Unterwegs

Unterwegs zu sein, ist inzwischen zum Markenzeichen meines Daseins geworden. Gestern war ich in Zürich, vor drei Tagen in Wien und jetzt sitze ich im Zug nach Mainz. Wenn im Morgengrauen um 4.30 Uhr der Wecker klingelt und zum Aufstehen zwingt, überfällt mich jedes Mal das Gefühl, nahtlos von der verschlafenen Wirklichkeit in den Roman „Tod eines Handlungsreisenden“ katapultiert zu werden. Ich hasse den Morgen und ebenso wenig bin ich Freund des Alleine-Unterwegs-Seins. Ungeachtet dessen, kommt meistens beides gleichzeitig auf mich zu.
In früheren Zeiten hatte Reisen seinen Flair und in noch viel früheren Zeiten, als es sich darauf beschränkte, zweimal im Jahr zu Fuß mit meinen Eltern die Tante im Nachbardorf zu besuchen, war es geradezu atemberaubend. Ab zehn Kilometern begannen die Menschen und die Dinge sich radikal zu verändern. Plötzlich sprach man anders, die Kleidung veränderte sich und es gab Sachen, die ich bis zu diesem Zeitpunkt einfach noch nie gesehen hatte – Schokoladenigel aus München beispielsweise. Keine Ahnung, was sich der liebe Gott beim Einrichten der Welt so gedacht hat, aber viel überlegt hat er, glaube ich, dabei nicht. Damals, wo alles anders gewesen wäre, wenn man sich auf den Weg gemacht hätte, kam ich extrem selten weg und jetzt, wo ich ständig unterwegs bin, treffe ich überall auf das Gleiche. Wahrscheinlich ist es einfach so: Je mehr wir das andere suchen, umso gleicher wird es. Wir haben es mit einer Epidemie zu tun, einem medizinischen Phänomen: der Gleichheitskrankheit. Was für ein Thema für eine Kindergeschichte – keine erzählte, nein, eine inszenierte, erlebte, reale Geschichte.

**Die Gleichheitskrankheit**

In der „Ökologie des Geistes“ erklärt Gregory Bateson, im Rahmen einer seiner Metaloge, den Unterschied zwischen Organischem und Anorganischem. „Angenommen“ fragt ihn seine Tochter „es würde irgendetwas vom Mars auf unserer Erde landen und da einfach herumliegen. Wie kann man erkennen, ob es einmal lebendig war oder nicht?“ „An der Symmetrie“ meint Bateson, „denn alles Organische besitzt eine symmetrische Struktur, allem Anorganischem fehlt sie – mit einer einzigen Ausnahme: die Kristalle. Kristalle sind anorganisch und trotzdem symmetrisch. Deshalb spricht man bei ihnen auch vom „Wachsen“, wenn sie größer werden, obwohl sie ja eigentlich tot sind.“

Genau hier würde ich ansetzen und zwar bei einem ganz bestimmten Kristall, dem Zucker.
Kannibalen haben, so sagt man zumindest, das Herz ihrer getöteten Feinde aufgegessen, um sich damit deren Mut einzuverleiben. Was bei Herzen funktioniert, geht bei Kristallen auch. Da sie untereinander alle gleich sind (mehr oder weniger), könnte man sich diese, ihre Eigenschaft „Gleich-zu-Sein“ einverleiben, also aneignen, indem man sie isst. Kein Mensch isst Bergkristalle, also bietet sich Zucker an. Natürlich nicht irgendein Zucker, sondern ein ganz bestimmter.

