„Das Bild, das bleibt“ – Bildbetrachtung als politischer Prozess der Selbst-Verführung

„Das Bild, das bleibt“ spiegelt der Spiegel das wohl einprägsamste Foto des letzten Gipfels der G 7 Länder (link s.u.). Angenommen ich würde mal wieder eine Bildbetrachtung so machen, wie ich sie vor vielen, ja wirklich sehr vielen Jahren in der Untersekunda gemacht hatte, zu was würde ich mich dann hinreißen lassen? Was wäre meine Beschreibung, was wären meine Bestimmungskriterien, was wäre das, zu was mich dieses Bild verleiten könnte.

Damals dauerte so eine Bildbeschreibung lange; manchmal hatten wir während der Klassenarbeit in Deutsch 3 bis 4 Stunden Zeit, um uns über das, was der Künstler meinte (oder unser Lehrer meinte, dass er das meinte), auszulassen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie schrecklich es war, Seite um Seite mit irgendwelchen Überlegungen anzufüllen. Ich mache es heute daher eher kurz, schnell, pointiert und …..na ja vielleicht ermutigt dies ja jemanden, eine Bildbetrachtung zu meiner Bildbetrachtung anzustellen.

Das, was zu sehen ist:

Viele Herren in dunklen Anzügen, fast nur blaue Krawatten. Und eine Dame im hellblauen Blazer. Fast alle der Herren blicken auf diese Dame, die wiederum einen sitzenden Herren, den einzigen sitzenden Herren, anschaut. Während dieser mit verschränkten Armen, seinen Blick nicht auf jemanden anders gerichtet hat, regungslos ist. Dabei sind die Augenbrauen des besagten Herrn, hoch gezogen. Die unteren Backen sind leicht gewölbt, was auf angespannte Kiefernmuskeln schließen lässt. Der Kopf ist nicht aufrecht auf den Schultern sitzend. Man könnte vermuten, dass der Kopf in den Nacken gezogen ist, was wiederum auf angespannte Nacken- und Schädelbasismuskulatur schließen lässt. (Manchmal gehen Beschreibungen nicht ohne eine -hoffentlich- nicht vorschnelle Deutung) Der Kopf ist dadurch mit der Unterseite leicht nach vorne geschoben, was sich (wohl nicht nur) aus der angespannten Nackenmuskulatur ergibt. Die Lippen des Herrn (einige sehen in ihm natürlich Herrn Trump. Dies zu behaupten wäre aber eine an dieser Stelle noch nicht erlaubte Interpretation). Sind wir doch noch in der Phase der phänomenologischen Bildbeschreibung.

Die Lippen sind geschlossen, verbunden mit den angespannten Kiefernmuskeln gibt es keinen bildhaften Beweis dafür, dass es sich um einen sprechenden oder gerade gesprochen zu habenden Mund handelt / handelt könnte.

Die Dame im hellblauen Blazer hingegen ist auf ihre Hände gestützt, leicht nach vorne gebeugt und den Herrn anschauend. Ihr Blick spiegelt eine (möglicherweise beginnende) Bewegung hin zu besagtem Mann. Sich so aufzustützen, das Gewicht in die Richtung dieses eher reglos dasitzenden Herren zu lenken, könnte als eine im Moment der beginnenden Bewegung sich befindende Geste angesehen werden. Und doch ruht das Körpergewicht der Dame im hellblauen Blazer stabil auf ihren eigenen Händen und Armen.

All die anderen Personen haben ihre Münder geschlossen. Lediglich zwei Personen, einer hinter der Dame, einer neben besagtem Herrn, haben ihre Münder geöffnet, was darauf schließen lässt, dass sie entweder Mundatmer (eine Erkältung, verbunden mit verstopfter Nase ist wohl auszuschließen) oder dabei sind was zu sagen oder zumindest durch den Gestus, auch wenn sie kein Wort gesagt haben, den Ausdruck von etwas zu Sagendem vermitteln (wollen / könnten).

Man kann bezüglich der Anordnung der Personen nichts auf die Beziehungen schließen und doch könnte man aufgrund des Arrangements der Personen eine gewisse bedeutungsvolle Beziehung vermuten.

Das, wie es angeordnet ist usw:

Das Arrangement der Personen vermittelt den Eindruck, dass es sich um eine Gruppe von Menschen handelt, die miteinander zu tun hat. Die aufeinander bezogen sind und eventuell eine gewisse Paarung vermuten lassen. Die beiden im Mittelpunkt sich befindenden Personen haben jeweils ein Pendant, das zum Wort angeben möchte / könnte, während die beiden Hauptprotagonisten ohne Mundbewegung abgebildet sind.

Die Blicke der Anderen auf die Dame scheinen eine deutliche Bezogenheit auf besagte Dame zu spiegeln, hingegen nicht auf den mit verschränkten Armen sitzenden Herrn (was diesen wohl zutiefst wurmt). Die leicht zur Seite gehaltenen Köpfe unterstreichen diese Bezogenheit, welche zudem eine gewisse zeitliche Dringlichkeit der Erwartungen vermuten lassen könnte. Man könnte über die möglichen Gedanken besagter Herren denken: „wann kommt ihr denn endlich zur Sache“.

