Seehofer-Merkel

Gestern habe ich durch Zufall bei PHÖNIX das Ende des Auftritts von Angela Merkel auf dem CSU-Parteitag gesehen. Es waren die letzten Minuten einer wenig enthusiastischen Rede, die mit bestenfalls höflichem Applaus belohnt wurde. Aber dann kam eines der seltenen Highlights des Live-Fernsehens: Horst Seehofer ging auf die Bühne, um sich bei Merkel zu „bedanken“. Sie musste neben dem Rednerpult stehen bleiben und war gezwungen sich anzuhören, wie er sie öffentlich abkanzelte. Jedes dritte Wort lautete „Obergrenze“ der Zuwanderung. Es war das Wort, das Merkel peinlichst vermieden hatte. Die Art, wie Seehofer von oben herab auf die ja auch tatsächlich kleinere Merkel herab redete, transportierte implizit ein nichtannehmbares Beziehungsangebot: Ich bin ok, und Du überhaupt nicht. Die Szene sah aus, als ob ein Schuldirektor einem Mädchend der Unterstufe, das beim Klauen erwischt wurde, die Leviten lesen wollte. Allerdings reagierte Merkel nicht mit der Demonstration von Schuldgefühlen, sondern sie zeigte die versteinerte Mine des Mädchens, das zu Unrecht des Diebstahl beschuldigt wird, aber weiß, dass sein Gegenüber das nicht glaubt und unbelehrbar ist.

Man muss kein Spezialist für Körpersprache sein, d.h. es reicht eine durchschnittliche mitteleuropäische Sozialisation, um zu wissen, dass die Beziehung der beiden auf dem Nullpunkt angekommen ist. Ich weiß nicht, wie rachsüchtig Frau Merkel ist, aber falls sie das sein sollte, so würde ich nicht in der Haut von Crazy Horst stecken wollen.

44 Gedanken zu “Seehofer-Merkel”

  1. Das sehe ich ganz anders: Ich halte dies für ein langfristig abgekartetes und durchaus kluges politisches Spiel. Vielen Menschen können Ambivalenzen weniger gut ertragen und verstehen, die Ambiguitätstoleranz ist gering.
    Also muss es in einer gemeinsamen „Partei“ CDU/CSU Protagonisten geben, die die Pole dieser Ambivalenz „idealtypisch“ verkörpern.
    Wenn es die beiden nicht gäbe, müssten sie geradezu erfunden werden 🙂

    Die anderen Parteien stehen in dieser Frage weitaus „dummer“ da. Siggi, der sich laufend selbst „widersprechen“ muss (für die, die Ambivalenzen nicht verstehen), die Grünen als naive Gutmenschen (sieht man mal von Kretschmann und Palmer ab).

    Also Hochachtung vor dieser scheinbaren Polarisierung.

  2. Ich fordere eine Obergrenze – und zwar für solche Schamlosigkeiten! Man muss schließlich davon ausgehen, dass auch Kinder zuschauen!

  3. Das ist ein Mißverständnis: Es geht nicht um die Auseinandersetzung, sondern um das unterirdische Verhalten des Herr Seehofer. Kaum ein zivilisierter Mensch würde öffentlich in dieser Weise mit jemandem umgehen, der für ihn putzt… (was hier als Beispiel gewählt ist, um zu verdeutlichen, dass es nicht um Respekt vor einem Amt oder Status geht).

  4. Das Verhalten beider wird m.E. nur aus dem Kontext heraus verständlich. Der Parteitag der CSU – immerhin ein demokratisches Gremium – hat sich eindeutig für Obergrenzen hinsichtlich der Flüchtlinge ausgesprochen. Bayern räumt immerhin den Dreck weg für die Kanzlerin, die Frage wer putzt für wen scheint mir klar beantwortet. Dann stellt sie sich hin und hält eine Rede, in der sie sich gegen den mehrheitlichen Beschluss der Schwesterpartei ausspricht. Was soll Seehofer tun? Er tut das richtige, indem er der Kanzlerin klarmacht, dass seine Partei, die in der Regierungsverantwortung ist und Merkel mit auf den Schild gehoben hat, ihre Position nicht teilt.

