Verkehrsmeldungen

Langer Tag heute. 300 km ICE, Taxi — viele Menschen, vieles Reden, Small talk, sehr konventionell, sehr anstrengend — Taxi, 300 km ICE.

Bahnfahren ist ja nicht wirklich entspannend. Ob man will oder nicht, man kann und muss seine Mitreisenden studieren: Älterer Herr, ca. 75 Jahre alt, packt sich ein Butterbrot aus. Das Butterbrotpapier gibt er seiner (beinahe hätte ich geschrieben: Mutter) Frau, die neben ihm sitzt. Sie nimmt das Papier, streicht es glatt, faltet es zusammen und steckt es in ihre Handtasche.

Erst dachte ich: die arme Frau! Dann war ich nicht mehr sicher: der arme Mann?

Der Kellner, der gerade meinen Fahrschein kontrolliert hatte (neueste Technologie, um mein Online-Ticket mit den Zentraldaten abzugleichen – ein Lesegerät, das die schwarzen Punkte auf dem Ausdruck in der Ecke rechts oben anstrahlt, aber offenbar noch genauso viel Eingabe per Hand erfordert wie die alten Geräte), bringt mir einen Kaffee, ist sehr freundlich, bedankt sich nett für das Trinkgeld. Kein Beamter mehr, die dürfen kein Trinkgeld nehmen.

An der nächsten Station steigt ein Fahrgast zu, der offensichtlich eine Fahrkarte hat, bei der irgendwelche Gültigkeitsfristen abgelaufen sind. Der Kontrolleur, der gerade als Kellner gearbeitet hatte, zeigt nun sein wahres Gesicht. Streng und vollkommen unnachgiebig und keinerlei mir plausibel scheinenden Argumenten zugänglich, klärt er den armen Mann über seine Pflichtverletzungen auf und über den zu zahlenden Nachschlag. Wie dieser Kellner wohl auf das Angebot eines Trinkgeldes reagiert hätte? Doch dieser gegenüber der Bahnreform ketzerische Gedanke ist so schnell verflogen wie er gekommen war. Ich spüre stattdessen, wie mich ein kleinbürgerlicher Schauer der Erleichterung, dass bei mir und meinem Fahrschein ja alles in Ordnung ist, durchfährt. Meine Papiere sind okay. Ich werde nicht auf dem nächsten Bahnhof rausgesetzt, nach Anatolien ausgeflogen (ist wirklich etwas übertrieben, aber so fühlte sich das an). Ich hatte ein Recht hier zu sein in Mehdornland. Oh Schreck.

Im Taxi: Ich kenne die Strecke vom Bahnhof zu meinem Bestimmungsort ganz gut, bin das schon tausend Mal gefahren. Der Fahrer wählt einen Weg, den ich nie nehme, weil ich weiß (!?), dass er länger ist. Ich spüre den starken Drang, ihm zu sagen, er würde jetzt einen Umweg fahren und er solle den anderen Weg nehmen. Da fällt mir ein, dass mich vor einiger Zeit ein Taxifahrer auf dem Weg zum selben Ziel gefragt hatte, welchen Weg er nehmen solle. Ich antwortete ihm, er solle selbstverständlich den von mir favorisierten nehmen, weil es der kürzere sei. Er antwortete: Die sind beide gleich lang. Da mir dies in Erinnerung kommt, unterdrücke ich meine besserwisserischen Impulse und schaue die neue – zugegeben schönere – Strecke an. Als wir am Ziel sind, kann ich mir aber beim Bezahlen nicht verkneifen zu sagen: Das war ein Umweg von 3 Euro. Der Fahrer ist empört, will mit mir gemeinsam die Zentrale anrufen. Ich sage: Ist ja nicht wirklich schlimm, ich wollte es Ihnen nur sagen. Er ist nicht zufrieden, als ich aussteige… Ich eigentlich auch nicht.

