Redefining Mental Illness

Dass die biologische Psychiatrie ein ziemlich schlichtes, wenn auch von der Pharmaindustrie großzügig gefördertes Weltbild hat, predige ich – nicht nur hier – ja schon seit Jahrzehnten. Trotzdem: der Mainstream der Forschung, der sich auch an deutschen, österreichischen und schweizer Universitäten nach den USA richtet, lief in diese Richtung (wer hört schon auf mich). Was mich immer ein wenig beruhigt hat, war die Gewissheit, dass die Kollegen, wenn auch ein wenig korrupt, auf Dauer nicht über das Scheitern der Biopsychiatrie hinweg sehen würden. Schließlich haben sie ja meist eine gewisse professionelle Ehre im Leib und sind ihren Patienten nicht wirklich übel gesonnen. Das Pendel würde sich irgendwann in die andere Richtung zurück bewegen. Jetzt scheint es so weit zu sein. Wenn sogar die New York Times darüber schreibt, dass die bisherigen Forschungsansätze zu schicht gewesen seien, dann besteht Hoffnung.

Zur Wiederentdeckung der Tatsache, dass es nützlich sein kann, Stimmenhören, Halluzinationen etc. nicht (!) als Symptome einer biologischen Krankheit zu betrachten, sondern mit den Patienten zu reden und derartigen Phänomenen Sinn zu geben, hier bitte weiter lesen…

Redefining Mental Illness – NYTimes.com.

21 Gedanken zu “Redefining Mental Illness”

  1. …schon gar wenn man bedenkt, dass der Akt der Gehirnherauslösung aus dem Ganzen auch nicht vom Gehirn aus geplant wurde, sondern unserer differenzierten kognitiven Wahrnehmung entsprungen ist ; dass da noch ein Körper dranhängt, der sich auch noch bewegen kann, in einer Umwelt die sich auch noch verändern darf, macht das System zwar etwas komplexer, dafür aber auch spannender…natürlich kann man auch im Gehirn herumschnipseln und dann zuschauen, wie sich das Verhalten verändert (zu Lobotomien war gestern auf Ö1 ein interessanter Beitrag), nur ist der Umkehrschluss, dass das veränderte Verhalten dort hockt wo herumgeschnipselt wurde, eben falsch. Manche Menschen laufen auch mit einem Pflock im Schädel recht fröhlich durch die Gegend und vielleicht sollte man davon ein 3D-Modell machen (ein Hirn mit einem Holzpflock drinnen) und es biologisch orientierten Psychiatern auf den Schreibtisch stellen, als Denkhilfe.

  2. leider ist das noch nicht überall durchgedrungen – ich weiß aktuell von jemandem, der aufgrund des von Ihnen beschriebenen „dauerhaften“ Verhaltens mit Elektroschock (in Narkose) behandelt wurde, da nach Aussage der Klinik „sonst nichts mehr hilft“! Da stellt sich bei mir Wut und Grauen ein…

  3. Die Trennung von Körper und Geist war bzw. ist – außer vielleicht aus rein kommerzieller Sicht – eine Schnapsidee.

  4. Also nach Genuss von Schnaps (Geister jedweder Art) sind die beiden bei mir zu unterschiedlichen Reaktionsmustern fähig – gekoppelt, aber unterscheidbar.

  5. Jim van Os, der im letzten Überblick über Schizophreniespektrumstörungen in Nature von 2010 über die Bedeutung von Umweltfaktoren geschrieben hat:

    „Several independent sources of evidence indicate that psychosis exists as a continuum
    of experiences with a distribution in the general population. The implications of this
    evidence for the diagnosis, aetiology and treatment of psychotic states that are
    associated with need for care are increasingly apparent. The encouraging results
    ( Jones, Cormac, Mota, & Campbell, 2000) of new therapeutic approaches that are
    characterised by a dimensional view and normalising rationale, suggest that it may be
    rewarding to further incorporate the notion of a psychosis continuum in scientific
    research and clinical practice.“

    Johns, L. C., & van Os, J. (2001). The continuity of psychotic experiences in the general population. Clinical Psychology Review, 21(8), 1125-1141.

