Sie mal, wie der spricht: dieser Richter Kavanaugh.

Hat er oder hat er nicht. Er, das ist Richter Kavanaugh.

Für die einen ist es die Frage. Die Frage nach Schuld oder Unschuld. Für die anderen ist es die Forderung, endlich die FBI-Untersuchung lang und gründlich genug durchzuführen. Für Trump geht es ums Überleben.

Mich interessiert (auch) wie sich Richter Kavanaugh im Ausschuss vergangene Woche gegeben hat. Was er für eine Figur abgegeben hat. Wie er emotional gewirkt hat. Es steht mir überhaupt nicht zu irgendwelche Spekulationen über das zu wagen, worum es inhaltlich geht. Mich interessiert die Inszenierung der handelnden Personen.

Kavanaugh.liest sein Statement ab. Hoch konzentriert legt er seine Stirn in Falten, rümpft seine Nase und kann nur mühsam seinen verbitterten Zug um den Mund herum verbergen. Seine Stimme klingt gepresst, scharf, prägnant und in einer zu hohen Stimmlage. Er scheint seine Worte „rauszuspucken“ und wirkt dabei angewidert, angeekelt. Seine Nasenflügel beben dabei unentwegt, bei jedem Atemzug.

Richtet er seinen Blick auf sein Manuskript ändern sich Mimik und Stimme umgehend. Es scheint als würde abwechselnd von einen Redemodus in einen Ablesemodus und wiederum zurück wechseln.  Es ist allein schon rhetorisch gesehen ein Unding, sehr persönliche Aussagen über sich selbst vom Manuskript abzulesen. Wenn es um einen selbst geht, müsste man sich doch auf sich selbst und nicht auf ein Manuskript verlassen, denkt der Zuschauer.

Hört er zu, lauscht er angestrengt den Worten seines Gegenübers schnieft er oftmals so dass seine Nasenflügel zu beben scheinen. Er hat nicht nur die Nase voll sondern ist voller überschäumender Wut und ungebremstem, unkontrolliertem Zorn. Er kann oftmals gar nicht mehr an sich halten. Dann unterbricht er provozierend sein Gegenüber.

Kavanaugh hat sich nicht im Griff. Richter Kavanaugh zeigt eine Attitude, ein Verhaltensmuster, das jemanden in der Richterrolle für das berufliche Amt disqualifizieren würde. Trotzig wirft er Fragen bezüglich seines Alkoholgenusses an sein Gegenüber zurück, als würde er sich einerseits verbrüdern wollen so nach dem Motto „wir trinken doch alle mal ein Glas Bier. Was ist denn schon dabei“. Oder aber andererseits versucht er mögliche Attacken frühzeitig zu kontern. Kavanaugh befindet sich im Kampfmodus.

Zunehmend gerät er außer sich und verliert die Contenance. Als es um eine mögliche FBI-Untersuchung geht, kollabiert er aber urplötzlich und weiß nicht weiter. Er stammelt rum, kann den Angriffen nicht mehr parieren. Blickt sein Gegenüber beinah hilflos an.

Just in diesem Moment springt ihm der republikanische Senator Graham zur Seite. Mit einem ungeheuren Angriff gegen die demokratischen Senatoren appelliert er fast schon magisch aber auch voller Hass an seine republikanischen Kollegen, für Richter Kavanaugh zu stimmen.

Sich einem solchen Ausschuss stellen zu müssen, bedeutet für jeden, das will ich mal einfach so behaupten, einen ungeheuren Stress. Geht es doch wirklich um was. Nämlich um einen lebenslangen mächtigen Richterposten. Geht es doch um ungeheuerliche sexuelle Vorwürfe. Und geht es doch auch um das Überleben der Trumpschen Regierung.

Unter Stress schaltet der Mensch unbewusst, automatisch, in der Regel um auf den biologischen Überlebensmodus. Unter Stress bewährt sich für viele das, was sie im Leben als die beste Überlebensstrategie entwickelt haben. Die hiermit verbundenen Verhaltens- und Reaktionsmuster sind typisch für jeden einzelnen Menschen und sind im Verlauf der Lebensgeschichte entstanden. Sie lassen sich nur bedingt bewusst steuern oder gar kontrollieren.

Kavanaugh reagierte vor dem Ausschuss in seinem typischen Verhaltensmuster. Kommt er unter Stress oder ist er in einer Krise, welcher Art auch immer, sei es wie bei einem solchen Angriff oder wenn er verliebt wäre, er würde im Prinzip stets so reagieren. Kavanaugh kontrolliert sich selbst überaus stark. Er will um jeden Preis die Fäden in seiner Hand halten. Gleichzeitig macht er sich klein, indem er sich mit den Worten als „ein Sohn, Ehemann und Vater“ ausgesagt zu haben, versteckt. Weiß doch jeder, dass es um ihn geht und um die gegen ihn gerichteten Vorwürfe. Und nicht um seine Familie oder seine Rolle als Vater.

Er geht gleich in den (Gegen-) Angriff über und sich gut darauf vorbereitet. Und doch zeigt der Umstand, dass er mit einer bestimmten Mimik abliest und mit einer völlig anderen Mimik, die er in einer unglaublichen Schnelligkeit wechseln kann, sich an sein Gegenüber wendet, die Doppelbödigkeit seines Gesamtausdrucks. Man fragt sich zu Recht, wer ist er denn nun, was entspricht seiner momentanen Befindlichkeit, und was bezweckt er hiermit?

Kavanaugh wechselt das Thema, so wie er es will, wie es zupass kommt. Mal geht es um ihn persönlich und die Missbrauchsvorwürfe, mal um die Politik, mal um die anstehende Ernennung. Er ist ein Jongleur seiner selbst, der aber letztendlich leicht als ein solcher zu identifizieren ist. Wird es z. B. später in einer sehr besonderen, stressigen Situation bei Gericht ernst, so könnte man befürchten, dass man ihn nonverbal wie ein offenes Buch lesen kann. Er werde weiter hart arbeiten – ausgewogen, vorurteilslos und der Verfassung und dem Gemeinwohl verpflichtet, betont er. „Ich verehre die Verfassung“, könnte dann aber auch heißen, dass er dies Bekenntnis nur sehr bedingt auf jeden Fall nicht souverän genug wird einlösen können.

Der Kollaps schließlich zeigt die strukturelle Schwäche des Richters. Er kann letztendlich eine solche Krise, einen solchen Stress nicht ohne die Unterstützung anderer aushalten oder gar meistern. Er ist nicht souverän, mental nicht stark oder ausgeglichen genug, Und kann Dinge allein durch seinen Einsatz nicht hinkriegen.

So wundert es nicht, dass Tage drauf der ehemalige oberste Richter John Stevens ein klares Statement abgibt. Kennt er doch bestens, wie es bei diesem Gericht in schwierigen Fällen zugeht. Er sieht in Kavanaugh nicht den geeigneten Kandidaten.

„Vor allem die Behauptung Kavanaughs, bei den Anschuldigungen, etwa der versuchten Vergewaltigung, handle es sich um eine politische Kampagne, finanziert von der Linken, als Racheaktion der Clintons, habe diesen Eindruck bei mir entstehen lassen.“