Rückfahrt Taxi zum Bahnhof: Der Fahrer nimmt meine Strecke: 3 Euro billiger. Der Tag ist gerettet… (?) Niemand fällt mir auf im Zug… Keine Chance, erneut meine Gewissheiten gegen größeren Widerstand zu bestätigen. Schade eigentlich. Aber ich kann ja noch meinen Beitrag zur Kehrwoche schreiben…

FBS

8 Gedanken zu “Verkehrsmeldungen”

  1. Ich kann die von Ihnen geschilderten Szenen emotional nachvollziehen und Ihrer kleinen, feinen Erzählung viel abgewinnen. Sie zeigt subtil welche Schattierungen des sich Fühlens im intersubjektiven „Verkehr“ sich aus dem Nichts auftun können. Einerseits das sich in andere vermeintlich „hineinfühlen“ Könnens und wie die Parteinahme dabei plötzlich projektiv kippen kann. (Vielleicht haben die beiden ja miteinander zu Hause eine Butterbrotpapierlade, die gefüllt werden muss.) Sich als Gesetzesbrecher oder Verbrecher zu fühlen oder sich als in der Gesellschaft korrekt beheimatet fühlen… Jeder der geschilderten Blickwinkel, beziehungsweise die drei verschiedenen Szenarien, die Sie mit unterschiedlichen Befindlichkeiten durchzustehen hatten, inklusive der letzten Szene, sind beispielhaft für das, was man in der Welt im Alltag in unterschiedlichen Betroffenheitsstärken, Zugehörigkeiten, auf unterschiedlichen Seiten stehend, erfahren kann. Sie erlebten von all diesen Blickwinkeln her und dennoch nur von einem einzigen aus – dem Ihren –Verschiedenes zeitlich versetzt: Zuerst noch selbstzufriedenes Beobachten, dann ganz plötzlich beunruhigende, weil unter Verdacht stehend, Ausgeschlossenheit eines anderen und dazu umgekehrt das beruhigende Gefühl des eigenen (unverdächtigen) harmonischen Eingeschlossenseins im „System.“

    Eigentlich will man nur Letzteres erleben. Will sich in Harmonie mit dem Gesetz, der Gesellschaft, den Menschen und natürlich im Einklang mit angebotenen Dienstleistungen fühlen. Und eigentlich ist die Welt nur in Ordnung, wenn der Ordnung von mir und den anderen aus nachgekommen wird. Man fühlt sich nur wirklich gut, aufgehoben, zugehörig und zufrieden, wenn einem Recht gegeben wird, wenn einem Recht geschieht, wenn man nicht auffällig wurde, wenn man gesetzeskonform gehandelt, und wenn ein getätigtes Geschäft reell war, wenn man nicht über den Tisch gezogen wurde, noch selbst jemanden unterbuttert hat. Die Gefühle in die man so gestürzt werden kann, kratzen den subjektiven Wunsch und die persönliche Erfahrungvon Souveränität an. Zum Selbstschutz distanziert man sich ironisch von der gefühlten Abhängigkeit von der Gunst der anderen.

    All das hängt vermutlich zutiefst damit zusammen, dass wir uns als Individuen im Grunde von unserer Umwelt keinesfalls negativ, sondern ausschließlich positiv unterscheiden mögen und dafür selbstverständliche Anerkennung suchen.

    Umso schlimmer, wenn wir wegen Letzterem von der Gesellschaft verfolgt werden. Ich habe Verfolgung in der Realität selbst nie erlebt, aber ich habe es einmal ausufernd und eindrücklich im Traum erfahren, vollkommen ausgeschlossen zu sein und verfolgt zu werden, und es war der grauenvollste Alb-Traum, den ich jemals hatte.