    PDF: http://www.uni-graz.at/~schulter/Johns01_schizotypy_schizophrenia_continuum.pdf

  6. Bin skeptisch.
    Man muss Alternativen aufzeigen, die Psychologie über ein alchemistisches Niveau hinaus entwickeln.
    Bspw. Ansatz von Gunther Schmidt, sozial sonderbar anmutende Verhaltensroutinen als Anpassungsleistungen zu framen ist ein Fortschritt – aber bis heut nur mehr ansatzweise ausdifferenziert.
    Eine riesen Baustelle ist auch die Didaktik der Psychologie.
    Solange die Konstrukte schlicht genug sind, kann man es einigermaßen straflos dabei bewenden lassen, in traditionell feudalistischen Arrangements (die Unis müssen Neofeudalisierung nicht befürchten, sie sind infolge Monopolstellung zumeist aus dem Kooperationsmodus der Klöster nie herausgekommen.) den Narzissten vom Dienst zu geben und Weisheiten zu verkünden die in der Praxis außerhalb der Klugscheisseraquarien theoretisch funktionieren könnten. Für komplexitätsadäquatere Konstrukte bspw. im Rahmen einer Aktions- statt Zustandsdiagnostik braucht es andere Formate für Präsenzlehre und vírtuelle Flankierung als in der derzeit noch dominierenden Bringekultur der Ausbildungseinrichtungen kundenseitig noch als Standard akzeptiert werden. Da Systemiker die Krankheiten aus der Psychologie und Soziologie weitestgehend übernommen haben, gibt es bis heute keine Systemische Didaktik (zumindest keine adäquaten Veröffentlichungen dazu, Ansätze dafür sind da.).

  7. @5 bitte erklären Sie mir das genauer, v.a. den Zusammenhang mit dem Blogbeitrag; ich bin erst seit Kurzem (wieder) in dem Forum…was genau meinen Sie mit Didaktik der Psychologie?

  8. Das ist nicht ganz trivial. Von daher wird die hastig hingeschriebene Antwort unbefriedigend ausfallen.

    2 Vorworte:
    a) Was wir hier machen ist eine didaktische Katastrophe. Feudalismus pur.
    Mich persönlich erinnert es an die alten Germanen.
    Honig war eines der wenigen Süßungsmittel, die zur Verfügung standen.
    Nichts gegen Honig aber ….
    Von dem, was geht, wissen wir wenig.
    Das, was an Steigerung der Individualisierung von lehrendem Lernen beziehungsweise lernendem Lernen dank virtueller Flankierung möglich ist, interessiert die Verlage einen Dreck. Sie optimieren das Verhältnis von Aufwand und Nutzen in der Form: Soviel Innovation wie nötig und so wenig wie möglich. Immerhin: dafür werden etliche von ihnen sterben.
    Und mit ihnen auch Hochschulen. Denn ein Verlag muss heut natürlich mindestens eine Akademie sein und eine Akademie ein Verlag und noch ein bisschen was anderes dazu.
    Infolge dessen die Verhaftung an Hardware fast in allen Fachbereichen passé ist, konvergieren sehr viel bislang straflos getrennt betreibbare Geschäftsbereiche des Bildungsmarktes und es werden absehbar nicht wenige Menschen ihren sicher geglaubten Job folge der langsam aber sicher kommenden brachialen Durchrationalisierung der Wertschöpfungsketten verlieren.

    b) Wir bauen eine Arbeitsgruppe auf, die Systemischere Didaktik als einen ihrer Schwerpunkte begreift.
    Schwieriges Geschäft, weil noch immer nicht einmal die Fragen als Problem begriffen werden, die es zu lösen gilt.
    Der Markt wird aber intelligenter und die Kunden dank zunehmender Vergleichsmöglichkeiten anspruchsvoller.
    In „Logik der Psyche“ wird es ein Kapitel dazu geben.
    Bedeutet: in anachronistischer Form.
    Wenn Sie aber das Thema interessiert, es werden andere Formen, Formate, Designs für Blended Learning folgen.
    Damit die Schallplatte in Hörsaal Seminarraum zum Mentor werden kann und nicht nur hüthermäßig vor sich hindudelt, müssen einige Arrangements re-arrangiert werden.
    Zumindest die Konzepte sind da und die virtuelle Flankierung fordert nichts ab,
    das nicht schon irgendwo mal programmiert oder organisational verwirklicht worden wäre.
    Das Spannende ist, inwieweit Integration in nutzerfreundlicher Weise gelingt.

