Musil lesen

„Dieser Nervenzusammenbruch, der niemals eintrat und immer zitternd in ihrem Körper pochte, schenkte Diotima aber nun ein Glück, das sie noch nie gekannt hatte. Es war ein Schaudern, ein Überrieseltwerden von Bedeutsamkeit, ein Knistern wie das des Drucks in einem Stein, der im Scheitel des Weltgebäudes sitzt, ein Prickeln wie das Gefühl des Nichts, wenn man auf einer weithin alles überragenden Bergspitze steht. Mit einem Wort, es war das Gefühl der Position, das der Tochter eines bescheidenen Mittelschullehrers und jungen Gattin eines bürgerlichen Vizekonsuls, die sie ungeachtet ihres Aufstiegs in den frischesten Teilen ihres Wesens bisher doch wohl geblieben war, mit einemmal zu Bewußtsein kam.- Ein solches Gefühl der Position gehört zu den unbemerkten, aber grundwichtigen Zuständen des Daseins  so wie das Nichtbemerken der Erddrehung oder des persönlichen Anteils, den wir zu unseren Wahrnehmungen beisteuern. Der Mensch trägt den größten Teil seiner Eitelkeit, da man ihn gelehrt hat, daß er ihn nicht im Herzen tragen dürfe, unter den Füßen, indem er auf dem Boden eines großen Vaterlandes, einer Religion oder einer Einkommensteuerstufe wandelt, und in Ermangelung solcher Position genügt ihm sogar, was jeder haben kann, sich auf der augenblicklich höchsten Spitze der aus dem Nichts aufgestigenen Zeitsäule zu befinden, das heißt, gerade jetzt zu leben, wo alle Früheren zu Staub geworden sind und keine Späteren noch da sind. Steigt diese Eitelkeit aber, die gewöhlich unbewußt ist, aus irgendwelchen Ursachen  mit einemmal von den Füßen in den Kopf, so kann das eine gelinde Verrücktheit erzeugen, ähnlich der jener Jungfrauen, die glauben, mit der Weltkugel schwanger zu gehen.“

R. Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Rowohlt, S. 227/228

27 Gedanken zu “Musil lesen

  1. +++++

    Wenn ich alle Suren mit Nummern aus Formen auswendig lerne und mich auch mit allen Auslegungen vertraut mache, bin ich dann auch auf dem Boden eines großen…….. ?
    (s.o.)

  2. @1: Sie stecken doch eh im Sumpf… wahrscheinlich nicht nur mit den Füssen, und gross erscheint er (mir zumindest) nicht.

  3. Es ist dieses Schwanken zwischen Neurowissenschaften und Literatur;
    die Literatur, so scheint mir, verführt …

  4. @2
    ….genau, im völkisch-säuischen braunen Dumpf (wollte eigentlich Sumpf schreiben, aber Googles Allegorien sind einfach klüger…)

  5. @3 Habe statt verführt verfrüht gelesen.
    @0 kommt m.E. ein wenig früh.
    Zu plötzlich. Genialst, aber man muss doch anschlussfähig bleiben, so wie ich das vorbildhaft immer bin……

  6. Anders aufziehen. Hätte da unverbindliche Anregungen.
    Praxiserfahren.

    Aber man soll einer Jungfrau nicht schon bei der 2. Begegnung den Schw…… zeigen.
    Das würde sie schocken.
    Immer schön langsam. Feinfühlig und lieb wie ich von Natur aus bin……

  7. @1 Welche schmerzhaften, unverheilten (Vater-/Mutter-ver-)WUNDEN(runge)N, möchten Sie denn, Blogbetreiber und MitleserInnen, etwas von sich selbst mitteilen, wenn Sie schon fünf Kreuze machen? Oder sollen es gar Pluszeichen sein?

  8. @ 16 Das weiß doch ein erfahr ener Schlawiner.
    Deshalb heute nur einen scheuen Kuss auf die Wange….
    Träum süß, mein Kindchen…..