    Das mit dem Taxifahren auf den eigenen bekannten Strecken kenne ich in Wien zur Genüge. Es ist eine Frage des Vertrauens und der definitiven Entscheidung für die eigene oder die vorgeschlagene Strecke. Ich habe dabei die Erfahrung gemacht, dass man auf der emotional ausgeglichenen Seite ist, wenn man auf seine Strecke mit Nachdruck besteht, weil man sich nur dann 100% sicher sein kann, selbst den Fehler gemacht zu haben und nicht vom anderen übers Ohr gehauen worden zu sein, was ein sehr unangenehmes Gefühl erzeugt, viel schlimmer als selbst den Fehler gemacht zu haben.

  2. Liebe Frau Taraba,

    ja, so ist das wohl gut zu erklären. Ich bin auf jeden Fall immer fasziniert, was man alles sehen und hören kann, wenn man es sich erlaubt und sich die Zeit nimmt.

    Das gilt nicht nur, was fremde Leute und Passanten bzw. ihren Umgang miteinander betrifft (die ultimative Form der Sozialforschung), sondern auch, wenn man sich selbt beobachtet. Obwohl das manchmal ziemlich erschreckend ist, was da so alles in einem passiert. Schon Lichtenberg hat ja festgestellt, dass es nicht heissen sollte „Ich denke“, sondern „Es denkt“ – und das gilt für das Fühlen ebenfalls. Es ist eigentlich egal, ob man seine Aufmerksamkeit nach innen oder nach aussen richtet – wie der von Ihnen so gern zietierte George Spencer-Brown bemerkt -, man ist immer mit einem Universum konfrontiert und die Bauprinzipien sind offenbar drinnen wie draußen dieselben. Eigentlich sind Fernsehapparate völlig überflüssig.

    Beste Grüsse, FBS

  3. Lieber Herr Simon,
    ja!, – ich frage Sie dann natürlich gleich weiter, ob zwischen Ich und Es ein Unterschied besteht, der einen Unterschied macht, abgesehen eben von dem Unterschied, den wir gerade provisorisch unterscheiden, um das Ich und das Es als etwas Unterschiedenes aufzufassen, um eine gewisse Verantwortung nicht tragen zu müssen – wir sind ja immer mit dem Universum konfrontiert, das wir unterscheiden und da unterscheiden wir nun kongenialerweise, Innen und Außen dieselben Bauprinzipien. Wenn man das Bewusstsein dann schon einmal soweit gebracht hat das auch plausibel zu finden, kann man sich, also können wir uns an die Forschung machen, was das nun praktisch bedeutet. Und was eben diese Verantwortung für eine ist, die wir nicht haben wollen. Das ist ein riesiges, langfristiges, unglaublich spannendes Forschungs-Projekt. Wer könnte Interesse habe es zu bezahlen??? Ganz herzlich Sylvia Taraba

  4. Ich beantworte mir die letzte Frage gleich selbst – jeder muss es selbst bezahlen, darüber zu forschen. Was ist der Preis? Die verlorene Unschuld vermute ich, zugleich der Gewinn eben von wirk-licher Verantwortetheit, qua des Bewusstsein dass Ich/Du/Wir/Es dasselbe sind. Die Große Forschung wäre dann hinkünftig Beziehungs-Forschung! Beste Grüße Sylvia Taraba

  5. Herr Simon war so sympathisch bzw. womöglich diplomatisch, nicht auf die Frage zu antworten. Ich aber kann es claro wieder nicht ganz lassen. Mögen die BauPRINZIPIEN annähernd die gleichen sein, die Konstruktionen, die wir drinnen als drinnen bzw. draußen lt. konstruktivistischem Sozialkonsens repräsentieren (?)- es lohnt sich freilich in vielen Zusammenhängen zu differenzieren.

    In gewissen Zusammenhängen darf man sich bei deren Betrachtung, der Komplexitätsreuzierung Ich/Du/Wir/Es womöglich auf nützliche Weise bedienen. Womöglich fallen aber nicht nur mir Zusammenhänge ein, in denen sich tunlichst empfiehlt, nicht total von dieser Voraussetzung auszugehen.
    In den meisten anderen Zusammenhängen in denen diese Unterscheidung projiziert wird, macht sie jedenfalls einen höchst relevanten Unterschied.

