Auf Merkel ist Verlass – gerade in China

Die deutsche Kanzlerin hat ihren elften Besuch in China hinter sich gebracht. Er gilt als der wohl Schwierigste. Merkel musste zwischen den Themen: Freihandel, Trump, Iran, Nordkorea, Wirtsschaftsinteressen, Menschenrechten und anderen jonglieren. Merkel lässt sich offensichtlich aber dabei persönlich nicht aus der Ruhe bringen.

Was ist Merkels Geheimrezept? Wie hat sie China überzeugt, dass nämlich auf sie Verlass ist? Seit Amtsantritt von Trump ist Verlässlichkeit auf der politischen Bühne ein seltenes daher umso kostbareres Gut.

Merkel ist gefordert heute und nicht morgen Position in Bezug auf die aktuellen Themen zu beziehen. Sie kann Ross und Reiter nennen. Und hat dies in China getan. Sie spricht auch heiße Themen an und bleibt trotz der engen diplomatischen Etikette in China sich selbst treu. Sie bleibt Gestalterin, Gestalterin des eigenen Weges, besonders in China. Auch wenn sie manchmal eher behäbig wirken mag, gewann sie beispielsweise in dieser Woche Xi Jinping durch die unübersehbare Leichtigkeit, mit der sie auf ihn zuschritt, verbunden mit einem unbeschwerten Lächeln, als wollte sie sagen oder besser ihm zurufen: schön dass wir uns endlich mal wieder treffen. Ich freue mich auf Dich!

In China ist Beziehungsfähigkeit eine unabdingbare, notwendige Voraussetzung für die eigene Wirkung. Die Kür besteht aber darin, auch ein Zugehörigkeitsgefühl beim chinesischen Gegenüber zu erzeugen. Gerade dieses erleichtert die Erfahrung von Verlässlichkeit. Dieses Merkel scheint gerade in diese Hinsicht geübt zu sein.

Die deutsche Kanzlerin kann unmerklich einlenken, ohne ihr Gesicht zu opfern. Sie bleibt eigenständig trotz schier unlösbarer politischer Dilemmata. Ohne dabei aber sich zu überschätzen oder sich souveräner darzustellen als sie ist.

Merkel pflegt dabei nicht die eher altmodisch wirkende Kunst des Understatements, sondern bietet sich so an wie ist und auch von andern unmittelbar, vor allem auch auch nonverbal,wahrgenommen wird, ohne sich dabeu aufzugeben. Menschen spüren das. Menschen schätzen die Einfachheit ihrer Sprache, die Anschaulichkeit der von ihr zur Illustration gewählten Bilder. Menschen sehen ihr enfach das an.

Wer von der grossen politischen Bühne anders als Merkel kann Xi Jinping und Li Keqiang derart überzeugend zum Lachen bringen? Mit wem erlauben sich die beiden chinesischen Staatsmänner ganz entgegen der chinesischen Politiketikette, sonst noch in aller Öffentlichkeit sich einfach so gehen zu lassen? Merkel, auch wenn sie oft im eigenen Land als unbeholfen und kleinmädchenhaft beschrieben wird, kann ihr Gegenüber charmant aus dem (politischen) Gleichgewicht bringen, ohne dass dieser sich eine Blösse geben muss. So neigt sie beispielsweise ihren Kopf leicht nach unten und schaut fast ein wenig verschämt und doch mit einem gewinnenden Lächeln Xi Jinping so an, dass er nicht anders kann, als mit einem ebensolchen verschmitzten Lächeln zu antworten. Wer jemals mit chinesischen Politikern oder Mangern in offizieller Öffentlichkeit zu tun gegabt hat, weiss, dass Chinesen nicht einfach so loslachen oder gar dies noch gestisch unbeschwert zum Ausdruck bringen.