  5. @Simon: Meine Erfahrung ist, dass starke Persönlichkeiten genau in diesen Aspekten, die von
    anderen oft dramatisch interpretiert werden, keine nennenswerten Probleme haben.

    @Eder: ja, ich sehe es so, dass die beiden den jeweils anderen genau so wechselseitig
    brauchen.

    Man kann ein solches, durchaus raffiniertes, Doppelspiel sogar genießen und dabei nach außen eine steinerne Miene aufsetzen.
    (gemeinsamer Machterhalt, Hoheit über „Stammtische“ verschiedener Couleur, Spannungsfeld
    zwischen realistischer Politik und emotionalen Grenzziehungen, von denen beide wissen, dass
    sie gar nicht durchführbar sind, aber von vielen Leuten gerne gehört werden. CDU/CSU sind
    Teil der Regierung und spielen gleichzeitig Opposition von rechts, Widerstreit zwischen
    Vernunft und Gefühlen weiter Teile der Bevölkerung…….)

    Das ist m.E. das Gegenteil von „unterirdisch“, Herr Simon. Sie sind doch der Systemiker 🙂

  6. Das empfinde ich weder als „unterirdisch“ noch Crazy, wenn auch horstig, wie man ihn eben so kennt.
    Wenn Merkel -anstatt ihrer Gouvernantenklicke- den Rat von Leuten mit einer Portion an Lebenserfahrung und Realitätssinn, annehmen könnte, die ihr zumindest soufflierend vermitteln
    „CAVE! In Königs- und Kaiserreich Bayern gilt: Man sollte Mädchen, die keinen CanCan tanzen können, nicht auf die Bühne von Platzhirschen lassen. Es könnte ein zumindest peinlicher Auftritt werden“

    Wenn Merkel sich unentwegt überschätzt, eine Schlappe nach der anderen einstecken muss, jedoch fortgesetzt die fromme Helene markiert und dann immer noch bei ihren seltenen emotionalen bleibt „Wir schaffen das“ in Kombination mit, (wenn ich jetzt meinen Kopf nicht durchsetze) „dann ist das nicht mein Volk“, fragt sich dann nicht. wer -neben seiner Horstigkeit – gleichermaßen uneinsichtig und unbelehrbar ist?

    Sind Stellungskämpfchen um Machterhalt klug?
    Und dann?

  7. Ich denke nicht, dass die ein Splitting abgesprochen haben… Es macht m.E. einen gravierenden Unterschied, ob man das plant und einvernehmlich macht, oder ob es passiert.

  8. Mir kann das Verhältnis von Frau Merkel und Herrn Seehofer ja vollkommen egal sein, d.h. ich betrachte das Geschehen eher aus einer ethnologischen Perspektive. Und da ich „Ehre“, „Ehrerweisung“, „Demütigung“ etc. für höchst relevante soziale Konstrukte bzw. zu beobachtende Unterscheidungen halte, denke ich, dass dieser Doppelauftritt auf dem CSU-Parteitag in Zukunft in entsprechenden Seminaren gezeigt wird oder werden sollte.

    Und ich bin natürlich gespannt, wie die Betroffenen reagieren werden. Die CSU-Delegierten haben offenbar gespürt, dass ihr Chef eine öffentliche Peinlichkeit produziert hat, und haben ihm das bei der Wahl gezeigt. Und die CDU-Leute geben auch schon Laut, was mich in meiner Diagnose bestätigt… (Kontext hin oder her). Und Frau Merkel wird dies, da sie ja schlau ist, nicht kommentieren (würde ich an ihrer Stelle auch nicht).

  9. Nach nochmaligem Betrachten muss ich Dir recht geben, Fritz. Dies obwohl mir Seehofers Position bei weitem näher ist als die von Merkel. Was er da macht(e) ist undiplomatisch und ungeschickt, schlicht: ein Affront. Selbst FJS hätte das anders hingebogen, der Stoiber Edi sowieso. Auf diese Weise zieht Seehofer das Missfallen aus den eigenen Reihen auf sich und eint die CDU hinter Merkel, demnach ein paradoxer Effekt.
    Einen bedeutsamen Kontext in dem Zusammenhang finde ich auch diese medialen Präsentationen. Alle müssen immer lächeln, stehenbleiben, Umarmung, Bussi etc. Das hat es in den 60ern und 70ern nicht gegeben. Die haben sich damals gekeilt, auch coram publico. Heute müssen sie alle Einigkeit zeigen, sonst lesen sofort Dutzende von Journalisten und die asozialen Netzwerke sowieso im Kaffeesatz.