    Bzgl. der Verantwortlichkeit für seine Konstruktionen sind die konstruktivistischen Systemiker in Folge Heinz von Förster aber auch in Form von S. de Shazer & I. Kim Berg wohl eine knallharte Truppe.
    Die unterbewußten aber effektiven Funktionskreise des Tierquälers der die Katze bis zur Bewußtlosigkeit … mag durch bescheidene Kindheitsimpressionen nachhaltig beeinflußt sein – wie Herr Simon aber betont hat, ist das so eine Sache mit den monokausalen Zusammenhangsbehauptungen insbesondere zwischen Einzelereignissen. Aber auch sonst ist der Zusammenhang doch wohl auch so, daß Wahlmöglichkeiten bestanden. Auch wenn der Junge nicht sagen kann, was ihm da eingefallen (ins Bewußtsein nämlich) sein mag oder dummerweise in dem Moment gerade nicht – Keine Macht der Welt hat ihn gezwungen, die Verantwortung für die Entwicklung seiner selbsthypnotischen Tranceprozesse bleibt bei ihm. Vermutlich spricht man ja in diesem Sinne von der „Reichweite“ die Theorien haben; Unterscheidungen die in manchen Zusammenhängen Sinn machen, d.h. weiterführen, wohingegen in anderen …

    Für gewöhnlich unterbewußte Aspekte können deutlicher ins Bewußtsein gehoben werden über verschiedene systemische Abbildungsverfahren, die sich von denen der Neuros ein wenig unterscheiden. Eine Beziehungsstruktur kann ja logisch? gefaßt und mit Hilfe einer Gruppe Darstellender im konkreten Raum simuliert bzw. rekonstruiert werden. Ein Doktorand in Witten hat dazu geforscht, inwieweit Menschen quasi als lebende Klaviere übereinstimmende unwillkürliche Resonanzen entwickeln in Abhängigkeit von ihrer wahrgenommenen Position im konkreten Raum der Abbildung bislang unbewußter Beziehungsaspekte.

    Als Philosophin wie als Freund kühner Taten empfiehlt sich ungemein diese Entwicklungen für seine Reflexionen in Anspruch zu nehmen, „die antropologischen Grundannahmen ändern sich“ – wie M. Varga von Kibéd überaus zart bemerkte – äh ja nicht nur ein wenig, wenn wir die Unterscheidung bzw. Verbindung Ich und Es im Rahmen solcher Forschung oszillieren lassen. Einen echten Philosophen ficht das aber womöglich nicht an, wenn die Psychologie endlich mal anfängt, aus ihren Kinderschlappen rauszuwachsen und was Praktisches beizutragen weiß. Möchte aber ermuntert haben, teilnehmende Beobachtung zu realisieren.

    Die groß(artige)Beziehungsforschung wird seit längerem wohl vorzüglich in München, Wien und Heidelberg betrieben in Form der Systemischen Strukturaufstellungen von Insa Sparrer & Matthias Varga von Kibéd.

    Liebe Grüße, heut hab ich es aber im Kreuz uh …ein prächtiger maikäfer is just durch Window in den PC Pool herein geplumst ciao ciao

  6. Lieber Max Liebscht,
    Das Leben ist reine Willkür! Jetzt, vorhin eben, wo (fast) ALLES einigermaßen geordnet erschien, haben Sie von Neuem eine Ihrer Nebelbomben gelegt, beziehungsweise Ihre dekonstruktive Unterscheidungsgranate geworfen und (fast) NICHTS ist mehr klar. Selbstverständlich „lohnt“ es sich, zu differenzieren – eine ganze Welt erscheint – und „Wir“ in „ihr“ – aber es „lohnt“ sich auch einmal die Eins gerade sein zu lassen, sie nämlich auf Zwei und Vier zu reduzieren, bevor sie von dort aus sofort wieder explodiert und die dekonstruktive Gleichzeitigkeit alles Möglichen ansteuert.