    Ich hab Lust noch ein bisschen Mugge zum Lesen anzuknipsen.
    Wenn Sie gestatten: https://www.youtube.com/watch?v=K4FaGacwtd4
    Es mag Menschen geben, die eine metaphernfreie Wissenschaft für geboten und möglich halten.
    Ein Wissenschaftler ist ein Wissenschaftler ist ein …. eine Metapher ist eine Metapher ist eine Metapher .
    Man müsste jetzt ein bisschen auf Phänomenologischen Konstruktivismus und bei Fortgeschrittenen vielleicht sogar auf Hermetik eingehen. Tu ich nicht.
    Soll heißen, man kann den Progress der kulturellen Weltaneignung als einen Fortschritt in der Bildung zunehmend komplexitätsadäquater Metaphern begreifen.
    Arbeiten wir gewohnt unsensibel für verschiedene Kontexte mit vorschnell vereinfachenden Bildern, so werden Theoriewerkzeuge unversehens zur Waffe…
    Special for Petra: http://www.weltbild.de/3/15960041-1/buch/heinrich-rombach-strukturontologie-bildphilosophie-hermetik.html
    Die Abhängigkeit der Güte von Psychologie von den aktuell verfügbaren Metaphern bzw. Bildern aus Nachbardisziplinen kann man aus der wissenschaftshistorischen Übersicht sehr schön rekonstruieren. Bei Freud bildet sich bspw. sehr die damalige Faszination an mechanischen und hydraulischen Bildern ab.
    Reich hatte u.a. deshalb wohl Probleme. Nehmen Sie mal das Standardwerk von Kriz in die Hand oder eben Julius Kuhl. Heute versucht man Verunsicherung ob der in der Aufstellungsarbeit evidenten Phänomene in Form von Bildern aus der Quantenmechanik …. ich sag jetzt mal: zu bannen.
    Spätestens jetzt sollte eine Ahnung aufsteigen, dass zunehmend differenzierte Metaphern didaktische Konsequenzen nach sich ziehen.

