von der Leyen

Dass ich der Tatsache, dass Deutsche Spitzenpositionen in der EU einnehmen, kritisch gegenüberstehe, habe ich hier schon ausführlich bekannt und begründet. Nun wird Ursula von der Leyen wahrscheinlich EU-Kommissionspräsidentin. Nicht meine Wunschkandidatin. Ich hätte Herrn Timmermanns gewählt. Doch da er das rote Tuch für die Visegrad-Staaten bzw. ihre, die demokratischen Prinzipien der EU ablehnenden Regierungsparteien und -chefs, war, konnte er nicht gewählt werden. Und wahrscheinlich war es ja weise, diese Spaltung der EU durch die Wahl Timmermanns nicht noch zu verstärken. Offenbar macht von der Leyen in der Hinsicht niemandem Angst (wie immer man das bewerten mag, aber Kompromisse sind in Demokratien nicht vermeidbar).

In der Presse (und von der SPD) wird nun bemängelt, von der Leyen sei keine Spitzenkandidatin gewesen und die Wähler würden sich nun veräppelt fühlen. Das halte ich für eine alberne Argumentation. Denn ich bezweifle stark, dass irgendein CDU- oder CSU-Wahler/in (geschweige die Wähler/innen anderer Länder) tatsächlich seine/ihre Stimme ad personam abgegeben hat, weil er oder sie unbedingt Herrn Weber als Kommissionspräsidenten haben wollte. Es ging vielmehr darum, den immer stärker werdenden antidemokratischen Parteien entgegen zu treten. Also, das Argument zieht nicht.

Positiv ist anzumerken, dass, wenn schon ein Deutscher in ein hohes Amt gehievt werden muss, eine Frau allemal vorzuziehen ist. Ich halte die Managementkompetenzen von Frauen ja generell für höher als die von Männern. Frau von der Leyen hat – wie es ein bösartiger, die Situation Europas skeptisch beurteilender Bekannter von mir sarkastisch formulierte – als deutsche Verteidigungsminiterien immerhin wichtige Erfahrungen, die gerade in der EU von Bedeutung sein könnten, sammeln können: Sie kennt sich mit Abstürzen und den vergeblichen Versuchen der Renovierung nicht mehr seetüchtiger Schiffe aus.

Zweifellos hat diese Frau eine erstaunliche Karriere hingelegt, die Respekt verdient. Sie hat Medizin studiert, Fachärztin, sieben Kinder, hat etliche Ministerämter innegehabt, spricht Englisch und Französisch (und auch hinreichend gut Deutsch). Schon beeindruckend, was „Röschen“ (so wurde sie von ihren Eltern, die ich flüchtig kannte, genannt) da auf die Beine gestellt hat – trotz solch eines schrecklichen Kosenamens. In Brüssel wird sie hoffentlich strahlend erblühen.

Was ich besonders bemerkenswert finde, sie hat ihre politische Karriere erst vor ca. 20 Jahren begonnen. Es ist offenbar nie zu spät, in die Politik einzusteigen, wenn man bis dahin etwas Gescheites gemacht hat. Aber: Ärzte können ja sowieso alles…