) als „an sich“ (und jenseits des Beobachters gegeben) blindlings voraussetzen? Hat er denn das Auge schon selber erkannt? Und wie hat er es denn erkannt? Hat er die Amöbe erkannt? Und wie ging denn das vor sich? Ist nicht vielleicht schon das Nervensystem an sich ein Konstrukt, nämlich insofern, als wir es bereits als solches erkannt haben? Aber wie erkenne ich es denn?

  31. @40, 41, 42: Der Vergleich mit Temperaturstufen trug wohl nur zur Verwirrung bei, er war nicht im Sinne von niedrige Stufe=niedriges Gefühl o.ä. gemeint, sondern nur im Sinne einer Kategorisierung (z.B. Stufe 1 bei der Herdplatte erhitzt die Platte auf 100 Grad, Stufe 2 auf 120, …, Stufe 9 auf 190 Grad – Elektriker, Köche und andere Fachleute mögen mir verzeihen – Stufe 1 beim menschlichen Organismus entspräche dann z.B. einer ersten grundlegenden Emotion wie z.B. Angst, Stufe 2 einer beliebigen weiteren wie z.B. Ekel etc).

    @39: Mir drängt sich ein weiterer Vergleich auf, der später vielleicht nützlich ist. Könnte man Ihre/Fritzs’/Barretts These aus Ihrer Sicht wie folgt vergleichen?

    Mit Emotionen verhält es sich wie mit der gesprochenen (Mutter-)Sprache. Wir tragen alle die Veranlagung zu Sprachvermögen und -verständnis, die konkrete Sprache wird aber erlernt und immer wieder – mit jedem Wort und Satz – neu erzeugt.

    Mir leuchtet aktuell weiterhin (ich gebe aber zu, dass ich viele der Kommentare nicht verstanden habe) nicht ein, wieso eine Emotion wie z.B. Angst erlernt sein soll und nicht angeboren ist. Es scheint mir evolutionär extrem vorteilhaft, dass das Brüllen eines Säbelzahntigers extrem schnell eine Stressreaktion auslöst, die wir gemeinhin als Angst bezeichnen. Durch welche Reize allerdings Angst ausgelöst ist, das – so vermute ich – ist (meist/immer?) erlernt. Ob es auch Reize gibt, die Angst auslösen, ohne dass dies erlernt worden ist, ist eine spannende Frage, über die ich mal nachdenken und recherchieren werde. Vielleicht hat jemand eine gute Idee dazu?

  32. Zu Angst habe ich leider im Moment keine Idee. Aber der Zusammenhang von Temperaturstufen und Emotionen wird in „Der gute Psychopath in dir“ von
    Kevin Dutton sinnvoll aufgegriffen. In einer Welt in der wir alle Temperaturen digital steuern können, kann, eventuell, die Steuerung der Emotionen verlorengehen. Das könnte dann auch Angst auslösen.

  33. @ 9: Ist es nicht ein Symptom unserer sprachlich geprägten Zeit, dass wir Emotionen in ihrer Wandelbarkeit nicht so richtig verstehen?
    Emotionen äußern sich eher in Mimik und Gestik als in Sprache (siehe die Filme der Nouvelle Vague).

  34. @ 32: „Ich finde die aufgeworfene Frage „angeboren oder erlernt“ höchst spannend, ähnlich so wie weitere grundlegende Fragen wie „Henne oder Ei“, „Teilchen oder Welle“ etc.“

    Vielleicht ließen sich in diese Überlegungen multikausal bedingte physisch-psychische Phänomene wie Krebserkrankungen und sexuelle Orientierung einbeziehen?

  35. @37 Was, bitte, ist UN-KRAUT?

    Bezeichnet dies nicht etwas Biologisches, das nicht besonders attraktiv zu sein scheint, auch unkontrolliert zu wachsen pflegt und sich dabei allzu gerne einer Schrebergarten-Idylle bemächtigt?
    Schlimm wird es natürlich erst, wenn das UN-KRAUT dort nicht nur die Primeln, sondern auch die Selbstversorger-Nutzpflanzen zu verdrängen droht, sondern -schlimmer noch die selbstgebastelten Gartenzwerge …
    Das erfüllt einfach Tatbestände schlechthin ..
    Weshalb ich in der Regel auch zum Einbau von Stolpersteinen rate..
    Je nach Geschmack auch mit selbstauslösender Fußangel ?

