Musil lesen…

„Jeder reiche Mann betrachtet Reichtum als eine Charaktereigenschaft. Jeder arme Mann gleichfalls. Alle Welt ist stillschweigend davon überzeugt. Nur die Logik macht einige Schwierigkeiten, indem sie behauptet, daß Geldbesitz vielleicht gewisse Eigenschaften verleihen, aber niemals selbst eine menschliche Eigenschaft sein könne. Der Augenschein straft das Lügen. Jede menschliche Nase riecht unweigerlich sofort, den zarten Hauch von Unabhängigkeit, Gewohnheit, zu befehlen, Gewohnheit, überall das Beste für sich zu wählen, leichter Weltverachtung und beständig bewußter Machtverantwortung, der von einem großen und sicheren Einkommen aufsteigt. Man sieht es der Erscheinung eines solchen Menschen an, daß sie von einer Auslese der Weltkräfte genährt und täglich erneuert wird. Das Geld zirkuliert in seiner Oberfläche wie der Saft einer Blüte; da gibt es kein Verleihen von Eigenschaften, kein Erwerben von Gewohnheiten, nichts Mittelbares und aus zweiter Hand Empfangenes: zerstöre Bankkonto und Kredit, und der reiche Mann hat nicht bloß kein Geld mehr, sondern er ist am Tag, wo er es begriffen hat, eine abgewelkte Blume.“

(Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Rowohlt, S. 419)

21 Gedanken zu “Musil lesen…

  1. @ 4
    Stimmt! Experten raten: investieren statt konsumieren.
    Doch das erfordert Triebverzicht und bringt weniger Spaß.

  2. Das Geldthema sollte doch noch mal symposial werden. Mit einem Gewicht auf der phänomenologischen Seite, unterstützt von systemtheoretischen Reflexionsformen. Ziel: ein Kapitel kondensieren können (86) in FORMEN.

  3. @ 6
    … oder als Fortsetzung von (59) „Markt“

    Systemtheoretische Frage: Wie könnte eine KI-gesteuerte Überflussgesellschaft funktionieren, in der es kein Geld und kein Eigentum mehr gebe, in der alles allen und damit niemandem gehörte?

  4. @ 6
    Teil dieses Geld-Symposiums könnte das kontroverse Thema „Bedingungsloses Grundeinkommen“ sein, und zwar unter sozialpolitischen Aspekten. Empirische Daten über dessen Wirkung organisiert aktuell die amerikanische Wohltätigkeitsorganisation „Givedirectly“ in Kenia. 26.000 Kenianer sollen künftig ein bedingungsloses Grundeinkommen erhalten. Sie können wählen, ob sie es für ein oder zwei Jahre monatlich oder auf einmal erhalten wollen. Einer der Förderer ist Ebay-Gründer Pierre Omidyar.

  5. @ 9
    Meinen Sie die unterschiedlichen Formen der „Grundsicherung“?
    Ich hoffe, dass Sie nicht zu jenen rund acht Millionen gehören, die deren Bedingungen erfüllen, also (fast) nichts besitzen.

  6. @10: Wieso, so negativ im Duktus?
    Wer nichts hat, kann nichts verlieren.
    Und so nivelliert passt das doch auch wunderbar zu den Mustern flacher Hierarchien
    und es ist dann im Grunde so wie mit den Alpen, wenn man sich die Berge wegdenkt.

    Das bißchen Einöde im Flachland muß man dann halt in Kauf nehmen…

  7. @7: …das gibt vermutlich schon Krach beim Programmieren der unterschiedlichsten Codes/Apps etc. via KI.
    Kann aber auch vergleichsweise unaufgeregt in „order from noise “ münden.
    Sponsoren mit der unsichbaren Hand investieren schließlich nur in irgendetwas von dem sie sich erhoffen, daß auch ordentlich was dabei rumkommt.

    vgl. 59.8.2 Formen

  8. @12: Jupp.
    Erscheint einem dann fast wie im Paradies,
    … wenn nur das Paradies auf Dauer nicht so langweilig wäre
    😉

  9. „Der Überfluss pflegt auch den allerweisesten Verstand zu blenden.“
    Kaiser Friedrich II., König von Sizilien, 1194-1250

    „Dem Geld darf man nicht nachlaufen, man muss ihm entgegengehen.“
    Aristoteles Onassis, griechisch-argentinischer Reeder, 1906-1975

    „Geld haben ist schön, solange man nicht die Freude an Dingen verloren hat, die man nicht mit Geld kaufen kann.“
    Salvador Dali, spanischer Maler, Grafiker, Schriftsteller, Bildhauer und Bühnenbildner, 1904-1989

    „Geld ist wie Dünger, man muss es verteilen.“
    Astor Brooke, US-amerikanische Philanthropin, 1902-2007

    „Geld macht nicht glücklich, aber wenn man unglücklich ist, ist es schöner, in einem Taxi zu weinen, als in einer Straßenbahn.“
    Marcel Reich-Ranicki, deutsch-polnischer Autor und Publizist, 1920-2013

  10. @ 13 „Programmieren der unterschiedlichsten Codes/Apps etc. via KI“

    Das machen dann die Maschinen unter sich aus.

  11. @16: ok. Das wird zum einen eine Frage der Vertragsgestaltung werden, incl. sämtlicher Risiken und Regressforderungen bei Ausfällen.
    Und die Energie in Gesamtheit der Betriebs-und Wartungskosten muß natürlich vom jeweiligen Betreiber abgeführt werden.
    Hierbei werden es manche zu schätzen wissen, wenn sie nicht so eine lange Leitung haben um auf dem kleinen Dienstweg wesentlich schneller voranzukommen.
    😉

  12. @ 17 „Und die Energie in Gesamtheit der Betriebs-und Wartungskosten muß natürlich vom jeweiligen Betreiber abgeführt werden.“

    Wenn es kein Geld mehr gebe, weil es von allem ausreichend für jeden gebe und alles jedem gehörte, gebe es auch keine Kosten- und Preisberechnungen mehr sowie keine Forderungen und Zahlungen.

  13. …@18 wenn schon, dann „gäbe“, bitte, Michael.

    Wie ich sie hasse, diese neue deutsche Rechtschreibung, die alles zu nivellieren sucht …,
    außer vielleicht, wenn es sich darum dreht, Leichtmetall- Hürden aus dem Weg zu schaffen und stattdessen Mauern dort hochzuziehen, wo sie keine Sau braucht.

    Hauptsache, aufwändig und kostenintensiv genug planiert,
    und dann zubetoniert.

  14. @20 why not?

    „Spirto ben Nato, in cu‘ sispecchia e vede
    nelle tue belle membra oneste e care
    quanto natura e ‚l ciel tra no‘ può fare,
    quand‘ a null‘ altra sua bell‘ opra cede:

    spirto leggiadro, in cu‘ si spera e crede
    dentro, come do fuor nel viso appare,
    amor, pietà, mercè, cose i rare,
    che ma‘ fura‘ n beltà con tantza fede:

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