  10. @Simon: Das braucht man als jahrzentelange, mit allen Wassern gewaschene, Machtpolitiker nicht abzusprechen. Das geht aus dem Bauch. (Gibt es z.B. genau so in Schulen zwischen menschlicher Chefin und eisernem Konrektor…….)

    Es geht um die übergeordnete Ehre: Solange die CSU so stark ist, braucht das Volk z.B. nicht die AFD zu wählen- solange Merkel so stark ist, nicht z.B die Grünen. ( Also heißt die Obergrenze jetzt Kontingent und die Protagonisten bleiben alle in IHRER Ausprägung der starken Rolle.)

    Ist dieser Machterhalt nicht gemeinsame Ehrerweisung genug? Demütigend wäre eine gravierende Schwächung von CDU/CSU.

    (Nur nebenbei: Was ich noch weniger verstehe: Warum soll jetzt der „Denkzettel“, dass Seehofer „nur“ knapp 90% bekommen hat, einfach mal so daran liegen, dass er Merkel „gedemütigt“ hat. Genauso könnte man aus dem Bauch spekulieren, dass er ein paar Stimmen weniger als letztes Mal bekommen hat, weil er sich in Berlin noch nicht weit genug durchgesetzt hat, oder weil er den Söder und dessen Anhänger gedemütigt hat………oder ……oder ……oder……..)

  11. Das sehe ich anders. Da ich schon Politiker beraten habe, weiss ich, dass die Steigerungslinie „Feind, Todfeind, Parteifreund“ durchaus zutrifft. Und wer Frau Merkel in den 10 Minuten, wo sie den Crazy Horst anhören musste, gesehen hat, weiss, wenn er nicht Tomaten auf den Augen hat, dass sie das nicht richtig gut fand. Dass solch eine Spaltung im Effekt beide Seiten des politischen Spektrums bedienen könnte, ist allerdings nicht auszuschließen, obwohl ich nicht denke, dass Seehofer potentielle AFD-Wähler davon abhalten wird, rechtsaußen zu wählen. Es hat sich, wenn ich das richtig sehe, für die etablierten Parteien noch nie gelohnt, irgendwelchen populistischen Strömungen hinterher zu schwimmen. Denn die Pegida-AFD-usw.-Anhänger sind ja nicht primär an Inhalten interessiert, sondern sie finden das ganze System Scheiße („Lügenpresse“, Volksfahrräder“ usw.).

  12. Warum hat Merkel nach den ersten Metern von Horsts Rede nicht einfach die Bühne – sozusagen mit einem starken Abgang – verlassen?

  13. @Simon: Ja, das war nicht schön für Merkel, na und? Wenn ich schon Hunderte Male mit Fanfaren und Standing Ovations in Hallen einmarschiert bin, heule ich mich dann wegen solcher 10 min in den Schlaf?
    Machterhalt der eigenen politischen Strömung VOR persönlichem Narzissmus.
    (Vielleicht hatten gerade eine solche Fähigkeit die Politiker, die sie beraten sollten, nicht?)

    Und; Hat es für demokratisch zu wählende Politiker schon mal was gebracht, längere Zeit GEGEN größere, sich artikulierende Teile der Bevölkerung oder sogar enger, der eigenen Partei, zu agieren? (Damit meine ich nicht, extremen Ideologen oder Spinnern, sei es von rechts oder links, nachzulaufen)

    (Endphase Schmidt, Ergebnis: Kohl; Endphase Schröder, Ergebnis: Merkel, Auftrumpfen von Westerwelle „ihr kauft mir den Schneid nicht ab“: Raus aus BT……..)