  36. @ 47: „unkontrolliert“ „verdrängen“ durch „überbordende“ „Massivität“

    Das schürt Ängste. Womit wir beim Thema „Emotionen“ wären.

  37. @42: SIC!
    Mich stören die Widersprüche bei Maturana auch nicht, der schließlich selbst irgendwann Angst hatte verrückt zu werden, innerhalb seines Modells. Das erübrigt sich jedoch vor allem mit Heinz von Foersters psychophysische Erweiterung … „Wir denken mit den Knieen“ (kann den Link zu dem Kurzvideo bei Youtube leider nicht vom Handy aus unterbringen)

    Nur kommt mit dieser „Knie-Erweiterung“ ein gendertechnisch relevanter Aspekt mit ins Spiel, dem bislang wenig Beachtung geschenkt wurde bzw. wird.

    Männer tendieren eher zum „genu varum“, bis in Extremfällen ein ganzes Fass dadurch passt, das sie anschließend auch als einfachsten Weg zwischen ihren Beinen hindurch -immer wieder-zu rollen pflegen.
    Frauen neigen -aufgrund der Breite ihres Beckenrings- eher zum Inclusions-Modus, bei „genu valgum“.

    Bis irgendwann nur noch der Hauch eines Gedankens dazwischen passt …
    es sei denn, die gesamte Autopoiesis ist durch die vielen Haken restlos vernagelt..

    Dann muß man -gemäß FBS’s logischer Konsistenz- im Zweifel auch mal die Fahrt zur Tanke in Kauf nehmen, (und riskieren, daß dadurch der Haussegen in Schieflage gerät)
    Es hilft nämlich nichts, wenn eine „Bloddy Mary“ gebraucht wird, um die Kreativität anzuheizen,
    kann man auch mit den besten Weinen nicht dienen.
    ?

  38. @ 49: Joseph Beuys schrieb 1977 auf eine Postkarte:“Ich denke sowieso mit dem Knie!“ und signierte sie.

  39. @ 51:
    Das Knie
    Ein Knie geht einsam durch die Welt.
    Es ist ein Knie, sonst nichts!
    Es ist kein Baum! Es ist kein Zelt!
    Es ist ein Knie, sonst nichts.

    Im Kriege ward einmal ein Mann
    erschossen um und um.
    Das Knie allein blieb unverletzt-
    als wärs ein Heiligtum.

    Seitdem gehts einsam durch die Welt.
    Es ist ein Knie, sonst nichts.
    Es ist kein Baum, es ist kein Zelt.
    Es ist ein Knie, sonst nichts.

    von Christian Morgenstern

  40. @ 42
    liebe Andrea, über allen Aussagen Maturanas steht die Aussage: „Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter zu einem anderen Beobachter gesagt, der er auch selber sein kann.“ Das bezieht sich selbstverständlich auch auf seine Aussagen über das Nervensystem.

  41. Lieber frafri,

    wenn man es so sieht, wie Sie es so schön schreiben, dann ist es stimmig. Ich kann diese magische Schleife jedoch in seinen Arbeiten nicht finden. Können Sie mir da weiterhelfen und mir Textstellen geben, die genau das besagen? Ich finde Sie viel eher bei Varela, nicht nur viel eher, sondern in manchen seiner Texte sehr konkret. Ich habe es gerade nicht im Kopf, aber ich denke gerade an den in „Lebende Systeme“ veröffentlichten Text …

    Ich habe Heinz von Foerster nur einmal in meinem Leben wirklich gesehen. Es war bei seinem letzten „Auftritt“ in Wien – und er fuhr mit dem Rollstuhl geradewegs auf mich zu (ich weiß nicht wie das möglich war, denn eigentlich wurde er ja geschoben – es war wohl ein Zaubertrick), völlig aus dem Nichts, und schüttelte mir eine Ewigkeit die Hand (wir haben uns davor nie gesehen…) – dann fuhr er grinsend im Rollstuhl davon. Ich habe mir eine Woche nicht die Hände gewaschen …

  42. @ 54: In seinem Buch „Der Anfang von Himmel und Erde hat keinen Namen” schreibt Heinz von Foerster: „Wahrscheinlich ist es immer so, daß ich mit den anderen ein Liebesverhältnis eingehe und mich daher darum bemühe, mit den anderen zu tanzen. Und weil ich mit einem Fremden, mit einem Menschen, den ich nicht mag, wahrscheinlich auch nicht tanzen würde, sehe ich meine Partner immer sofort als liebenswerte und tanzfreudige Menschen an” (S. 223 f).
    Vielleicht war das Händeschütteln ein Ersatz für das ihm nicht mehr mögliche Tanzen.

