Angenommen, ich würde Herrn Zuckerberg kennen………..

….was natürlich nur bedingt der Fall ist, dann hätte ich gestern einen gar nicht so überraschenden ersten Eindruck von seinem öffentlichen Auftritt haben können.

Kenne Zuckerberg natürlich nicht persönlich. War gestern nicht vor Ort im EU-Parlament anwesend. Natürlich weiß ich, wer Zuckerberg ist, wenn auch nur, wer der virtuelle Zuckerberg ist….oder besser zu sein vorgibt.

Ist mir im Grunde genommen auch egal. Mich interessiert der ausschnitthafte, virtuell präsentierte Zuckerberg, der natürlich auf dem Bildschirm live in der Befragung sichtbar war. Mich interessiert das, was ich von Zuckerberg gesehen habe. Das, was andere auch gesehen haben. Wie gesagt, mir ist egal, ob ich den „richtigen“, den „wahren“ oder den authentischen Zuckerberg gesehen habe.

Zuckerberg ist Zuckerberg, ist Zuckerberg, so wie er sich gestern gab.

Man sagt, er sei ein PR-Profi. Man sagt, er beherrsche die Jonglage des Aufmerksamkeitsgedöns. Mich interessiert nicht, ob er sich gestern gar authentisch gegeben hat oder nicht. Ich bin durch den Livestream teil der Inszenierung seiner Authentizität geworden. Und das war überzeugend genug.

Überzeugend, wenn man denn nur genau genug hinschaut. Ich bin sicher, dass diejenigen, die sich dem Livestream hingegeben haben,  gespürt haben, wovon ich gleich kurz berichten werde. Beginn ist das Begrüßungsritual mit Parlamentspräsident Antonio Tajani. 31 Sekunden reichen aus, um eine klare nonverbale Botschaft zu überbringen. Beide Männer betreten den (öffentlichen) Raum, wenden sich zueinander zu. Tajani bleibt trotz des offiziellen leicht behäbigen Gestus doch in sich beweglich, während Zuckerberg, man könnte fast sagen, sich zackig auf der Ferse drehend zur Kamera wendet. Sein Rückgrat scheint mit einem Stock wirkungsvoll versteift zu sein, so als würde dies einen besonders professionellen oder lässigen Eindruck erwecken (sollen). Ich fantasiere dabei schmunzelnd einen imaginären, unsichtbaren Puppenspieler, der seine Marionette nicht an sichtbaren Fäden über die Bühne fliegen lässt, sondern weit aus gewiefter, sozusagen aus der unsichtbaren Tiefe des Zuckerbergschen Körpers denselben im Sekundentakt, zeitlich gut temperiert im Raum an die, man könnte vermuten, zuvor festgelegten Stellen im Raum, platziert. (Ich kenn das z.B. aus Fernsehstudios. Zuvor werden Punkte mit einem Kreidekreuz markiert, auf die man sich dann hinzustellen hat).

Wen wundert dann noch die doch so flexible, spontan wirkende Drehung des Kopfes hin zur Kamera. Für den Bruchteil eines Moments glaube ich einen Impuls von Lebendigkeit gesehen zu haben. Wollte die so elegante Drehung des Kopfes doch in mir ein Moment der Überzeugung wecken, nämlich den Eindruck von persönlichem (nicht einstudiertem) Ausdruck erheischt zu haben. Wenn da nicht dieses unbewegliche Lächeln wie aus dem Nichts erschienen wäre. Zuckerberg hatte in weniger als 4 Sekunden energisch und kraftvoll Tajanis Hand geschüttelt (1.Sekunden), sich dann mit einem überraschend wirkenden Schwung stocksteif hingestellt (2.Sekunde), den Kopf zur Kamera gedreht (3.Sekunde) und das Lächeln gezaubert (4.Sekunde). Ein Lächeln, das ich von so vielen Bildern her kenne. Es ist ein unbewegliches, unsicheres, maskenhaftes Lächeln. Und ich fantasiere einen jungen Mann im virtuellen Zuckerberg, der in einem solchen Moment vielleicht ja irgendwo anders sein wollen würde. Ich fantasiere einen jungen Mann, dem diese 4 Sekunden schon zu viel sind. Zu viel sein müssten.