  14. Sie heult sich bestimmt nicht in den Schlaf. Aber, ich könnte mir vorstellen, dass sie sich das merkt…

  15. Menschen zu unterschätzen ist weit gefährlicher als sie zu überschätzen.
    Das scheint der Horst nicht zu wissen, der ihr gegenüber auch körperlich gerne seine vermeintliche „Größe“ demonstriert.

  16. Ja.Georgy,ich fühle es so.dass Sie den Finger drauf haben mit Ihrem Vermuten,dass der Zoff Merkel-Seehofer (ob bewusst oder unbewusst inszeniert)inszeniert wurde.Aus reinstem Machtgebahr der 2 christlichen Parteien wegen. Dieses Machtwedeln erinnert mich an familiäre Situationen.Die Eltern fauchen sich lautstark an,so,dass es das Kind mitbekommt.Passiert doch auffällig oft dann,wenn das Kind Autonomiebestrebungen an den Tag legt,die den Eltern nicht geheuer(bedrohlich)erscheinen.“Kind „würde in dem Falle für „Volk“ stehen,welches in jüngster Vergangenheit schon recht eigenwillige Sprünge (die „-gida“s)unternahm.Merkel-Seehofer-Disput sehen wie Einschüchterungshandlungen aus,die einfach auftauchen in autoritären Systemen und der Stärkung der Position der Autoritäten dienen sollen.Was mich viel mehr wundert,ist die Flüchtlingsströmung justament dann,als die -gidas anfingen mit ihren Demonstrationen.Ich seh ‚ mich heut noch am Frühstückstisch sitzen ,als ich nach der ersten pegida-Demo sagte:“Himmel-die werden dafür sorgen,dass sie erst recht herkommen,die Moslems.“Hat Merkel sie reingelassen,um das Volk zu etwas bestimmten zu bewegen,was vorher eher nur diffus da war?Immerhin reden jetzt Deutsche wieder sehr emsig über christliche Werte und scheinen sich ihrer Religion zu erinnern.Ein Systemiker müsste doch spüren,worum es hier eigentlich geht,Herr Simon.

  17. Ich las soeben,wie es um die Arschloch-Rassisten bei Herrn Simon bestellt ist.Das schockt mich.Weiß er nicht,dass man Effekte zur Verstärkung bringt,indem man sie verbietet?Warum mag man den Leuten nicht zuhören,die sich den Ausländer als Prügelknaben aussuchen?Warum will man ihm nicht glauben,dass er Angst hat,der Feuerleger?Warum mag man verachten,dass in dieser Angst auch berechtigte Angst mitschwingt?Aber vielleicht kann er es nicht wissen,da er nicht ostdeutsch ist und nicht weiss,das die ostdeutsche Figur eine viel widerständigere ist als die westdeutsche.Schade…Aber Merkel weiß es!

  18. katharina, danke für ihre beiden Beiträge, die mir außerordentlich gut gefallen. Sie sprechen mir aus dem Herzen- ich fühle das auch so.

    Ich wundere mich über die vielen so schrecklich platten Kommentare in der Presse und auch in tagesschau.de, die meines Erachtens die tiefereren Dynamiken überhaupt nicht verstanden haben und in diesen beiden Fällen (die sie ansprechen, katharina) , sind sie, Herr Simon (ich schätze ihre Bücher und auch Teile ihres Blogs SEHR!!) ,aus meinem Blickwinkel auch auf einer vordergründigen Ebene hängen geblieben.

    TPunkt mahnt zurecht an, Menschen nicht zu unterschätzen. Das gilt aber dann auch für Seehofer, (der sich nicht einfach „crazy horstig benimmt“), und das gilt, wie sie in ihrem direkt obenstehenden Beitrag deutlich -und mir sehr sympathisch- ausführten, katharina, AUCH nicht für die Menschen, die sich durch oder in AFD oder Ähnlichem artikulieren!

    (Obwohl ich selbst viele deren Ausdrucksformen zutiefst widerwärtig empfinde und garantiert niemals Teil einer solchen Bewegung sein könnte und wollte……..aber auch das Gegenteil, mangelndes Verständnis dafür, ebenfalls als SEHR unreif erlebe.)