    In oberflächlicher Form hier im Forum schon paar Mal durchgekaut, unterscheide ich 3 Dimensionen für systemischere Didaktik:
    Mikrodidaktik (hat nix mit Bronfenbrenner zu tun): Wir müssen die Gelingenserlebnisse in Sachen Verständigung von Communities modellieren. Erfolgsfaktor ist bspw. so etwas wie die indogermanische Satzbaustruktur. Dies legen wir unbewusst unseren Sprechakten zugrunde. „Hello Karla alles klar?“ wird in sekundenschnell um die fehlenden Satzbaukomponenten zu einer Tiefenstruktur ergänzt. Weil der andere Performer die in der Kultur übliche Satzbaustruktur internalisiert hat, kann er intuitiv das Fehlende schnell ergänzen zu … naja im Grunde zu einem Bild. Soll hier auch nicht vertieft werden. Zu der Satzbaustruktur gibt es jedenfalls Alternativen. Türkisch, japanisch bspw. für die Performer dieses Kulturkreises fühlen sich andere Satzbaustrukturen „natürlich“ an. Das jetzt bitte auf didaktische Satzstrukturen zu übertragen! Das Babel in der Psychologie, im intern- und theoretisch transdiszilplinären Diskurs könnte also lindern, wenn die Jungs und Mädels sich auf kommunikative Standards verständigen würden. Das heißt auf die Satzbaustrukturen für didaktisch wohlgeformtes „Sätze“. Ein Diskurs – eine Satzbaustruktur. Das ist derzeit nicht gegeben. Für die Systemiker, welche den Schrott an Wissenschaftskommunikation übernommen haben, der in der Psychologie und Soziologie üblich ist, ist derzeit noch nicht einmal gewährleistet, dass zuzuordnen ist, was jemand meint, wenn er von „systemisch“ spricht. So wie unlängst bei einem Systemikertreffen erlebt, reden die Leute oft komplett aneinander vorbei, ohne dessen auch nur ansatzweise gewahr zu werden. Der eine betreibt „systemische“ Theorietheorie bzw. Epistemologie. Der andere: „systemische“ Theorie. Der dritte systemische Pragmatik bzw. angewandte Theorie. Alle sprechen von „systemisch“ und jeder bezieht sich auf einen völlig anderen Bereich des Spektrums von Ontologie. Je armseliger die Differenziertheit und Reflektiertheit des Konstruktes desto größer in der Regel der Weltherrschaftsanspruch, der damit verbunden wird. Das innerhalb des Wissenschaftssystems so und führt zu Idiotien und das ist innerhalb der Psychologie mit ihren einander theoretisch und praktisch sowohl infrage stellenden Teildisziplinen so und das wird von den Systemikern prompt downgeloadet.
    Jeder schwafelt so frohgemut auf den anderen ein, seine Vorstellung eines didaktisch wohlgeformten Satzes implizit als Norm zugrunde legend. Noch nicht einmal merkend, dass man unterschiedliches zugrunde legt. Um im Bilde zu bleiben redet, schreibt der eine – intuitiv auf seine japanische Struktur hin orientiert. Der andere wundert sich und legt bspw. eine türkische Satzbaustruktur als Normalfall zugrunde. Ein Grauen. So könnte man Vorleseungen oder Learning Nuggets bspw. statt mit Antworten besser mit Fragen statt beginnen. Beispielsweise hre Anfrage – trotzdem ich sie nur sehr unvollkommen bedienen kann – dürfen wir so verstehen. Flächendeckend geben wir bspw. Erstauszubildenden Antworten auf Fragen vor, die diese sich noch gar nicht gestellt haben können, weil sie noch nicht in der Praxis wahren. Es ist Unsinn, so zu strukturieren. Wir empfinden diesen didaktischen Schwachsinn als normal und die Kunden kaufen unseren Bildungsträgern diesen didaktischen Quatsch, der auf systemische Zerstörung von Lernmotivation hinführt, auch noch ab. Blödsinn bleibt es dennoch. Ein riesen Fortschritt ist es deshalb schon, zu schauen, inwieweit wir mit den Fragen überhaupt an die aktuell relevanten Lebenswelt des Lernenden anschlussfähig sind oder stärker individualisieren sollten. Empfehle in dem Zusammenhang 3 didaktische Klassiker: Bubers Dialogethik, Wagenscheins genetisches, sokratisches und exemplarisches Lernen und auch Rombach mit seiner Fokussierung auf das Primat der Frage. Bei der Mikrodidaktik geht es also um die Binnenstrukturierung kleinstmöglicher Lerneinheiten (sowohl in Lehrwerken als auch in der Präsenzlehre, als auch – wie im Blended Learning – in deren synergetischer Verschränkung). Einer der der wenigen Kollegen, die überhaupt den Missstand (Vgl. auch Holzkamp) begriffen haben (es gibt in der Psychologie bis heute keine integrierte Lerntheorie!) hat bspw. starke Wirkungen auf deutsche Pflegeausbildungen gehabt. Sehr empfehlenswert der Mensch; http://hrkll.ch/WordPress/iml2/wissen-gebrauchen/ Es gibt einiges mehr, was dazu zu sagen wäre, kaum mehr als eine Idee zur Mikrodidaktik gibt ein Artikel, den ich mal unter unschönen Veröffentlichungsbedingen dazu veröffentlicht habe.

    Das http://conference.pixel-online.net/edu_future/common/download/Paper_pdf/ENT23-Liebscht.pdf ist bitte ist aber nur eine von vielen Varianten Mikrodidaktik zu gestalten. So wie die verschiedenen Satzbaustrukturen unterschiedliche Vor- und Nachteile mit sich bringen. Man muss sich mit den spezifischen Bedürfnissen der verschiedenen Disziplinen auseinandersetzen. Deren Vertreter werden Bedürfnisse äußern nach ganz anderen Satzbaustrukturen. Sicherheitshalber weise ich darauf hin, dass ich Satzbaustruktur als Metapher verwende. Ich hatte Kontakt mit Thermodynamik, Elektrotechnik, Ethnologie, Phytotherapie etc. aufgenommen. Fokus eines Projektes sollte sein, die verschiedenen Bedürfnisse herauszuarbeiten durch Analyse der Bestände und Formate des informellen Wissens facherfahrener kompetenter Entscheider. Ich vermute heute, dass man in 15 Jahren überhaupt die Fragestellung verstehen wird.
    Um Ihnen anhand Exempel wenigstens eine Ahnung zu geben, worum es hier geht: Für die Psychologie bedeutete es teils einen Paradigmenwechsel von Problemorientierung auf Lösungsfokussierung umzuschalten. Wenn ich also bspw. Fachbereiche innerhalb der Psychologie mikrodidaktisch aufbereiten will, dann ändert sich dadurch, welche Strukturkomponenten ich bei einem „Learning Nugget“ in welcher Reihenfolge anordne. Hier schreibt Robes ein bisschen was dazu: http://www.weiterbildungsblog.de/wp-content/uploads/2011/01/learning-nuggets.pdf Videobasiertes Lernen löst natürlich nicht alle Probleme und muss deshalb mit den hier skizzierten Ansätzen zusammen geführt werden.

