Theorie U in der Carl-Auer-Akademie

Gestern und Vorgestern hatte die Carl-Auer-Akademie (CAA) ihre erste Veranstaltung.

Im Mittelpunkt stand die Auseinandersetzung mit der von Claus Otto Scharmer entwickelte Theorie U, die sich im Moment weltweit großer Aufmerksamkeit erfreut.

Proklamiertes Ziel der CAA ist es – in Fortführung des inhaltlichen Programms des Verlags – den Diskurs im systemischen Feld (bzw. verwandten Nachbargebieten) zu ermöglichen, zu fördern, zu fokussieren. Kurz gesagt: sich einzumischen und Kommunikation möglich zu machen (d.h. zu organisieren), die spontan nicht oder nur mit geringer Wahrscheinlichkeit zustande käme.

Es geht also nicht darum, den Autoren des Verlages (fast alle interessanten Menschen, die etwas Fundiertes im systemischen Feld zu sagen haben und obendrein Bücher schreiben, sind ja Autoren des Auer-Verlags) zu promoten oder ihr Werk einer größeren Öffentlichkeit vorzustellen, sondern die Diskussion zu ermöglichen, ja, unausweichlich zu machen. Mit anderen Worten: Die Carl-Auer-Akademie sieht den (Sach-) Konflikt als Ressource.
Zur Weiterentwicklung von Ideen, Modellen, Strukturen kommt es ja nicht dadurch, dass die bestehenden Ideen … bestätigt werden, sondern in Frage gestelllt werden.

Das ist aber in der Regel ziemlich unwahrscheinlich. Denn wo und wenn jemand sich mit einer Theorie oder Methode, sei es in der Therapie, der Beratung oder im Management, mit einer Partei oder Weltanschauung etc. identifiziert, dann ist es schwer, sich der Sachauseinandersetzung zu stellen. Zum einen fühlt sich fast jeder, der sich mit „seiner Sache“ identifiziert, auch als Person in Frage gestellt, wenn „seine“ Wahrheiten hinterfragt werden, und vermeidet deswegen lieber solche Konflikte; zum anderen kommt es auch deswegen kaum dazu, da sich die Subsysteme derer, die gemeinsame Überzeugungen teilen, gegeneinander abgrenzen. Man definiert sich durch den Unterschied zu „den anderen“ und redet nur noch mit denen, die derselben Meinung sind, d.h. man bestätigt sich gegenseitig die eigenen Prämissen usw.

Deswegen ist eine Veranstaltung wie sie gestern und vorgestern in Berlin stattgefunden hat, aus meiner Sich etwas Außerordentliches (ich bin natürlich parteiisch). Denn Claus Otto Scharmer hat sich der – durchaus kritischen – Auseinandersetzung mit Rudi Wimmer (und ein wenig auch mit mir) gestellt, die wir die Sicht der neueren soziologischen Systemtheorie auf Organisationen vertreten.

Deutlich wurde, dass dem Individuum (=psychischen Systemen) in beiden Ansätzen eine andere Bedeutung gegeben wird. Kann man als Individuum Organisationen (=Kommunikationssysteme) verändern?, das scheint – ziemlich verkürzt – eine der zentralen Fragen, die sich aus den gegensätzlichen Ansätzen ableiten läßt.

Es wurde heftig gestritten, nicht nur zwischen den genannten Protagonisten, sondern auch zwischen den Teilnehmern.

Dieser Prozess ist zu keinem Abschluß gekommen. Und es sieht so aus, als ob er (unbedingt!) bei einer weiteren Veranstaltung fortgeführt werden sollte (und wird).

Eine weitere Erkenntnis dieses Laborexperiments (so war die Veranstaltung ausgeschildert und gedacht, d.h. das – wie ich finde, sehr befriedigende Ergebnis – war nicht garantiert, vorherzusehen oder zu kontrollieren und daher das Risiko für die Beteiligten hoch):
Solch eine harte sachliche Auseinandersetzung – noch dazu mit vielen, durchaus nicht neutralen Zuschauern und Mitspieleren – kann nur dann funktionieren, wenn die Akteure sich gegenseitig als Personen schätzen und respektieren, auch wenn sie total verschiedener Meinung sind…

Anzumerken ist noch, dass das MZ-X, vertreten durch Bernhard Krusche, bei der Konzeption und Durchführung der Veranstaltung als Kooperationspartner fungiert hat. Ihm und allen anderen Beteiligten, die dazu beigetragen haben, dass bei diesem Experiment nicht alle „in die Luft geflogen sind“, sondern eine sachbezogene, die Entwicklung des systemischen Feldes fördernde Auseinandersetzung stattfinden konnte, sei hier nochmals gedankt.

Ich denke, das war ein guter und vielversprechender Auftakt für das Projekt Carl-Auer-Akademie (trotz aller bei solchen Experimenten störenden Pannen, die es natürlich auch gab, über die ich hier aber lieber nicht schreibe).

2 Gedanken zu “Theorie U in der Carl-Auer-Akademie

  1. Was stelle ich mir unter einem Systemischen Labor vor?
    Ich stelle mir vor, dass wir in einen Raum (Labor) experimentieren – mit offenem Ausgang! Denn würde das Ergebnis schon vorher feststehen, dann wäre es für mich weder experimentieren, noch eine Möglichkeit etwas Neues entstehen zu lassen.
    Bei der Theorie U geht es doch genau darum: Altes loszulassen, einen Raum (ein Gefäß) zu schaffen, aus dem heraus – über das presencing – eine Zukunft entstehen kann…
    In einem Labor, wo experimentiert werden darf(!) ist es für mich völlig normal, dass nicht alles vorhersehbar ist, gut so. Das macht aber für mich auch das Neue aus: Denn wäre es nicht so, dann wäre das Neue/die Zukunft, nur eine Verlängerung/Erweiterung des Alten/der Vergangenheit – schön, dass es nicht so war!
    Ich konnte für mich „durch das U gehen“, mit allen Widerständen, Fragen, Unsicherheiten (…) und allem, was dazu gehört.
    Genau das habe ich mir gewünscht. Etwas Neues entstehen lassen können!
    Das Systemische Labor hat insofern genau die Funktion erfüllt, die ich mit erwünscht habe.
    Wie in der Theorie U dargestellt, konnte ich vom Downloading (Infos) ein „sensing“ und „feeling“ zum U aufnehmen (erster Tag), um dann am zweiten Tag mit Claus Otto Scharmer (und allen anderen) ins „presencing“ zu kommen, um Ende des Labortages mit dem Neuen in die Welt gehen.
    Bei mir hat es funktioniert.
    PS: Die „störenden Pannen“ sind vielleicht genau das, was uns weiterbringt! Prototyping! Beta!

  2. So viel Feierlichkeit? Selbst ich rede doch noch mit Ihnen!

    „Kann man als Individuum Organisationen (=Kommunikationssysteme) verändern?“

    „Die einzigen Fragen, die wir entscheiden können, sind die Fragen die unentscheidbar sind.“ (Heinz von Förster)

    Die Übertragung der Chaostheorie auf die Belange des Sozialen scheint noch gewisse Probleme zu bereiten.

    Vielleicht als Betthupferl ein kleines Fraktal;
    http://www.fairwork.ch/pdf/strukturontologie.pdf

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