  19. Nein, ich glaube dem Feuerleger nicht, dass er wegen seiner Angst das Feuer legt… Er mag ja Angst haben – dass ist das Schöne bei der Berufung auf eigenen Gefühle, dass sie nicht falsifizierbar für Außenstehende sind -, aber eine Legitimation für verbrecherisches Handeln kann das m.E., liebe Katharina, nicht sein. Und wenn ich solche Leute Arschloch nenne, dann verwende ich eine volkstümliche Abwertung, die letztlich das bagatellisiert, was diese Leute tun. Verbrecher wäre wahrscheinlich der richtigere Ausdruck, denn sie riskieren, dass Menschen dabei ums Leben kommen.

  20. ..ach,wenn die Menschen doch einfach mal das hassen dürften,was ihnen WIRKLICH Angst machte und macht…
    ..ich weiß nicht,wie es im Westen D’s ist,ich kann nur die Umstände im Osten sehen,und da sehe ich ein Volk aus Tätern und Opfern des Kommunismus,der eine alles erschlagende Idee war.Das im Osten noch kein kriegsartiger Zustand ausgebrochen ist,wundert mich.Wahrscheinlich ist die Verdrängungskraft der Menschen recht hoch.Aber!Verdrängt heisst nicht „verschwunden“.In den Osten Ausländer rein zu lassen,ohne dass die Verbrechen der DDR-Zeit aufgeklärt und gesühnt sind,empfinde ich als die menschenverachtendste Tat Merkels schlechthin.Halten Sie mal einem verschreckten und adrenalindurchströmten Pittbull einen Dackel hin….Der animalische Vergleich muss sein,wenn es um Kommunismus geht,diese Ideologie war in ihrer Ausführung Dressur,wie dem Tiere es zusteht.

  21. ..puhhh,Herr Simon,einem Jugendlichen,der in die Neo-naziszene geraten ist,würde ich jetzt nicht gerade Ihre Person als Therapeut empfehlen.Aber vielleicht sind Sie ganz froh,solche Arschlöcher nicht heilen zu müssen.Mann müsste da als Heilender auch manchmal Gefühle bei sich selber spüren,die wohl auch etwas mit Zwang und Gewalt zu tun hatten und welcher Psychologe möchte das schon…

  22. .“.tjahhh,da ham ’se einfach Pech gehabt,die Russenbesatzungszonis.Die ham unseren Soli und mehr könn‘ se nicht verlangen von uns.Wo kämen wir denn da hin…:-) „

  23. Ich kann eh niemanden heilen… Und ich würde mich, nebenbei bemerkt, auch niemandem als Therapeut empfehlen.

    Aber das alles zugestanden, wundert es mich doch, wie radikal Sie die Situation beurteilen. Denken Sie denn, eine DDR-Sozialisation könnte es rechtfertigen, Asylantenheime anzuzünden? Aber ich frage hier natürlich nicht als Therapeut, sondern als Staatsbürger, der für sich das Recht in Anspruch nimmt, nach seinen Werten die Taten seiner Mitbürger gut oder schlecht zu finden.

    Da ich schon mit Leuten gearbeitet habe (als Therapeut), die andere Menschen umgebracht haben, weiss ich, dass denen nicht geholfen wird, wenn man sie für Arschlöcher erklärt. Aber das sehe ich bei Neonazis anders. Das sind für mich keine Opfer (oder zumindest nicht mehr als jeder immer auch Opfer der sozialen Verhältnisse ist). Ab einem gewissen Alter ist man für seine Taten verantwortlich (auch wenn einige wenige Ausnahmen diese Regel bestätigen). Zumindest halte ich dies für eine ganz nützliche Prämisse, um eine lebenswerte Gemeinschaft aufzubauen und zu erhalten. Und dazu gehört dann auch die Auseinandersetzung darüber, an welche Normen man sich zu halten hat bzw. welche Erwartungen man aneinander bzw. sein Verhalten haben kann.

