Revolutionen

Ich gestehe, dass Live-Übertragungen von Revolutionen eine gewisse Faszination auf mich ausüben.

Das galt auch für die Direktübertragung vom Maidan in Kiew gestern Abend. Eine Revolution, deren Ausgang noch offen ist.

Ich erinnere mich noch gut an die Radio-Übertragung der „Ereignisse“ (wie es offiziell heißt) auf dem Tian An Men-Platz in Peking im Juni 1989. Ich sass damals am Radio auf einer der Fidschi-Inseln, und Radio Australia berichtete auf Kurzwelle stundenlang direkt von den auffahrenden Panzern etc. – Einer der vielen gescheiterten Revolutionsversuche.

Der Sturz Mubaraks in Ägypten hat gezeigt, dass der gelungene Sturz einer Regierung nicht unbedingt mit einer Revolution gleich zu setzen ist.

Libyen ohne Gaddafi mag für Libyen gut sein, in Mali hat es zu einem Sturz der Regierung und zur Besetzung eines Teils des Landes geführt…

Zur Zeit kann man in den Fernsehnachrichten auch die Versuche, eine gewählte Regierung (wie in der Ukraine) zu stürzen, in Venezuela und Thailand beobachten.

Ich habe keine Ahnung, wer da wirklich gegen wen aufgrund welcher Interessen kämpft und ob ein gelingender Umsturz als Fortschritt oder Rückschritt zu bewerten wäre (und aufgrund welcher Kriterien von welchem Beobachter…).

Wer gegen wen kämpft ist auch beim gescheiterten, in einen Bürgerkrieg umgeschlagenen Revolutionsversuch in Syrien nicht zu sagen, obwohl es m.E. zweifellos ein Fortschritt wäre Assad zu verjagen.

Bei all diesen Revolutionen oder Revolutionsversuchen scheint mir ein Muster beobachtbar: Wenn ein großer Teil der Bevölkerung (nicht unbedingt die Mehrheit) sich von ihrer Regierung nicht mehr vertreten fühlt und auf die Strassen geht, dann hängt das Überleben dieser Regierung davon ab, wie das Militär oder allgemeiner: die bewaffneten „Sicherheitskräfte“ reagieren.

Die Macht der Regierung beruht auf dem Gewaltmonopol des Staates. Wenn das Militär und die Polizei auf die eigene Bevölkerung schießen müssen, entscheidet sich, ob die Situation kippt. Gewaltdemonstrationen sind immer ein Symptom des Machtverlustes. Wenn die Zahl der Demonstranten groß genug ist und sich nicht einschüchtern lässt, dann sind die meisten Soldaten nicht bereit, weiterhin ihren Befehlen zu folgen und auf die „eigenen Leute“ zu schießen… Und dann ist die Regierung – und oft genug das Regierungssystem, für das sie steht – am Ende.

Wenn die Soldaten schießen und bereit sind, dies auch weiter zu tun , dann stellt diese Machtdemonstration entweder die Macht wieder her (Beispiel: China) und die Demonstration hören auf, oder aber es kommt zum Bürgerkrieg.

In Syrien dürfte die ethnisch-religiöse (?) Vielfalt der Bevölkerung und die relative religiös-ethnische Geschlossenheit des Militärs (Alawiten) dafür sorgen, dass das Militär weiter schießt.

Das ist in der Ukraine (hoffentlich) anders…

40 Gedanken zu “Revolutionen

  1. Sehr geehrter Herr Simon,
    bei allem Respekt, das ist so ziemlich der gehaltfreieste und in die Luft geschossenste Text, den ich seit langem gelesen habe.

    „Ich habe keine Ahnung, wer da wirklich gegen wen aufgrund welcher Interessen kämpft […] , obwohl es m.E. zweifellos ein Fortschritt wäre Assad zu verjagen.“

    oder auch: „Wenn das Militär und die Polizei auf die eigene Bevölkerung schießen müssen, entscheidet sich, ob die Situation kippt. […]
    Wenn die Soldaten schießen und bereit sind, dies auch weiter zu tun , dann stellt diese Machtdemonstration entweder die Macht wieder her (Beispiel: China) und die Demonstration hören auf, oder aber es kommt zum Bürgerkrieg.“

    Das sagt doch nicht mehr als: Entweder FC Bayern oder Dortmund gewinnt ….

