Merkel freut sich

Ich kann es ja nachvollziehen, dass die gedemütigten Amerikaner (nicht alle, wahrscheinlich) sich freuen, dass Osama bin Laden getötet worden ist. Schließlich sind mir gelegentliche Rachebedürfnisse nicht fremd (obwohl ich sie nur selten befriedige). Und ich kann mir auch vorstellen, dass ich als amerikanischer Präsident ebenfalls die Anweisung gegeben hätte, Osama umzubringen (wohl wissend, dass eine Gerichtsverhandlung weit eher entmysitfizierend gewirkt hätte). Aber so herrschen wenigstens klare Verhältnisse, und es ist für jedermann klar, dass der Staat, für den ich offiziell die Leitungsverantwortung trage, sich nicht verarschen läßt (internationales Recht hin oder her).

Aber – und damit komme ich zum eigentlichen Thema – dass eine deutsche Bundeskanzlerin in einer Pressekonferenz öffentlich sagt, sie freue sich, dass Osama bin Laden getötet worden sei, ist für mich vollkommen unakzeptabel.

Sie kann sich ja gern heimlich freuen. Aber öffentlich, das ist unmöglich.

Warum?

Ja, wenn das nicht klar ist…

15 Gedanken zu “Merkel freut sich”

  1. Vielen Dank, dass endlich einmal jemand sagt (naja fast, werten wir das geschriebene Wort einmal als Information, was einem gesagten schon sehr gleich kommt), was mir gestern ebenfalls direkt durch den Kopf schoss, als ich Merkels Presseauftritt im TV sah.
    Wer im Gottes Namen (ohne hierbei ernsthaft Gott ins Spiel bringen zu wollen) hat ihr den Rat erteilt, soetwas zu sagen!?!

  2. Was ist das für eine simplifizierende Beurteilung, einen für alles verantwortlich zu machen – oder sind sie einfach nur populistisch, diese Aussagen der offiziell politisch Verantwortlichen ?
    War,ist es dieses „hang him high“ ?

  3. Ich bin entsetzt

    Angeblich haben US-amerikanische Soldaten Osama bin Laden erschossen (oder hingerichtet?).

    Ich weiß ja nicht, ob das alles so oder wie stimmt (und das Ganze). Aber das spielt keine Rolle für das, was ich sagen will.

    In Washington versammeln sie sich vor dem Capitol und tanzen und stimmen Sieges-Sprechchöre an. In der ganzen westlichen Welt reden sie davon, wie gut es sei, daß bin Laden endlich tot sei.

    Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt (gehört und gesehen auf Phoenix, heute, am 2. Mai, um 14.34 Uhr):

    „Ich freue mich, daß es gelungen ist, bin Laden zu töten.“ („Ich freue mich“! „Gelungen ist!“ „Zu töten“!)

    In den Phoenix-Nachrichten um 15.20 Uhr wird gesagt:

    „Amerika kann endlich den Tod Osama bin Ladens feiern.“ („Den Tod“ eines Menschen „feiern“!)

    Mir ist klar, daß die dünne Decke der Zivilisation, die in einigen Regionen der Welt über Atavismus und blutrünstige Rachsucht immerhin auszubreiten gelungen ist, jeden Moment reißen kann.

    Aber daß sie so dünn ist, überrascht, schockiert, entsetzt mich.

    Man kann ja ruhig sagen: „Gut, daß Osama bin Laden jetzt nicht mehr den Tod von beliebigen Menschen planen und anordnen wird können.“ Okay. Sehr, sehr, sehr okay.

    Aber: „Ich freue mich, daß es gelungen ist, Osama bin Laden zu töten“???

    Ich bin außer, außer, außer mir! – Nein, nein, nein! Ich bin völlig in, in, in, bei, bei, bei mir!

    © Uli Wetz (E.-N. a.N., 2. Mai 2011)

  4. Die moralische Überheblichkeit der westlichen Ziviliation – um es drastisch auszudrücken – kotzt mich an. Davon auszugehen, dass Osama bin Laden als einzige Person für die Greueltaten verantwortlich ist, ist nicht nur überheblich, sondern auch dumm. Ich bin gespannt, was dieses ganze Theater noch nach sich zieht…

  5. Es dauer mitunter länger als ein Mensch warten mag.
    Indes, wenn etwas schief gewickelt ist, korrigieren das „Systeme“ so sicher wie das Amen in der Kirche.

  6. nicht zu fassen, was sich die deutsche Kanzlerin erlaubt hat, nämlich gut zu heissen, dass, egal was Bin Laden auf dem Gewissen hat, sich darüber zu freuen, dass ein Mensch in einem souveränen Land von den USA hingerichtet wurde. Ihre Freude kann sie mit ihrem Mann bei Schnittchen und Pfefferminztee beim Abendbrot teilen, aber doch nicht als Politikerin auf einer Pressekonferenz. Vielleicht sollte man ihr mal Kants Spätwerk zum ewigen Frieden empfehlen. Ich warte nur noch drauf, dass nicht nur ein Hinterbänkler nach der Todesstrafe schreit, um zu verhindern dass irgendein politischer Krimineller bei einem Prozess Unapetittliches auspacken könnte…

  7. @5
    HvF sagte einmal, sinngemäß:
    Selbstorganisation ist sinnlos, außer das (was Beobachter so bezeichnet)System ist in engem Kontakt mit seiner Umgebung, welche ausreichend Energie und Ordnung! aufweist. Mit dieser Umgebung ist dieses System im Zustand andauernden Austausches, so, dass es irgendwie in der Lage ist, auf Kosten dieser Umgebung zu „überleben“.