Das, was es in mir bewirkt:

Die beiden Hauptprotagonisten spielen das Spiel „Dame gegen Herrn“ oder „Herr gegen Dame“. Während er sich eher trotzig verschließt, fixiert sie ihn mit ihrem Blick, dem er ausweicht, weil er einem solchen Blick nicht gelassen standhalten könnte, wenn er ihn denn erwidern würde. (Man mag mir diese hoffentlich nicht zu spekulative Interpretation verzeihen).

Er verharrt, während sie in einem (beginnenden oder potenziellen) Bewegungsgestus verbleibt. Beide scheinen Einflüsterer oder Adjudanten zu haben, ich denke dabei an die beiden Personen, die mit offenen Mündern abgebildet sind. Beinah alle anderen Herren warten auf das, was die Dame (wir wissen inzwischen alle, dass es sich um Frau Merkel handelt) sagen wird / würde, was sie sagen würde. Gespannt könnten alle auch darauf warten oder hoffen, dass oder ob sie (wir wissen es nun alle) Herrn Trump in Bewegung bringen kann / könnte. Dieser verharrt und versteht sich dabei als jemand der befürchtet, dass alle anderen ihm ja nur was wollten. Sich zu bewegen hieße dieser möglichen Gefahr eine offene Flanke zu bieten. Zu verharren ist aber auch eine der basalen Reaktionen im Tierreich, um lebensgefährlichen Stress zu managen. Entweder Flucht oder Angriff oder Erstarrung sind die biologischen Mittel der unbewussten Wahl, den Stress zu beenden. Angriff ist in einer solchen Situation zu gefährlich. Zumindest diese Dame könnte ihn ja beißen. Flucht schafft er aus der Überzeugung heraus nicht, da dies seinen Tod bedeuten könnte. Den Tod durch Flucht würde er als virtuelle Bedeutungslosigkeit erleben. könnte er dann doch noch nicht einmal mehr zwitschern.

Das unbewusst gewählte Mittel der Erstarrung birgt, so hofft er, noch ein Fünkchen Hoffnung, Hoffnung auf eine Wiederbelebung durch den medialen Kuss seiner Anhängerschaft, wenn er denn diesem Hexenkessel entkommen könnte. (Besagter Herr Trump ist dabei ganz schlau, erstarrt er doch im Angesicht besagter Dame Merkel, um dann siegessicher die Faust beim Betreten seines Präsidentenjets zu heben, den Blick wiederum abgewandt).

Das, was es auf den Punkt gebracht meint (meinen könnte):

Na ja, dieser Mann scheint der Öffentlichkeit vermitteln zu wollen, dass er „genügend Eier in der Hose hätte“. Wie aber mit so einem Menschen umgehen? Die Genderdebatte und die Überzeugung von Höflichkeit, vielleicht ja auch ein Quäntchen professioneller Scham, machen es mir schwer, an dieser Stelle eindeutiger Stellung zu beziehen.

(Früher beim Abfassen eines Besinnungsaufsatzes hatte dies dazu geführt, dass ich nur eine mittelmäßige Note einfuhr).

 

P.S. Mir fällt gerade ein, wie es einer meiner Ausbilder (es war übrigens ein Amerikaner) im Rahmen unserer Ausbildung indikatorisch auf den Punkt brachte. Wie sollte man mit einem Klienten, der Elemente einer solchen Struktur verkörperte, arbeiten. Hier die Antwort:

  • Lass dich nicht auf einen Wettkampf oder gar offene Rivalität ein. Anderenfalls würde der Klient unmittelbar die Therapie abbrechen.
  • Da er „unten herum unsensibel ist und nichts fühlen könne „pack ihn bei den Eiern“. Dann könne er nicht mehr ausweichen. (Möchte an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, dass es in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts einen oftmals aus heutiger Sicht fremden Sprachstil gab). Konkret war darunter indikatorisch gemeint, mit der Sexualität des Klienten zu arbeiten.
  • Bleib dran an seinen abgewehrten Gefühlen von Ohnmacht und inszenierten Ausdruck von Grandiosität. Argumentiere nicht mit ihm, denn dann hast Du verloren. Entlarve ihn in deinem Beisein, mach Dir aber klar, dass dies zu extremstem Ausdruck von Affekt führen wird.

 

http://www.spiegel.de/politik/ausland/donald-trump-und-angela-merkel-auf-g7-gipfel-foto-sorgt-fuer-diskussionen-a-1212154.html

2 Gedanken zu “„Das Bild, das bleibt“ – Bildbetrachtung als politischer Prozess der Selbst-Verführung

  1. bin sowas von gerührt,
    …un der Tussi kannse gleich eine überbraten, aber mittene echte Gußeiserne
    „Zwar kann man argumentieren, dass es einst in der Geschichte, als Buchgeld noch eine geringere Rolle spielte, gleichsam nur Vollgeld gab und das auch irgendwie funktionierte. Allerdings ist es wohl auch kein Zufall, dass parallel zum Aufstieg von Handel und Wirtschaft in der Neuzeit auch das Buchgeld enorm an Bedeutung gewonnen hat. Es erweiterte die Spielräume.“

  2. Die verschränkten Arme von stehenden Prime Minister Shinzo Abe und sein abgewendeter Blick signalisieren (mir) in dieser Momentaufnahme leider etwas von den wenig anschlussfähigen Bemühungen (bzgl. dessen, wofür auch immer gerade geworben wird).

    Interessant wer sich so als (vermeintlicher) Spielführer, Spielverderber, Spielversager oder Spielverweigerer und als kooperierender Mitspieler mit seiner Körperhaltung positioniert…

Schreibe einen Kommentar