    „In Syrien dürfte die ethnisch-religiöse (?) Vielfalt der Bevölkerung und die relative religiös-ethnische Geschlossenheit des Militärs (Alawiten) dafür sorgen, dass das Militär weiter schießt.“

    Und dann das als Abschluss: Btw. ich glaube Dortmund macht die entscheidenden Tore.

    Ich bin ehrlichgesagt ein bischn enttäuscht einen großen Autor wie Sie solche Worthülsen zu solchen ernsten Themen schreiben zu sehen. Vielleicht sollte man sich doch zurückhalten, wenn man schon selber bekennt „Ich habe keine Ahnung“.

    Wenn der Text wenigsten etwas interessantes zu einem theoretischen Machtkonzept vermitteln würde. Aber selbst bei diesem Punkt bleiben Sie nicht nur hinter Ihren (bekannten) Möglichkeiten, sondern sagen in dieser Hinsicht einfach auch schlicht garnichts.

  2. Revolutionen scheinen -ähnlich wie freiheitlich demokratische Grundordnungen- auch so langsam in Beliebigkeit abzudriften.
    Auf nichts scheint mehr Verlass.

    Fragt sich doch, braucht eine funktional ausdifferenzierte, global vernetzte Welt-Gesellschaft, die so langsam zur Selbstorganisation fähig wäre, noch ein derartiges Übermaß an bürokratischen Wasserköpfen zur Aufrechterhaltung nationalstaatlicher Gewaltmonopole?

  3. revolutionen bewegen sich immer am tipping point, an der grenze zum chaos.
    genau hier zeigt sich weisheit. weisheit ist immer „gehaltfrei“, herr christorpheus.
    wie heißt es doch im tao te king: „der weise handelt durch nicht-handeln“ oder so ähnlich.

  4. @1: Um ganz ehrlich zu sein, lieber chritorpheus, (Sie müssen jetzt sehr stark sein): Sie haben offensichtlich von Fußball nicht die geringste Ahnung. Der HSV hat gegen Dortmund gewonnen (tertium datur)…

  5. @ 1: … leuchtet mir nicht ganz ein, aus welchem Grund sich Ihre Kritik an diesem Beitrag und auch SO (Großbuchstaben = Ersatz für kursiv, was hier nicht geht) enzündet. Aber das ist vielleicht kein wesentlicher Punkt …

    Unglücklicherweise ziehen Sie in einem Ihrer Zitate (beginnend mit „Ich habe keine Ahnung“) zwei Absätze zusammen, die inhaltlich nicht direkt miteinander zu tun haben. Sie markieren zwar die Auslassung, würden also insofern Ihren Doktorhut nicht gleich abgeben müssen. Aber Sie übersehen dabei vielleicht einen der MEHREREN (das ist doch was, siehe Popper) KONKRETEN Ansatzpunkte für Kritik. F. B. Simon schreibt unter anderem (siehe Ende dieses Zitats): „… obwohl es m.E. zweifellos ein Fortschritt wäre, Assad zu verjagen.“ Ich zum Beispiel glaube das nicht. Ich glaube, es ist einer dieser tragischen Aspekte bei den ganzen Sachen: Wir müssen eigentlich hoffen, daß ein Verbrecher (Assad) noch größere Verbrecher (die Islamisten) in Schach hält.

    Was ich eigentlich sagen will: Der Satz „Ich habe keine Ahnung“ ist gerade aus dem Mundes eines, wie Sie sagen, „großen Autors“: ein großer Satz! Den ich würdige.