    Gut und schön Mikrodidaktik: wir wollen also die kleinstmöglichen Lernmoleküle in Präsenzveranstaltungen und von virtuellen Lehrwerken sinnvoll strukturieren. Haben wir damit ein effektive effiziente nachhaltige Didaktik? Natürlich nicht. Wir haben eine notwendige, aber bei weitem nicht hinreichend Komponente einer Didaktik. Ich geh jetzt mal auf die Makrodidaktik. Systemiker-„Wissen“ Grundstufe ist, dass Wissen“ perspektivabhängig, erfahrungsbedingt etc. vorliegt. Davon abgesehen, dass der Begriff Wissen nahezu durchgehend blödsinnig verwendet wird, auch hier. Daten/Informationen/Wissen. Es gibt auch einen sehr schönen Begriff aus der indischen Philosophie … Will darauf aber jetzt auch nicht weiter eingehen – in der Konzeption für eine Systemischere Didaktik tue ich das – sondern verbleibe in der Präzision des Alltagssprachgebrauches.
    Sagen wir mal so, wenn man alle relevanten Perspektiven zu einer Frage zusammenbringt, dann bekommt man einigermaßen eine Vorstellung, in welcher Richtung man eine Lösung anregen könnte. Auf diesen Erfahrungen beruhten die Erfolge der ersten Systemiker überhaupt. Heute sprechen wir von Stakeholderbewußtsein und der Notwendigkeit durch Moderation die Stakeholderintegration zu fördern. Egal, welche Fachkontroverse Sie nehmen, Sie werden immer typische Vertreter bestimmter Perspektiven und Interessen finden, die einander in ihren Ansichten bzgl. Problem und Lösung a) in Frage stellen und b) einander ergänzen. Im Sinne der Nachhaltigkeit geht es uns um nichts weniger als dieses Ganze. Dieses „Ganze“ im Rahmen einer für Wissensprosumenten mitgestaltbaren Lernumgebung abzubilden, gibt es Möglichkeiten … Ein wichtiger Aspekt ist dabei u.a., inwieweit zwischen Stakeholdern moderiert wird. Allparteiliche Moderation freilich ist eine Kunst, die derzeit kaum gemeint begreift, geschweige beherrscht. In einem virtuellen Hörsaal in dem die Lernenden quasi ihre Lehrwerke selber schreiben, geht ohne derlei Moderationskunst nicht viel. Moderieren wir – wie häufig in sozialen Netzwerken anzutreffen – nach der Devise „Intelligent ist das, was der Cheff versteht!“, so ist das der sichere Tod jeglicher Ansätze zur Emergenz kollektiver Intelligenz. Im Grunde könnte man dies auch als Übergeordnetes Leitziel systemischerer Didaktik ansehen; diese Förderung kollektiver Intelligenz. Wir reden nicht mehr nur von „lernenden Organisationen“, wir bauen nicht nur welche, wir sind welche. Ein weiterer Aspekt der Makrodidaktik ist das Verhältnis von Präsenzlehre und virtueller Flankierung. Ein dritter Aspekt ist das Organisationsdesign des Bildungsträgers und seine Verschränkung mit jenen e-didaktischen Voraussetzungen für lebendige strikt praxisbezogene Lehre, welche die Präsenzveranstaltung zum Erlebnis machen. Ich hab mal einen berufsbegleitenden Master für Organisationsdesign angelegt, da waren die ersten Begegnung auf Forcierung gruppendynamischer Prozesse ausgerichtet. Ein koordiniert und kraftschlüssig agierender Gruppenkörper ist Voraussetzung dafür, dass e-Conferences wirklich genutzt und als Bereicherung statt nur Kostenersparnis begriffen und angenommen werden. An einer mir bekannten HS haben sie mal eine halbe Mille verbrannt, weil sie u.a. diese Aspekte noch nicht auf dem Schirm hatten. Je mehr Virtualitäten den Studierenden zugemutet werden, desto intensiver müssen die Präsenzphasen erlebt werden (können). Um das alles verständlicher auseinander zu klamüsern, bräuchten wir in diesem Format ca. 60 Seiten.

