Soziale Wählermilieus – eine Einheitssoße

Die Zusammensetzung der Wählerschaft der Parteien in Deutschland hat sich zum großen Teil erheblich gewandelt. Zu diesem Ergebnis kommt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) in einer aktuellen Studie. „Die Alterung der Gesellschaft und der Wandel der Arbeitswelt wirken sich auch auf die Wählerpräferenzen aus, sodass manch altes Muster wie etwa das von der SPD als klassischer Arbeiterpartei verblasst ist“, sagt DIW-Forschungsdirektor Alexander Kritikos. „Die Wählerschaften von Union und SPD ähneln sich dagegen immer mehr.“

Worin besteht also noch ein nennenswerter Unterschied, der jeweils von Union und SPD als Alleinstellungsmerkmal Wähler für die Mobilisierung im Sinne der eigenen Position genutzt werden könnte?

Warum schließen sich daher die großen Volksparteien im Vorfeld des Wahlabends nicht schon zu einer, nämlich DER großen deutschen Volkspartei zusammen? Dann würde man der Lebenssituation der Wähler entsprechen und alle möglichen Querelen, die mit einer großen Koalition verbunden sind, schon im Vorfeld die Luft aus den Segeln nehmen.

Warum eine Wahl veranstalten, die dann doch nur ein sensationelles Ego-Shooting ist?

Na ja, vielleicht kommt ja ein findiger Wahlkämpfer endlich drauf, dass sich Menschen, und Wählerinnen sind auch Menschen, nicht nur als statistische Größen begegnen oder als solche ansprechbar wären.

Kann sich doch ein Mensch, der € 5000 monatlich nach Hause bringt, ähnlich arm fühlen wie jemand, der als Alleinerziehende es nur auf monatlich € 940 schafft. Oder anders herum: jemand als Alleinerziehende kann sich mit einem solchen Salär arm oder ausreichend versorgt fühlen.

Es ist also nicht (primär oder nur) die Ökonomie oder der entsprechende soziale Unterschied, der das wesentliche Zünglein an der Waag ist, sondern das Erleben derselben.

Warum nicht mal nach den spezifischen emotionalen Milieus fragen. Etwas, das sich vor einigen Jahren schon als brauchbar erwiesen hat. (Ich mag diesen Begriff übrigens nicht nur, weil ich ihn vor ca. 9 Jahren bereits ins Gespräch gebracht hatte.)  🙂

http://www.diw.de/de/diw_01.c.562071.de/themen_nachrichten/unionsparteien_und_spd_werden_sich_in_der_struktur_ihrer_waehlerschaft_immer_aehnlicher.html

 

 

 

 

 

7 Gedanken zu “Soziale Wählermilieus – eine Einheitssoße

  1. „Getrennt marschieren, vereint schlagen!“, sagte Helmuth Graf von Moltke, deutscher Generalfeldmarschall (* 26.10.1800, † 24.04.1891).
    Eine dritte große Koalition ist leichter zu bewerkstelligen, als die beiden (ehemaligen) Volksparteien, die seit 70 Jahren gegeneinander kämpfen, zu fusionieren.
    Mundus vult decipi, ergo decipiatur!

  2. @0 Ja, wunderbar, lieber Ulrich Sollmann, „Emotionales Milieu“ ist ein wichtiger Begriff.
    Schaut man sich im Leistungsbezug um, sind selbst dort die Unterschiede deutlich. Wähler der Linkspartei oder AfD scheinen häufig zorniger, unzufriedener, aber auch engagierter in einem (oft hilflosen) Bemühen um Änderung der Zustände, während Wähler der Großparteien im Durchschnitt zufriedener wirken, oft sogar dankbar – so zumindest meine Wahrnehmung nach Nachfragen.
    Wir sind 2006 (seither haben sich die Zustände dort allerdings stark verändert) für ein halbes Jahr durch Griechenland getourt und waren erstaunt, mit wie viel weniger Geld die Menschen dort vor allem in den ländlichen Gegenden auskommen mussten, als bei uns die Ärmsten – um wie viel ausgeglichener und oft sogar glücklicher sie jedoch eingebettet in noch funktionierende Familien und Religion wirkten.
    Interessant ist auch, dass viele Selbständige, die bemüht sind, nicht in Hartz IV zu rutschen, sich ebenfalls als eher zufrieden beschreiben, weil sie das Gefühl haben, ihr Leben unter Kontrolle zu behalten, obwohl sie teilweise mit Monatseinkommen auskommen müssen, die weit unter dem Hartz IV-Satz liegen und ihnen sogar Ersatzfreiheitsstrafen drohen, wenn sie die Pflegeversicherung nicht bezahlen können – und natürlich erst recht nicht das empfindlich hohe Ordnungsgeld, das irgendwann unweigerlich folgt.

  3. @3 Mein letzter Satz ist missverständlich formuliert. Es droht keine Ersatzfreiheitsstrafe bei nicht bezahlter Pflegeversicherung, sondern nur dann, wenn das Ordnungsgeld nicht bezahlt wird.

  4. @ 3, 4: Mir ist kein einziger derartiger Fall bekannt. In der Regel springt das Jobcenter ein.

  5. @ 3: „Wähler der Linkspartei oder AfD scheinen häufig zorniger, unzufriedener, aber auch engagierter in einem (oft hilflosen) Bemühen um Änderung der Zustände, während Wähler der Großparteien im Durchschnitt zufriedener wirken, oft sogar dankbar“

    Das stimmt. Mit den „bürgerlichen“ Langzeitarbeitslosen gibt es keine Probleme. Doch die anderen sind mir trotzdem lieber… (will sagen: näherstehend).

  6. @5, 6 Die Selbständigen, mit denen ich zu tun hatte, versuchen natürlich, die Probleme auch selbst zu lösen, um weiterhin unabhängig vom JC zu bleiben. In dem Augenblick, wo das JC um Mithilfe gebeten wird, ist die Unabhängigkeit futsch. Darum ging es mir. Glücklicherweise sind die Landkreise bei so etwas recht gnädig, der Druck ist nichtsdestotrotz gewaltig.

    Zu 6: Ich mag sie alle. Ich verstehe und bewundere die Aufmüpfigen genauso wie diejenigen, die in Dankbarkeit überhaupt versorgt zu sein, klar kommen. In beidem liegt Kraft, allerdings wünschte ich mir manchmal, man könnte per Spritze von den Zufriedenen etwas in die anderen hineinpumpen, denn die bringen sich leider auch sehr viel häufiger selbst in Schwierigkeiten.

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