    Oben ging’s doch zuvor um den intersubjektiven Ver-Kehr und um die Faszination der Beobachtung des Lebens. Es hieß, dass so gesehen eigentlich TV-Apparate vollkommen überflüssig seien (besonders da die Fernseher – im Gegensatz zur diffizilen Selbst-Beobachtung/Unterscheidung – grobschlächtige Modelle suggerieren und billige Unter-Haltung – also Krücken – als Ersatz für subtile Einkehr ins denkende Ich anbieten).

    Wir waren an dem Punkt angelangt, wo ein Ich plötzlich wahrnehmen kann, dass nicht „Ich“ denke, sondern „Es“ denkt, nicht „Ich“ fühle, sondern „Es“ fühlt.

    Da wären wir dann aber, so der Einwurf, wenn wir nicht aufpassen, auch gleich bei der Möglichkeit alles auf’s „Es“ zu schieben.

    Oder eben aber, so der Vorschalg, uns mit dem „ES“ auf der tiefenstrukturellen Ebene – augenblicks weise – identisch zu fühlen und dieses unser gegenseitiges Verantwortetsein als „Ich“ mit dem Ich/Du/Wir/Es/Welt wahrhaft zu begreifen – als gemeinsame Verantwortung für alles, was ist.

    Da fragt sich dann, das gebe ich zu, was der Tierquäler mit mir und ich mit ihm zu tun habe und alle diese berechtigten Fragen. Der Tierquäler wird dann zu einem Aspekt von mir/uns, meiner mangelnden Aufmerksamkeit auf die (an mir von dir unterschiedenen) Triebe, er lebt sie, weit mehr als nur unreflektiert, aus. Er lebt sie destruktiv. Oder ist er nur besonders reflektiert und auf mich bezogen, um mir die Funktion unausgelebter Aggressionen klar zu machen? Jedenfalls zeigt er zunächst einmal, dass Aggressionen zu uns gehören, dass sie im etymologischen und lateinischen Sinne ein Herangehen an das zu Erschaffende sind. Aber wann sind sie Schöpferisch und ab wann werden sie destruktiv?

    Natürlich ist Tierquälerei alles andere als nett. Die Welt ist überhaupt nicht nett und kann es nicht sein. Das ist ja der große Witz der von uns in gemeinsamer Übereinkunft geschaffenen Welt, den „Wir“ dann plötzlich nicht mehr verstehen können. Trotzdem sind wir immer weiter dazu angehalten uns unterscheidend zu verhalten (also gut und/oder grausam, reflektiert und/oder unreflektiert, quälend und/oder liebend usw.) – ja wir haben die freie Wahl, auch wenn unsere „Kindheit“ angeblich „grausam“ war. Es sind nicht alle Tierquäler, deren Eltern mit ihnen einen Double Bind, oder sonst was erschaffen haben.

    Und da besteht nun meine idealistische Forderung an mich, mich freundlich und konstruktiv, streng und genau, beobachtend unterscheidend zu verhalten in meiner Lebenswelt, in der Absicht, nicht noch mehr Komplexität zu produzieren, sondern Reibung zu reduzieren, den anderen einfach zu akzeptieren, so wie er ist. Und sei’s, ihn gerade dadurch und damit zu akzeptieren, ihn auch dafür zu bestrafen, wenn er, durch unreflektierte Aggression oder unreflektiertes Tun, Reibung erzeugt.
    (Gerichte und Richter sind ja übrigens per se auch durchaus freundlich und konstruktiv, aber sie bestrafen dennoch, was nach gemeinsamer Übereinkunft zu bestrafen ist, zum Beispiel hoffentlich Tierquälerei!!! Aber da werden wir uns zunächst darüber zu einigen haben, dass jedes Tier empfindendes, im Falle der Säuger auch ein fühlendes und ein beobachtendes (Lebe)Wesen ist.)