Tajani und Zuckerberg schreiten nebeneinander her und betreten einen Raum, um sich an einen Tisch zu setzen. Zuckerberg, wieder wie in sich versteift, wirft seinen Kopf weit ausladend zur Seite, so als würde dieser den Rest des Zuckerbergschen Körpers zu dirigieren haben. Wieder begleitet das spontan wirkende Lächeln diese Art der Kopfdrehung. Ein Lächeln, das nach Außen gerichtet ist, an die virtuelle, nicht greifbare Öffentlichkeit. Ein Lächeln, das Souveränität und Lockerheit suggerieren soll. Ein Lächeln, das man in einem solchen Moment eben zeigt. Es gehört dazu.

Es scheint aber auch Spiegel einer inneren, unbewusst gefühlten Leere zu sein. Einer Leere, die gefüllt ist mit der einzig persönlich relevanten Frage: wie wirke ich durch den Blick des Anderen gesehen. Wie und wer bin ich durch des Blick des Anderen? Gepaart mit der fast unscheinbar wirkenden angedeuteten Geste seiner linken Hand, die in ihrer Unbeholfenheit deutlich genug spricht, wünschte ich Zuckerberg in eben jenem Moment, dass der imaginäre Puppenspieler vor Schreck seine Hand zurückziehen würde. Vor Schreck, weil man diese Frage in enem solchen Moment nie hinreichend und zufriedenstellend beantworten kann. Ich wünschte Zuckerberg eine kleine Flucht.

Er setzt sich hin, Tajani sitzt ihm gegenüber. Wieder lächelt sein virtuelles Gesicht oder besser gesagt, die Lippen zusammengedrückt, heben sich Zuckerbergs Mundwinkel unmerklich ganz leicht. Die Wangen runden sich und scheinen hierdurch die Augen zu bewegen, so das man den Eindruck von Lächeln haben könnte.

Mir wäre in einem solchen Moment auf keinen Fall zum Lächeln zumute.

Beginnt Zuckerberg zu reden, erinnere ich mich an den ach so energischen Händedruck von Tajani und Zuckerberg. Beide schienen gar nicht mehr loslassen zu wollen. Beide wohl gemerkt. Zuckerberg ist ein ebenbürtiger Partner. Dies stellt er in einem solchen Augenblick eindeutig unter Beweis. In einem Augenblick, wenn er im unmittelbaren Kontakt mit seinem Gegenüber ist. Er stellt sich und seine Power auch dann eindeutig unter Beweis, wenn er spricht. Seine Stimme ist kraftvoll, eindringlich ohne aufdringlich zu sein. Seine Stimme ist prägnant und scheint keinen Widerspruch zu mögen. Sein Wort wirkt, so wie er es ausspricht, so wie er es platziert, wie gesetzt. Blick und Gestus scheinen dies zu unterstreichen. Wort, Kopfbewegung, Blick und Prägnanz der Stimme sind eins.

Zuckerberg ist ein gnadenloser und begnadeter Unternehmer. Innerhalb von 14 Jahren hat er eins der größten Unternehmen weltweit kreiert. Als ein solcher begnadeter Unternehmer wird er sich nicht die Wurst vom Brot nehmen lassen (wollen). Als eben derselbe Unternehmer ist er (auf jeden Fall) sich selbst gegenüber gnadenlos.

 

 

 

 

 

 

