Kluge Tama

Der SWR berichtete im Radio von der Vorstellung eines neuen Bildbandes über die Kunstwerke im Kanzleramt. Das Buch wird demnächst erscheinen. Der Laudator, Direktor Schuster, sprach über die bedeutenden Werke, erwähnte das Gemälde mit dem Titel *„Die vier Kardinaltugenden“* und meinte hörbar amüsiert lächelnd, wer diese wohl noch kenne. Da fängt mein Speicher doch an Funken zu schlagen!

Meine *Kluge Tama* weiß sowas. Sofort blitzt der Name im Gedächtnis auf. Die *Kluge Tama* ist nicht etwa ein hübsches Mädchen. Nein sie ist eine schlichte *Eselsbrücke*, also eher eine hübsche Konstruktion, entstanden, nachdem ich in Abständen zum vierten Mal zum Lexikon gegriffen und die vier Kardinaltugenden gesucht hatte. Es ist mein bewusstes Konstrukt, das mir Arbeit spart. Wer sich ebenfalls für die vier Kardinaltugenden interessiert, bitte schön, nur zugreifen und ausprobieren getreu dem Motto: *Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteiltes Wissen ist doppeltes Wissen.* Eselsbrücken machen das Leben echt leichter, sind ein Element der Lernkunst und es macht außerdem Spaß, welche selbst zu konstruieren. Für die wirklich wichtigen Sachen natürlich.

Die vier Silben der *Klugen Tama* kürzen die vier Tugenden *Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß (Mäßigung)* ab und stellen diese in einen *merk-würdigen* Rahmen. Den alten Griechen waren sie sehr nahe. Das Wissen um sie gehörte gewissermaßen zur moralischen Grundausstattung der gebildeten Bürger. Für uns sind sie mehr zum Gegenstand von Quizfragen geworden. Entsprechend unbekannt (unwichtig) sind sie den Menschen. Nicht dass wir sie nicht achten würden, diese Tugenden, aber immer daran denken? Sie gar auswendig wissen. Das wäre zu viel verlangt. Das Leben ist eh schon so kompliziert. Genau besehen brauchen wir sie gar nicht zu *wissen*. Sie gehören zu unserem inneren Leitsystem, unserer moralischen Grundausstattung (den *belief systems* vom 09.08.), gehörten mindestens mal dazu.

Manche sagen: *„Hauptsache ich weiß, wo es steht, wenn ich es brauche!“* Aber Bernhard Hassenstein, der Freiburger Humanbiologe (em.) schrieb: *„Hat jemand sein Wissensgut nicht im Kopf, so hat er keine Chance, damit kreativ umzugehen.“* (Er hätte auch konstruktiv sagen können; denn wo nichts ist, kann das Gehirn nichts konstruieren). Es nutzt also nichts zu wissen, wo ich etwas finde, wenn ich es dringend brauche.

An die *Kluge Tama* muss ich immer denken, wenn wieder irgendwo ein Fall von Korruption aufgedeckt wurde oder eine anrüchige Geldaffäre durch den Blätterwald rauscht. Jede Menge dazu steht auf der Homepage der ZEIT [(www.zeit.de/korruption)]. Da ist schon wieder die lange Reihe von Politikern beinahe vergessen, die in den diversen Spenden und Schmierstoff-Skandalen zu „tragenden Figuren“ geworden waren: Graf Lambsdorf, Helmut Kohl (das Ehrenwort hoch haltend), Wolfgang Schäuble, Max Strauß, der berühmt-berüchtigte Karl-Heinz Schreiber usw., auch die von der Waffenlobby „honorierte“ ehemalige Staatssekretärin Hürland, der niemand ein Haar krümmte. Holger Pfahls kannte man lange nur als Phantom, ein abhebendes Flugzeug stand mangels Pfahls als Symbol für den Mann auf der Flucht. Nun steht er vor Gericht und es wird ihm bestimmt nicht viel passieren, so dass er bald wieder ein freier Mann sein wird. Dazwischen erfährt der staunende Bürger von Ärzten, die noch zwei Jahre nach deren Tod Patienten versorgt haben wollen, während andere über schwunghafte Scheingeschäfte mit Hilfe der Chipkarten der Patienten ihre Einkommen mehrten. Dann werden Landowski und seine alten Kameraden aus dem Berliner CDU-Milieu gerade vor Gericht wegen des Schadens zur Rechenschaft gezogen, den sie mit ihren zwielichtigen Bankgeschäften dem Land Berlin zugefügt haben sollen. Dazu zwei Fernsehmoderatoren in Untersuchungshaft, die wohl als Sportchefs ihrer Sender heimlich Schmiergelder kassiert haben. Es ist manches faul in deutschen Landen (oder im System Deutschland). Im alten Athen, dem Ursprung abendländischer Moralkodizes, hätte vermutlich mancher dieser Zeitgenossen nach dem Scherbengericht den Schirlingsbecher getrunken. Heute gibt es eher ein Glas Champagner, wenn wieder einmal nichts zu beweisen war und ein Casus vor Gericht glimpflich ausgegangen ist.

