Zivilisation

Die Meinungsfreiheit ist eines der höchsten Güter in Demokratien, und dazu gehört auch das Recht, sich schlecht, taktlos oder geschmacklos zu benehmen.

Daher ist es erschreckend, brennende Botschaften zu sehen, hoch emotionalisierte Massen, die zur Gewalt bereit sind, weil in einer Zeitung Karikaturen publiziert worden sind, die als beleidigend erlebt werden. Konflikte mit Gewalt lösen zu wollen, ist – wenn man der Definition von Norbert Elias folgt – ein Zeichen dafür, dass der „Prozess der Zivilisation“ entweder noch nicht stattgefunden hat oder zurückgedreht wird.

Wir erleben im Moment daher wahrscheinlich nicht den Clash of Civilisations, sondern einen Konflikt um die Zivilisation. Denn ihr bestimmendes Merkmal ist, dass Konflikte aus der Zweierbeziehung der Konfliktparteien gelöst werden, in welcher der Stärkere sich mittels Gewalt durchsetzt, und ein Dritter bzw. ein übergeordnetes Prinzip – das Recht – etabliert wird: formalisierte Verfahren der Konfliktlösung statt Krieg.

Dass die Amerikaner mit ihrem Einmarsch in den Irak einen gewaltigen Schritt weg von der Zivilisation gemacht haben, muss in diesem Zusammenhang wohl nicht extra betont werden.

Wer sich als Individuum in einem zivilisierten Land beleidigt fühlt, kann seinen Beleidiger vor Gericht zerren, er darf ihm aber nicht das Haus anzünden. Das Problem ist, dass solche Verfahrensweisen bzw. ihre Durchsetzung immer an ein Gewaltmonopol gebunden sind. So etwas haben wir halt international oder interkulturell nicht.

Spannende Zeiten.

In Teheran sind die Scheiben der Österreichische Botschaft mit Steinen eingeworfen worden und gleichzeitig ist eine deutsche Fahne verbrannt worden. Ob die Österreicher nun beleidigt sind, dass nicht ihre Fahne verbrannt worden ist?

2 Gedanken zu “Zivilisation”

  1. Lieber Herr Simon,

    Was ist davon zu halten, dass die USA/Bush vor ein paar Tagen in einer Rede explizit sagte, dass die Hegemonie der Vereingten Staaten eine Notwendigkeit für die westliche Welt darstellt?

    Der Kalte Krieg der Supermächte hat sich vor 8 Jahren vollkommen unblutig ganz ohne Kriegshandlungen entschieden. Die USA sind in absolut jeder Hinsicht als moralische Sieger daraus hervorgegangen.

    Sind wir Europäer und andere Länder nicht irgendwie unausgesprochen geradezu auf den „Schutz“ durch die USA eingestellt?
    Oder andersrum, müssen wir diesen Anspruch nicht einfach hinnehmen und ist nicht damit ein Welt-Gewaltmonopol längst wie von selbst geschaffen und eingerichtet, dem wir die Regelung der Konflikte der Welt (nach einigen verbalen Scharmützeln und späteren, diese wieder ausgleichenden, Zugeständnissen) anvertrauen?

    Ein Drittes und übergeordnetes Prinzip, wie Sie es nennen, wäre der Sicherheitsrat, an dessen Beschlüsse sich die USA jedoch nicht gebunden fühlen auch andere Beschlüsse der Vereinten Nationen können die USA völlig ungestraft und unsanktioniert mißachten.

    Müssen wir uns nicht offen eingestehen, dass die USA selbst dieses Dritte übergeordnete Prinzip, sogar ganz explizit und dezidiert, auch für uns, schon darstellt?

    Wie müssen wir die Rolle der USA ehrlicherweise sehen? Was vormals Napoleons Grand Armee vermochte, ganz Europa das Licht der Aufklärung mit Waffengewalt zu bringen, was Hitler mit seiner Maschinerie und Heeren, mit Terror und Gewalt versuchte, Europa in sein Glück zu zwingen, ist der Atommacht USA doch heute ganz ohne Weiteres und ohne viel Aufwand weltweit gelungen. Die Nationen, Völker und Kulturen nehmen die „friedliche“ Kolonialisierung durch Cola, Mac Donald und Microsoft mit Begeisterung hin. Ja, Vietnam war ein Rückschlag, aber davon haben sie sich erstaunlich gut erholt. Wie kann man aus systemischer Sicht beurteilen, was Amerika da gelingt?
    Bush muss sich in seinen 8 Jahren an nichts und niemandem orientieren. Oder doch? Obwohl der Irak-Krieg eigentlich und moralisch und sagen wir besser ethisch verloren ist, wird er dort nicht herausgehen, spielt das keine Rolle. Er droht unmissveratändlich den anderen Schurkenstaaten. Und es kann durchaus sein, dass er Teheran, im Gewaltstreich nimmt, gedroht hat er bereits genug, der Boden ist vorbereitet. Gerechtes, allgemeinverständliches Motiv: die angebliche oder tatsächliche Atomare Aufrüstung des Iran, die Provokation Israels. Sind wir nicht froh, dass die USA diese Unliebsamkeit und Bedrohung quasi für uns erledigt? Gibt es nicht noch andere Konflikte, die die USA als Welt-Schutzmacht präventiv lösen könnten? Müssen wir nicht zugeben, dass das nicht allzu unangenehm ist, wenn es nur weit genug von uns weg ist und wir dabei ungestraft Protest einlegen dürfen? Mit Herzlichen Grüßen Sylvia Taraba

  2. Liebe Frau Taraba,

    das sehen ja nicht wenige so, wie Sie. Dass der Unilateralismus der USA es überflüssig macht, eine dritte, übergeordnete Macht einzuführen, weil der Hegemon USA dieses Machtmonopol schon hat. Und ja, wir im Westen können gut damit leben, auf jeden Fall spart uns die amerikanische Macht Rüstungskosten.

    Ich persönlich glaube aber trotzdem nicht, dass dies, systemisch gesehen, die angemessene Beschreibung der Situation ist. Denn Macht ist ja nur dort langfristig wirksam, wo sie auf der Anerkennung des Mächtigen als Mächtigem durch den der Macht Unterworfenem beruht. Wenn Macht demonstriert werden muss (wie im Irak), so ist das ein Zeichen dafür, dass sie nicht mehr funktioniert. Wer sich auf einen Krieg einlassen muss, gerat damit in eine symmetrische Beziehung zu seinem Gegner (auch wenn das Ziel des Krieges ist, die Asymmetrie wieder herzustellen). Solange der Krieg nicht entschieden ist, herrscht auf jeden Fall Symmetrie – gut im Irak zu studieren.

    Da der Verlierer entscheidet, wann der Krieg zu Ende ist, hat derjenige, der einen Hegemonialanspruch hat, langfristig immer die schlechteren Karten… (mehr dazu in meinem Kriegsbuch, das ich hier nicht noch mal neu schreiben will).

    9/11 war deswegen so erschütternd für die USA, weil ein paar Leute mit Teppichmessern und Todesverachtung genau dies bewiesen haben.

    Beste Grüsse, FBS

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