  43. Für mich war es ein sehr besonderer Moment. Da standen und saßen die ganzen aufgeblasenen, ach so klugen Affen in dem riesigen Festsaal (Sie entschuldigen mir das hier an dieser Stelle) und er fuhr zu mir (oder wurde gefahren, …), damals Studentin, ganz hinten im Saal stehend, irgendwo an eine Wand gelehnt …

  44. wunderschön, da muss ich gar nichts mehr dazu schreiben.

    aber doch noch zu Maturana: ich bin mir sicher, dass er das immer so verstanden hat.

  45. @ 56: „Affen lachen, wenn sie den roten Popo anderer Affen sehen. Zu wissen, dass sie selbst auch einen roten Popo haben, und trotzdem zu lachen, ist wahres Lachen.“ (japanisches Sprichwort)

    Unter Klugen scheint das Ähnlich zu sein.

  46. Inzwischen habe ich ein wenig in dem oben zitierten Buch lesen können. Erstes Ergebnis: Es gibt keine feste Kopplung zwischen spezifischen Emotionen und spezifischen physiologischen Reaktionsmustern, weder individuell noch gar generell. Das ist das Ergbnis von vier Meta-Analysen, die alle experimentellen Studien dazu ausgewertet haben (220 Studien mit mehr als 22000 Versuchspersonen):

    „It doesn’t mean that emotions are an illusion, or that bodily responses are random. It means that on different occasions, in different contexts, in different studies, within the samte individual and across different individuals, the same emotion category involves different bodily responses. Variation, not uniformity, is the norm. (…)
    Despite tremendous time and investment, research has not revealed a consistent bodily fingerprint for even a single emotion.“ (S. 15)

    Emotionen sind erlernt und konstruiert … (Nicht wirklich überraschend aus konstruktivistischer Sicht).

  47. @ 59: Das macht die Arbeit von Psychiatern ja so schwer…, erklärt jedoch so manchen Gefühlsausbruch… – ob nun von Lebenspartnern, Chefs oder Blog-Mates.

  48. @59 Eine gute Nachricht!

    Was erlernt wurde, kann falls notwendig auch verlernt und umgelernt und damit gesteuert werden.

    Was für einen entsprechende Kontext verhältnismäßig tauglich schien, ja möglicherweise sogar dem überleben diente, kann dann eben auch verlernt, umgelernt und entsprechend angepasst werden, damit es tauglicher wird, entsprechend sich verändernder Kontexte.

    Emotionen geben den menschlichen Wahrnehmungen im Leben ihre Farbe.

    Und wie durch die irrudiziblen Primärfarben Rot Blau und Gelb durch entsprechende Mischung unzählbare Farbnuancen möglich werden, lassen sich auch Emotionen durch entsprechende Meme differenzieren und entsprechend intensivieren, dramatisieren oder eben extensivieren entdramatisieren lassen.

    Emotionales Leben ist einfach, aber nicht leicht. Und somit auch keine Illusion.

    Diese Tatsache wußten und nutzten kreative Heiler, Schamanen, Geschichtenerzähler vor Jahrtausenden. Auch in Zukunft dürften die Guten unter ihnen, nicht so leicht arbeitslos werden. Ich sehe einen riesigen Markt der bedient werden will.

  49. Jeder funktioniert nach seinem eigenen Programm.
    Gerade Gefühle sind leicht manipulierbar.
    Das Bewusstsein spielt dabei eine dienende Rolle – die des Bestätigers.

  50. Die individuellen Unterschiede emotionaler Prozesse hängen von vielen Variablen ab. Einige davon laufen „unbewusst“, zumindest vom Individuum „unbemerkt“ ab. Gleichwohl existieren gewisse Grundverhältnisse der emotionalen Reaktionsmuster – sonst könnte es keine soziale Gemeinschaft und keine Gesellschaft geben.

  51. 4-jährige auf der Alm sitzend: Bäähh, da ist Pferdegacki
    Ich: Nein, das ist von einer Kuh.
    4-jährige: Ah so. (nachdenkend). Aber wir sitzen nicht drauf.
    Ich: Kannst du dir da sicher sein?
    4-jährige: Hallooo, wir sitzen auf einer Jacke…
    Ich: Aber unter der Jacke…
    4-jährige: (überlegend) Schauen wir nach!!!
    Wir stehen auf und schauen nach.
    4-jährige: Na also. Hab‘ ich doch gleich gesagt…
    (Von wem sie das hat?)