  8. Wiederum überlebt aber selbst die göttlichste Umgebung qua ihrer Fraktale.

    Für die Verhältnissmäßigkeiten von Geben und Nehmen gibt es wohl so etwas wie ästhetisches Empfinden, sittliche Grenzen guten Geschmacks. Wer braucht kulturelle Metastasen? Die soziale Evolution beantwortet dieses Frage – kulturgeschichtlich resümiert – immer wieder auf´s Neue.
    Insofern müssen politische Arrangements und Verlautbarungen in dem Maße sie langfristigern Bestand und soziale Gültigkeit beanspruchen … schön sein.
    In dem Fall dürfte dies Obama, Merkel und all den anderen Bühnendarstellern verhältnismäßig schlechter gelungen sein als diesem Fusselbart mit seiner doch eher etwas erschwerten Öffentlichkeitsarbeit. Welche starke Effekte er trotz allem bewirkt hat, zeigt wie hohl wie in unserem Anspruch Leitkultur zu sein im Grunde sind. Kulturgeschichtlich betrachtet, geht der Ausverkauf bzw. die Perversion der beanspruchten moralischen Werte dem Verfall der materiellen Werte regelhaft voraus. Mal sehen, welche Sau als nächstes durch´s Dorf getrieben wird, um von der eigenen Nutzlosigkeit, ja Gemeingefährlickeit abzulenken.

  9. In einem solchen Falle feut man sich doch klammheimlich.

    Frau Merkel mag das klammheimliche weniger geläufig sein, denn als das Wort den westdeutschen politischen Zynismus bereicherte, sass sie noch in der Zone fest.

    Aus der Zyne, für die Zyne, um mit Wolfgang Neuss zu sprechen.

    Sieht eigentlich niemand eine Parallele zum Ende des Ehepaars Ceaucescu?

  10. Das Lustige ist ja, dass sich Osama in eine Reihe ehemaliger Verbündeter der USA einreiht, die, einmal unbeliebt, ziemlich hemmungslos zur Seite geschafft werden. So gesehen möchte ich lieber nicht als Freund der USA betrachtet werden …
    Wie man allerdings arabische Staaten der Rückständigkeit bezichtigen kann, während man sich selbst mittelalterliche Methoden und Denkweisen bedient (das Böse), bleibt mir bis zum jetzigen Zeitpunkt verborgen.

  11. Immer die gleichen Muster:
    Inge Viett, Christian Klar und Wolfgang Beer, Monika Albrecht, Monika Helbing, Silke Maier-Witt, Christine Dümlein, Ralf Baptist Friedrich, Werner Lotze, Ekkehard von Seckendorff, Siegrid Sternebeck haben sich auch lange Jahre in der BRD herumgetrieben, ehe sie DDR Kulturinsassen wurden.
    Osama wird sich freuen, jetzt, mit den ganzen Jungfrauen. Oder eher nicht? Que sais-je?

  12. Böse, böse böse. Wenn Dirk Baecker die kühne These aufstellt mit den Zäsuren, welche sich aus der aktuellen Verfügbarkeit der Medien für Information ergeben sollen … so bin ich doch neugierig zu erfahren, wie die Zusammenhänge mit kultureller Regression zu sehen wären.
    Sobald ein neues Medium hinreichend beherrscht wird, um es für die Programmierung der Glaubenssysteme von Kulturinsassen bzw. Kastenmitglieder als Souverän souverän einzusetzen, lassen sich die Gemeinschaften offenbar eine Kulturstufe zurücksacken weil aufwandsökonomisch auf Linie bringen. Reality in the Cloud sozusagen. Führte bspw. der Buchdruck wirklich zu einem Siegeszug der Aufklärung oder zur einer Verbreitung herschaftsstabilisierender Dogmen und Stärkung informeller Kleinfürstentümer? Wie? Beides? Immerhin erscheint es mir erklärlich mit dem sog. „Bösen“, wenn die BILDer und Metaphern – auf welche wir als Säugetiere offenbar angewiesen sind, um uns als Systemaffen ein Bild machen zu können – immer stärker vorbestimmt werden können. Wir koppeln uns als Kulturgemeinschaft immer weiter von den ökologischen Anforderungen ab und werden intern immer regressiver (und im Hinblick auf die Externalisierung unserer Widersprüche immer agressiver) – im Fall von Ameropa wird Kapitalismus 2.0 mit Internet & Co immer feudalistischer statt progressiver. Die Guttis leben ihrer kulturellen Wirklichkeit nach irgendwo zwischen Stammesgesellschaft und Vasallenzeitalter. Wer sie als Medienmafiosi in ihrer bevorzugten Realität abholen und sedieren will, spricht deren Sprache, prägt deren Sprache inkl. Kritikfähigkeit. Alle regen sich über das Gebabbel von Tante Merkel auf, immerhin ist das Niveau immer noch über dem einer Joghurtreklame. Das gibt es noch Gestaltungsspielräume zu entdecken.

  13. Stochastik.

    Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass Mengenlehre in der Schule wieder abgeschafft wurde.

Kommentare sind geschlossen.