  24. Mit der Selbstverantwortung wird es m.E.ab dem Moment schwierig ,wenn derjenige selbst auf Unrecht hocken geblieben ist,das ihm wiederfuhr.Wissen Sie eigentlich,das im Kinder-und Jugendschutzgesetz der DDR Gewaltfreiheit nicht verankert war?Das Kind hatte im Sinne,eine sozialistische Persönlichkeit werden zu sollen erzogen zu werden.Nichts konkretes,WIE das zu passieren hatte.Es war nahezu normal,“verdroschen“ zu werden.Solche Kinder rächen sich irgendwann einmal…Strafe Kindern gegenüber wird heute noch großgeschrieben im Osten.Die Lehrer behandeln die Kinder tatsächlich oft,als wären die kleinen einfach dumme Arschlöcher.Eine Hortnerin sagte mal zu mir:“Ja,von wegen der x.hat ADS.Dem fehlt nur eine gehörige Tracht Prügel“.Eine Kindergärtnerin,christlich,brüllte Kinder voll,als hätte sie vom Herrgott die persönliche Erlaubnis dafür….Einwände,Beschwerden werden belächelt.Weil-man-hier-eben-so-ist.Das solche Kinder mal Feuer legen ängstigt mich sehr, aber verwundert mich nicht.Denen ist es dann auch ziemlich egal,ob sie dafür im Knast landen oder nicht.Meist finden sie es ganz cool.Sie haben eine Heldentat geleistet.Sie sind mal wer.Besser als die tumpe,depressive Stimmung,die sich eh nur mal kurz durch Drogen aufhellen lässt..Solchen kann man nicht mit Verantwortung kommen.Man sollte sie nicht reizen,nicht provozieren,nicht Arschloch nennen,dass ist sicher alles,was man tun kann.Aber das können ja nicht mal Sie,als therapeutisch Arbeitender.Wie soll man es dann von Ossis verlangen,die 40 Jahre Arbeiter-und Bauernstaat als Heimat hatten und längst nicht so ein intellektuelles Schwergewicht wie Sie es sind, sein können?Ich laufe auch oft Runden in meiner Wohnung,von Hass und Ekel wegen ostdeutschen Brutalos getrieben.(genauer gesagt gehe ich seit 5 Jahren nicht mehr auf die Strasse aus Angst vor Arschlöchern-oder meinen Reaktionen auf deren Gewalt und Gelaber,wer weiß)Aber denen jede menschliche Würde absprechen gelingt mir einfach nicht.Aber je länger ich drüber nachdenke,um so sympathischer wird mir das Wort „Arschloch“ .Vielleicht ist es sogar die Formel zur Spontan-Heilung….Wenn ich Ihnen radikal erscheine,dann tut es mir leid.Im Osten zählt Gewalt und Radikalität zum Attribut persönlicher Stärke.Vielleicht wollte ich nur ein wenig imponieren,-eine Eigenschaft,die Sie als Westdeutscher nicht haben.Sei’n se ma blooß froh drum..Wenn Sie mir noch bitte mitteilen könnten,was ich eigentlich zu radikal sah?Danke.

  25. …puhhhh,aber etwas atme ich doch auf.Allem Anschein nach gibt es wohl auch im Westen Verbrecher und Mörder.Na kucke ma an.

  26. Ich finde nicht, dass die Eigenschaft (= Zuschreibung) Arschloch ein ostdeutsches Privileg ist. Gehauen wurde, nebenbei bemerkt, und wird in der Kinder-„Erziehung“ auch im Westen. Ich kenne niemanden in meiner Altersgruppe, der nicht von Eltern und/oder Lehrern verdroschen oder zumidnest geohrfeigt worden wäre. Auch Demütigungen gehören zum gesamtdeutschen schwarzen pädagogischen Repertoire. Die Annahme, dass daraus – quasi deterministisch – die Notwendigkeit Asylantenheime anzuzünden resultiert, scheint mir einfach zu schlicht… So simpel sind Menschen meiner Erfahrung nach nicht. Und selbst Psychotiker in tiefstem Wahn wissen meist noch genau, was sie tun – auch wenn das dann möglicherweise für ihr Handeln nicht ausschlaggebend sein mag.