    Soviel zur Überprüfung logischer Schlussfolgerungen..

  52. @64 Super!

    Liebe Andrea,

    bitte fragen Sie doch die 4-jährige, wo sie nachsehen würde um die Algorithmen von „Bewusstsein“ und daraus abgeleitet „Emotionen“ festzustellen.
    😉

  53. “ Was wir als Sinnesempfindungen und Emotionen bezeichnen, sind in Wirklichkeit Algorithmen.“
    (Yuval Noah Harari; Homo-Deus)

    Tja. Mag ja alles sein.

    Trotzdem scheint mir das viel zu wenig.
    Wird einfach dabei zu Vieles (Überlebens-)Wichtiges für das Gesamtkomplex irdischer Biosysteme ausgeblendet.

    Jenseits des „Machbaren“ stellte sich seit je her, für menschliches Bewusstsein, (auch noch) die Frage des „Sollen“, dem Ethos:

    „Wir sollten zuerst alle Anstrengungen – in der Philosophie genauso wie in den Neuro- und Kognitionswissenschaften – darauf richten, unser eigenes Bewusstsein und die Struktur unseres eigenen Leidens besser zu verstehen. Wir sollten uns an dem klassischen philosophischen Ideal der Selbsterkenntnis und an dem ethischen Minimalgebot der Leidensverminderung orientieren und nicht fahrlässig eine Evolution zweiter Stufe auslösen, die dann unserer Kontrolle entgleiten und die Gesamtmenge des bewussten Leidens im Universum weiter vermehren könnte. Wir sollten das nicht tun.“ (Thomas Metzinger)

  54. @59 SIC!

    „Es gibt keine fixen Kopplungen zwischen spezifischen Emotionen und speziellen physiologischen Reaktionsmustern, weder individuell …
    und schon garnicht generell…“

    Das erscheint zunächst einmal beruhigend. Es wäre auch schlimm, wenn es -absolut unterschiedslos- anders wäre.
    Denn die Unterschiedslosigkeit entspräche exakt der Ebene zweiwertig getakteter logisch konsistenter trivialer Maschinen.

    „Emotionen sind erlernt und konstruiert… “

    Fragt sich nur, wie diese spezifische bzw. auch allgemeine Konstruktion im Einzelnen und/oder auch im Allgemeinen zustande kam und auch immer wieder neu zustande zu kommen scheint, um sich in Einzelfällen dann doch wieder in vergleichsweise stereotypen Grundmustern an Ausdrucksformen zu manifestieren?

    Was wie erlernt wird, scheint sich zumindest immer wieder auf ein Basisrepertoire an lernfähigen Ressourcen zu beziehen, die erst einmal vorhanden sein müssen, um anschließend überhaupt etwas lernen und konstruieren zu können.

    Wir hatten dieses Thema zwischen trivialen und nicht-trivialen Maschinen und den fixen/nicht-fixen Kopplungen schon nehrfach.

    Überträgt man zB. den konstruktivistischen Ansatz auf die mittlerweile allgegenwärtig um sich greifende Angst vor Überfremdung/Pberwältigung durch Weiterentwicklung/Auswüchse globalisierter Digitalisierung, auch via künstlicher Intelligenz und Robotik, dann lassen sich derartige -durchaus ernst zu nehmenden und berechtigten Bedenken durch eine etwas andere, differenziertere Sicht auf den Variantenreichtum und den Sinn von Emotionen durchaus untermauernd belegen

    Bekanntermaßen reagieren binärcodierte triviale Maschinen logisch konsistent, auch wenn sie nach Boolschen Algorithmen komplex verschlüsselt sind.
    Es bedarf insofern zunächst der Decodierung, um die Funktionsweisen auf Ebene spezifischer Binärcodierungen, die kontext-und kulturabhängig als Trigger fungieren können und damit ebenfalls erlernten Konstrukten entsprechen, zu verstehen.

    Bekannt ist weiterhin, daß binärcodierte Algorithmen mit logischen Inkosistenzen nicht umzugehen verstehen, da Paradoxien in Alles-oder Nichts-Schwellen-Bereichen Entscheidungen verlangen, die sowohl als unentscheidbar definiert sind, andererseits jedoch auch entschieden werden müssen, sofern elementar wesentliche, essentielle Funktionen erhalten bleiben sollen.