    Mir erscheint es wichtig bei der ständigen unvermeidbaren Erschaffung von Komplexität deren tiefenstrukturelles Zentrum zu kennen, zumindest zu ahnen, das worauf reduziert werden kann.

    Mich fasziniert es die Möglichkeiten von Komplexitätsreduktion zu erforschen und anwenden zu lernen, Komplexitätsreduktion sozusagen als Notbremsung für den Weltführerschein gelernt zu haben und als Erfahrungsberechtigungscard immer als E-Möglichkeit dabei zu haben, falls Komplexität nur mehr zur Verwirrung führt. Das wollte ich noch konstruktiv beigetragen haben, bevor ich mich nach Wien verabschiede. Ich wünsche Ihnen ein hoffentlich wieder heiles Kreuz! Mit ganz herzlichen Grüßen – auch Ihnen Herrn Simon! Sylvia Taraba

  7. Wenn „Re – Konstruieren“ das zu sein scheint, was früher mit „Deuten“ gemeint war, scheint „De – Konstruieren“ womöglich so was wie „Analysieren“ zu bedeuten. Also frisch ran ans Gerät bzw. Bügeleisen wie Herr Simon inzwischen zu knittern scheint.

    „Das Leben is also reine Willkür.“ So so. Eine Komplexitätsreduktion? Kommt darauf an. Und an welchen Zeitrahmen denken Sie dabei? Ich kann es mir erst kompliziert machen, womöglich unnötig kompliziert und hab, wenn ich zunächst Mehraufwand in Kauf nehme, dann einfach handhabbare Lösungen. Ich kann es mir auch unmöglich einfach machen …

    Wieder entweder oder? Das Eine oder das andere? Beides? Keines von beidem? Sparrer und Varga von Kibéd unterscheiden in ihrer Tetralemmaarbeit inzwischen immerhin 17 verschiedene logische Formen von „beides“. Da deuten sich meinem Eindruck nach komplexitätsadäquatere Alternativen zu dem aristotelischen Rumgewippe an. Und da müßten sich in verbaler Sprache doch Entsprechungen zu – wie Sie es womöglich in Ihrem Buch schreiben -„Sex“ finden lassen? Um solche Balanceakte geht es mir, ich nahm an, dass sich in diesem Forum Autoren dazu finden, einfach, weil die erreichten systemischen Positionen nicht nur die forschende Beschäftigung mit Transverbaler Sprache sondern auch eine andere Verbale Sprache nahe zu legen scheinen. Aber vielleicht hatte nur keiner genug Maschinenfreizeit bekommen sich provozieren zu lassen.

    Jemand hat mal gesagt, Sie hätten sich mit Rudolph Kaehr befasst. Ich habe es nicht, weiß nur, dass er wohl im NLP- Institut bei Klaus Grochowiak mitgewirkt hat. Zumal Grochowiak in „Die Magie des Fragens“ im Zusammenhang mit der Polykontexturalen Logik die Diamond – Technik vorstellt. Auch an solche Ansätze denke ich, wenn ich da Erwartungen habe, gegenüber jenen Leuten, die sich schließlich ein wenig länger damit beschäftigt haben dürften.

    Wenn wir uns auf einer m.E. mehr postulierten denn explizierten “tiefenstrukturellen Ebene“, die für mich hier nicht recht deutlich wurde, „uns“ (als Einzelpersönlichkeit bzw. Kollektiv diverser aktualisierter, Identitätserleben konstituierender Gruppenzugehörigkeiten) im Einklang mit „uns“ selbst umfassend verantwortlich fühlen
    &
    wenn „wir“ partiell neben „uns“ stehen und dies als Alibi für verantwortungsloses Verhalten zu missbrauchen suchen wo Verantwortung sehr wohl besteht
    dann sind das unterschiedliche Kontexte der Betrachtung. Entsprechend wird therapeutische versus soziale bzw. juristische Kontrollmöglichkeiten differenziert. Das sind sogar, wie ich laienhaft annehme, unterschiedliche Klassen bzw. Kategorien.