Merkel weiss um ihre ungelenken Bewegungen, hat sie dies doch schon der Fotojournalistin Herlinde Koelbl vor mehr als 20 Jahren offen und ohne Selbstzweifel mitgeteilt. Viele (Medien) ziehen aus ihrem Bewegungsverhalten aber voreilige Schlüsse und trauen Merkel nur bedingt Selbstbewusstsein oder gar einen sicheren, (eigenen) Stand zu. Konkret körperlich sowie in Form eines politischen Standpunkts. Sie traut sich auch leger neben Xi Jinpin zu stehen (andere mögen das als unsicheren Stand deuten). Überraschend ist dabei der Umstand, dass Xi Jinping ebenso leger dasteht. Chinesische Politiker sind in der Regel nicht so locker auf der öffentlichen Bühne. Beide Politiker kommunizieren somit auch nonverbal miteinander, sichtbar und überzeugend für Jedermann.

Wie schafft es Merkel, könnte man sich also fragen, nonverbal einen so deutlichen Einfluss auf den chinesischen Staatspräsidenten zu haben?

Beide Politiker sind seit Jahren nicht nur offiziell politisch miteinander in Beziehung sondern auh persönlich miteinander verbunden. Hatte Xi Jinping doch vor seiner Wahl 2013 ausgiebig mit Merkel hinter verschlossenen Türen konferiert. Beide hatten sich danach an das gegenseitig vereinbarte Schweigen gehalten. Es drang nichts aber auch gar nichts von dem so wichtigen Gespräch nach aussen. Ebenso hat er im Laufer der letzten Besuche Merkels in China erlebt, dass und vor allem wie Merkel sich transkulturell einfädeln kann, ohne ihre eigene Kultur aufzugeben. Chinesen mögen es nämlich überhaupt nicht, wenn man chinesischer sein will als Chinesen.

Merkel und Xi verlassen sich aufeinander, schätzen sie doch beide die gegenseitige Verlässlichkeit. Diese ist einerseits über die Jahre hin gewachsen. Andererseits ist sie auch Teil des Merkelschen Verhaltensmusters. Xi Jinping und Li Keqian scheinen dies gerade nonverbal regelmäßig zu erleben

Überzeugen doch nur die Menschen und nicht die Argumente. Diese sind Beleg oder Begründung für die eigene (politische) Position. Verlässlichkeit als ein gemeinsames, überzeugndes (politisches und persönliches) Erleben schafft und fördert hingegen Zugehörigkeit, auch wenn es so viele Unterschiede (in der politischen Auffassung) gibt. Und, wie gesagt, das Erleben von Zugehörigkeit besitzt in China einen hohen Wert.

 

 

 

 

2 Gedanken zu “Auf Merkel ist Verlass – gerade in China

  1. Bundeskanzlerin Angela Merkels Freundlichkeit gegenüber Chinas unbegrenzt und unumschränkt herrschenden Diktator zielte nebenbei gegen ihren unberechenbaren Widerpart im Weißen Haus. Ihre Bemerkung bezüglich der weltpolitischen Folgen der amerikanischen Iran-Sanktionen („Natürlich entsteht dadurch die Möglichkeit, dass dann andere mehr in den Iran hineingehen können.“ Dabei handele es sich um eine „chinesische Entscheidung“, der sie nicht vorgreifen könne.) war eine machtpolitische Botschaft an Donald Trump, dessen regelloser, konvulsischer Politik Angela Merkel ihr Plädoyer für „regelbasierte“ Politik öffentlich entgegenhält. Trumps „Spielchen“ mit der Macht beherrscht auch Merkel.

  2. naja, Verlass auf ein funktionierendes Netzwerk ist schon etwas Feines.
    Eine clevere Organisation ist alles, speziell auch bei der Mafia …,
    Wen schert das schon, wenn dies dann im Zweifel zu Lasten Dritter läuft,
    die unter Umständen garnicht merken wie ihnen geschieht?
    Etwas Schwund ist ohnehin immer.
    Corriger la fortune mit System darf halt nicht so sehr auffallen als Taktik
    sonst muß man zwischendurch zu oft radikal für tabula rasa sorgen…

    Letzteres mögen so manche Blockwarte und Spießbürger dann halt doch nicht.
    🙂

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