Anfangs sind die Kids natürlich völlig ahnungslos. Sie haben zwei Wochen Schulferien, melden sich für eine Reise an („Verschickung“ wie man neudeutsch sagt), kommen irgendwo mit ihren Betreuern an und leben sich dort die ersten zwei, drei Tage ein. Dann fällt einigen Erziehern auf, dass beispielsweise der Fritz beim Essen genauso schmatzt wie die Maria, obwohl sich beide erst seit drei Tagen kennen. Karl und Tom reden den gleichen Unsinn und Fiona und Michaela haben eine Art sich zu bewegen, als ob sie eineiige Zwillinge wären. Nicht sofort wohlgemerkt, das Ganze entwickelt sich, peu á peu, es ist nicht von vorneherein da. Man beginnt sich vereinzelt anzugleichen.
Dann passiert, einige Tage später, etwas total Komisches in der Vorratskammer hinter der Küche. Dort, auf dem obersten Regal, wo abends zuvor zehn ungeöffnete Pakete Zucker standen, herrscht jetzt Chaos. Alle Zuckertüten sind aufgeplatzt, von innen heraus gesprengt und inmitten einer verpackungslosen, zuckrigen Anhäufung ragt aus den vielen kleinen Kristallen ein einzig großer hervor – ein Riesenzucker. Nach sorgfältigen Leckproben wird festgestellt, dass er sich, was den Geschmack betrifft, von den kleinen Kristallen nicht unterscheidet. So wie es aussieht, sind die vielen kleinen Kristalle einfach zu einem großen zusammengeschmolzen. Mit anderen Worten, wir haben es zwar nach wie vor mit Zucker zu tun, aber mit einem besonderen Zucker. Der normale Haushaltszucker macht so was nicht. Und noch etwas stellt sich heraus: Die Kids, die sich seit Ferienbeginn in diesem oder jenem Punkt immer mehr angeglichen haben, zählen zugleich zu jenen, die besonders gerne süßen Tee trinken, also, die letzten Tage über, viel Zucker in ihre Tasse gekippt haben. Ein Verdacht entwickelt sich: Hat das Eine mit dem Anderen zu tun? Gibt es eine Verbindung zwischen dem Zucker und dem Gleicher-Werden?

Das lässt sich natürlich nur durch Experimentieren herausfinden. Also wird experimentiert und das auf zweifache Weise: Monika und Johannes (die beide ineinander verliebt sind), wollen unbedingt noch viel gleicher werden – also mehr Zucker in den Tee. Rüdiger und Fritz dagegen, die sich noch nie besonders riechen konnten, setzen ihren Zucker ab. Was die vier können, können die anderen auch.
Es gibt viele Gründe sich näher oder ferner kommen zu wollen und für die wichtigsten werden spezielle Verfahren und Methoden entwickelt. Zuckerinstitute entstehen und beginnen therapeutische Zuckerkuren anzubieten – Ver- und Entzuckerungen aller Art. Wo es Nachfrage gibt, entstehen Angebote. Eine ganze Kultur baut sich um den Zucker auf. Man kann sich weiterbilden durch den Besuch von Ab- und Aufzuckerkursen. Es gibt dreitägige Paarverzuckerungen und radikale Zuckerentzugskuren. Streithähne haben die Möglichkeit sich unter der Aufsicht von Zuckerärzten Umzuckern zu lassen, d.h. von dem ungeliebten Partner oder Freund weg- und zu einem anderen hingezuckert zu werden. Darüber hinaus hätte man jetzt die Chance, jemand klammheimlich anzuckern zu lassen – was, zugegebenermaßen, an gewisse moralische Grenzen stößt würde. Eine Zucker-Ethikkommission wäre die Folge mit einem zuckrigen Moralregelement…
Summa summarum, es gibt eine Menge an Zuckergeschichten die sich jetzt entwickeln und entfalten und es würde wahrscheinlich noch viel mehr geben, wenn es da nicht gleichzeitig eine Frage gäbe, die jedem, seit dem Vorfall mit dem Kristall, nach wie vor im Kopf schwirrt: Um was für eine Art von Zucker handelt es sich hier eigentlich und – woher kommt er?

Diese Frage lässt sich vor Ort nicht klären, also rüstet man sich für eine Expedition. Schließlich kann die Antwort nur da draußen liegen, irgendwo auf dieser Welt. Die Kids sind fest entschlossen den Ort herauszufinden. Darüber hinaus wollen sie natürlich auch wissen, wie dieser Zucker seinen Weg in ihre Vorratskammer gefunden hat. Die Expedition ist gefährlich, keine Frage. Wer weiß, ob und wann man wieder zurückkommen wird.