    Was ich mir schlicht wünsche, ist, dass diese Kontexte kenntlich gemacht werden. Sonst zeitigt eine Komplexitätsreduktion nämlich nicht einfache Handhabbarkeit sondern Paradoxien und Chaos. Wie gesagt, ich bin hier aber nicht der Mathematiker geschweige Logiker ich muß wohl nur das Wundern noch ein wenig üben.

    Ich bringe Sie (freilich uncharmanterweise) deshalb in einen Wahrnehmungszusammenhang mit dem Tierquäler (der, wenn eine seiner Aktionen unübersehene Folgen zeitigt, hübsch komplexitätsreduzierend und gegenüber vielen Leuten effektiv, prompt auf Kontrollverlust plädiert), weil ich den womöglich verkehrten Eindruck habe, dass Sie da ebenfalls zwischen den Ebenen bzw. Kategorien hüpfen wollen.

    Natürlich kann man Ihre Zeilen auch mit gutem Willen verstehen. Wer wird denn unbedingt Arges unterstellen! Ich natürlich. Denn wenn freilich so ein halbgebildetes Landei daher kommt wie ich, bringt Ihre gut gemeinte und für komplexe Charaktere sicherlich faszinierende Komplexitätsreduktion aber womöglich hoppla … Folgekosten hervor. Man könnte ja sogar fast den Eindruck bekommen, hier würde verkomplizierender Einfachheit zuliebe behauptet, dass psychische, soziale oder physische bzw. bewusste / unterbewusste Umwelten sich nicht in qualitativ verschiedenen Regelfolgen organisieren und verstören lassen würden. Unsere Schlüsse werden nicht weit reichen, wenn selbst wir so rumschlampern statt uns gleich um neue Standards zu bemühen auf daß dann erst wieder großartig begriffstheoretisch gegengesteuert zu werden braucht.

    Ich suche schlicht auf Sie anzuwenden, was Sie selbst fordern. Genauigkeit. Vielleicht … klar … weil ich hier mehr Frotteetücher zu bügeln habe, als manch ordentlicher Knitterich sich prickelnd als eine Art Kontrollverlußt vorstellen mag. Bei der Faszination für Komplexitätsreduktion sollte womöglich der Faktor Zeit einbezogen werden, wie er sich zwischen einander „reibenden“ Systemen ergibt und es sollten die Kontexte markiert werden, weil verschiedenen logische (?) Spielregeln für die In – Beziehungssetzung der Elemente gelten. Is doch eigentlich alter Toback, wieso wird´s nicht mal hier realisiert? Andernfalls landen wir statt in Komplexitätsreduktion in mystischem Gogelmoosch. Gewöhnlich in Tateinheit mit autoritärem Unfug statt Recht.

    Was ich mir vorstelle, ist so etwas, wie vielleicht Matthias Varga von Kibéd meint, wenn er bspw. von „Systemischer Verneinung“ spricht. Ich habe angenommen, dass dazu hier mehr angeboten werden kann, als auf die Möglichkeiten von Poesie und Märchen zu verweisen. Wobei ich das freilich auch weiterführend und nicht „nur“ schön finde, zu gucken bzw. modellieren, WIE man da versucht hat, die möglichen Formen von „beides“ in Sprache zu bringen.

    Was sind aus hypnotherapeutischer und logischer Sicht denn überhaupt die notwendigen Konstituenten einer Situation? So was würde mich hier mal interessieren aus berufenerem Munde zu vernehmen. Aus solchen Fäden der Aufmerksamkeitsfokussierung müßten sich sprachlich bzw. bügeltechnisch interessante Muster weben lassen. Frage, welche den Möglichkeitsraum aufschließt, mögliche Antworten als Set von Beziehungsalternativen zwischen Positionen, Position, von der aus die Frage gestellt wird in Relation zu einer solchen Antwortrelation … ??

