Offene Stadt/Sennett

Gestern Abend hat Richard Sennett in Berlin einen Vortrag zum Thema „Offene Stadt“ gehalten (es ist auch Thema seines letzten Buches – d.h. des zuletzt publizierten und des letzten, das er zu schreiben gedenkt, wie er sagt).

Für mich von besonderem Interesse waren seine Ausführungen zum Verhältnis Planung/Selbstorganisation. Eine offene, interessante und lebenswerte Stadt eröffnet Räume für Selbstorganisation. Er zeigte dazu Beispiel aus Indien, wo sich in New Delhi auf dem Dach einer Tiefgarage eine Teffpunkt und Schwarzmarkt für Elektronikprodukte, raubkopierte Programme etc. entwickelt hat, an dem sich die MItglieder der diversen indischen Religionen und Ethnien und sozialen Schichten friedlich mischen: Es ist der sicherste Platz in der Stadt. Das war alles nicht geplant. Insofern ist dies ein Beispiel gelungener Selbstorganisation. Aber Selbstorganisation ist kein Erfolgsmodell „an sich“, denn wenn man die Entwicklung von Städten allein der Selbstorganisation überlässt, kommt es zur Segregation, dann entstehen die „Gated Communities“ der Reichen auf der einen Seite und die Getthos der Armen auf der anderen Seite, weil dies für alle Beteiligte die Komplexität reduziert und scheinbar Klarheit (vor allem: der Zugehörigkeit) schafft.

Will man diese – Langweiligkeit und die Spaltung der Stadtgesellschaft befördernde – Entwicklung verhindern, dann kommt man um Planung nicht herum. Denn dann muss man sich Gedanken darüber machen, welche Ziele man mit seiner Stadt realisieren will bzw. in welcher Stadt man leben will. Die Idee des mündigen Bürgers (frz. Citoyen – abgeleitet von Cité, Stadt) ist eine Idee, die in der Stadt entstanden ist. Daher – so zeigte die anschließende Diskussion – wird er in einem mühevollen Prozess in derartige Planungsprozesse einbezogen werden müssen, wenn nicht von oben Konzepte verordnet werden sollen, die dann meist allein den Gewinninteressen der Immobilienwirtschaft dienen. Im besten Fall kann durch den mühevollen Prozess der Bürgerbeteiligung (was nicht mit e-Demokratie zu verwechseln ist, bei der nur plebiszitäre Mechnismen mit all ihren Risiken genutzt werden) der Raum für eine lebendige und offene Form der Selbstorganisation des Stadtlebens organisiert werden…