Zur Lage der Geisteswissenschaften

Ich habe mich hier ja schon gelegentlich zu den Selektionsprinzipien des Wissenschaftsbetriebs und der Universitäten geäußert. Das bezieht sich sowohl auf die beforschten Inhalte, die Forschungsmethoden, wie auch die damit verbundenen Karrieremuster. Das Beispiel der Psychiatrie mit seiner durch Drittmittelvergabe der Pharmaindustrie nahezu ausschließlichen Karriermöglichkeit als Biopsychiater ist ein Beispiel, das die Verarmung der Wissenschaften durch die aus den USA stammenden Prinzipien der Wissenschaftsorganisation verdeutlicht.

Aber letztlich betrifft es die Wissenschaften insgesamt, insbesondere – wen wundert es – die Geisteswissenschaften. Nicht nur der Bologna-Prozess hat zur Verblödung der Universitäten bzw. der Studenten geführt, weil er die Verschulung fördert statt das Flanieren im Reich intellektueller Auseinandersetzungen, sondern auch die Bewertungsprinzipien von Publikationen, die sich an den Naturwissenschaften orientieren. Da sie über die Reputation von Wissenschaftlern entscheiden, wird immer mehr ungelesener Schrott in Zeitschriften publiziert und immer weniger ausführliche Reflexion in Büchern.

Dazu einen passenden Artikel aus der FAZ, der das Phänomen gut beschreibt.

Quelle: Zur Lage der Geisteswissenschaften

10 Gedanken zu “Zur Lage der Geisteswissenschaften

  1. @ „Bewertungsprinzipien […], die sich an den Naturwissenschaften orientieren“
    Geistes- und Gesellschaftswissenschaften sind per definitionem keine Naturwissenschaften mit experimentell beweisbaren Forschungsergebnissen, sondern deren wissenschaftlicher Fortschritt bemisst sich an der erfahrungsbasierten Evidenz ihrer Befunde und der Überzeugungskraft ihrer Argumente. Das Dumme ist leider, dass sich die meisten Befunde auf bestimmte Einzelfälle beziehen und daher nicht verallgemeinert werden können. Deshalb gilt es, auf die Einhaltung logisch-methodischer Standards zu achten, die schon eher auf andere Fälle übertragbar sind.

  2. „Die Sichtbarkeit hängt nicht nur vom Thema ab, sondern auch von der Wahl des Stils und der Form. Bücher finden grundsätzlich leichter den Weg in die Öffentlichkeit als Beiträge in Fachzeitschriften. In den staatlichen Evaluationen kann Stefan Collini, der Professor aus Cambridge, wissenschaftliche Monographien nur noch eingeschränkt „abrechnen“, doch eines der besten Argumente für den Wert der Geisteswissenschaften bleibt seiner Überzeugung nach weiter der Hinweis: „Lies das, das ist ein gutes Buch.“

    nun gut, da die Wahl des Stils und der Form entscheidend ist,
    müssen sich Geisteswissenschaftler wahrscheinlich etwas umstellen, um über die Drehbühne zum Drehbuch zu gelangen. Selbstverständlich lassen sich Monographien nur beschränkt „absetzen“.
    Um globalisierte Marktlücken über Monographien aufzumischen, gehört dann schon etwas mehr Technikverständnis dazu, um Botschaften zu vermittel, die im Zweifel anschließend auch in Serie gehen können.

    https://www.wsj.com/video/westworld-star-jeffrey-wright-on-merging-humans-with-technology/6BB5ACA6-3FC9-44CC-8BBA-64F0F2BC6D13.html

  3. Geisteswissenschaftliche Erkenntnisse bauen auf ihre Plausibilität. Anders lässt sich der „Geist“ nicht „dingfest“ machen. Gedanken, Gefühle, Glaube, Liebe, Hoffnung mögen ein materielles Substrat in Zellen, Genen und Hirnstrukturen haben, doch ihr spezifischer Gehalt und dessen subjektive Bedeutung sind flüchtig wie Seifenblasen.

  4. Seit einiger Zeit versuchen Geisteswissenschaftler, die Führung in allen Wissensgebieten zu übernehmen.
    Es könnte als faustischer Versuch verstanden und gewertet werden, zu ergründen
    was unsere Welt – Kultur – „im Innersten zusammenhält“.

    Schnittstellen, Nahtstellen …

    https://www.youtube.com/watch?v=bpiScGjXzAM

  5. @ 5 „was unsere Welt im Innersten zusammenhält“
    … haben früher Philosophen und Theologen zu ergründen versucht, heute mögen es eher die Sozialpsychologen sein, die im Unterschied zu jenen auch die materiellen, sprich: körperlichen, Grundlagen des menschlichen Lebens mitberücksichtigen – jedenfalls scheint der Ansatz von fraFri in diese Richtung zu gehen.

  6. @ 0 „immer mehr ungelesener Schrott in Zeitschriften publiziert und immer weniger ausführliche Reflexion in Büchern“

    Gemäß Karl Popper ist der wissenschaftliche Fortschritt kumulativ zu verstehen: als eine stetige Anhäufung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Dazu reichen Zeitschriftenaufsätze.
    Wenn freilich wissenschaftliche Revolutionen oder gar ein Paradigmenwechsel erwartet wird, dann braucht es ausführliche Reflexionen in Büchern. Doch die sind wohl derzeit nicht in Sicht – mal abgesehen von uFORM iFORM.

  7. Jenseits des Themas/off topic: vor längerer Zeit gab es hier mal eine Diskussion über die Rolle der Massenpsychologie bei der Steuerung der Meinungsbildung in Demokratien (bzw. solche, die sich vordergründig als solche ausgeben). Ich hatte damals Edward Bernays als wesentlichen Mann für die Manipulation der Meinungsbildung in Massen (engineering of consent) in die Diskussion eingebracht. Gestern gab es auf Arte einen wie ich finde sehr interessanten Beitrag über ihn, den man sich auch in der Mediathek anschauen kann:
    https://www.arte.tv/de/videos/071470-000-A/edward-bernays-und-die-wissenschaft-der-meinungsmache/

  8. @9 Naja, die Aufnahme ist schließlich noch von Vor März.
    Dann wird’s Zeit, daß man – wenn zwischendurch mal Luft ist- sind endlich mal um die Weihnachtsvorlesung des Vorjahres rund um die Riemann’sche Vermutung kümmert.
    https://www.youtube.com/watch?v=sZhl6PyTflw

    Kann ziemlich blöd werden, wenn die Physiker sauer werden …,
    und dann nur aus dem Off kommt:
    „Hol mal schnell die Rolle von Riemann?
    Wie? Welcher Riemann?“

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