Unmittelbar nach dem Aufbruch werden erste Spuren gefunden: kleine, kaum sichtbare Zuckerreste, die vermutlich von der Ladefläche eines LKW´s stammen. Man nimmt die Verfolgung auf. Nachts schlafen alle im Freien, tagsüber klettern sie Hügel rauf und runter, durchqueren Wassergräben, überwinden Zäune und Mauern und verstecken sich, wenn irgendwelche Erwachsene auftauchen. So geht das tagelang, bis die Gruppe plötzlich auf eine Art Bergwerk stößt – ein Zuckerbergwerk wie sich dann herausstellt. Alle bleiben in Deckung, niemand lässt sich von den dort auf- und abgehenden Wachen ertappen. Die Angelegenheit ist zunächst völlig undurchsichtig und verworren. Es wird unglaublich viel Zucker dort abgebaut und mit Schaufelbaggern auf Lastwägen verladen. Nach zwei Tagen intensivsten Beobachtens, fügt es sich dann zusammen – puzzle für puzzle. Die Lösung ist denkbar einfach und leuchtet auf der Stelle ein: Der Zucker geht ans Militär, also an die vielen Kasernen in denen Soldaten wohnen – und das scheinbar weltweit. Egal, ob diese Kasernen nun in Deutschland, in Mexiko, in Australien oder in Amerika liegen – alle werden beliefert. Der Effekt, also das, was der Zucker dort anrichtet, lässt sich mit bloßem Auge erkennen. Die Bewohner dieser Kasernen sind sich durch ihre vermutlich monatelange, totale Einzuckung völlig gleich geworden – identisch von Kopf bis Fuß. Sie tragen die gleichen Klamotten, die gleichen Schuhe und die gleiche Kopfbedeckung. Sie bewegen sich im Gleichschritt und stehen gleichzeitig still. Sie nehmen die gleiche Haltung ein, drehen gleichzeitig die Augen nach rechts oder nach links, schultern gleichzeitig ihr Gewehr und sprechen dabei gleichzeitig das Gleiche, wie „guten Morgen Herr Hauptmann“ oder „Jawohl“. Sie singen gleichzeitig das Gleiche und gehen dabei gleichzeitig alle im Gleichschritt. Gleicher als die, kann man nicht mehr werden.
Auch für das Vorhandensein des eigenen Zuckers wird eine Erklärung gefunden. Wahrscheinlich hat ein Zuckerbergmann bei einer Auslieferung versehentlich die Adresse verwechselt. Auf diese Weise ist der Zucker in der Vorratskammer der Kids gelandet – einfach nur ein Zufall, mehr nicht.

Klar, dass es einen in den Fingern juckt sich das mal live vor Augen zu führen. Kein Problem. Da die Bundeswehr es interessant findet, wenn sich jemand für sie interessiert, lässt sich relativ leicht ein Besuchstermin arrangieren. Sechzig Kinder besuchen eine Kaserne – warum nicht.

Natürlich müsste man sich vorher absprechen. Kein Wort vom Zucker! Sollen die ruhig ihre Lieferung verfuttern, uns interessiert der Effekt, die Feldforschung am lebenden Objekt. Wir würden uns all die schönen Dinge zeigen lassen, die Panzer und die Tarnnetze, die großen und kleinen LKW´s, die Kanonen und was weiß ich nicht alles. Schade dass es keine Kavallerie mehr gibt, sonst wären auch noch Pferde im Programm.

In Wirklichkeit aber würden wir akribisch beobachten, wie der Zucker wirkt. Wir würden harmlose Fragen stellen, mit dem Ziel, mehr über diese Wirkung zu erfahren: „Haben sie, wenn einer erkältet ist, dann alle zusammen gleichzeitig Schnupfen? Niesen sie gemeinsam?“ Daraus würden sich wichtige Erkenntnisse für weitere Anwendungsmöglichkeiten des Zuckers ergeben. „Wenn einer von ihnen Lesen kann, können es dann die anderen gleichzeitig auch?“ Allein das würde 90 Prozent aller Schulen auf der Stelle überflüssig machen. Ich meine, wenn das bei Lesen geht, funktioniert es sicher auch bei Mathe.

