Musil lesen…

„Jeder reiche Mann betrachtet Reichtum als eine Charaktereigenschaft. Jeder arme Mann gleichfalls. Alle Welt ist stillschweigend davon überzeugt. Nur die Logik macht einige Schwierigkeiten, indem sie behauptet, daß Geldbesitz vielleicht gewisse Eigenschaften verleihen, aber niemals selbst eine menschliche Eigenschaft sein könne. Der Augenschein straft das Lügen. Jede menschliche Nase riecht unweigerlich sofort, den zarten Hauch von Unabhängigkeit, Gewohnheit, zu befehlen, Gewohnheit, überall das Beste für sich zu wählen, leichter Weltverachtung und beständig bewußter Machtverantwortung, der von einem großen und sicheren Einkommen aufsteigt. Man sieht es der Erscheinung eines solchen Menschen an, daß sie von einer Auslese der Weltkräfte genährt und täglich erneuert wird. Das Geld zirkuliert in seiner Oberfläche wie der Saft einer Blüte; da gibt es kein Verleihen von Eigenschaften, kein Erwerben von Gewohnheiten, nichts Mittelbares und aus zweiter Hand Empfangenes: zerstöre Bankkonto und Kredit, und der reiche Mann hat nicht bloß kein Geld mehr, sondern er ist am Tag, wo er es begriffen hat, eine abgewelkte Blume.“

(Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Rowohlt, S. 419)

33 Gedanken zu “Musil lesen…

  1. @ 4
    Stimmt! Experten raten: investieren statt konsumieren.
    Doch das erfordert Triebverzicht und bringt weniger Spaß.

  2. Das Geldthema sollte doch noch mal symposial werden. Mit einem Gewicht auf der phänomenologischen Seite, unterstützt von systemtheoretischen Reflexionsformen. Ziel: ein Kapitel kondensieren können (86) in FORMEN.

  3. @ 6
    … oder als Fortsetzung von (59) „Markt“

    Systemtheoretische Frage: Wie könnte eine KI-gesteuerte Überflussgesellschaft funktionieren, in der es kein Geld und kein Eigentum mehr gebe, in der alles allen und damit niemandem gehörte?

  4. @ 6
    Teil dieses Geld-Symposiums könnte das kontroverse Thema „Bedingungsloses Grundeinkommen“ sein, und zwar unter sozialpolitischen Aspekten. Empirische Daten über dessen Wirkung organisiert aktuell die amerikanische Wohltätigkeitsorganisation „Givedirectly“ in Kenia. 26.000 Kenianer sollen künftig ein bedingungsloses Grundeinkommen erhalten. Sie können wählen, ob sie es für ein oder zwei Jahre monatlich oder auf einmal erhalten wollen. Einer der Förderer ist Ebay-Gründer Pierre Omidyar.

  5. @ 9
    Meinen Sie die unterschiedlichen Formen der „Grundsicherung“?
    Ich hoffe, dass Sie nicht zu jenen rund acht Millionen gehören, die deren Bedingungen erfüllen, also (fast) nichts besitzen.

  6. @10: Wieso, so negativ im Duktus?
    Wer nichts hat, kann nichts verlieren.
    Und so nivelliert passt das doch auch wunderbar zu den Mustern flacher Hierarchien
    und es ist dann im Grunde so wie mit den Alpen, wenn man sich die Berge wegdenkt.

    Das bißchen Einöde im Flachland muß man dann halt in Kauf nehmen…

  7. @7: …das gibt vermutlich schon Krach beim Programmieren der unterschiedlichsten Codes/Apps etc. via KI.
    Kann aber auch vergleichsweise unaufgeregt in „order from noise “ münden.
    Sponsoren mit der unsichbaren Hand investieren schließlich nur in irgendetwas von dem sie sich erhoffen, daß auch ordentlich was dabei rumkommt.

    vgl. 59.8.2 Formen

  8. @12: Jupp.
    Erscheint einem dann fast wie im Paradies,
    … wenn nur das Paradies auf Dauer nicht so langweilig wäre
    😉

  9. „Der Überfluss pflegt auch den allerweisesten Verstand zu blenden.“
    Kaiser Friedrich II., König von Sizilien, 1194-1250

    „Dem Geld darf man nicht nachlaufen, man muss ihm entgegengehen.“
    Aristoteles Onassis, griechisch-argentinischer Reeder, 1906-1975