4 Gedanken zu “Angenommen, ich würde Herrn Zuckerberg kennen………..

  1. Prinzipientreue, Selbstdisziplin, Imagekünstler: Facebook-Chef Mark Zuckerberg isst nach eigenen Angaben nur noch Tiere, die er selbst getötet hat. Zuckerberg regt die Fantasie von jenen an, die hinter bestimmten körperlichen Merkmalen und Verhaltensweisen Böses vermuten. SZ-Karikaturist Burkhard Mohr zeichnete ihn in einer Weise, die als antisemitisch verdächtigt wurde, bloß weil darin ein typisierter Jude krakenhaft die Kommunikations- und Datenwelt (und damit, versteht sich, die ganze) in den Tentakeln hält. Vielleicht ist dem Zeichner die Nase des Facebook-Gründers Zuckerberg ein bisschen arg hakenhaft geraten, und dass die Tentakel wie Schläfenlocken wirken, mag auf hypersensible Gemüter irritierend wirken. Die Augen voller Heimtücke und der Mund in böser Freude aufgeworfen: das muss drin sein, will einer die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit entstellen, und diese Wirklichkeit hat nun einmal der Jude Zuckerberg unter seine Kontrolle gebracht, und deutet an, dass noch niemand so richtig geschnallt hat, dass sich das Weltjudentum, als vagabundierendes so ortlos wie die Datenströme, unserer geheimsten WhatsApp-Mitteilungen bemächtigt; freilich erst nachdem Zuckerberg von sämtlichen im Netz verfügbaren Fotos seine Hakennase hat retuschieren lassen. Eine Heimtücke, die im blutunterlaufenen Blick sichtbar zu machen Burkhard Mohr aufs Überzeugendste gelungen ist. Wie die Hakennase eben auch.
    https://rp-online.de/politik/antisemitismus-wirbel-um-sueddeutsche-karikatur-von-burkhard-mohr_aid-20499819

  2. Was bitte sehr Herr S. hat „das Judentum“ mit der Inszenierung von Mark Zuckerberg zu tun? Es könnte genauso gut „das Christentum“ …sein oder eben keines von all diesen. Er ist ER mit all seinen Wurzeln, Ideen und seinen Geschäften, so geworden, so beraten, er verantwortet sein Tun und Lassen.

    Ihre „sekündliche“ Beschreibung dessen was wir sehen konnten, lieber Herr Sollmann fand ich Klasse. Sie lässt einen genauer hinschauen. Wie früher, als wir Transkripte von Biographien geschrieben und ausgewertet haben. Das schult die Wahrnehmung ungemein. Ich persönlich würde gerne mehr von Ihnen lesen.

    Schönen Sonntag noch

    • ….Danke der guten Worte. 🙂
      Es kommt wieder mehr. Nämlich gleich heute. 🙂

  3. Nach seinem Auftritt im EU-Parlament in Brüssel reiste Mark Zuckerberg nach Paris, wo ihn der französische Präsident Emmanuel Macron im Elyssépalast empfing. Von diesem Treffen gibt es Fotos, die Zuckerberg zeigen, wie er immer aussieht, nämlich wie ein selbstbewusster Oberstufenschüler – in diesem Fall wie ein etwas bedröppelter, da Zuckerberg immer ein wenig unglücklich ausschaut, wenn er seine Oberstufenklamotten, also T-Shirt, Jeans und Sneakers, gegen einen Anzug eintauscht. Dieser Ausdruck Zuckerbergs weckt bei Beobachtern einen Vertrauenslehrerinstinkt und das sichere Gefühl: Hier sitzt ein intelligenter, etwas überehrgeiziger junger Mann, dem wir alle Jugendsünden, die er ohnehin glaubhaft bereut, verzeihen und ihm eine zweite Chance geben sollten.
    Macron stellte Zuckerberg beim abschließenden Fototermin in die erste Reihe neben den Präsidenten Ruandas, der wiederum direkt neben Macron stand. „Spiegel Online“ schrieb, Macron und Zuckerberg traten „wie ein junges westliches Führungsduo auf, auf das sich Afrika und die Welt verlassen können“. Zuckerberg gibt also den Staatsmann, und wir erinnern uns ans vergangene Jahr, das mit Zuckerbergs Ankündigung begann, in den folgenden Monaten alle Bundesstaaten der USA zu bereisen, so als beginne er einen Präsidentschaftswahlkampf. Von dieser Reise gibt es Fotos wie Zuckerberg mit einer Babykatze schmust und einem Kalb die Flasche gibt. Ein 12-köpfiges Social-Media-Team sorgte dafür, dass solche Fotos volksnah verbreitet wurden. Beobachtern schien es, als ob Zuckerberg beabsichtige, irgendwann Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden. Zuckerberg sucht also die Nähe von Politikern nicht, weil er gern so wäre wie sie, sondern weil er wie sie ist.

Kommentare sind geschlossen.