„Ich weiß, dass ich durchkomme“ sagte Merkel, überzeugt und ganz ohne Zittern

Die Kanzlerin zittert und löst ein Beben in der Republik aus. Was ist mit der Kanzlerin? Ist sie krank? Warum schweigt sie? Bricht die GroKo auseinander? Ferndiagnosen vermuten entweder einen essentiellen Tremor oder eine zu behandelnde Krankheit.

Jedwede pathologisierende Ferndiagnose ist in einer solchen Situation unzutreffend und unpassend. Mit meinen weiteren Ausführungen möchte ich diesem medialen Chorgesang nicht beitreten. Und doch scheint es angezeigt zu sein, etwas zum Zittern als einem psycho-physischen Reaktionsmuster ohne pathologischen Befund zu sagen. Von einem solchen kann ausgegangen werden, wenn es keinen medizinisch-pathologischen Befund gibt. Zwar kann das Zittern als Störung betrachtet werden. Eine Störung ist aber noch keine Krankheit.

Essentielles Zittern ist, wie gesagt, keine Krankheit. Es handelt sich lediglich um einen fremdsprachlichen Ausdruck eines körperlichen Symptoms. Mehr nicht. Dieser Ausdruck ist zudem unzutreffend für die Enträtselung des Zitterns von Frau Merkel. Tritt doch das essentielle Zittern gerade meistens bei Bewegungen auf. Frau Merkel konnte ihr Zittern aber durch Bewegung abstellen.

Wie gesagt, wenn keine Krankheit feststellbar ist, kann dieses psycho-physische Reaktionsmuster als Stress- oder Überlastungsphänomen betrachtet werden. Liegt es doch in der physiologischen Natur der Muskeln bei stetig erhöhter Anspannung zu zittern, zu beben oder zu zucken. Jeder kennt dies aus eigener Erfahrung. Diese autonomen Körperreaktionen können oft kontrolliert werden, sodass sie nicht sichtbar werden. Steigt die Überlastung und / oder hat der Mensch (unbewusst) Angst vor der Angst, welche bei den meisten Menschen in einem solchen Fall auftritt, kontrolliert er sich unbewusst stärker und erhöht hierdurch die Gefahr des erneuten Auftretens des Zitterns. Dies ist ein normaler Vorgang des Organismus in einer solchen Situation. Ist das Zittern doch dann geradezu ein von der Natur geschenktes Ventil, ein Zuviel an Spannung auch wieder loszuwerden, sozusagen wegzuzittern.

Jemandem in einer solchen Situation zu raten, er hätte Stress und er solle  Autogenes Training machen, erhöht geradezu den Stress. Ist doch dieser Rat unspezifisch. Viele Menschen, und das weiß ich aus meiner eigenen Arbeit mit Menschen mit solchen Beschwerdebildern, fühlen sich nicht persönlich ernst genug genommen. Erst das Verstehen der individuellen Stressreaktionsmuster, des persönlichen Stressprofils ermöglicht einen Zugang zum Menschen. Ein solches ermöglicht dann differenzierte und tatsächlich an der jeweiligen Person festgemachte Empfehlungen. Was dem einen hilft, kann für den Anderen geradezu kontraindiziert sein.

Wenn keine Erkrankung bei Frau Merkel vorliegen würde, könnten folgende Ausführungen hilfreich sein, um Merkels Stressprofil besser zu verstehen.

Merkel hat eine hohe kommunikative Kompetenz. Zudem ist sie ein Garant für Verlässlichkeit. Ich mache hier keine Aussagen zu den Inhalten ihrer Politik sondern nur zu ihrem Stressprofil / zur Stresskompetenz. Sie ist bekannt dafür, hohe Belastung und extremen Stress aushalten zu können. Sie hat tief in ihrem Innern ein starkes Werteempfinden, ohne damit aber hausieren zu gehen. Nur selten zeigt sie dies. Wenn, dann aber unmissverständlich (z.B. 2015). Die meisten Menschen wissen gerade dann, wie wichtig ihr dies ist. Oft wird sie als zu lange abwartend, zu zögerlich wahrgenommen. Es sieht dann so aus, würde sie keinen eigenen Standpunkt haben. Merkel hat ihn, und diesen immer wieder deutlich unter Beweis gestellt. Und doch kann ihr Zögern als versteckte Scheu verstanden werden, klar und deutlich „Nein“ zu sagen, sich unmissverständlich abzugrenzen, auch wenn sie um ihre Grenzen weiß.