    Das aus meiner Sicht Spannendste ist die Mesodidaktik. Deren Fokus ist die implizite Ordnung des – pardon! – „Wissens“ innerhalb einer Fachdisziplin, die Verweislogik zwischen den Lernmolekülen bzw. „Nuggets“. Es muss Ordnungen geben, sonst würden die Mitglieder der Fachcommunity nicht über Erlebnisse gelungener Verständigung berichten können. Woran sich ihre mehr oder wenig praxisgeschulte Intuition orientiert, ist in fast allen Disziplinen weitestgehend unreflektiert. Wir müssen diese Ordnung aber extrahieren, weil wir und der Lerner sonst nicht wissen, wie wir die einzelnen Learning Nuggets bei der programmiertechnischen Umsetzung eines Designentwurfes zueinander in Beziehung setzen können sollen. Auch die Stakeholderintegration wird sich schwierig gestalten wenn wir das komplett dem Selbstlauf überlassen. Ein Problem sehr vieler Lernplattformen derzeit, die sich infolge Vernachlässigung dieser Fragen in der Konzeptionsphase allmählich in contentreiche aber wenig nutzerfreundliche Müllhalden verwandeln. Freundlicherweise gibt es Hilfen. Innerhalb der Fachsprachen kann der psycholinguistisch bewanderte Zeitgenosse Ordnungen rekonstruieren. Klassen, Elemente. Das ist nicht trivial, weil wir auch für die technische Umsetzung interaktiver Lehrwerke = Communities Taxonomien, bzw. Folksonomien brauchen um eine Navigation aufbauen zu können, die der Fachnovize wie der alte Hase gelichmaßen intuitiv nutzen können. Geht alles. Macht bloß erst mal Arbeit und kostet, bis es ein Selbstläufer wird.

    Glückwunsch! Ich vermute, Sie haben jetzt Bahnhof verstanden.
    Durch Bücher, Artikel und all das anachronistische Zeug wird das ein wenig, aber nicht viel besser. Was zählt, ist das Design und das Erleben des Lernens ins solch einer Lernumgebung. Ist das nicht furchtbar? Naja, versuchen Sie mal auf 3 Seiten einen Organismus zu beschreiben in seiner Funktionsweise. Um nichts weniger geht es im Grunde. Der Begriff „Blended Learning“ greift viel zu kurz und erfasst nicht mehr, was es da zu realisieren gibt. Um das Zusammenwirken der einzelnen Aspekte von Mikrodidaktik, Makrodidaktik und Mesodidaktik innerhalb eines Designs das wiederum beide Welten integriert: Präsenz und virtuelle Flankierung, Lehren und Lernen, Produktion und Konsumption, Theorie und Praxis und noch einiges andere – u.a. auch ab einer bestimmten Betriebstemperatur die „Ernährung“ des sozialen Vielzeller = Selbstfinanzierung.

  9. Wie würde Ihr Beitrag aussehen, wenn er Ihrem eignen (mikro-/meso-/makro-/…)didaktischen Anspruch gerecht werden wöllte?

  10. Ohne Metapher geht es nicht. Daher: Wie ein Mobile.

    Anders: ich sage ja nicht, dass wir die Verhältnisse im Gehirn modellieren.
    Aber ich wäre nicht überrascht, wenn wir bei ähnlichen Verhältnissen herauskommen.

    Fakt ist: wir müssen uns mit einer Reorganisierung der Wissenschaftskommunikation befassen und Designs entwickeln, die den spezifischen Bedürfnissen der unterschiedlichen Fachdisziplinen Rechnung tragen.
    Wir verfehlen mit unseren Büchern, monologischen Seminaren und bis heute quasifeudalistisch angelegten, effektiv innovationsfeindlichen Lern- bzw. Hochdienkulturen bislang die sich aus unseren Ökologien ergebenden Anforderungen um Jahre.
    Die Psychologie sollte nach der „systemischen Wende“ am ehesten in der Lage sein, den Anfang zu machen und solle sozialen Vielzeller zwecks Emergenz kollektiver Intelligenz zu bauen.
    Hab ich früher geglaubt.
    Aber wahrscheinlich sind die Informatiker mit ihren Plattformen für kooperatives Programmieren schneller.

