Kapitalismuskritik ist nötig

Die Forderung von Herrn Kühnert, den Kapitalismus abzuschaffen, braucht man wohl nicht wörtlich zu nehmen. Was sollte auch an seine Stelle gesetzt werden? Sozialismus im Sinne der alten DDR? Wohl kaum. Aber dass man den Kapitalismus, so wie er im Moment funktioniert, unverändert bestehen lassen kann, dürfte auch eine Illusion sein. Denn dann wird man irgendwann bürgerkriegsartige Auseinandersetzungen auch in den bislang friedlicheren Gegenden der Welt erleben, weil er aufgrund seiner gesellschaftlichen Folgen nicht wirklich funktionell ist.

Aber der Reihe nach:

Dass der Kapitalismus gewisse Qualitäten hat, die kein anderes Wirtschaftssystem hat, dürfte als Erfahrungstatsache gelten. Meines Erachtens liegt das kreative und innovative Potenzial des Kapitalismus in der losen Kopplung von Kapital und Unternehmen, d.h. wer das Kapital hat, braucht nicht die gute Idee oder Kompetenz für die Gründung und Leitung eines Unternehmens zu besitzen. Beispielhaft zeigt sich dies an der losen Kopplung zwischen Aktionären und Aktiengesellschaft.Auf diese Weise kann sich das Kapital profitable Unternehmen suchen, die Unternehmen können sich kompetente Mitarbeiter suchen usw. Zusammengefaßt: Das Erfolgsprinzip des Kapitalismus ist die lose – und daher extrem flexible – Kopplung aller für das Überleben und den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens notwendigen Ressourcen.

Doch das ist auch eines der Probleme des Kapitalismus, denn diese lose Kopplung führt dazu, dass Entscheidungen aufgrund der hohen Austauschbarkeit der Ressourcen (z.B. der Akteure) meist nur mit einem kurzfristigen Horizont getroffen werden. Daher treffen Familienunternehmen, wo die Kopplung von Kapital und Unternehmen relativ fest ist, nachhaltigere Entscheidungen und haben langfristigere wirtschaftliche Erfolge. Sie bilden das Gegenmodell zur börsennotierten Kapitalgesellschaft – das, nebenbei bemerkt, ja nicht antikapitalistisch ist, sondern nur die Kopplung zwischen Unternehmen und Kapital nicht marktförmig (=lose) organisiert. Das betrifft dann zu einem guten Teil auch als Nebenwirkung die festere Bindung von Mitarbeitern. Risiko dieser festeren Kopplung ist mangelnde Flexibilität, was gelegentlich dazu führt, dass notwendige „harte Schnitte“ nicht vollzogen werden usw.

Beide Modelle haben ihre Vor- und Nachteile. Ideal wäre es, sie – qua Gesetzgebung – zu kombinieren (was ja z.B. schon im Arbeitsrecht, weshalb Mitarbeiter nicht einfach gehired and gefired werden können, geschieht; es könnte aber auch die sekundenschnelle Trennung vom Eigentum an einer Firme – wie im Sekundenhandel an der Börse – limitiert werden usw.).

Nächster Faktor, der kritisch am real existierenden Kapitalismus zu bewerten ist: dem Markt werden zuviele Entscheidungen überlassen. Märkte sind ein geniales Mittel, um Ressourcen zu allozieren. Aber sie haben – das ist eine Regelhaftigkeit, die mit Naturgesetzen verglichen werden kann – die nicht-intendierte Nebenwirkung, dass sie, wenn sie unreguliert bleiben, Unterschiede verstärken: Reiche werden reicher, Arme werden ärmer… (dazu mehr in „Gemeinsam sind wir blöd“ oder auch in „Einführung in die systemische Wirtschaftstheorie“). Da Kapitalismus und Marktwirtschaft in den westlichen Gefilden meit gemeinsam praktiziert werden, werden die Folgen unregulierter Märkte dem Kapitalismus zugeschrieben. Es ist aber nicht der Kapitalismus „an sich“, sondern der Kapitalismus in unregulierten Märkten.

Das aktuelle Problem des Kapitalismus ist, dass seit Reagan und Thatcher die Politik sich hat einreden lassen (von Heeren als Wissenschaftler verkleideter Lobbyisten), dass der Markt immer zu intelligenteren Entscheidungen kommen würde als die politischen Institutionen. Seither sind z.B Infrastrukturen privatisiert worden, in der Hoffnung, dass – exemplarisch – der freie Wohungsmarkt für hinreichend Wohnraum sorgen würde. Der Staat hat seine Aufgabe, die Macht der Märkte zu begrenzen, aufgegeben. Damit hat er aber auch seine Fürsogepflicht für seine Bürger aufgegeben, z.B. für funktionierende Infrastrukturen im Verkehrsbereich, bei Wohungen, in der Wissenschaft, Bildung, Krankenversorgung usw.

Wenn wir uns die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Verstaatlichung von Unternehmen stellen, so müssen wir m.E. sehr genau differenzieren. BMW zu verstaatlichen scheint mir keine gute Idee. Bei Autos gibt es einen funktionierenden Markt, der – siehe die Chinesen mit ihren E-Autos oder auch Tesla – sogar die deutschen Autobauer dazu bringen wird, sich Gedanken über alternative Antriebe zu machen. Beim Verstaatlichen von Wohnungsunternehmen sieht die Lage anders aus. Anzumerken ist natürlich zunächst, dass es Ausdruck von Schwachsinn war, sie zu verscherbeln (Hallo, Herr Sarrazin!); zum zweiten wäre es wahrscheinlich wirklich besser, neue, städtische Wohnungsbau-Unternehmen oder -Genossenschaften zu gründen, statt das Geld den Aktionären, die enteignet werden, in den Rachen zu werfen (zumal dadurch die Lage auf dem Wohnungs-„Markt“ nicht verbessert würde).

Also: Noch einmal zum Mitschreiben: Der Kapitalismus muss nicht abgeschafft werden, aber er muss/sollte reformiert werden, so dass die Poltik und die politische Willensbildung dem Markt übergeordnet wird – in Bereichen, die für die Lebensqualität der Bürger unverzichtbar sind (dazu gehören z.B. fast alle Bereiche, die früher von Stadtwerken in besorgt und versorgt wurden)…