    „Geld haben ist schön, solange man nicht die Freude an Dingen verloren hat, die man nicht mit Geld kaufen kann.“
    Salvador Dali, spanischer Maler, Grafiker, Schriftsteller, Bildhauer und Bühnenbildner, 1904-1989

    „Geld ist wie Dünger, man muss es verteilen.“
    Astor Brooke, US-amerikanische Philanthropin, 1902-2007

    „Geld macht nicht glücklich, aber wenn man unglücklich ist, ist es schöner, in einem Taxi zu weinen, als in einer Straßenbahn.“
    Marcel Reich-Ranicki, deutsch-polnischer Autor und Publizist, 1920-2013

  10. @ 13 „Programmieren der unterschiedlichsten Codes/Apps etc. via KI“

    Das machen dann die Maschinen unter sich aus.

  11. @16: ok. Das wird zum einen eine Frage der Vertragsgestaltung werden, incl. sämtlicher Risiken und Regressforderungen bei Ausfällen.
    Und die Energie in Gesamtheit der Betriebs-und Wartungskosten muß natürlich vom jeweiligen Betreiber abgeführt werden.
    Hierbei werden es manche zu schätzen wissen, wenn sie nicht so eine lange Leitung haben um auf dem kleinen Dienstweg wesentlich schneller voranzukommen.
    😉

  12. @ 17 „Und die Energie in Gesamtheit der Betriebs-und Wartungskosten muß natürlich vom jeweiligen Betreiber abgeführt werden.“

    Wenn es kein Geld mehr gebe, weil es von allem ausreichend für jeden gebe und alles jedem gehörte, gebe es auch keine Kosten- und Preisberechnungen mehr sowie keine Forderungen und Zahlungen.

  13. …@18 wenn schon, dann „gäbe“, bitte, Michael.

    Wie ich sie hasse, diese neue deutsche Rechtschreibung, die alles zu nivellieren sucht …,
    außer vielleicht, wenn es sich darum dreht, Leichtmetall- Hürden aus dem Weg zu schaffen und stattdessen Mauern dort hochzuziehen, wo sie keine Sau braucht.

    Hauptsache, aufwändig und kostenintensiv genug planiert,
    und dann zubetoniert.

  14. @20 why not?

    „Spirto ben Nato, in cu‘ sispecchia e vede
    nelle tue belle membra oneste e care
    quanto natura e ‚l ciel tra no‘ può fare,
    quand‘ a null‘ altra sua bell‘ opra cede:

    spirto leggiadro, in cu‘ si spera e crede
    dentro, come do fuor nel viso appare,
    amor, pietà, mercè, cose i rare,
    che ma‘ fura‘ n beltà con tantza fede:

  15. @ 7 und 18

    Geld gibt enorme Motivation. Gebe es ein adäquates Anreizsystem, ließe es sich ersetzen.
    Doch in einer Gesellschaft, die ohne Geld funktionieren soll, bedarf es auch eines neuen Umgangs mit „Bedürfnissen“, die schier unendlich zu sein scheinen. Wenn jeder alles besitzen kann, was er haben möchte, gibt es selbst in einer globalen, KI-gesteuerten Überflussgesellschaft ein Verteilungs- und Zuteilungsproblem.
    Lösung: Mehr Sein statt mehr Haben (vgl. Erich Fromm), Kooperation statt Konkurrenz, gegenseitige Bereicherung statt gegenseitige Ausbeutung, Liebe statt Hass.

  16. @22: nochmals, Michael S.
    (Sorry, das mag jetzt etwas zwanghaft erscheinen, aber egal …)

    Es muß zu Beginn des zweiten Satzes heißen:
    „Gäbe…“ und nicht „Gebe…“

    Meine Mutter war Grundschullehrerin in einer Zwergenschule auf dem Land;
    und sie hat uns -auch den sprachlichen Umgang mit dem Konjunktiv – bereits von Anfang an eingebläut. Noch bevor wir und schreiben lernten.
    Was man bereits im Ohr hat, läßt sich anschließend vergleichsweise einfacher umsetzen bzw. niederschreiben.
    Das ist wesentlicht, vor allem dann, wenn es um ganz prinzipielle Dinge geht, die allen längst in Fleisch und Blut übergegangen sein müßten.

    Insofern trifft K.K. auch den Nagel auf den Kopf, wenn er formuliert:
    “ ‚Würde‘ ist die konditionale Form von dem, was einer ist.“

    Auf dieser Ebene eröffnet sich anschließend noch genügend Raum, darüber zu debattieren, was jemand sein und auch haben könnte, wenn man ihm/ihr etwas mehr geben würde. Zumindest so viel, daß es mit nur einem Einkommen zu einem anständigen Auskommen, das einem Leben in Würde gerecht werden kann, reicht.
    Anstand wird vorausgesetzt.