  11. Nachgedanke: Der sogenannte „Lehrgegenstand“ bzw. unser Konzept davon haben natürlich Auswirkungen auf die didaktische Herangehensweise. Für den Fall, dass Ihre Nachfrage eher den Fokus auf Psychologie als „Lehrgegenstand“ gehabt hätte, nur ein kleiner eiliger Zusatz.
    Stellen Sie sich vor, Sie hätten selbst die Aufgabe, Psychologie zu vermitteln und Sie hätten dafür weitreichende Gestaltungsspielräume eingeräumt bekommen. Was ändert sich für Sie bzw. für Ihre Vorgehensweise anlässlich Lehrkonzeption und Umsetzungsorganisation wenn Sie …

    a) von der Prämisse ausgehen, Psychologie als Disziplin ist ein System (im Sinne des Alltagssprachgebrauches). Oder – ich bleib jetzt im Alltagssprachgebrauch – so etwas wie eine Struktur mit Teildisziplinen, weiter unterteilbaren Bereichen…. Körper, Organe, Organellen sozusagen. Überlegen Sie sich ein Miniatur-Curriculum beispielsweise für einen Bereich, der jemand, den Sie gut kennen, ganz sicher besonders interessiert.

    b) Gehen Sie nun von einer anderen Prämisse aus: Psychologie ist einerseits Struktur, sie ist aber auch ein Prozess. Sagt man ja so nett: Der Weg ist das Ziel. Ein vielleicht recht langsam verlaufender, aber dennoch ein Prozess. Irgendwo kann man die Disziplin als Ganzes ja auch eine Art Körper betrachten; ein „Körper“ der von Geburt an Degenerationstendenzen unterliegt, der aber auch lernen will und sich ab und an erfrischt. In der Choreographie eines solchen Prozesses können wir regelhaft verschiedene Phasen differenzieren – bspw. wenn wir die Phase einer Diagnostik vor einer Phase Intervention verorten (was nicht mehr als Selbstverständlichkeit angesehen wird.), irgendwo einer Ethik einen Platz geben oder gar einer Epistemologie, einer Fachdidaktik und was uns sonst an Prozesselementen nützlich zu vermitteln erscheint, was womöglich sogar nachgefragt wird. Ändert sich etwas für Sie in Ihrer didaktischen Herangehensweise, wenn es gilt, dass jemand Psychologie als einen Prozess nachvollziehen möchte? Wenn Sie Ethik nicht als „Teil“ von Psychologie auffassen sondern als Phase? Muss ja keineswegs so sein, dass das für Sie einen erkenntnisanleitenden Unterschied macht.

    Um sich den Unterschied zu vergegenwärtigen, den allein der Umstand ausmachen kann, wenn wir von der Prämisse ausgehen, dass der „Lehrgegenstand Psychologie = Struktur / Lehrgegenstand Psychologie = Prozess ist – muss man jetzt noch nicht mal auf komplexe Designs mit paar tausend unentwegt Content optimierenden „Wissens“-Prosumenten und programmiertechnisch anspruchsvoller Software gehen, sondern kann einen Lehrauftrag von 90 min annehmen. „Was ist Psychologie?“ Von Sie für Ihren guten Bekannten im Paradigma P = System planen, ist es leichter, sich mit sich selber auf eine Art Orthodoxie zu einigen: „Das ist das Wesentliche, das ist es nicht und bleibt draußen.“ Wenn Sie P. stärker als ein Individuen übersteigendes, erkenntnisanleitendes Programm für ganze Kulturgemeinschaften mit offenem Ausgang begreifen, weil Sie sich bspw. an das Eingehen kulturverändernder Freud’scher Bilder in den Alltagssprachgebrauch über ca. ein Jahrhundert hin erinnert haben, dann werden Sie in anderen Metaphern denken und es werden Ihnen andere didaktische Optionen einfallen, die a) das Prozesshafte der Psychologie als Disziplin und b) das der Co-Evolution zwischen lernenden Lehrenden und lehrenden Lernenden stärker erlebbar machen. Vermut ich zumindest.

    Wenn Sie mögen, können Sie mal recherchieren, woher der Begriff „Mut zur Lücke“ kommt. Vielleicht fällt Ihnen dann noch leichter ein, wie Sie selbst ein wenig mutiger werden können, wenn Sie mit den Leuten unterwegs sind und wie Sie „trotz“ dialogischerer Ausgestaltung des miteinander Lernens bzw. Lehrens dennoch die Erreichung der Lernziele provozieren.
    Pausenende.