    Aber ich möchte Sie, den/die ich ja gar nicht kenne, nicht zu heftig angreifen. Denn ich finde es immer begrüßenswert, wichtig und unverzichtbar, wenn und daß Menschen sich äußern. (Verzeihen Sie die pastorale Formulierung, sie stimmt hier AUSNAHMSWEISE hoffentlich …)

    @ 4: Ja! Jedes fußballerisch halbwegs begabte Kind hat vorher gewußt, daß der HSV gewinnt. Was mich betrifft, so hatte ich allerdings nicht auf 3:0 (gegenwehrlose Niederlage des BVB!), sondern auf 4:2 (Kampf!, selbstverständlich mental, also … körperlos!) getippt.

  6. @4 Lieber Fritz. B. Simon,
    vielleicht war mein Kommentar ein wenig spontan-emotional überzogen. Ich danke Ihnen ajF für diesen interessanten Blog und vor allem für Ihre großartigen Bücher. Ausserdem haben Sie tatsächlich Recht, ich habe nicht die geringste Ahnung von Fußball.
    Beste Grüße,
    Ihr christorpheus

  7. @10: Vielleicht sollten Sie sich mal mein Kriegsbuch anschauen. Dann könnten Sie wahrscheinlich den Hintergrund meiner Argumentation nachvollziehen. Denn Macht beruht ja darauf, dass Gewalt nicht (!) angewendet werden muss, weil sie als Drohpotential fungiert und deswegen für Akzeptanz der Position des Unterworfenen sorgt… Mit anderen Worten: Aus Angst vor Gewaltanwendung, Schmerz und Tod entscheiden sich autonome Menschen, vorauseilend gehorsam das zu tun, was irgendwelche Machthaber von ihnen verlangen könnten oder tatsächlich verlangen.

    Die Tatsache, dass Gewalt angewendet werden muss, ist daher immer ein Zeichen des Machtverlustes (siehe die USA im Irak). Wenn es gelingt, dadurch wieder die Unterwerfung unter den Machthaber herzustellen, dann bleiben die Strukturen erhalten – allerdings nur, solange die Gewalt bereit steht. Wenn das nicht mehr der Fall ist (z.B. wenn Soldaten sich weigern, auf ihre Mitbürger zu schießen), dann bleibt auch nix von der Macht.

    Folge ist dann erst mal ein Machtvakuum, Chaos, Unsicherheit. Das führt dann nach einiger Zeit dazu, dass wieder der Ruf nach dem „starken Mann“ ertönt und/oder Machtstrukturen etabliert werden (mit der Möglichkeit Gewalt anzuwenden).

    Usw.

  8. @10 Ich kenne die Figur der drohenden Inflation von Macht durch ihren Gebrauch von Luhmann und Baecker. Dort fehlt aber eine (Sozial-) Psychologische Einordnung der Konsequenzen einer solchen Inflation, wie Sie sie gerade eben (@10) andeuten. Ich muss gestehen, dass ich Ihr Kriegsbuch (noch) nicht gelesen habe (Sie meinen wahrscheinlich: Tödliche Konflikte: Zur Selbstorganisation privater und öffentlicher Kriege). Aber ich habe mir das gerade auf meine Liste gesetzt, denn gerade die psychologischen Konsequenzen einer solchen systemtheoretischen Analyse interessieren mich sehr. Vielen Dank für den Hinweis und Beste Grüße.

  9. @12: Nein, es geht nicht um Inflation von Macht, sondern um deren Grundlage… (auch und gerade psychologisch).

  10. Konflikte und die doppelte Kontingenz.
    Parasitär und/oder epiphytär, das scheint doch die Frage bei der
    Evolution der Kooperation, oder?

  11. herr simon, was mich an Ihrem post oben so begeistert hat, war gerade die (von christorpheus bemängelte) gehaltlosigkeit.
    macht ist ja – entgegen allem äußerenn anschein – nicht etwas, was jemand „hat“. macht steht immer auf dem spiel, immer auf der kippe. in revolutionen wird das plötzlich für jeden sichtbar. dann genügt manchmal der berühmte schmetterlingsschlag – und ein scheinbar fest gefügtes system fällt wie das ebenfalls sprichwörtliche kartenhaus in sich zusammen.

    der „weise“ (z.b. der systemisch denkende / handelnde) weiß das aber immer schon; er übt sich in der kunst des „handelns durch nicht-handeln“.