  17. @ 22
    Da Geld auch ein Belohnungssystem darstellt, gibt es derzeit viele Fehlanreize, weil z.B. die zunehmende Ressourcenverschwendung der Industrieunternehmen belohnt (Dividenden und Kursgewinne) und monetäre Sparsamkeit durch die Geldentwertung bestraft wird.

    @ 23 „Meine Mutter war Grundschullehrerin in einer Zwergenschule auf dem Land;
    und sie hat uns -auch den sprachlichen Umgang mit dem Konjunktiv – bereits von Anfang an eingebläut. Noch bevor wir lesen und schreiben lernten.“
    Pardon: Spätestens im Gymnasium hätte dieses falsche „Wissen“ korrigiert werden müssen.

  18. @24 @23 Pardonnez moi, welches falsche „Wissen“?

    Im übrigen, „falsch“ von wem definiert?
    Von einem Beobachter zu einem Beobachter gesagt?
    Als Widmung z.B.

    „Maecenas atavis edite regibus,
    O et praesidium et dulce decus meum:
    Sunt quos curriculo pulverem Olympicum
    Collegisse iuvatmetaque fervidis
    Evitata rotis palmaque nobilis
    Terrarum dominos …

    etc.pp.

  19. „Unsere heutige Gesellschaft ist […] überwuchert von gleichmachenden Untoten. Der deutsche Neoliberalismus etwa, als eine Art hässlicher Eichenwald aufgefasst, gleicht den untoten Eichenblättern.“
    Byung-Chul Han: „Lob der Erde“. Eine Reise in den Garten. Ullstein Verlag, Berlin 2018. 160 S., geb., 24,- Euro
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/rezension-gartenbuch-lob-der-erde-von-byung-chul-han-15572387-p2.html#pageIndex_1

  20. @ 22 und 24

    Individuell betrachtet ist es mit dem Geld wie mit der Liebe: immer begehrt, oft entbehrt, nie genug.
    Gesellschaftlich ist die Unverhältnismäßigkeit der aktuellen Wirtschaftssituation gekennzeichnet durch unbegrenzte Geldmengen und unbeschränkte Bedürfnisse, die auf begrenzte Natur-, Produktions- und Distributionsbedingungen stoßen.

  21. @ 22 „ein alternatives, dem Geld adäquates Anreizsystem“

    Der gesellschaftliche Nutzwert einer Ware müsste im Vordergrund stehen, nicht deren Tauschwert am Finanzmarkt.

  22. @ 27: … nie genug?
    Das klingt nach erheblichem Suchtpotential …

    Wann unter welchen Bedingungen könnte denn genug auch einmal genug sein?
    Wenn sich u.U. nach und nach die Einsicht ggf. auch einstellt Widerwillen einstellt,
    im Sinne von.
    was zuviel ist, ist zuviel,
    das tut mir -und auch der Sache bzw. dem/der Anderen- nicht gut.

    Unter diesem Aspekt erscheint die Empfehlung bzw. auch das „… wie dich selbst“ – Gebot
    ziemlich funktional.
    Wozu soll ein Kater nach einem satten Rausch sonst gut sein?
    Auch Überfressen kann Übelkeit erzeugen.
    Sich übergeben können befreit.

    … und erzeugt auf dieser Basis hoffentlich auch einen Lerneffekt, on the long run.

  23. @ 29
    Geld besitzt erhebliches Suchtpotenzial, wie auch die anderen symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien Liebe, Macht, Eigentum, Wahrheit, Glaube, Kunst etc. (vgl. Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft. 1.Aufl., Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1997, S.320ff). An sich ist das nicht gefährlich, wenn man verantwortungsvoll damit umgeht. Die Gefahr besteht in der ungleichen Verteilung und im Missbrauch durch Ausschluss oder Benachteiligung anderer sowie in der Ausnutzung von deren Unterversorgung und Abhängigkeit.

  24. @30: Einverstanden, im Hinblick auf die allgemein bekannten „symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien.“
    Konsens dürfte darin bestehen, man kommt darüber -in der Regel zumindest- gut ins Gespräch und kann sich darüber auch gut und marktkonform austauschen.
    Was der/die Eine nicht hat, hat unter Umständen der/die Andere – wodurch sich eine nahezu perfekte Grundlage für den Austausch und Handel konstruieren läßt.