    Dies wiederum ist bei primitiven, autodestruktiv arbeitenden Prozessen ohne Wachstumsbegrenzung mit Notaus-Schaltung z.B. bei Überhitzung u.ä. nicht der Fall.

    Selbst in derartigen Schwellenbereichen, die eine radikale Kehrtwende mit Krebsgang verlangen, was die Taktung ihrer Programmierung angeht, „denken“ selbst lebendige „lernfähige“ triviale Maschinen in Sprossen und Stufen von „Himmelsleitern“ und spulen -trotz Sensoren für Widerstände und deren Umgehung- in der Regel die Muster- und Konstruktionsebenen ihrer ursprünglichen Programmierung ab, bis ihnen -im klassisch parasitären Konfliktmodus der Saft ausgeht.
    Ob im Lan und/oder WLan-Modus, ist völlig egal. Strom wie strömen setzt immer eine stofflich und örtlich gebundene Differenz mit (+-) – Polen zwischen Sender znd Empfänger voraus, im Batteriebetrieb genauso wie an einem noch so langen Kabel.

    Der große Vorteil trivialer Maschinen liegt zweifellos darin, daß sie weder Angst noch Schmerz kennen,
    als auch ihre elementaren Musterbildungen in binärcodierter Programmierung bis zum eigenen Totalkollaps nicht verlassen. Es liegt ihnen einfach nicht, etwas ganz anderes zu erfinden, um sich aus etwaig gefährlichen , sogar existentiell bedrohlichen Zwangslagen zu befreien.
    Sie funktionieren, treu und brav, und bleiben, sofern sie auch entsprechend isoliert eingebettet sind, auch weitestgehend resistent gegenüber Störmustern.

    Nun mag man ihnen zwar intern ganz einfache Guntions-Regeln beibringen, wie sie u.a. auch bei Lügendetektoren angewandt werden, die mit physiologischen Parametern gefüttert wurden, wie z.B. Messung von Blutdruck, Temperatur, Hautwiderstand, u.ä.
    Es muß noch nicht einmal die Identifikation von Farbveränderungen sein, zumal das Erkennen von Erbleichen bzw. ein Aufsteigen einer Schamesröte schon eine gewisse differenzierende Farbvergleichskompetenzen verlangt, auch wenn diese in normierten RAL-Farbmuster-Bögen daneben gelegt werden. Maschinell verglichen werden können zwar die normierte Tönungen,
    jedoch bleiben auch hier durch Emotionen angetriebene Filterfunktionen, die unentscheidbare Entscheidungen vorantreiben könnten außen vor.

    Derartig äußerst schlicht bis banal ihrer Binärcodierung verhafteten Programmierungen wiederum lassen sich in der Regel auch auf die Kurzform reduzieren:
    „Wer Angst hat, der hat Schiß“.

    Die absolute Ehrlichkeit, Angst- und Schmerzfreiheit der allseits präsenten,nunmehr elektronisch gesteuerten Hardware mag nun, in ihren Basisfuntionen gerne testen, wer Lust und Zeit dazu hat. Was sich speziell für Stubenhocker übers Wochenende mit bestem Ausflugswetter geradezu anbietet.

    Ich hatte Ähnliches schon mehrfach probiert, vor allem dann, wenn ich sauer war, daß diese besch… enen Gerätschaften, wenn man sie gerade gebraucht hätte, mal wieder doch nicht so funktionieren, wie sie sollten.
    Der Vorteil ist, sie nehmen einem etwaige Gefühlsausbrüche, derer man sich im öffentlichen Raum vielleicht schämen müßte, überhaupt nicht übel. Um Gegenteil, sue reagieren selbst dann gelassen, wenn man sie anschreit, mit Verachtung straft, im Zweifel auch schlägt, auf den Boden knallt oder aus dem Fenster wirft….
    Die Erfahrung zeigt, wenn sie derartige Experimente denn ohne völlig auseinander zu krachen überleben, selbst dann verhalten sie sich anschließend völlig klaglos und überziehen einen auch nicht mit endlosen Prozessen, in denen -trotz eindeutigen Mißbrauchs – Schuld-bzw. Unschuldsfragen debattiert werden müßten. Klaglos nehmen sie ihr Schicksal an; ja, sie schreien -trotz ihrer Mikrosensorik noch nicht mal „Aua“, wenn man ihrer Hardware derartige Experimente zumutet.

    Mit bekanntermaßen biologisch konstruierten Wesen allerdings, wie zB. mit meinen Blagen, aber auch mit wildfremden Zeitgenossen hätte ich mich derartiges niemals getraut.