  12. Fragt sich nur, wer sich nach einem Crash mit der „Kunst des Handelns durch nicht-handeln“ noch als besonders „weise“ verkaufen kann. Nach einem Umschwung/Umsturz wäre dies durchaus auch lesbar als „Ohnemichel-Haltung“ und „tunlichst aus allem raushalten“.

    Darüberhinaus dürfte auch bekannt sein, dass „Weisheit“ bzw. „immer schon wissen“, wie’s im Allgemeinen gehen könnte, beim bestem Willen nicht reicht. Weshalb prophetisch Utopia-basierte Weisheiten spätestens an ihrer Umsetzung scheitern.

    Ergo, Macht hin oder her. Der begeisterte Blick nach oben schützt vor Absturz nicht. Auch im Fussball fliegt üblicherweise der Trainer als Erster nach dem Abstieg der Mannschaft.

    To whom it may concern:
    Kleine (Un)-Wetterwarnung aus peripheren Beobachter-Bodenstationen an so manche noch auf Inseln systemischer Glückseligkeit meditierenden Gipfelstürmer.
    Der Trend weist rekursiv versenkend nach innen.
    http://www.wisdom2summit.com/
    Wessen Lieblings-Flagschiffe bzw. Kriegsflotten dabei versenkt werden und untergehen, ist ungewiß. 😉

  13. Handeln oder Nicht-Handeln… alles bimbes! Das eine ist das andere und umgekehrt. Alles eine Frage der Perspektive.
    Sobald ich mich zum Club der Weisen dazurechne, habe ich mich doch auch gleich meilenweit daran vorbei katapultiert, oder?. Oder anders: Weiß der Weise, dass er weise ist? Durch was zeichnet sich denn der Weise aus? Hoffentlich nicht nur durch systemisches Denken, dann höre ich nämlich gleich auf damit…

    Dann rechne ich mich lieber zum Club der Dummen, da bin ich in jedem Fall richtig!

  14. warum muss man denn, wenn ein eher unüblicher begriff, ein eher unübliches argument auftaucht, immer gleich seinen erstbesten assoziationen folgen? warum kann man nicht auch mal lücken lassen, leerstellen? vor allem dann, wenn jemand versucht, die funktion des unbestimmten / unbestimmbaren auszuloten?
    sylvia taraba hat da immer vom kehrklo gesprochen.
    macht mir keinen spaß mehr hier.

  15. Die „erstbeste Assoziation“ in Zusammenhang mit dem Weisen, der Kunst und systemisch gemäß den LoF.

    http://de.wikipedia.org/wiki/LegendevonderEntstehungdesBuchesTaotekingaufdemWegdesLaotseindieEmigration

    „Aber rühmen wir nicht nur den Weisen,
    Dessen Name auf dem Büchlein prangt!
    Denn man muß dem Weisen seine Weisheit erst entreißen.
    Darum sei der Zöllner auch bedankt:
    Er hat sie ihm abverlangt.“

    FORM
    „Die Strophen der Legende bestehen aus fünf Versen, von denen in der Regel die ersten vier fünfhebige und der Schlussvers vierhebige Trochäen aufweisen. Die Trochäen geben dem Gedicht – analog zum „weichen Wasser in Bewegung“ – eine fließende Anmutung. Von diesem Schema weicht Brecht an einzelnen charakteristischen Stellen ab. So etwa in der fünften Strophe, in der sich der fließende Trochäus gleichsam am harten Daktylus des mäch-ti-gen Steins bricht.[5] Das Gedicht entwickelt seinen speziellen Reiz auch durch das verwendete Reimschema (ababb), das einen Rhythmus aufbaut und dann durchbricht. Der jeweils zweite und vierte Vers weisen eine männliche Kadenz auf.