Ich selbst würde mich vornehm raushalten und einfach nur mit einem kleinen Aufnahmegerät daneben stehen und all diese hübschen, interessanten Gespräche zwischen den Großen und den Kleinen aufzeichnen, um sie für die Nachwelt zu bewahren.

Ich weiß selbst, dass das alles Quatsch ist, da ich mich seit Jahren mit Erwachsenen und nicht mehr mit Kindern herumschlage, mit Menschen also, die genauso wenig Zeit haben wie ich, weil sie ständig unterwegs sind. Die kippen sich Süßstoff oder Zucker oder gar nichts in den Kaffee und hoffen dabei, entweder schlank zu bleiben oder schlank zu werden oder sie denken überhaupt nichts dabei. Warum? Weil sie nicht die leiseste Ahnung haben, welche Geheimnisse sich entdecken lassen, wenn man nur etwas mehr Zeit hätte und nicht so viel unterwegs wäre.

Tja, ihr Hübschen da draußen, in der großen weiten Welt, jetzt muss ich unbedingt Schluss machen. Der Herr Zugführer hat gerade bekannt gegeben, dass mein ICE in wenigen Minuten in den Bahnhof Zoo einrollt. Wenn ich jetzt nicht gleich alles zusammenpacke, vergesse die wieder Hälfte und die schönsten Sachen bleiben liegen – mein Hut beispielsweise.

3 Gedanken zu “Unterwegs”

  1. Hochinteressanter Beitrag… mal wieder. Eine spannende Geschichte, eine von vielen, die erlebt wurden oder erlebt werden können. Eine, die bei mir gleich mehrere Fragen aufwirft: Fragen, die sich nicht auf den Ihnalt beziehen, da dieser an sich spannend, schlüssig und für mich völlig logisch ist, sondern viel mehr auf die Rahmenbedingungen der Textentstehung und die Randbemerkungen über das Reisen und die Zeit.
    Was hat ein Zug mit einem Krankenhaus gemeinsam? Aus beiden kann man nicht nach Belieben aussteigen. Man ist an den Ort gebunden – ein wunderbares, für ein hektikgeplagtes Wesen willkommenes Alibi, sich einer Geschichte zu widmen, sich ZEIT zu nehmen für die Ruhe. Gedanken fassen, in Erinnerungen schweben, sich magischen Phantasien hingeben… Meditationen des Informationszeitalters. Keine Ruhe, sondern Augenblicke der produktiven Konzentration, Gedankenfetzen sammeln, selektieren, verarbeiten und speichern – etwas, wozu man sonst keine RUHE hat. Speichern, dem Freund Laptop anvertrauen. Moment… anvertrauen? Nein, eher veröffentlichen, dem WEB-Ozean opfern: Das Tagebuch gewinnt in der elektronischen Postmoderne als BLOG eine ganz neue, paradoxe Qualität – „gemeinschaftliche Intimität“. Alle werden gleicher, die Erinnerungen fliessen zusammen zum globalen Meinungspool – ein weiterer Schritt auf dem durch ständige Medienentwicklung vorgezeichneten Weg zum ehemals gefürchteten „gläsernen Menschen“?
    Schreibt der BLOG-Verfasser immer noch für sich selbst? Schielt er bereits auf die vielen möglichen Leser? Was ist ein BLOG? Die tägliche Existenzberechtigungsbegründung eines Speicherknotens im globalen Informationsjungel? Ein geistiges Sich-Selbst-Fühlen durch die immaginäre Meinungsreflexion des potentiellen Lesers? (Zweck des Komentarfeldes?)

  2. In welchem „Metalog“ erklärt Bateson den Unterschied zwischen Organischem und Anorganischem?

    Danke für den Hinweis.

  3. Ich wollte gerade nachsehen, aber so wie es scheint, kann ich es im Regal nicht finden – verliehen, verlegt…? Wie auch immer, es ist einer der Metaloge die sein Buch über die „Ökologie des Geistes einleiten. Hätte jetzt gerne mit einer Seitenangabe aus der schwarzen Suhrkamp-Reihe gedient, aber leider kann ich nur auf mein Gedächtnis zurück greifen.

    Hans Geißlinger

Kommentare sind geschlossen.