  12. „Aber wahrscheinlich sind die Informatiker mit ihren Plattformen für kooperatives Programmieren schneller. “
    Den Eindruck gewinne ich schon lange. Obgleich man bei Programmierern schon aufpassen muss, um nicht in eine Falle Mal-, Ad- und Spyware-Fallen des It Marketings und social engeneerings zu tappen, so muss man ihnen eines doch lassen:
    Vor allem beherrschen sie das Webdesign, das erst mal Bedürfnisse, Neugier etc. bedient und auch Appetit auf mehr machen kann.
    Entsprechend dem alten Luh gilt bein den aktuellen Notständen:
    Nicht nur die Soziologie, sondern insbesondere die Psychologie sollte eher eine Lernende statt eine Lehrende sein. Inklusiver Exklusion kann man nur effektiv via reflexive Binnendifferenzierung begegnen, was im Zweifel auch mit Umdeutung aller für unverzichtbar gehaltenene Werte verbunden sein kann.

  13. „Aber wahrscheinlich sind die Informatiker mit ihren Plattformen für kooperatives Programmieren schneller. “
    Den Eindruck gewinne ich schon lange. Obgleich man bei Programmierern schon aufpassen muss, um nicht in eine Falle Mal-, Ad- und Spyware-Fallen des IT-marketings und social engineerings zu tappen, so muss man ihnen eines doch lassen: Vor allem beherrschen sie das Webdesign, das erst mal Bedürfnisse, Neugier etc. bedient und auch Appetit auf mehr machen kann.
    Entsprechend dem alten Luh gilt bei den aktuellen Notständen:
    Nicht nur die Soziologie, sondern insbesondere die Psychologie sollte eher eine Lernende statt eine Lehrende sein. Inklusiver Exklusion kann man nur effektiv via reflexive Binnendifferenzierung begegnen, was im Zweifel auch mit Umdeutung vieler -für bislang als unverzichtbar- gehaltenene Werte verbunden sein kann.

  14. @ MLiebscht „Das heißt auf die Satzbaustrukturen für didaktisch wohlgeformtes „Sätze“. Ein Diskurs – eine Satzbaustruktur. Das ist derzeit nicht gegeben.“

    Ich tue mir mit Ihren Satzbaustrukturen sehr schwer, wobei ich nicht glaube, dass es ein Intelligenzproblem ist, eher ein Voraussetzungsproblem. Soll heißen, ich kann immer noch keinen Zusammenhang zu dem ursprünglichen Blogbeitrag erkennen. Sie sprechen von einer Didaktik der Psychologie, ja, das ist wohl eine Frage der Voraussetzung, im Endeffekt eine Frage des psychologischen Fachbereichs. Im musikpsychologischen Kontext werde ich als Lehrerende/Lehrender eine andere Didaktik fahren als im entwicklungspsychologischen oder neuropsychologischen Bereich. Nur Bitte, malen Sie für mich den Kreis zum Blogbeitrag!

  15. Sie haben Recht, wer so die große Klappe hat, der sollte auch runde Kreise hinbekommen.
    Wenn ich zwischen den Routinen wieder einen größeren Pausenblock habe, krakel ich weiter…

  16. Former APA President: “What Does the New York Times Have Against Psychiatry?”

    Around The Web February 23, 2015

    In Medscape, former American Psychiatric Association president Jeffrey A. Lieberman discusses the „indignity“ that psychiatry suffered as a result of a recent article by Tanya Luhrmann in the New York Times.

    Luhrmann’s article was previously reported by Mad In America.

    Lieberman describes Luhrmann’s article as „incredibly unscholarly, misinformed, confused“ and „destructive.“ He also describes the British Psychological Society’s Understanding Psychosis and Schizophrenia report as being based in a „preposterous“ set of ideas that fail to properly distinguish „symptoms of disorder“ from actual „disease.“

    „Why would such a report be printed in a widely respected publication such as the New York Times?“ asks Lieberman. „What other medical specialty would be asked to endure an anthropologist opining on the scientific validity of its diagnoses? None, except psychiatry. Psychiatry has the dubious distinction of being the only medical specialty with an anti-movement. There is an anti-psychiatry movement. You have never heard of an anti-cardiology movement, an anti-dermatology movement, or an anti-orthopedics movement. What would give an anthropologist license to comment on something that is so disciplined, bound in evidence, and scientifically anchored?“

    http://www.madinamerica.com/2015/02/former-apa-president-new-york-times-psychiatry/

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