Wissen und magisches Wissen

Im Grunde genommen ist es ganz einfach: Wenn man etwas noch nicht weiß, dann eignet man sich bei Interesse Wissen an oder lässt sich überzeugen. Sei es durch plausible Erklärungen und Begründungen oder sei es durch die Überzeugungskraft eines Gegenübers. Wie aber geschieht dies bei jemandem, der in einer Kultur groß geworden ist, in dem Wissen mit Magie verbunden ist?

Ethnologen können hiervon ein Lied singen und man könnte sich als aufgeklärter Wissender bequem im Lehnstuhl zurücklehnen, um bei der Lektüre der ethnologischen Geschichten zu schmunzeln. Weiß man doch vieles „besser“, oder?

Die Welt des magischen Wissens ist aber inzwischen auch bei uns angekommen. Wahrscheinlich kennt jeder im Kontakt mit Migranten so etwas. Hier ein Beispiel:

Habe in meiner Geschichte über „Vater-Himmel und Mutter-Erde“ von meinem Erlebnis mit einer Frau aus Deutschland (ich nenne sie mal Frau D.) und einer Frau aus Mali (ich nenne sie mal Frau M.) berichtet. Jüngst war ich wieder einmal Zeuge eines solchen Gesprächs. Die Geschäftsfrau aus dem Ruhrgebiet Frau D. genoss ihr mit Ei und Salatblatt lecker belegtes Brötchen, als sie die neugierigen Augen des sieben Monate alten Sohnes von Frau M. sah. Spontan nahm sie ein kleines Stückchen Eigelb, um es ihn kosten zu lassen. Der kleine Junge hatte zuvor noch nie Ei gegessen, stutzte ein wenig, um dann ganz zaghaft mit den Lippen das Eigelb zu berühren. Noch ganz unsicher, ob er dem „Braten“, in dem Fall dem wundersam gelben Etwas, trauen zu können.

Und wer hätte das gedacht, was dann geschah. Seine Mutter rang nach Atem, gestikulierte wild, zunächst wortlos mit ihren Armen, hilflos, um Frau D. zu verstehen zu geben, sie möge doch umgehend damit aufhören. Sie unterstrich dies, schon fast verzweifelt, mit den Worten, dass man in ihrem Dorf einem Baby nie, aber auch wirklich nie, Ei zu essen geben dürfte, bevor es die ersten Zähne hätte.

Inzwischen hatte der kleine Junge aber bereits das Stückchen Eigelb genüsslich aufgegessen.

Frau M. vertraute der deutschen Geschäftsfrau, auch wenn, wie sie sagte, nirgendwo im Raum ein Gefäß mit Salz bzw. ein Gefäß mit Limetten stehen würde. Dieses hätten die Menschen in ihrem Dorf in jedem Raum, in jeder Hütte aufgestellt, um sich gegen die Magie der Geister zu schützen.

Die weiteren Worte von Frau D. konnten die Frau aus Mali überhaupt nicht beruhigen. Auch der Hinweis, dass wir in Deutschland das so machen würden, konnte Frau M. nicht zum Umdenken bringen. Ihre Lebenserfahrung und das „Wissen der Alten“ hatten sie geprägt. Diese Erfahrung ermöglichte ihr zwischen einem im Alltag erworbenen, eigenen, „normalen“ Wissen und einem magisch besetzten Wissen zu unterscheiden. Letzteres kam im Fall des Eigelbs zum Tragen. Und hatte sehr großen Einfluss auf das Verhalten der Menschen.

Frau M. konnte sich mühsam beruhigen, denn sie vertraute ja Frau D. voll und ganz, auch wenn sie überhaupt nicht verstand oder sich das erklären konnte, was diese tat. Beruhigt war sie schließlich, als sie sich vor Augen führte, dass Frau D. überhaupt nicht an die malische Magie glaubte. Dann würde, so ihre Überzeugung, bzw. könnte die malische Magie vielleicht ja auch gar nicht wirken. Also könnte man Frau D. ruhig, wenn auch nur schweren Herzens, erlauben, dem Baby Ei zu essen zu geben, bevor es die ersten Zähnchen hat.

Wie steht es nun um „Wissen“ und „magisches Wissen“? Was passiert mit den Menschen, wenn die Modalität des „einen“ Wissens der Modalität eines „anderen“ Wissens begegnet? Mir geht es bei diesen Fragen nicht darum, welches Wissen „richtig oder falsch“ ist. Noch darum, wie man den anderen vom eigenen Wissen überzeugen kann. Die Frage an dieser Stelle ist: wie können die beiden Frauen zu einem Handeln kommen, dass trotz der sehr unterschiedlichen Modi von Wissen zu Gemeinsamkeit führt? Zu einem respektvollen Umgang miteinander, bei dem beide doch sehr unterschiedlichen Modi von Erfahrung und Wissen erlaubt und möglich sind.

