Theater deutsch vs. englisch

Da ich ein paar Tage in London war, wurde mir mal wieder klar, wie provinziell Berlin ist (von anderen deutschen Städten ganz zu schweigen), und wenn man dort durch die Straßen geht, kann man sich eigentlich nicht vorstellen, dass die Leute nach dem Brexit Europa sehr vermissen werden (was aber aufgrund der wirtschaftlichen Verflechtungen ein Irrtum sein könnte). Aber das ist nicht das Thema, über das ich hier schreiben will.

Ich war in London im Theater, und mir ist dort der Unterschied zwischen deutschem und englischem Theater schmerzlich bewußt geworden. Ich bin kein regelmäßiger, sondern lediglich ein sporadischer Theatergänger. Kino ist mein bevorzugtes Medium. Das mag auch daran liegen, dass ich mich – mit wenigen Ausnahmen (z.B. als zu erwähnende Ausnahme:  „Unterwerfung“ im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg mit Edgar Selge in der Hauptrolle) – im Theater langweile. So kommt es, dass ich oft vor Ende der Vorstellung das Theater verlasse.

In London habe ich „King Lear“ im Duke of York’s Theater gesehen. In der Hauptrolle Ian McKellen. Eine Inszenierung, die mit kinohaft bombastischen Bildern gearbeitet hat, nicht eine Minute langweilig, spannend, witzig, alle Schauspieler großartig. Niemand hat das ausverkaufte Theater verlassen. Time well wasted!

In London gibt es viele – gut besuchte, oft ausverkaufte – Theater. Ich habe meinen Versuch sie zu zählen bei 50 eingestellt, obwohl noch etliche zu zählen gewesen wären.. Und sie scheinen zu funktionieren, d.h. Besucher zu finden.

Was ist der Unterschied zwischen dem deutschen und dem englischen Theater?, habe ich mich natürlich gefragt, da ich nach langer Zeit mal wieder begeistert aus einem Theater gekommen bin. Eine Hypothese, die sich mir aufdrängte, war, dass mir das deutsche Theater bzw. die Inszenierungen oft zu abstrakt erscheinen (und das mir!). Wenn ich erst Fachliteratur lesen muss, um ein Stück oder eine Inszenierung zu verstehen, dann ist das für mich nicht sehr unterhaltsam und lediglich anstrengend.

Womöglich hat diese überintellektuelle Ambition von Regisseuren – denn denen gebe ich die Schuld an meiner Langeweile – damit zu tun, dass das deutsche Theater großzügig subventioniert wird. In London scheinen die Theater sich selbst finanzieren zu müssen. Und das heißt, dass sie dem Publikum, das durchaus anspruchsvoll erscheint – ich denke dabei nicht an die Millionen von Touristen, die diverse Musicals besuchen, obwohl die auch gewisse Ansprüche haben dürften -, etwas für das viele Geld, das sie zahlen, bieten müssen. Sie müssen einen Markt bedienen, und der ist vielfältig und diversifiziert. Das deutsche Subventionstheater scheint mir oft der Selbstbefriedigung der Theatermacher bzw. ihrer Szene zu dienen. Das ist dann aber für das zahlende Publikum geanuso interessant, wie ein Kongress von Baustatikern (ich wollte erst Proktologen schreiben, aber solch ein Kongress könnte für viele der stundenlang im Auditorium sitzenden Menschen gerade deswegen ja interessanter sein als manche Inszenierung, die sie im Theater erleiden).