    Dass solche formalen Schemata, inklusive der Abweichungen, von Brecht bewusst und sorgfältig eingesetzt wurden, belegen die Notizen aus seinem Nachlass.“

    „Groovet“ es -auf systemisch- so genug? 😉

  16. im übrigen: weisheit ist – ebenso wie macht – nichts was man „haben“ oder „besitzen“ könnte.
    deshalb kann man sie natürlich auch niemandem „entreißen“.

    brecht…
    hat un-recht.

    niemand „ist“ weise. der weise ÜBT sich, und zwar im tun des nicht-tuns.
    ein schönes bild dafür: eine forelle, die mitten in der reißenden strömung eines bachs scheinbar reglos auf der stelle verharrt. dass das dennoch ein tun ist, wird erkennbar, wenn sie bei gefahr pfeilschnell, gegen den strom, davon-„schießt“.

    wir menschen, als reflektierende beobachter, können das nicht von natur aus. wir müssen üben, üben, üben…
    und so ein blog ist nicht das schlechteste übungsfeld dafür.

  17. @ 21: Der Knackpunkt war diese Formulierung des „immer schon Wissens“

    (vgl. @ 15:) „der “weise” (z.b. der systemisch denkende / handelnde) weiß das aber immer schon;“
    und das auch noch in Kombination mit der Überhöhung des „Weisen“.

    Den „Weisen“ den Sie nun wiederum im “ Tun des Nicht-Tuna“ überhöhen. „der weise ÜBT sich, und zwar im tun des nicht-tuns.“

    Dem ÜBEN ist ja durchaus zu zustimmen. Auch dass man Macht, Weisheit, Anerkennung, Achtsamkeit, Freundschaft, Liebe etc. pp nicht „haben“, nicht „besitzen“, nicht „kaufen“ kann. Die Negation wäre ja schon einmal die halbe „systemische“ – wahlweise dialektische -Miete für einsichtige Theoretiker, CEO’s und Executives, am besten mit dem gesamten Hofstaat an Wissens-Experten, subalternen Adlaten an Schwarmintelligenz, die „immer schon wissen, wo’s lang geht“

    „Founders from Facebook, Twitter, eBay, Zynga and PayPal, and executives and managers from companies like Google, Microsoft, Cisco … in conversations with experts in yoga and mindfulness.“
    http://www.wisdom2summit.com/About

    OOOHM. Wie schön und wie erleuchtet?

    Und nun?

    Was hat nun die weltweit kommunizierende „Freundschafts“-welt von dem Gipfel an gebündelter Weisheit?

    Software un-plugged und Re-Set des gesamten Systems?

    Der Rest der Welt kann schon mal „Whats app“ in „How app“ transformieren und bereits beginnen die Dreigroschen-Oper zu üben?
    „Erst kommt das Fressen und dann die Moral“

    Aber was tun, wenn Brecht -Ihrer Meinung nach- „un-recht hat“. 😉

  18. die rede vom „immer-schon-wissen“, das ist natürlich eine provokation.
    man kann es, wenn man will, als besser-wissen interpretieren, das war selbstverständlich nicht gemeint. in einem systemischen blog wäre sowas geradezu der helle wahnsinn.

    bitte, frau dea, Sie kennen mich doch nun ein wenig. wenn Sie in Zukunft wieder auf so etwas stoßen sollten, fragen Sie doch erst mal nach, ehe sie gleich aus der hüfte los-schießen.

    mit dem „immer-schon-wissen“ des „weisen“ war etwas ganz anderes gemeint.
    folgende geschichte fand ich bei peter senge (damit wären wir wieder – nein: nicht bei den LoF – beim ausgangspunkt ganz oben).

    senge zitiert den us-basketballspieler bill russell, der sich für mein gefühl hier als „weiser“ betätigt:
    «Ab und zu erreichte ein Celtics-Spiel einen Punkt, an dem es zu mehr als einem rein physischen oder mentalen Spiel wurde. Es wurde magisch. Dieses Gefühl ist schwierig zu beschreiben, (….)
    Das Spiel konnte so schnell sein, dass jeder angetäuschte oder reale Spielzug überraschend kam und doch konnte mich absolut nichts überraschen. Es war beinahe so, als würden wir in Zeitlupe spielen. In diesem Zustand konnte ich regelrecht erspüren, wie das Spiel sich entwickeln würde und wo der nächste Pass landen würde. Noch bevor das andere Team den Ball abspielte, konnte ich es genau so erfühlen, dass ich meiner Mannschaft am liebsten zugerufen hätte, «da geht er hin!» – jedoch ich spürte, dass alles sich verändert hätte, wenn ich gerufen hätte….“ …