Den beiden Frauen gelingt es offensichtlich drei unterschiedliche Modi von Wissen gleichzeitig zu (er-) leben:

Das normale, eigene Alltagswissen (persönliche Erfahrung als Erfahrungswissen). Dann das Wissen, das durch Überzeugungskraft und Vertrauen vermittelt wird, auch wenn es nicht durch eigenes Erfahrungswissen getragen ist (man könnte dies das kommunikative Wissen nennen). Schließlich das magische Wissen (man weiß eigentlich nie, wann und wie genau man damit zu tun hat und wie es zur Wirkung kommt. Aber es ist klar, dass man es weiß und sich daran hält)

Was ist zw den beiden Frauen passiert, dass Frau D. die Frau aus Mali nicht als „noch unwissend“ verständnislos behandelt hat? Und was hat Frau M. geholfen, Frau D. zu akzeptieren, auch wenn diese doch so unmissverständlich direkt gegen die Vorgaben gehandelt hatte, die durch das magische Wissen aus Mali vorgegeben waren?

Frau D. hat die Frau aus Mali trotz der wirklich fremd anmutenden Vorgabe, einem Baby vorm Zahnen kein Ei zu essen zu geben, unspektakulär und respektvoll d.h. annehmend behandelt. Zudem hat sie recht unkompliziert und unbeirrt dem Baby das Ei gegeben. Und ließ sich nicht durch Frau M.s Panik anstecken Frau M. hingegen hat akzeptieren können, dass Frau D. überhaupt nicht an die malische Magie glaubt. (Beide Frauen kannten sich schon seit einiger Zeit) Dies hat sie nicht nur als einen wesentlichen Unterschied wahrgenommen („die eine glaubt an Magie, die andere nicht“). Stattdessen hat sie man könnte sagen spontan aus dieser zwischenmenschlichen Erfahrung eine „gefühlte Erlaubnis“ abgeleitet, das Verhalten von Frau D. zu akzeptieren. Auch wenn ein solches Verhalten zutiefst gegen den magischen Glauben in Mali verstieß.

—- Frau M. ist immer noch in ihrem magischen Weltbild zu Hause, aber sie traut sich Dinge anders zu machen. Inzwischen hat sie die Anerkennung als Flüchtling.

11 Gedanken zu “Wissen und magisches Wissen”

  1. „Wie steht es nun um „Wissen“ und „magisches Wissen“? Was passiert mit den Menschen, wenn die Modalität des „einen“ Wissens der Modalität eines „anderen“ Wissens begegnet? (…) wie können die beiden Frauen zu einem Handeln kommen, dass trotz der sehr unterschiedlichen Modi von Wissen zu Gemeinsamkeit führt?“

    Über Erfahrungsaustausch (Kommunikation) und gemeinsames Handeln (Interaktion). Ähnliches geschieht täglich (wenn auch weniger drastisch) zwischen Menschen unterschiedlichen Geschlechts, unterschiedlicher Hautfarbe, unterschiedlichen religiösen Glaubens, unterschiedlicher Erlebensweisen („normal“ – „schizophren“): Jeder macht, was und wie er es für richtig hält, und toleriert, dass Andere Anderes machen oder das Gleiche anders. Dabei entsteht kein Problem, solange beide unvoreingenommen, vorurteilsfrei und offen miteinander reden und interagieren.

  2. „Magisches Wissen“ ist der Wunsch, etwas zu glauben, das die Angst vor dem Unbekannten besänftigt.
    Viele Menschen fühlen sich von der Komplexität der (westlichen) Welt überfordert und suchen einfache Erklärungen und Handlungsanweisungen in Wunsch- und Allmachtsfantasien, in Projektionen von (positiven) Gefühlen und Dissoziationen von (negativen) Gefühlen.

  3. Manche Künstler und andere Kreative praktizieren magische Rituale, um sich „in Stimmung“ zu bringen. Gestern Nacht zeigte ARTE einen Film über Leonard Cohen, der während des Konzerts in Jerusalem 1972 nicht mehr weitersingen konnte, weil er keinen „Draht“ zum Publikum bekam. Er ging raus und rasierte sein Gesicht, obwohl er keine Bartstoppeln hatte. Danach klappte es.
    Friedrich Schiller ließ sich von überreifen Äpfeln inspirieren.

  4. „Wissen und magisches Wissen“ suggeriert eine Differenz. Um diese einschätzen und beurteilen zu können, wie es in Ihren Fragen anklingt, bedarf es einer dritten Art von Wissen – eines Meta-Wissens -, aus dessen Sicht die beiden anderen Wissensarten – rationales Wissen und magisches Wissen – einzuordnen wären. Dieses Meta-Wissen müsste eine Art von Erkenntnistheorie oder Verstehenstheorie sein, deren Ziel die Deutung der Phänomene, wie von Ihnen beschrieben, wäre.