  9. Es gibt sie, die Musils im 21.Jahrhundert. Die sich gegen Dummheit (eigene und anderer) stemmen. Und das ist gut so.

    Ein in meinen Augen gleicherweise ernüchternde wie mutmachende jüngste Essay von Markus Metz und Georg Seeßlen (zum Lesen wie zum Hören siehe untenstehender Link), wäre durchaus eine tiefere Diskussion wert. (Ob es dazu auf diesem Blog kommt?)

    Darin geht es um Fortschrittsideologie als Wachstums-Mythos eines Versprechens. Aufgrund sich zwangsläufig einstellender Krisen und Ernüchterung, haben Menschen aus Wachstums-Mythen immer schon Kultur- und Sinnstiftende Werden-Mythen, als Arbeit am Mensch-Sein selbst, konstruiert und kreiert.

    Da (scheinbarer) Fortschritt, technologisch-innovativer Prägung, immer nur um den Preis wachsender Komplexität zu haben ist, wächst parallel zu der wachsenden Möglichkeitsentgrenzung auch Sehnsucht nach Vereinfachung und Einsparungen.

    Möglichkeitsüberschüsse und Möglichkeitsentgrenzung im 21.Jahrhundert in nuklearem, biologischem, digital-automatisierten und gesellschaftlichen Bereichenen erfordern sowohl die Erinnerung und Stärkung bislang tragfähiger Grund- und Rechtsordnungen, um Dummheit und Missbrauch einzugrenzen, als auch Strukturen und Formen zu deren schadlosen Nutzung.

    Effizienzwachstumsprozesse (Optimierungen) in Gesellschaften sind geprägt von der Suche nach kultureller Identitätsstiftung und Selbstvergewisserung in Form von Gleichschaltungs- und Gleichschrittsangeboten um fortwährend Balancefindung und Kontinuität zu fördern.

    (Post-)Wachstumsgesellschaften sind kaum wirkliche Neuerfindungen. Kulturstiftungsgesellschaften gewinnen in spannenden Zeiten mit ihren langwelligen epochalen und tiefgehenden Umbrüchen an Bedeutung. Gesellschaften des Werdens sind eine wirkliche Alternative zu regressiv-aggressiven Rückschritts- und dystopisch-apokalyptischen Risikogesellschaften, welche somit keinesfalls alternativlos sind.

    Jüngste Studien (z.B. aus Japan) zeigen, dass es Grund zu Hoffnung gibt.

    http://www.deutschlandfunk.de/methoden-und-traditionen-fortschritt-als-versprechen.1184.de.html?dram:article_id=407613

  10. Dieses Gefühl der Position ergreift einen auch, wenn nach Jahren intensiver Arbeit das Buch erscheint, das die eigene Position verewigt – völlig ohne Nervenzusammenbruch.

  11. das hatte ich gerade heute in der Hand
    http://www.fnp.de/nachrichten/kultur/Benjamin-von-Stuckrad-Barre-Ich-glaub-mir-geht-s-nicht-so-gut-ich-muss-mich-mal-irgendwo-hinlegen;art679,2931069

    Brauch ist das?
    habe ich mich gefragt.
    Es gibt Eleganteres, Interessanteres, Schöneres,
    um damit -lesenderweise- meine Zeit zu verbringen
    … und habe es wieder weggelegt.

    „Der Mensch trägt den größten Teil seiner Eitelkeit, da man ihn gelehrt hat, daß er ihn nicht im Herzen tragen dürfe, unter den Füßen, indem er auf dem Boden eines großen Vaterlandes, einer Religion oder einer Einkommensteuerstufe wandelt, … “
    🙂

  12. Der Grundlagenforschung die Praxis vorzuhalten erscheint mir tatsächlich etwas dumpf und langbärtig… Noch dazu, wenn diese Resonanzen ermöglicht, die weitgehend dogmenfrei angelegt sind. Gerade dieser Leitgedanke der weitgehenden Dogmenfreiheit reflektiert den dogmatischen Kern jeder Beschreibung (inkl. der eigenen theoretischen Beschreibung). So geht zeitgemäße und sexy Systemtheorie.

  13. @Georgy
    Sehr geehrter Herr „Georgy“,
    mich würde wirklich interessieren, was werfen Sie Herrn Simon, direkt oder auch indirekt eigentlich vor?
    Mit freundlichen Grüßen
    Markus Mall

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