    Tierquälerei übrigens wird, wie ich seit neuesten weiß, in Deutschland unter Sachbeschädigung abgehandelt, jedenfalls solange sich niemand persönlich dahinter klemmt und zeigt, wo es zum Dorfteich geht.

    Gute Nacht !

  8. Sex / violence

    Zitat FBS : „… sondern “Es denkt” – und das gilt für das Fühlen ebenfalls. Es ist eigentlich egal, ob man seine Aufmerksamkeit nach innen oder nach aussen richtet – wie der von Ihnen so gern zietierte George Spencer-Brown bemerkt -, man ist immer mit einem Universum konfrontiert und die Bauprinzipien sind offenbar drinnen wie draußen dieselben. Eigentlich sind Fernsehapparate völlig überflüssig.“

    Die Prinzipien mögen dieselben oder gleichen sein, einen relevanten Unterschied dürfte es indes machen, auf welcher Strukturebene ein Beobachter rekonstruiert …

    Fernsehapparate sind nicht überflüssig sondern ebenso lebensnotwendig wie unseren gepanzerten Fahrzeuge. Ich habe keinen Fernseher und kann daher aus nächster Nähe gut beurteilen, wovon ich da spreche. Sobald die Dinger ausgefallen sein werden, können Sie die Stunden zählen, die all die Leute auf der Straße brauchen, um sich wie in Jugoslawien die Kehle durchzuschneiden. Die Schwalben fliegen tief – Ranger – Klamotten horten viele ja schon in den Schränken.

    Zitat zum Ausklang
    Welche Bedeutung hat schließlich angesichts der totalen Vernichtbarkeit der Welt noch die Kunst, vor allem die Musik, im geistigen Bewußtsein unserer Zeit?
    Und welche Verhaltensweisen bestimmen den Charakter der Menschen dieser Zeit (an den Rand des Jahrundert gespült), miteinander verbunden durch die unabwendbare Sozietät des Gleichzeitigen?
    Die Antwort ist nicht ermutigend.
    Allgemeiner Bewußtseinsabbau, geistige Anspruchslosigkeit und Unsicherheit des Urteils, mangelnde Kontaktfähigkeit, Bürokratie und Angst vor der Apparatur.
    Bernd Alois Zimmermann, 1955

    Die Entscheidung darüber, wo die Grenzen der Musik liegen, kann schließlich und schlüssig nur durch die Unternehmungen der Komponisten ermittelt werden, die jeder für sich immer wieder bestrebt sind, das Unfaßbare faßbar zu machen, das Chaotische zu ordnen, das Grenzenlose zu begrenzen; ein Anliegen des menschlichen Geistes seit jeher.
    Bernd Alois Zimmermann, 1995

    Zitat Frau Sylvia Taraba:
    „Lieber Herr Simon,
    ja!, – ich frage Sie dann natürlich gleich weiter, ob zwischen Ich und Es ein Unterschied besteht, der einen Unterschied macht, abgesehen eben von dem Unterschied, den wir gerade provisorisch unterscheiden … „
    Wenn ich noch mal auf einer Seite der aristotelischen Wippe Platz nehmen darf: In dem Moment da ich dem zustimmen kann, was zu tun ist, oder dem, was zu denken ist (wenn es mich denkt), nimmt die Brezelhaftigkeit des Lebens zu. Von der anderen Seite der Wippe her betrachtet, ist es natürlich Quatsch, was ich eben behauptet habe und der Tot fordert Kalkül.
    „Sexy“ Qualitätsunterschiede, die einander auf ihre Existenzberechtigung hinweisen.

    Guten Morgen!

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