    Dennoch scheint Vorsicht geboten, vor allem dann, wenn es sich um den Austausch von von Dienstleitungen dreht, die keineswegs so einfach zu handeln sind wie auf den –noch faßbaren – Ebenen von Waren und Dingen.

    Ein Austausch und Transfer von
    „was der/die Eine HAT“ … in … „was der Andere KANN“
    birgt in Sachen Wertschätzung, Wertsetzung, Preisfindung schon erhebliche Fallstricke

    Wie also geht man verantwortungsvoll damit um?
    Wenn z.B. beim Feststellen des Status quo bzw. beim Bilanzieren des Istzustandes bereits eine gravierende Ungleichverteilung ins Auge springt?
    Wo beginnt (und endet) z.B. dann Mißbrauch, nicht nur durch Ausschluß?
    Wo beginnt und endet die Unterversorgung (z.B. bei individuell höherem Bedarf)?
    Und unter welchen Konditionen entsteht und erhält sich Abhängigkeit?

    Weshalb sollten wir nicht darüber reden, worüber man nicht (länger) schweigen kann?
    „What the Columbine Shooting taught me about pain and addiction | Austin Eubanks | TEDxMileHigh“
    https://www.youtube.com/watch?v=SP_q3cW672s

  25. Nun hat der Vatikan unter dem Titel „Erwägungen zu einer ethischen Unterscheidung bezüglich einiger Aspekte des Finanzwirtschaftssystems“ zu Auswüchsen des Finanzsystems Stellung bezogen. Es könne „kein wirtschaftliches System als Fortschritt verstanden werden, wenn es allein von der Maßstäben der Quantität und der Effizienz beim Schaffen von Profit ausgeht“. Vielmehr müsse das System „auch nach der Lebensqualität bemessen werden, die es hervorbringt, und nach dem sozialen Wohlstand, den es verbreitet“, einem Wohlstand, „der nicht auf bloß materielle Aspekte reduziert werden darf. Der Wohlstand muss […] an Kriterien gemessen werden, die weit über das Bruttoinlandsprodukt (BIP) eines Landes hinausgehen, und auch andere Maßstäbe in Betracht ziehen, wie zum Beispiel Sicherheit, Gesundheit […] Qualität des Lebens und der Arbeit.“ Der Finanzmarkt handle ohne Moral. „Der Ertrag aus dem Kapital stellt eine Bedrohung dar und riskiert, den Ertrag aus der Arbeit zu überrunden, der im Wirtschaftssystem oft nur noch eine Randbedeutung hat.“ Stattdessen müsse das wirtschaftliche Handeln dem Gemeinwohl dienen und auf dem Prinzip der Solidarität beruhen. http://www.justitia-et-pax.de/jp/pressemeldungen/daten/20180518_oeconomicae_erklaerung.pdf

  26. Donnerwetter, mir schawant da was…
    das ist aber eine ordentliche Watschen an all unsere christlich-demokratisch-sozialen Bankenretter …mitsamt ihren Versuchen, die abgepinnte Ethik in ihrer Doppelmoral botschaftend nach Rom zu tragen.

    Zudem ist noch ganz schön viel von „wir sind Papst“ drin, resultiert vermutlich auch aus der unter Rückzug erst ermöglichten geschärften Beobachtung
    in Zusammenhang und mit besonderem Fokus auf die unsichtbare Hand unterm Tisch.

    S. 3 unter 8. „II. Grundlegende Erwägungen“

    “ Jede menschliche Realität und Tätigkeit ist positiv, wenn sie im Horizont einer angemessenen Ethik gelebt wird, also im Respekt vor der Menschenwürde und mit Blick auf das Gemeinwohl. Das gilt für Institutionen, die im Zusammenleben der Menschen entstehen. Es gilt auch für die Märkte auf allen Ebenen, einschließlich der Finanzmärkte.
    In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass auch jene Systeme, die aus den Märkten hervorgehen, nicht so sehr auf autonome Dynamiken gegründet sind, welche durch immer kompliziertere Techniken entstehen, sondern auf BEZIEHUNGEN, die ohne das Mitwirken der Freiheit einzelner Menschen nicht aufgebaut werden können. Daraus ergibt sich, dass die Wirtschaft, wie jedes andere menschliche Tun, <>[ FN14 ]
    _______________________________________________________________________________________________

    FN 14: BENEDIKT XVI., Enzyklika Caritas in veritate, Nr. 45: AAS 101 (2009), 681

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