Doch diese ganzen Affären haben unsichtbare Folgen. Sie unterhöhlen das Vertrauen der Menschen in Staat, Wirtschaft und Verbände und ihre medienpräsenten Repräsentanten (ein echter Zungenbrecher: *Medienpräsente Repräsentanten*. Probieren Sie mal!).

In einer Zeit, da außerdem Geiz für geil erklärt wird und die Schauspielerin Ingrid Peters aus Berlin als „Mutter aller Schnäppchen“ zum Medienstar werden konnte, da also sich mehr oder weniger alles auf die äußeren Werte zu stürzen scheint, ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Menschen in Gefahr stehen, wieder einmal das Falsche zu lernen „Was nicht verboten ist, ist erlaubt und was nicht zu beweisen ist, wird nicht bestraft!“ Tausende von (ehrenwerten) Menschen in diesem Land sind für diesen Satz gegen gutes Geld auf Achse, helfen Abertausenden ihr mehr oder weniger sauberes Geld an der Steuer vorbei, auf diskrete ausländische Konten und sonst wie in „Sicherheit“ zu bringen. Aber neulich hörte ich einen mittelständischen Unternehmer den Satz sagen: *“Ich muss nicht jedes Steuerschlupfloch nutzen und muss mein Geld nicht in Steueroasen bringen. Ich zahle meine Steuern hier. Das ist meine patriotische Pflicht.“* Ein Zeichen der Hoffnung auf bessere öffentliche Moral. Nie war darum die *Kluge Tama* so wichtig wie heute. Die inneren Messskalen sind irgendwie verstellt, verrutscht, vergessen. Da muss neu gelernt werden, was lange selbstverständlich galt. Die *Kluge Tama* hilft dabei gewiss ein wenig.

Aber ich will hier nicht den Bußblogger oder gar den Weltverbesserer abgeben, eigentlich nur an einem aktuellen Beispiel das Instrument der Eselsbrücke und seine segensreiche Wirkung in Erinnerung rufen. Schließlich hat fast jeder Erwachsene die Drei-Drei-Drei-Keilerei der Alexanderschlacht mal gelernt. Doch gerade dieser Spruch ist auch ein Beleg für die Anhäufung zusammenhang-, ja oft gar sinnlosen „Wissens“ im Schulunterricht und schreckt eher ab. Die *Kluge Tama* dagegen lässt sich um den mittelalterlichen Zusatz zu den vier Kardinaltugenden des Altertums erweitern, um die Geschwister *Glaube, Liebe und Hoffnung*. Und für deren Wachstum in der Gesellschaft lohnt es sich doch allemal die Stimme zu erheben. Auch zur Aufhellung der allgemein depressiven Stimmung im Jammertal Deutschland. Bessere öffentliche Moral hebt gewiss die Stimmung unter den Menschen. Wenn auch gaaanz langsam.

Ein Hallo an die Stimmungsmesser vom **Depressionsbarometer**! [(www.depressionsbarometer.de)]

Und tschüss bis morgen
Horst Kasper

2 Gedanken zu “Kluge Tama”

  1. Lieber Herr Kasper,

    auch wenn Sie kein Moralblogger sein wollen, und es wahrscheinlich ja auch nicht werden: Das wahrscheinlich beste Argument für die genannten Kardinaltugenden ist ja, dass ihre Anwendung sich meist auch ökonomisch rechnet. So glaube ich, dass Betrüger und Hochstapler in der Regel schlecht bezahlt sind, weil es einfach unheimlich aufwendig ist, die entsprechende Story konsistent zu halten und durchzukonstruieren. Auch Wahrhaftigkeit ist einfach ökonomisch schlau: Man braucht sich nicht zu merken, wem man was erzählt hat usw.

    Zu den Eselsbrücken: Wie wird man so etwas wie 333 wieder los?

    Und zuguterletzt, was das Depressionsbarometer angeht: Es floriert… Meine grosse Freude: Peter Hahne hat es in der Bild am Sonntag verrissen. Alles andere wäre für uns auch ehrenrührig gewesen.

    Beste Grüsse aus dem kanadischen Wald, FBS

  2. Lieber Herr Simon,

    muss man 333 wieder los werden? Es hat doch etwas Tröstliches zu wissen, dass unser Gedächtnis so unendlich speicherfähig ist. Es macht, denke ich nichts, manch unnötigen „Ballast“ mit sich zu schleppen. Manchmal verhilft ja auch solches Wissen zu unerwarteten Assoziationen (Konstruktionen).

    Ich denke, das ist etwas anderes mit dem „österreichischen Geheimdienst“, von dem Sie kürzlich berichteten. Obsessionen, ob aktiv erzeugt oder passiv erlitten, sind sicher gefährlicher als schlichtes „Wissen“. In Ihrem Metier begegnet man Zwangsvorstellungen sicher häufiger als in meinem. Aber ich kann Ihnen versichern, ich habe oft genug falsche Vorstellungen über die menschlichen Fähigkeiten zu sehen und hören bekommen, die mich durchaus an sowas erinnerten.

    Ich grüße Sie herzlich in den kanadischen Wald und verspreche Ihnen für morgen einen Blog mit dem Titel „O Canada“ (rein zufällig?)

    Horst Kasper

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