    Trotz langjährigen Grübelns zum Thema, welche abgeborene und/oder erworbenen und vergestigt erlernten Funktionen hierbei eine immens starke, emotional besetzte Blockade errichten erlernte könnten, kam ich bislang zu keinem vernünftigen Ergebnis, der z.B. auch als Basis eines Prototyps für künftige Versuchsaufbauten zur Ermittlung von klaren Parametern einer Beweisführung für die Durchschlagkraft von angeborenen vs. erworbenen Emotionen dienen könnte.

    Ich hab diesen Ansatz auch mittlerweile -ohne Begründung- aufgegeben; ich vermute deshalb, weil ich den Variantenreichtum an dadurch mutmaßlich provozierbaren Reaktionsmustern doch nicht so ganz einzuschätzen weiß und verstehe?

    Dennoch bleibt bei mir die an die Experten gerichtete Frage offen:
    Wären derartige, aus dem Bauch heraus gesteuerten Aggressions-und Beisshemmungen dann eher im Bereich erlernter Musterbildungen zu verorten? Und dienen diese durch das soziale Umfeld erworbenen Muster einer adaptiven Funktion, auch zum „reinen“ Selbstschutz?

    Ein purer Selbstschutz, den man -den Begriff Empathie via Spiegel-Neurone einmal außen vor- im Zweifel auch noch etwas ethisch anfärbend verbrämen könnte, damit möglichweise verdeckte Lebenslügen nicht so unmittelbar auffallen?

    Oder sollte man derartige eher bauchgesteuert wirkenden logischen Inkonsequenzen doch eher gebdertypisch unter der Rubrik des „physiologischen Schwachsinn des Weibes“ fassen, wie es zu Beginn des 20. Jhds. üblich war? Transgender- Optionen, um auch so manche durch Schatten verdeckte Männlichkeitsattribute zu erfassen mit inbegriffen?

    Bekanntermaßen hatte ich mich in diesem Blog schon mehrfach als Fan des Luhmann’schen Artikels zu gendertechnischen Fragen geoutet.
    Mit dem Titel:
    „Männer, Frauen und George Spencer-Brown“.
    Ein vieler Hinsicht äußerst charmanter Artikel, wie ich finde. Zumal er auch erlaubt, „das ewig Weibliche“ gegenüber so manchen Glaubenssätzen über martialisch paternalistisch wie auch wahlweise maternalistisch geprägten Frauenbildern abzugrenzen.

    Das klingt alles doch ein bißchen verrückt, obgleich Folgendes doch nun festgestellt zu sein scheint:

    „Variation, not Uniformity is the norm“

    Nun sei’s drum,
    auch dies dürfte jedenfalls nicht künftiger Musen und Götterboten Ende sein.
    ?

  55. @68: Sorry, für die unsäglichen Schreib-und Grammatikfehler im versteckten Apple-Rechtschreib-Tastatur-Modus. Diese Siri -Quatschtante , bei Windows 10 in Cortana versteckt, habe ich schon längst abgeschaltet, wie auch Hallo Dr. Google etc.pp. Aber die auf irgendeinem Server noch gespeicherte -vermutlich outside of China oder Taiwan gespeicherte Rechtschreibkorrektur jagt pausenlos der zahnlosen Katze meines längst verstorbenen Großvaters, Jg. 1853 -1837 nach, die Male hieß und die er auch auf einem kleinen Ölbild auf Holz zweifach verewigt hatte. (mitsamt ihrer Geschichte dazu).
    Tja, man sollte heutzutage Katzen doch lieber nicht mehr Male nennen, sonst tanzen einem die eigenen Mäuse noch über Tisch und Bänke. ❤️

  56. @60: Wirkt auf jeden Fall sehr beeindruckend: „…vier Meta-Analysen, die _alle_ experimentellen Studien dazu ausgewertet haben (220 Studien mit mehr als 22000 Versuchspersonen)“.

    Aus meiner Sicht vertrittst Du zwei Hypothesen:
    A: Emotionen sind nicht FEST (!!!) an physiologische Reaktionsmuster gekoppelt
    B: Emotionen sind erlernt und konstruiert
    Im Moment ersehe ich aus den Meta-Studien nur den Versuch, A zu belegen. Zwischen beiden Hypothesen erkenne ich aber keine Beziehung. Weder folgt A aus B noch B aus A.