  19. Die Funktion des Unbestimmten bzw. Unbestimmbaren… spannende Frage. Zunächst kann ich Unbestimmtheit als einen semantischen Trick auffassen. Ich vergebe einen Begriff, der das beschreibt, was eigentlich nicht beschrieben werden kann. Damit wird das Un-Ding zu einem Ding, obwohl es weiterhin ein Un-Ding bleibt.

    Insofern erscheint mir jede Begriffsbildung am bzw. im Unbestimmten obsolet. Der Zen-Buddhismus praktiziert dies ja mit dem Begriff des Zen.

    In der Systemtheorie Luhmanns ist das Unbestimmte m.E. mit dem Begriff der Umwelt „verbaut“. Umwelt ist alles, was Nicht-System ist. Umwelt ist formlos. Voller nicht definierter Möglichkeiten an Ordnungsbildung und Zurechnung. System ist Form, ein definierter und eingeschränkter Raum an Möglichkeiten. Das eine gibt´s nicht ohne das andere und umgekehrt… I love it!!!!!!

  20. @ 24: Lieber FranzFri, selbstverständlich war das eine Provokation von meiner Seite. Wohl ahnend, dass Sie es nicht so gemeint hatten.

    Aber nicht um gegen Sie persönlich „aus der Hüfte zu schießen“.
    Die Provokation galt ihrer Argumentationslinie in schräger Verknüpfung und war ein Versuch gängige trivialisiernde Resonanzen – sozusagen „dem Volk aufs Maul geschaut“- gegenüber intellektuellen Idealisierungen/Überhöhungen zurück zu spiegeln. Dies lediglich als durchaus mächtige, meist unterschätzte Resonanzphänomene aus dem „unmarked space“ des „gemeinen Fuß- und Wählvolkes“, dem in der Regel kein differenziertes Ohr geschenkt wird. 😉

  21. @ 25
    herr gerstner, natürlich, wir verhalten uns wie ein schlechter zauberer, der seine tricks möglichst unsichtbar macht. das problem ist nur: wir vergessen das und fallen selber immer wieder auf unseren eigenen trick rein.

    aus meiner sicht sollten wir uns aber diesen trick immer wieder bewusst machen. d.h. bewusstsein entwickeln für das an sich un-bestimmbare. also: üben, üben, üben… weil uns sonst die selbstgeschaffenen monster unversehens von hinten anspringen.

    es geht darum, die kunst zu lernen, nicht-steuerbare systeme zu steuern. zu beobachten im bewusstsein, „dass ich immer schon teil der (meiner / unserer) welt bin, und dass alles, was ich tue, folgen hat für mich und andere“ (HvF, sinngemäß zitiert)

    die systemtheorie bietet durchaus instrumentarien dazu; vielleicht nicht die luhmann’sche, aber auf jeden fall die HvF’sche kybernetik 2. ordnung, wenn ich das richtig sehe.
    das ist dann beobachten dritter ordnung oder „mimesis“ – ein gebiet, auf das Sie sich bisher noch nicht eingelassen haben.

  22. @28: Ach, Herr franzfri. Irgendwie finde ich Ihren missionarischen Eifer drollig. Irgendwie erinnert mich Ihr Lobpreis von Mimesis an eine Begebenheit, die mir mal widerfahren ist. Zwei ältere Frauen fingen mich an der Haustüre ab und wollten sich mit mir über Gott unterhalten und stellten mir die Frage, ob ich Gott schon gefunden hätte. Meine ernstgemeinte Antwort darauf war (Sie ahnen es vielleicht) „Ja!“ Darauf hin wurde ich erstaunt gefragt: „Wo denn?“ Worauf ich sagte: „Dort in dem Baum, da in der Laterne und da drüben in der Tankstelle.“ Ob die beiden mit meiner Antwort was anfangen konnten, weiß ich bis heute nicht. Sie schienen mir etwas irritiert. Nun denn.
    Was ich sagen möchte, ist, dass Sie in meinen Augen einen Fehler begehen, wenn Sie glauben, dass nur weil sich jemand in einem anderen semantischen Bezugsrahmen bewegt, er sich in bestimmten Gebieten nicht auskennen würde bzw. sich noch nicht auf diese „eingelassen“ hat. Sie dürfen gerne mit Mimesis glücklich werden. Ich brauche Mimesis nicht. Wirklich echt jetzt.