  27. …Gewalt in den Familien,politischer Zwang in den Schulen,militante Erziehung,antifaschistischer Unterricht bis zum Erbrechen,gefühlt ständige Bereitschaft,den imperialistischen Feind schlagen zu müssen…Himmel!Nur Anspannungen.Da werden andere Kaliber groß im Osten als in Westdeutschland.
    Ein biss’l zum Schmunzeln ist aber auch hin und wieder etwas dabei.Während der Westen noch diskutiert,wie man den Konflikt nun am treffendsten verbalisiert,haben manche Ossis schon ihre alten Armee-Uniformen rausgelegt.Reflexartig,quasi.(Ist aber auch ein bisschen traurig-diese alte DDR-typische Konditionierung so zu erleben.)….Sehen Sie,selbst ich nutze jetzt einen kämpferischen Begriff.Kaliber.Weil seit einer halben Stunde ein Hubschrauber über unserem Viertel kreist…Darum höre ich jetzt mit Schreiben auf.Eh ich noch in Vaters Befehlton verfalle..:-)

  28. Doch.Einen habe ich noch.Was ist mit Ihren(nicht Ihren,ich meine denen im Westen)Wurst-und Fleischfabriken,wo hunderte Ausländer zu sklavenhafter Arbeit für oftmals „lau“ verheizt werden?(mir fällt für „verheizt“kein anderer Begriff ein,der blöde Hubschrauber macht mich ganz adrenalinig)Das ist stiller Mißbrauch.Und die Massen an ausländischen Mädchen,die im seit Jahrzehnten im westdeutschen Prostituiertengeschäft landen?
    Der Osten ist vielleicht gar nicht schlechter,Er kann seine Untaten möglicherweise nur schlechter fassadieren….dieser fuck Hubschrauber.(Klischeedenken setzt massiv ein..Stufe 2 der Kampfmobilisierung läuft,Differenzierungsvermögen schraubt sich bedenklich nach unten…denke nur noch schwarz-weiß..höre jetzt wirklich mit Schreiben auf…Drushba!

  29. Ausserdem ist kapitalistische Kloppe etwas anderes als kommunistische.
    Da liegen sich doch die Motive dafür genau gegenüber,oder?
    Mein Westcousin wurde geprügelt,wenn er nicht egoistisch genug war und zu viel weggegeben hat.Und ich bekam an’ne Ohren,wenn ich nicht teilen wollte.

  30. (hier sind wohl nur linke Wessis am Start,die natürlich keine kapitalistische Kloppe bekamen? Es scheint so….Ausnahme:der Geist der Oma von Herrn Simon, mit ihrer herrlichen katholischen radikalen Entschlossenheit,das Übel einfach zu ignorieren 🙂 )

  31. Naja, was heißt hier „das Übel zu ignorieren“? Die Rezepte aus Oma’s Kochbuch sind immer noch die Besten. Und wenn’s für Mark Klöße nicht reicht, dann doch immer noch für Grießnockerln, im Zweifel auch als Brei. Aber diese Basiszutaten gibt’s ja nicht mehr im KaDeWe.
    Ich sag’s ja, die Berliner und ihre Küche.
    Alls nur nogeschmäckde mit Geschmäckle, un no net amoo ebbes mit Subschdanz

  32. amol…wenn schon schwäbisch.Aber ich finde es dennoch spannend,wenn Sie den
    nordischen Brotsuppen und den Berlinern den Kampf ansagen möchten.

  33. Da haben Sie zu Heilig Abend gute Chancen.Mit Würschdsche un geela Salood.Ach wie einfach alles wär‘ ohne den Kant,der Dank seiner Hässlichkeit nur keine Weiber fand,die ihm gern den Buckel hätten gegrault.Und denken musste.Aus langer Weile.Und freudlos dachte.Da niemand ihn knuddelte.Und die schönen Testosteron-reichen Männer müssen leiden.Weil sie von den Denkern ganz schlecht geredet werden.Und sich nicht mehr trauen.Und so die Hässlichkeit siegen wird…schluchzzz

  34. Noch wurde das Spiel ja nicht abgepfiffen. Und es sieht auch nicht danach aus, als wenn es das jemals würde. Der Tisch ist gedeckt – greifen Sie einfach zu!

  35. ..Religionen und Ideologien sind für mich nicht auseinanderhaltbar.Sorry,wenn’s theoretisch falsch ist.Mir wurscht.

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