    Und in der Tat, es klingt plausibel, dass nach allen vorliegenden Informationen, man im Moment aus keinem Messinstrumentarium EINDEUTIG, d.h. FEST und genügend sicher aus einer körperlichen Reaktion schließen kann, welche Emotion jemand hat. Ekman behauptet das zwar, bleibt aber den Beweis schuldig.

    Trotzdem ist es unbestreitbar sehr nützlich (zumindest nützlicher als das Gegenteil) – ich würde sagen geradezu überlebensnotwendig – aus gewissen Merkmalen, insbesondere dem Gesichtsausdruck, eine Emotion des Gegenübers zu schließen, was man dann auch meist zu verifizieren versucht. Dieses Vorgehen ist fast trivial, man kann es hypothesenbasiert nennen oder einen äußerst effizienten „feed forward“-Mechanismus nennen, denn Lebewesen geht’s ja nicht um mathematische Sicherheit, sondern um Überleben, und dafür ist „hinreichend wahrscheinlich“ eine ausreichende Annahme, um Entscheidungen treffen zu können.

    Ich möchte ein Beispiel geben, dass ein Neuro-Professor kürzlich angeführt hat: Wir fahren in einer Shopping-Mall eine Rolltreppe hoch und sind währenddessen mit unserem Smartphone beschäftigt. Aus dem Augenwinkel erkennen wir die uns entgegenkommenden Kaufhausbesucher, die alle einen ängstlichen Gesichtsausdruck haben. Wie reagieren wir jetzt? Meine These: die meisten von uns mit typischer Furchtreaktion (vor vermutlich oben wartendenden Kaufhauszombies etc.).

    Zweites Beispiel: wie konnte Darwin an blinden Babys feststellen, dass sie viele Gesichtsausdrücke mit denen sehender Kinder teilen, z.B. nach dem Bestreichen der Lippen mit zuckerhaltiger oder bitterer Lösung? Das eine löst eine Art Freude/Zufriedenheit aus, das andere etwas, was im weitesten Sinn von uns als Ekel interpretiert wird. Auch ein überraschendes lautes Geräusch erzeugt die typische Mimik, die wir (oder Ekman) als Basisemotion „Überraschung“ deuten. Diese Emotionen finden wir auch im Tierreich, bis dahin, dass wir bei Mäusen Mimik erkennen können, die auf Angst oder Überraschung hindeutet. Kinderkrankenschwestern auf Neugeborenenstationen oder Hebammen dürften viele Beobachtungen berichten können, die darauf deuten, dass es nicht erlernte Zusammenhänge zwischen Körperreaktionsmustern und Emotionen gibt.

  57. Es gibt diese Episode bei Damasio, dass Rhesusaffen sich im Kampf gegenseitig die Hoden abreißen oder abbeißen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Kurze Zeit später agieren sie als wäre nichts gewesen. Umgekehrt wissen Sie bestimmt wie grauenvoll die Untersuchungsgerätschaften sind, um diese sogenannten Spiegelneuronen zu „finden“…Die Affen werden in Gestelle gespannt, der Schädelknochen aufgesägt und sie bekommen Metallimplantate, die zu eitern beginnen. Dann werden sie flüssigkeisdepriviert, und dann müssen sie auf einen Bildschirm glotzen…Als Belohnung gibt es ein paar Tropfen Flüssigkeit. Wenn man logisch denkt, kann man sich das alles sparen…

  58. @73: Ein oft zitierter Fall, Patient SM. Danke für den Link.

    In folgendem aktuellen (vom 7. März 2017, d.h. ca. 3 Wochen alten) Video stellt Lisa Feldman Barrett ausführlich ihr Buch vor: https://www.youtube.com/watch?v=kY6mCVCubjI

    Dauert eine Stunde (sicher kürzer als das Buch zu lesen), aktuell ca. 500 Aufrufe. M.E. ein lohnenswertes zeitliches Invest, nicht nur weil sie recht unterhaltsam vorträgt.

  59. @71 @60

    Guter Beitrag!

    Aber wieso brauchen Systemiker eigentlich noch statistisch basiert Beweise,
    im Zweifel auch noch mit aufwendigen Metastudien belegt, die nichts anderes aussagen als das, was z.B. durch die „Laws of Form“ bereits in logisch kontingenter Form belegt ist und einzig -ergänzt durch die Einbindung dereinzigartigen und nicht austauschbaren Perspektive des jeweiligen Beobachters mit seinem Motive – nur das offenbart, was wir ohnehin bereits wußten.