    Wenn Sie wissen wollen, wie ich Systemtheorie „sehe“, dann kaufen Sie sich ein Lavalampe und schauen sie sich an, was da so passiert, wenn alles die richtige Temperatur hat.
    http://www.lavalampe.net/wp-content/uploads/2012/11/Lavalampe-grosse-hohe-gelb-gruen.jpg

    Oder einen Space-Projektor, der hat mir während meiner Diplomarbeit tolle Dienste erwiesen.
    http://sensa-shop.sk/zrakove-podnety/234-space-projektor-strieborny.html

    Oder Sie schauen sich Bilder von Fraktalen an.
    http://www.vallmen.com/_public/fraktale-bilder.htm

    Sie sprechen davon, dass „wir“ immer wieder den Trick unsichtbar machen. Ich frage mich, wer oder was sind „wir“? Was ist dieses „ich“? Woher kommt es? Wann hat es angefangen und wann endet es?
    Bin „ich“ eine biologische Einheit?
    Bin „ich“ eine psychische Einheit?
    Bin „ich“ eine soziale Einheit?
    Bin „ich“ eine chemische Einheit?
    … Sie dürfen den Reigen gerne fortsetzen. Sie dürfen auch gerne die Fragen beantworten. Ich brauche das nicht. Ich brauche kein Letztelement, mit dem ich mich über die Runden retten möchte. Ich finde es gut, dass mir schön schwindlig wird, wenn ich in das Labyrinth der Systemtheorie „eintauche“ und muss immer wieder lachen und gleichermaßen heulen über all den Bimbes, den wir Menschlein veranstalten.
    Ich erfreue mich an meiner „zersplitterten“ Wirklichkeit und behaupte einfach mal rotzfrech: Antworten sind für Amateure!

    So, das ist jetzt länger geworden als beabsichtigt. Da sehen Sie mal, was Sie wieder angerichtet haben! 😉

  23. natürlich haben Sie sich auf dieses gebiet eingelassen, herr gerstner, kein zweifel. danke für die schönen beispiele oben für das „un-be-stimm-bare“.

    jetzt muss ich auch mal eines dieser smilies einfügen, die ich sonst nicht so mag, weil sie einfach zu be-stimmt sind 😉

  24. Immerhin mal eine etwas ernsthaftere Diskussion. Das mit der beliebigen Fortsetzung erscheint mir als gar nicht so trivial. Sprachgemeinschaften haben auf diesem Pfad recht unterschiedlich differenziert. Das wiederuum halte ich für erkenntnisanleitend bzgl. der im Babel der Psychologien schon zwecks Lehrbarkeit offenbar dringend benötigten Theory of everything. Wir brauchen nur etwas strenger zu systematisieren als es die für´Überleben unverzichtbare Alltagspsychologie tut.

  25. komme gerade von einem tanztheater-workshop (ja, das gibt es sogar in hannover), die mimik war da etwas vaiantenreicher.
    in diesem blog sind mir bisher nur der zwinkerer (oder ist es eine zwinkerIn??) und der grinser begegnet.

  26. man sollte immer das beste aus den gegebenheiten machen. und im moment geht halt nicht mehr :p

  27. In anderen Formaten im Netz (nicht in diesem Blog) erscheint bei der Eingabe von „:p“ ein Smiley, der frech die Zunge unten rechts (unten links vom Smiley aus gesehen) herausstreckt oder hängen lässt.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Emoticon

    ==):-)= ist Abraham Lincoln

    und
    :-* steht für einen Kuss. Schmatz!!!!

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