    • …und dieses Meta-Wissen gelingt oftmals, wie in diesem Fall intuitiv getragen und gefördert, durch die „gute“ Kontaktbeziehung zw den beiden Frauen. Dieses Meta-Wissen, und darüber habe ich bei der Frau aus Mali nur staunen können, ist eine enorme innerpsychische Integrationsleistung von Frau M. Sich diese Integrationsleistung bzw. den Modus derselben näher anzuschauen, scheint mir ein interessantes Unterfangen zu sein. Ebenso wie die Installation der Vertrauensbeziehung zw den beiden Frauen.

      • Vertrauensbeziehungen zwischen Frauen funktionieren auf eine ganz besondere Weise: intuitiv = spürend, doch nicht unbedingt unkritisch, sondern emotional beglaubigt.

        • sehe ich auch so und doch scheint es mir spannend zu sein, ein Verständnis davon zu bekommen, wie das dort so wirkt, wenn es gut wirkt. Ganz im Sonne eines Meta-Wissens. Dieses muss ja nicht auch magisch sein. 🙂

        • Ein toller Artikel, vielen Dank, Herr Sollmann.
          Vielleicht hat das unter Frauen ein wenig damit zu tun, dass wir ja eigentlich immer noch auf gegenseitigen Rat angewiesen sind? Sicher, heute finden wir gute Rezepte per Mausklick, Tipps dazu, was mit dem zahnenden Kind anzustellen ist, aber Empathie unter Frauen, Vertrauen unter Frauen, das hat vielleicht auch was mit einer Überlebensnotwendigkeit zu tun? Hinhören, auf die Zeichensprache der anderen achten? Regt sie sich auf oder behandelt sie das lässig? So, wie ja auch auf all die anderen Kleinigkeiten zu achten ist, die uns signalisieren, wenn etwas nicht in Ordnung ist? Die Erwartungen der anderen erwarten, um den (Stammes-, Haus-)Frieden zu wahren, Stress und damit Krankheiten zu vermeiden oder geringer zu halten.
          Ich könnte mir vorstellen, dass dieser 7te Sinn vor allem dort noch stärker ausgeprägt ist, wo die Magie noch lebendig ist. Zeichensensibilität.
          Was denken Sie beide darüber? Rainer?

          • Sicherlich haben Sie Recht! Frauen sind viel sensibler und handeln viel intuitiver als Männer – selbst in unserer ach so rationalen Welt. Diese Fähigkeiten lassen sich nicht gezielt erlernen. Dafür ist ein „mimetisches“, „künstlerisches“ Weltverständnis erforderlich, dass von Generation zu Generation durch „Vor- und Nachahmung“ weitergegeben wird. Siehe FraFri in früheren Blogpost.

  5. Harry Keaton: Wie der Minister die Jungfrau zersägte: Die heimlichen Parallelen zwischen Politik und Zauberei, Verlag: Frankfurter Allgemeine Buch, Oktober 2016
    Klappentext: „Zersägte Jungfrauen, Kartentricks und die große Politik wie passt das zusammen? Viel besser als man glaubt, behauptet Profi-Zauberer Harry Keaton. Mit seinem Buch tritt er den verblüffenden Beweis an. Dabei verlässt er sich nicht auf Plattitüden, sondern enthüllt originell, kenntnisreich und unterhaltsam die Gemeinsamkeiten.
    Der Autor weiht die Leser ein. Er enthüllt einige streng gehütete Geheimnisse der Zauberkunst, welche Techniken Angela Merkel anwendet und beantwortet u. a. folgende Fragen: Wozu benötigt Alexis Tsipras die Strategie des Forcierens? Wie nutzt Wladimir Putin das Out-to-Lunch-Prinzip für seine Macht? Während der Lektüre treffen Sie auf viele bekannte Politiker, z. B. Helmut Kohl, Willy Brandt, Karl-Theodor von Guttenberg, Silvio Berlusconi, Hillary Clinton oder Donald Trump. Mal seziert Keaton die Täuschungen nach allen Regeln der Kunst, mal beschreibt er in kurzweiligen Essays das Wesen von Politik und Magie.
    Der Lese- bzw. Showeffekt: Die genialen, schlitzohrigen und manchmal auch gefährlichen Täuschungen der Politstars lassen uns staunend zurück. Amüsante Anekdoten von Präsidenten, Kanzlern, Ministern, Quacksalbern und Magiern tragen zum Lesevergnügen bei.
    Eine Fundgrube für alle, die das magische und politische Parkett fasziniert.“

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