    Da beißt die Maus keinen Faden ab.
    Gleichgültig, was sie auch anstellen, auch Solipsisten sind und bleiben einfach -qualitativ in ihren Eigenschaften gesehen- einzigartig und entziehen sich somit auch jedweder Kategorisierung mit gleichmacherischem Ansatz.
    Es sei denn, sie wollen sich „volkszählen“ lassen,
    um herauszufinden, worin sie sich (NICHT) ähneln.

    Aber dann landen sie hier:

    „It doesn’t mean that emotions are an illusion, or that bodily responses are random. It means that on different occasions, in different contexts, in different studies, within the samte individual and across different individuals, the same emotion category involves different bodily responses. Variation, not uniformity, is the norm. (…)
    Despite tremendous time and investment, research has not revealed a consistent bodily fingerprint for even a single emotion.“ (S. 15)

    und bei den unentscheidbaren Fragen, ob es wirklich Sinn macht, statistisch beweisen zu wollen, was an Unterschieden ohnehin längst klar ist und nur das bestätigt:

    „Variation, not Uniformity is the norm“

    oder hat irgendwer vielleicht ein Problem damit, einzigartig zu sein und dennoch zur Norm zu gehören.

    Ich gestehe, daß ich persönlich eher ein Problem damit, habe mit den aktuellen Praktiken der mittlerweile globalisierten Animalfarm, nach dem Muster:

    „Allle sind gleich, nur Manche sind gleicher“

    Aber vielleicht liegt das daran, daß ich Alpha-Tiere nicht so ganz ernst nehmen kann, die nicht bis Omega -und wieder zurück- denken können.

  60. @72: DANKE, Andrea, für den Hinweis auf Damasio,
    den ich aufgrund seiner kritisch reflektierenden, selbstkorrigierenden Haltung
    zur eigenen Wissenschaft sehr schätze

    Ich weiß nicht, wieviele nicht nur Descartes Irrtum, sondern auch den Spinoza-Effekt gelesen haben.
    Im Grunde steht dort alles drin, was sich z.B. auch bei Goethe findet.

    „ich ehre die Mathematik als die erhabenste und nützlichste Wissenschaft, solange man sie da anwendet, wo sie am Platze ist; allein kann ich nicht loben, daß man sie bei Dingen mißbrauchen will, die gar nicht in ihrem Bereich liegen und wo die edle Wissenschaft sogleich als Unsinn erscheint. Und als ob alles nur dann existierte, wenn es sich mathematisch beweisen läßt. Es wäre doch töricht, wenn jemand nicht an die Liebe seines Mädchens glauben wollte, weil sie ihm solche nicht beweisen kann! Ihre Mitgift kann sie ihm mathematisch beweisen, aber nicht ihre Liebe. Haben doch auch die Mathematiker nicht die Metamorphose der Pflanze erfunden! Ich habe dieses ohne die Mathematik vollbracht, und die Mathematiker haben es gelten lassen.Um die Phänomene der Farbenlehre zu begreifen, gehört weiter nichts als ein reines Anschauen und ein gesunder Kopf; allein beides ist freilich seltener, als man glauben sollte.“
    Gespräche mit Eckermann, 20. Dezember 1826

  61. @77 und@73: danke auch für diesen Link.
    … um es nochmals und immer wieder zu wiederholen:

    Welche Not zwingt nun eigentlich Leute aus den Psychfächern dazu, Experimente durchzuführen, die aus der Medizin, der Physiologie zur Abgrenzung der Pathophysiologie längst bekannt sind?

    Welche Vorurteile schießen hier eigentlich ständig quer?
    Ist es vielleicht ein grundlegender Mangel an Basiswissen,
    in Chemie, in Physik, in Anatomie?

    Oder liegt der Mangel vielleicht noch tiefer?
    Folgt man Damasio, so scheint ein „emotionaler Analphabetismus“
    doch noch weit verbreitet zu sein.

    Mich gruselt, wenn ich mir anschaue, wie wenig offenbar an Basics noch bemerkt, überdacht, auch immer wieder auf Stimmigkeit überprüft, geeicht und ggf. dann auch korrigiert wird.
    Mit „Geigerzählern“ kann man allenfalls die Kakophonie der gesamten Orchestrierung ermitteln.
    Lassen wir jetzt einhellig nur noch gleichgetaktete Metronome sprechen?

    Zur Zeit höre ich überwiegend nur:
    Betretenes Schweigen

    G2A @73
    „Wenn man logisch denkt, kann man sich das alles sparen…“

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