Körperlich wirkt die Kanzlerin oft ungelenk. Sie sagt selbst über sich, sie wirke wie ein „Bewegungsidiot“ (in: „Spuren der Macht“ von Herlinde Kölbl). Hat sie doch, wie sie selbst sagt, erst nach langem „mühsamen Üben und geistiger Arbeit“ gelernt, wie man koordiniert einen Berg runtergeht. Angela Merkel schafft es also durch ihren Kopf, ihren Verstand ihren Körper zu beherrschen. Ebenso braucht sie qua Kommunikation die Beziehung zu Menschen, ohne sich aber persönlich zu öffnen. Dies tut sie nur bei sehr wenigen Menschen. Bei Menschen, denen sie vollends vertraut. Sie stellen für Merkel ein Halt dar, gleichsam eine sichernde Struktur im Leben. Ihr Körpererleben vermag dies offensichtlich nicht zu gewährleisten.

Natürlich ist Angela Merkel noch sehr viel mehr.

Merkel kennt Stress und Belastung. Sie sind (leider) unverzichtbarer Teil ihres Politikerinnenlebens. Merkel kann auch extreme Anspannung aushalten, das zudem noch über lange Zeit. Merkel kann dies. Erinnert man sich doch an die unzähligen Beispiele, durch die sie ihre extrem belastbare Verlässlichkeit als Stresskompetenz unter Beweis gestellt hat. Ganz unspektakulär, ganz normal. „Wie kann diese Frau, fragen sich viele, dies alles nur aushalten, ohne dass man es ihr auch noch groß ansieht.“

Versteht man das Zittern als eine normale Stressreaktion bei extremster Belastung, fragt man sich, warum gerade jetzt das Zittern. Ist das Leben zur Zeit so viel anders als vor einigen Wochen oder Monaten? Die physische Belastung mag ähnlich sein wie sonst. Die psychische Beanspruchung scheint hingegen die Grenzen ihrer (emotionalen) Belastbarkeit erreicht zu haben. Dies kommt durch das Zittern zum Ausdruck. Auf der Bühne der Weltöffentlichkeit zu zittern, die Kameras als mediale Waffen zu erleben, die nur darauf warten, Merkel wieder zittern zu sehen, scheint zudem Merkels emotionales Innenleben derart herauszufordern, dass ihre sonst so gut funktionierende Selbst-Kontrolle versagt. Allein der Gedanke an das mögliche Wiederkehren des Zitterns birgt den Keim des erneuten Zitterns in sich. Hinzu kommt, dass sie es nicht verstehen kann. Gehört doch dieser Aspekt geradezu zu einem solchen Stressreaktionsmuster.

Es steht mir nicht zu über das Erleben von Frau Merkel zu spekulieren. Aus der Perspektive des Stressreaktionsmusters betrachtet könnte sie die derzeitigen politischen Geschehnisse als unbewussten Angriff auf ihre Integrität, auf ihre tief verankerte Wertehaltung erleben. Einhergehend mit der Scheu sich frühzeitig und deutlich genug abzugrenzen, also einen solchen Zustand von höchster emotionalen Beanspruchung länger als es für sie gut ist, auszuhalten, versucht sie sich noch mehr zu kontrollieren. Die Art wie sie sich körperlich verzweifelt, gar ohnmächtig wirkend angestrengt hatte, das Zittern zu unterdrücken, ist Beleg hierfür.

Und doch, als sie in Bewegung ging, verschwand das Zittern wie von selbst. Nicht verwunderlich, erinnert man sich an das physiologische Muster der Muskelreaktion unter hoher Belastung.

Merkel hatte bereits vor sehr vielen Jahren Herlinde Kölbl von den enormen Belastungen im Politikerleben berichtet, aber auch ihrer Überzeugung Ausdruck verliehen, dass sie wüsste, „am Ende immer durchzukommen“.