China kann (noch) nicht Börse

Chinas Börsen spielen verrückt. Mal wird der Schuldige in der von der Regierung eingesetzten Handelsstoppautomatik gesehen. Mal in der Achterbahn, auf die der chinesische Yuan geschickt wird. Für ausländische Bank- und Währungsexperten geschieht das aus völlig unerklärlichen Gründen. Hat China einen Plan?

  • Seit jeher ist die Gesellschaft Chinas durch Mauern strukturiert.
  • Nur innerhalb der Mauern war so etwas wie Selbstregulation möglich.
  • Ist China deshalb mit den Regeln des westlichen Marktes noch nicht vertraut?

Der globale Aufschrei mündet in Ratlosigkeit auf Seiten westlicher Wirtschaftsauguren. Sie fragen sich, was denn der geheime Plan, die Hidden Agenda der chinesischen Regierung sei, so und nicht anders zu handeln. Gleichzeitig scheinen sie sich sicher zu sein, China hätte eben einen solchen geheimen Plan, eine versteckte Absicht.

Ob China einen solchen Plan tatsächlich hat, ist völlig unklar.

„Was ist denn überhaupt der Markt?“ fragte der Leiter der offiziellen chinesischen Delegation Huang H. anlässlich des Deutsch-Chinesischen Nachhaltigkeitsdialogs in Berlin im Mai 2015. „Und wie funktioniert Markt überhaupt?“ hakte er nach und spielte mit offenen Karten. Es ist nach herkömmlicher Erfahrung sicherlich höchst ungewöhnlich, dass ein offizieller Vertreter der Chinesischen Kommunistischen Partei, zudem noch im Ausland, seine Unsicherheit und Hilflosigkeit der Öffentlichkeit Preis gibt. Und nicht nur das. Huang H. erbat Hilfe und Unterstützung für die Beantwortung seiner Fragen.

China ist bekanntermaßen (noch) nicht vertraut mit einem sich selbst regulierenden Markt. Chinas Markt ist staatlich geregelt. Die Politik steht im Zwiespalt zwischen kommunistischen und kapitalistischen Interessen. Seit Jahrtausenden steuert das Land Menschen und Gesellschaft unter anderem durch rigide strukturelle Vorgaben. Vorgaben, die die Funktion einer Mauer haben. Man denke nur an den Erfolg des ersten chinesischen Kaisers Qin Shi Huang, der um 259 – 210 vor Christus die damals existierenden sieben Reiche geeint hat. Sein Erfolg bestand vermutlich darin, direkt und unmissverständlich strukturell zu steuern. So baute er landesweit Straßen und Kanäle, führte eine verbindliche Währung sowie ein Gewichtssystem ein. Er baute auf Normierung, Kontrolle und Zentralisierung.

Qin Shi Huang griff auch direkt in das Leben der Menschen ein. Gesetze regelten das korrekte Verhalten der Bürger und setzten Strafen und Belohnungen fest. So wurden vor allem die Bauern in Gruppen zu je fünf Familien eingeteilt. Diese lebten dann zusammen in ihren Hutongs, umgeben von einer Mauer. Und sie waren füreinander verantwortlich – sowohl nach innen, sich selbst gegenüber, als auch nach außen, dem Kaiser gegenüber.

Ein wesentliches Moment, auf das Qin Shi Huang die Architektur der Gesellschaft stützte, war die Mauer. Sei es die Erweiterung und Festigung der Großen Mauer, sei es die Mauer, welche die nachbarschaftlichen Wohngebiete (Stadtviertel) nach außen abschirmte, sei es die Mauer, hinter denen die Fünf-Familien-Verbunde lebten. Innerhalb der Mauer konnten die Menschen weitgehend so leben, wie sie es wünschten.

Die Selbstverwirklichung – im Sinne von relativer Selbstregulation – wurde nur durch die strengen Vorgaben des Legalismus begrenzt. Dieser stellte das Kollektiv über den Einzelnen und sah Belohnung und Bestrafung als Schlüssel zur Wahrung der Macht an. So darf man in China beispielsweise öffentlich politisch kritisch sein, aber nicht zu einer entsprechenden Demonstration aufrufen. Dann nämlich reagiert die Polizei.

Qin Shi Huang gilt durch die Neuinterpretation der Kommunistischen Partei seit 1972 als weitsichtiger Herrscher.

Warum beziehe ich mich auf die Funktion „der Mauer“? Sie scheint als architektonisches Element der chinesischen Gesellschaft und Kultur ein bestimmendes Element zu sein. Denken Sie nur an die Funktion der Großen Mauer, sowie die Mauer, die den Kaiserpalast in Peking umgibt. Und stellen Sie sich nur vor, was der chinesische Historiker Sun Longji meinen könnte, wenn er die Tiefenstruktur der chinesischen Mentalität als „ummauertes Ich“ bezeichnet.

Innerhalb der Mauern gibt es viel Selbstregulation. Markt, Kapitalismus und Marktentwicklung basieren weitgehend auf sich selbst organisierenden Märkten. Regulierungsbemühungen der chinesischen Politik besitzen eher die Funktion einer Mauer. Ist es dann nicht folgerichtig, dem chinesischen Delegationsleiter Huang. H. zu glauben, dass Politik und Gesellschaft in China (noch) nicht vertraut sind mit Marktentwicklung und den sich selbst organisierenden Kräften?

Meine Erfahrung mit chinesischen Kunden oder Partnern zeigt regelmäßig, wie unerfahren sie sind, wenn es um Selbstverwirklichung und Selbstregulation im öffentlichen Raum geht.

Wie soll es denn anders gehen, frage ich mich, wenn die Politik über die Börse verfügt und „Mauer spielt“? Wie soll es anders gehen, wenn die Menschen mit ihrem jeweils „kleinen persönlichen finanziellen Einsatz, sprich Wertpapier,“ sich in Selbstregulation üben? Solange China über Jahrhunderte hinweg von der Welt relativ abgeschottet gelebt hat, funktionierte das spezifische Zusammenspiel von „Mauer und Selbstregulation“ recht gut. China befindet sich inzwischen aber auf einem globalen Spielfeld, auf dem andere Regeln herrschen. China ist damit (noch) nicht (genügend) vertraut.

Vielleicht  besteht ja die Hidden Agenda westlicher Börsenauguren darin, dass sie Gesellschaft und Politik Chinas eine Verhaltenssicherheit unterstellen, von der Chinesen sagen, dass sie sie selbst gar nicht haben.

Die Frage, was Markt ist und wie er funktioniert, kann auch als sichtbarer Streifen am politischen Horizont verstanden werden